Wachablösung: Web 2.0 läuft Web 1.0 den Rang ab
24. März 2009, 09:37
Uhr
Soziale Netzwerke sind auf dem Weg, zur dominanten Kraft im Internet zu werden.
Keine andere Kategorie wächst so schnell, so dass schon zwei Drittel der
Online-Bevölkerung jeden Monat ein soziales Netzwerk besuchen. Damit ist das Web
2.0 auf Rang 4 der beliebtesten Online-Tätigkeiten vorgedrungen und hat dabei
die E-Mail überholt, wie eine Studie von Nielsen Online ergeben (PDF) hat. 10 P
rozent der gesamten Online-Zeit fließen inzwischen in
diese Web-2.0-Seiten; die Verweildauer steigt dreimal schneller als im
Durchschnitt aller Websites. "Obwohl schon zwei Drittel der globalen
Online-Bevölkerung auf diese Websites zugreifen, scheint sich das Wachstum der
Verbreitung und Nutzung nicht zu verlangsamen", sagte John Burbank,
Vorstandschef von Nielsen Online. Deutschland ist erst spät auf den Zug Richtung
Web 2.0 aufgesprungen, holt aber schnell auf. 51 Prozent der Onliner in
Deutschland besuchen jeden Monat soziale Netzwerke, hat Nielsen Online
ermittelt. In Deutschland ist die Web-2.0-Zeit im vergangenen Jahr um 140
Prozent gestiegen. Drei von fünf Internetnutzern sind hierzulande in sozialen Netzwerken aktiv. Die schnell wachsenden Netzwerke treffen in Deutschland
auf die noch dominanten klassischen Portale aus der Web-1.0-Welt, die im
vergangenen Jahr allesamt an Reichweite eingebüßt haben, also von einem immer
geringer werdenden Teil der Internet-Nutzer besucht werden. Freenet hat wegen
seiner hausgemachten Probleme aufgrund von Berechnungen auf Basis der AGOF-Studien 3,3 Prozentpunkte seiner Reichweite verloren. Auch
United Internet hat noch kein Rezept gefunden: Web.de hat 2,6 Prozentpunkte
eingebüßt; bei GMX sind es
0,7 Prozentpunkte. T-Online hat zwar weiterhin die größte Reichweite unter den
Portalen, gehört aber ebenso zu den Verlierern.

Keines der klassischen Portale hat bisher eine
überzeugende Antwort auf die Herausforderer aus dem Web-2.0-Lager gefunden,
obwohl diese Unternehmen gerade dabei sind, den Portalen einen wichtigen Teil
der Online-Tätigkeit wegzunehmen: die Kommunikation. Statt E-Mails senden vor
allem die jungen Menschen heute häufiger Nachrichten im SchülerVZ, StudiVZ,
Wer-kennt-wen oder Facebook. Neuartige Dienste wie Twitter haben inzwischen gar
das "Echtzeitinternet" eingeläutet, in dem Nachrichten ohne Zeitverzögerung um
die Welt gehen. Da kann die E-Mail kaum noch mithalten. Web.de-Chef Jan Oetjen
sieht jedoch keine Gefahr für sein Unternehmen. "Soziale Netzwerke und Instant
Messenging sind Teenager-Phänomene", sagt Oetjen. Die Schallgrenze liege bei 25
Jahren; danach lasse die Nutzung von StudiVZ und Co. nach. "Mit dem Eintritt ins
Berufs- und Familienleben wird die schnelle, flache Kommunikation mit Bekannten
unwichtig. Längere Nachrichten an den Lebenspartner, an feste Freunde, Behörden
und Internet-Shops erhalten größere Bedeutung", sagt Oetjen.

Tägliche Unique User der Portale
Obwohl er das Web 2.0 nicht als Gefahr sieht, will er
sein Unternehmen zur Web-2.0-Zentrale machen. Dort sollen Nutzer alle ihre
Passwörter ablegen, damit alle Nachrichten aus den verschiedenen Netzwerken an
einer Stelle zusammenlaufen. Doch die Portale, die die Internetsuche schon an
Google und die Nachrichten an die klassischen Medien verloren haben, werden sich
mehr einfallen lassen müssen, um dem Web 2.0 auf Dauer Paroli bieten zu können.
Beispiele sind Cloud-Dienste, die Dateien automatisch zwischen Heimrechner,
Handy und Online-Festplatte synchronisieren, innovative Musikangebote wie
Spotify oder wirklich gute mobile E-Mail-Lösungen. Auch Web-2.0-Funktionen, die
die Verteilung der Portal-Inhalte über Schnittstellen oder sogenannte Widgets im
Internet ermöglichen, sind Mangelware.