Acht Thesen für das Internet-Jahr 2009
31. Dezember 2008, 18:33
Uhr
Der Wirtschaft steht wohl eine schwere
Rezession bevor. Das Bruttoinlandsprodukt könnte 2009 um 2 oder 3 Prozent
schrumpfen, was es nach dem zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben hat. Auch wenn
das Internet sicher weiter auf Wachstumskurs bleibt, wird diese Rezession nicht
ohne Folgen bleiben. Hier kommen 8 Thesen, wie sich die Internet-Wirtschaft
2009 schlagen könnte.
1. Online-Werbung: Der Boom ist erst einmal vorbei
Wenn die Werbemärkte einbrechen,
bleibt die Online-Werbung nicht außen vor. Wenn überhaupt wird das Wachstum der
Online-Werbung sehr gering ausfallen,
vielleicht irgendwo zwischen 0 und 5 Prozent liegen. Die Folge: Um sein
Wachstum einigermaßen zu halten, wird Marktführer Google sehr aggressiv
auftreten und versuchen, in neuen Märkten zu punkten. Dazu gehört sicher die
Videowerbung, aber auch die lokale Werbung. Die Online-Werbevermarkter geraten
unter weiteren Preisdruck und werden ihr Heil in der Größe suchen. Ein erster
Schritt könnte sein, dass United Internet Media auf die Schwestergesellschaft
Adlink verschmolzen wird und damit die Verfolger wie Tomorrow Focus, Seven One (Pro
Sieben Sat.1) oder IP Deutschland (RTL) auf Distanz halten kann. Es wird einen
Wettlauf um die beste Technik zur Erhöhung der Effizienz der Online-Werbung
geben. Fusionen werden dabei sicher auf die Tagesordnung kommen, weil sich die kleinen Anbieter diese Technik nicht leisten können. Und die traditionellen
Medien werden - je nach finanzieller Verfassung - auf der Suche nach neuen
Erlösquellen entweder in eine wilde Experimentierphase eintreten oder hart auf
die Kostenbremse treten. Trotz des Drucks wird das Internet in diesem Jahr kräftig Marktanteile gewinnen.
-> Krise? Nicht im Internet
-> Die Zeiten des rasanten Werbewachstums im Netz sind vorbei
2. Soziale Netzwerke: Facebook gewinnt alles, nur
Deutschland (noch) nich
Weil Mark Zuckerberg keine Fehler
macht, ist Facebook seit Jahren auf einem beachtlichen Wachstumskurs. Facebook
Connect wird 2009 das Wachstum des Weltmarktführers weiter antreiben und die
Konkurrenz alt aussehen lassen. Nur Deutschland scheint das gallische Dorf zu
sein. StudiVZ (inklusive MeinVZ) und Wer-kennt-wen bleiben die beliebtesten
Netzwerke in Deutschland, werden ihren Vorsprung gegenüber Facebook aber nicht
halten können.
-> Soziale Netzwerke sind Gewinner des Jahres
3.
Online-Rubrikenmärkte: Anzeigenkunden verschwinden,
Google kommt
Automärkte wie Mobile oder
Autoscout24 werden darunter leiden, dass ihre Anzeigenkunden, die etwa 30000 Autohändler
in Deutschland, in arge Bedrängnis geraten. Viele Anzeigenkunden werden einfach
verschwinden - und mit ihnen die Umsätze. Die Unternehmen werden alle Hände
voll zu tun haben, neue Erlösquellen zu erschließen. Zudem wird Google als
Konkurrent immer stärker in dieses Geschäft einsteigen. Auch hier wird der
Wettbewerb über die Effizienz der Werbeform entschieden.
4. Cloud-Computing: Die Kriterien „praktisch" und
„billig" verhelfen zum Durchbruch
Das Speichern der Daten in der
Cloud wird 2009 zum großen Trend. Erstens weil es praktisch und zweitens weil
es billig ist. Daher werden auch Unternehmen, deren eigene Hardware zu teuer wird,
auf die Wolke aufspringen und die finanziellen Vorteile höher einstufen als
mögliche Datenschutzbedenken. Von diesem Trend werden die großen Anbieter profitieren, die eine eigene Cloud aufbauen oder schon betreiben:
Amazon, Google und Microsoft, vielleicht auch Salesforce, IBM oder Oracle. Microsoft
investiert zurzeit Milliarden in das Cloud Computing und könnte damit
verlorenes Terrain gegenüber Google zurück gewinnen.
