Ende der Party auf dem DSL-Markt
06. April 2009, 12:05
Uhr
„Breitband für alle" lautet ein Ziel der Bundesregierung,
doch offenbar wollen gar nicht alle Haushalte einen schnellen Internetanschluss
haben. Denn das Wachstum auf dem DSL-Markt hat sich im vergangenen Jahr spürbar
verlangsamt. Statt der 3,2 Millionen neuen Kunden, die der Branchenverband VATM
noch im Herbst vorhergesagt hatte, sind 2008 nur 2,4 Millionen DSL-Haushalte
hinzugekommen, hat die Bundesnetzagentur in ihrem Jahresbericht errechnet.
Legten sich 2006 und 2007 noch jeweils etwa 4,5 Millionen Haushalte erstmals
einen Breitband-Anschluss per DSL oder Fernsehkabel zu, waren es 2008 nur noch 3,3 Millionen.

Ein Grund könnte das Ende der Preisspirale nach unten sein:
Da die Wettbewerber der Telekom für die Miete des Kupferkabels in die Haushalte
gut 10 Euro je Monat an die Deutsche Telekom zahlen müssen, ist die Grenze des
Preisverfalls offenbar erreicht. Das gilt auch nach der leichten Absenkung des
Preises für die letzte Meile durch die Regulierungsbehörde am Dienstag
vergangener Woche. Keine Telefongesellschaft ist im Moment scharf darauf, eine
neue Preisrunde einzuläuten, da die Margen mit den Grunddiensten Sprache und
Internet schon jetzt niedrig sind. Die nach der Absenkung auf der letzten
Meile gesparten 30 Cent werden eher in neue Projekte investiert. Die Anbieter versuchen daher lieber mit Zusatzfunktionen wie
Mobilfunk, Heimvernetzung oder Fernsehen zu punkten als mit weiteren
Preissenkungen. Die potentiellen Kunden sind davon allerdings wenig begeistert.
Die Bundesnetzagentur rechnet mit einer weiteren Abschwächung des
Breitband-Wachstums in diesem Jahr.
Dagegen hat die Kabelbranche ihr bisher bestes Jahr erlebt.
Rund 860.000 Haushalte entschieden sich 2008 für das schnelle Internet über das
Fernsehkabel, was nach Angaben des Branchenverbandes Anga einer Steigerung um
87 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Insgesamt waren Ende 2008 nach
Schätzung der Bundesnetzagentur rund 22,6 Millionen Haushalte mit einer
Breitbandverbindung an das Internet angeschlossen, wobei die Behörde die Zahl
der Kabelhaushalte niedriger schätzt als der Branchenverband Anga. Auf die
deutschen Haushalte bezogen, ergibt das eine Anschlussquote von rund 57
Prozent.

Branchenprimus war - wie immer - die Deutsche Telekom. Sie
sammelte im vergangenen Jahr knapp 1,6 Millionen DSL-Kunden ein, was allerdings
330.000 Kunden weniger als im Jahr zuvor waren. Dennoch hat die Telekom ihr
Ziel, mehr als die Hälfte der DSL-Anschlüsse auf sich zu ziehen, im Jahr 2008
erstmals wieder erreicht. Die Nummer zwei im Markt ist Vodafone/Arcor mit
inzwischen 3 Millionen DSL-Kunden, wovon 520.000 im vergangenen Jahr gewonnen
wurden. Eine schwache Saison hatte United Internet. Dort war die
Führungsmannschaft gedanklich wohl eher mit der Übernahme der DSL-Sparte von Freenet
als mit der Kundengewinnung beschäftigt. Das Unternehmen legte 2008 nur um etwa
230.000 neue DSL-Kunden zu. Das sind 90.000 Kunden weniger als noch 2007. Das
Unternehmen erwartet auch in diesem Jahr nur noch ein leichtes Wachstum. Der
Fokus liege 2009 in der Umwandlung der rund 2 Millionen DSL-Kunden, die noch
einen wiederverkauften Anschluss der Deutschen Telekom nutzen, in Kunden, die
einen Komplettanschluss (also Telefon und Internet) bei United Internet buchen,
sagte Vorstandschef Ralph Dommermuth. Die Kundenakquisitionskosten sollen nicht
erhöht werden. Das Unternehmen, das wegen des Freenet-Abenteuers fast eine halbe Milliarde Euro Schulden hat, hält sein Geld nun eisern zusammen und nimmt dafür in Kauf, weitere Marktanteile zu verlieren. Gerüchte, United Internet werde für Hansenet mitbieten, entbehren daher jeder Grundlage. Die Gerüchte wurden gestreut, um den schleppenden Verkaufsprozess anzufachen.
Ein ganz und gar rabenschwarzes Jahr verzeichnete Freenet.
Der angekündigte Verkauf der DSL-Sparte hat viele Kunden nach Ablauf ihrer
Vertragsdauer zur Konkurrenz abwandern lassen. Von den 1,28 Millionen
DSL-Kunden zum Jahresbeginn sind noch 940.000 übriggeblieben. „Der Verlust von
mehr als 100.000 DSL-Kunden im vierten Quartal ist vor allem auf eine
Bereinigung zurückzuführen. Die Stornoquoten sind verbessert worden",
begründete der Freenet-Vorstandsvorsitzende Joachim Preisig den rapiden
Kundenschwund zwischen Oktober und Dezember. Auch Versatel ist im
Privatkundengeschäft inzwischen so gut wie unsichtbar. Gerade einmal 70.000
DSL-Kunden haben sich im vergangenen Jahr für Versatel entschieden; der
Kundenbestand stagniert bei etwa 700.000. Schon besser schnitt die
Telefónica-Tochtergesellschaft O2 ab: Die Zahl der DSL-Kundschaft stieg um rund
140.000 auf den allerdings noch geringen Wert von 215.000.

