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Christoph Mohn: Lycos hatte keine Chance gegen Google
26. November 2008, 16:53
Uhr
Lycos Europe gibt auf. Elf Jahre nach der Gründung will der
Vorstandsvorsitzende Christoph Mohn die Unternehmensteile entweder verkaufen
oder schließen. 500 Mitarbeiter müssen gehen. Insgesamt verfügt
das Unternehmen noch über 130 Millionen Euro aus dem Börsengang im Jahr 2000. Über den
Börsengang haben sich aber nur die Großaktionäre Bertelsmann und Telefónica
gefreut, die ganz kurz vor dem Platzen der New-Economy-Blase Kasse gemacht
haben. Unmittelbar nach dem Börsengang stürzte der Aktienkurs ab und verharrt
seit Ende 2001 auf Pennystock-Niveau. Seitdem hat das Unternehmen etwa eine
halbe Milliarde Euro Emissionserlös verbrannt. Zuletzt hatte sogar Bertelsmann die Geduld verloren. Christoph Mohn, Sohn des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn, über Fehler und Fehleinschätzungen.
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Herr Mohn, was passiert jetzt mit Lycos?
Trotz einer umfassenden Restrukturierung war es nicht
möglich, mit dem bestehenden Geschäft auf absehbare Zeit profitabel zu werden.
Daher haben wird versucht, das Unternehmen als Ganzes zu verkaufen. Das war in
der aktuell schwierigen Finanzmarktsituation, die sich zunehmend negativ auf
die Werbemärkte auswirkt, aber nicht möglich. Daher werden wir die werthaltigen
Geschäfte wie das Domaingeschäft, das Shopping-Geschäft „Pangora" und das
dänische Portal verkaufen. Die Gespräche mit Interessenten laufen bereits. Das
unprofitable Webhosting-Geschäft und das Portal- und damit Werbegeschäft werden,
wenn die Hauptversammlung zustimmt, abgewickelt.
Was geschieht mit den Mitarbeitern?
In den Bereichen, die geschlossen werden, sind etwa 500
Mitarbeiter beschäftigt. Wir werden nun mit dem Betriebsrat einen Interessenausgleich
und einen Sozialplan verhandeln und die Mitarbeiter bei der Suche eines neuen
Arbeitsplatzes unterstützen.
Die Lycos-Aktie kam im Jahr 2000 zu 24 Euro an den Markt, ist
danach abgestürzt und seit sieben Jahren nun auf Pennystock-Niveau. Was bekommen die Aktionäre?
Wir werden nach Zustimmung der Hauptversammlung in einem ersten
Schritt 50 Millionen Euro an die Aktionäre auszahlen. Das können wir, da noch
rund 130 Millionen Euro liquide Mittel vorhanden sind. Danach können eventuell weitere
Auszahlungen folgen, auch abhängig vom Erlös für den Verkauf der Geschäftssparten.

130 Millionen Euro sind also noch übrig. Wie viel Geld hat Lycos
seit dem Börsengang verbraucht?
Wir haben etwa eine halbe Milliarde Euro für Verluste im
operativen Geschäft und für Zukäufe aufgewendet.
Was ist schiefgelaufen? Worin lag der größte Fehler?
Ende 2000 war Lycos Marktführer in Europa im Portal und
Online-Werbegeschäft. Dann kam unser Partner Lycos USA ins Straucheln und wir
mussten unsere technischen Produkte selber entwickeln. Doch dann hat Google den
Suchmarkt aufgerollt, wie es wohl niemand erwartet hätte. Die Suche war für uns
der Hauptverkehrsverteiler auf alle anderen Produkte. Damit ist auch das
Werbegeschäft zurückgefallen. Google hat also letztlich das Geschäftsmodell
Portal zum Kippen gebracht.
Lycos ist ein Google-Opfer?
Nein, wir sind keine Opfer. Wir haben unsere Entscheidungen selbst
getroffen. Aber die amerikanischen Wettbewerber, deren Entwicklungskapazitäten
10 oder 20 Mal so groß sind wie unsere, bringen neue Produkte eben schneller in
den Markt und entwickeln bestehende weiter. Und die Karawane der Internetnutzer
ist weitergezogen. Díe Internet-Suche ist - mit Ausnahme einiger Nischenanbieter
- von amerikanischen Unternehmen bestimmt. In den Feldern, in denen wir im
globalen Wettbewerb stehen, haben wir gegen die Amerikaner keine Chance mehr.
Da muss man realistisch sein.
Hätten Sie die Entscheidung zur Aufgabe nicht viel früher treffen
müssen?
Nach dem Platzen der New-Economy-Blase ging es mit Lycos
eigentlich bergauf. Wir haben die Verluste jedes Jahr verringert und sahen uns
auf einem guten Weg. Doch diese Tendenz ist im vergangenen Jahr gekippt, als sich
die Rückgänge im Werbegeschäft verstärkt haben. Das hat zu steigenden Verlusten
geführt. Als wir sahen, dass wir diese Entwicklung nicht stoppen können, ist
der Verkaufsprozess eingeleitet worden.
Wie würden Sie Ihre eigene Leistung bewerten? Welche Fehler haben
Sie gemacht?
Wir haben das Fast-Monopol von Google nicht erwartet. Das war eine
Fehleinschätzung. Für das sinkende Volumen waren wir dann zu diversifiziert.
Hat Ihre persönliche Situation als Sohn von Reinhard Mohn dazu
geführt, dass Sie zu lange an diesem Posten festgehalten haben?
Ein klares Nein. Und in der
aktuellen Situation werde ich diesen schwierigen Weg selbstverständlich zu Ende
gehen und die Mitarbeiter nicht im Stich lassen. Das ist eine Frage des
Anstands.
Können Sie sich noch einmal vorstellen, einen Job in der
Internetwirtschaft anzunehmen?
Dazu habe ich mir noch keine Meinung gebildet. Erst einmal werde
ich meine Aufgabe hier so gut wie möglich zu Ende bringen.
Welche Rolle werden Sie künftig im Bertelsmann-Konzern spielen?
Ich sitze im Aufsichtsrat. Das ist bei Bertelsmann meine Rolle und
daran wird sich nichts ändern.