-> Microsoft investiert Milliarden in das Cloud-Computing
5. Mobiles Internet: Nur für die Techies
iPhone, Blackberry oder die
(künftigen) Google-Phones sind toll - bleiben aber Nischenprodukte für die
Techies. Denn die Geräte sind teuer und die immer noch vergleichsweise hohen Datentarife
hemmen die Nutzung in der natürlichen Zielgruppe der jungen Menschen. Entsprechend
wird das mobile Marketing Experimentierfeld bleiben.
6. Breitband: DSL im Endspiel, Kabel im Aufschwung
Der DSL-Mark hat seinen Zenit
überschritten; 2009 werden nur noch zwischen 2 und 2,5 Millionen Haushalte
erstmals einen DSL-Anbieter wählen. Gleichzeitig steigt die Wechselfreude der
Menschen. Die Folge: Der Markt wird sich auf drei oder vier große Anbieter
konsolidieren. Die Telekom und Vodafone/Arcor sind gesetzt; Telefónica könnte
mit der Übernahme der zum Verkauf stehenden Telecom-Italia-Tochtergesellschaft
Hansenet ernsthaft in den Endkundenmarkt einsteigen und zusammen mit O2 eine
starke Position in Deutschland einnehmen. Bleibt die Frage, was dann aus United
Internet wird. Noch ist die Situation ohne eigenes Netz komfortabel, da sich
die Netzbetreiber gegenseitig unterbieten, um Traffic auf ihr Netz zu bekommen.
Je enger der Markt wird, desto dünner wird aber die Luft für United Internet, das mit Videoangeboten (Maxdome) und Mobilfunktarifen versucht, mit den Großen
im Markt mitzuhalten. Aber das wird schwierig; 2009 wird ein hartes Jahr für United Internet und seinen Chef Ralph Dommermuth, der sich mit seiner missglückten Beteiligungspolitik (Freenet, Versatel) unnötig in Schulden gestürzt hat. Zusätzlich Druck bekommen die DSL-Anbieter
von den Kabelnetzbetreibern, die jetzt schon jeden vierten Breitband-Kunden für
sich gewinnen und eine überlegene Technik haben. Allerdings werden die
Beteiligungsgesellschaften, die hinter jeder der drei großen
Kabelgesellschaften stehen, bald mal wieder Bares sehen wollen. Die Exit-Strategie
Börse scheint allerdings keine Option zu sein. Wahrscheinlicher kommt es zu einem Zusammenschluss der Unternehmen, die dann auf Anhieb ein Schwergewicht im deutschen Breitband-Markt wären.
-> Der DSL-Markt hat seinen Zenit überschritten
7. Twitter: Erfolg auf 140 Zeichen - auch ohne
Geschäftsmodell
Zurzeit scheint es nur zwei
Unternehmen zu geben, denen verziehen wird, kein funktionsfähiges
Geschäftsmodell zu haben: Neben Facebook gehört der Micro-Bloggingdienst
Twitter zu den supercoolen Unternehmen, die so angesagt sind, dass sie sich um
das Geldverdienen scheinbar keine Sorgen machen müssen. Twitter könnte 2009 den
Sprung in den Massenmarkt schaffen und damit andere Kommunikationsformen verdrängen.
Die E-Mail ist sowieso für die Generation Ü 40, aber auch Instant-Messaging
oder soziale Netzwerke könnten unter Twitter leiden.
8. Die große Übernahmewelle: Finanzstarke und
entschlussfreudige Unternehmen
kaufen sich für kleines Geld echte Perlen
Lars Hinrichs hat es vorgemacht:
Für wenige Millionen Euro hat Xing das amerikanische Unternehmen Socialmedian
gekauft, das vor ein paar Monaten sicher das Doppelte oder Dreifache gekostet
hätte. Weil die traditionellen Medien zurzeit ihr Geld lieber beisammen halten
und Anschlussfinanzierungen schwierig sind, sind vor allem Start-Ups aus dem
Medienbereich zurzeit für kleines Geld zu haben. Google, Microsoft, Nokia oder auch
Telekommunikationsunternehmen wie die Deutsche Telekom können nun frische Ideen
billig einkaufen.
-> Xing steigt ins Nachrichtengeschäft ein
Weitere Jahresrückblicke und Vorschauen:
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In eigener Sache:
Die F.A.Z.-Seite Netzwirtschaft erscheint 2009 jeweils am Dienstag.
Infos zur Netzökonomie jetzt auch per Twitter unter twitter.com/HolgerSchmidt
Allen Lesern wünsche ich ein schönes und erfolgreiches Jahr 2009 !!!
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