Anders als die DSL-Anbieter, die sich inzwischen in einem
Verdrängungswettbewerb befinden, sind die lange sehr träge agierenden
Kabelnetzbetreiber in diesem Jahr erst richtig aktiv geworden. 140000 neue
Breitband-Haushalte hat Kabel Baden-Württemberg gewonnen; gar 180.000 Kunden
haben bei Unity Media in Hessen und Nordrhein-Westfalen neu unterschrieben.
Marktführer Kabel Deutschland, der die anderen 13 Bundesländer versorgt, hat im
vergangenen Jahr sogar 340.000 neue Breitband-Haushalte gewonnen und hatte zum
Jahresende 660.000 Kunden unter Vertrag. Die Kabelnetzbetreiber punkten vor
allem mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten und vergleichsweise niedrigen
Preisen. Mit diesem Tempo werden die DSL-Anbieter erst wieder mithalten können,
wenn das VDSL-Netz in mehr Regionen ausgebaut ist.
Durch den von der Deutschen Telekom vollzogenen
Strategiewechsel kommt an diesem Punkt wieder Bewegung in den weiteren Ausbau.
Zwar hat der Konzern selber schon 50 deutsche Städte mit den bis zu 50 Megabit
in der Sekunde schnellen Zugängen versorgt, das allerdings ist nicht
ausreichend, um den Angeboten der Kabelnetzbetreiber schnell etwas
entgegenzusetzen. Daher müssen alle Telefongesellschaften Interesse an einem schnellen
VDSL-Aufbau haben, um nicht immer mehr Kunden an die Kabelkonkurrenz zu
verlieren. Entsprechend nehmen immer mehr Wettbewerber der Telekom deren
Kooperationsangebote für einen gemeinsamen Ausbau der VDSL-Infrastruktur an.
Der durch die Kabelnetz-Konkurrenz noch angeheizte
Verdrängungswettbewerb unter den DSL-Anbietern wird in diesem Jahr wohl auch
einige Übernahmen zur Folge haben. Die DSL-Sparte von Freenet wird in diesem
Prozess wahrscheinlich ebenso verkauft wie Hansenet. Nach Ansicht von Branchenkennern
gilt der spanische Telefonkonzern Telefónica, dem bereits der Mobilfunker O2
gehört, als wahrscheinlicher Käufer für Hansenet.
Aber auch unter den Kabelnetzbetreibern könnte sich etwas
tun. Zum Beispiel hält sich das Gerücht hartnäckig, dass Vodafone Interesse an
einer Übernahme von Kabel Deutschland hat, um die Bereinigung voranzutreiben.
Technisch lassen sich die Netze miteinander verbinden.
„Wichtigster Spielstein im Endspiel ist aber United
Internet, da das Unternehmen viele Kunden hat. Wahrscheinlich werden sich
Telefónica und Vodafone irgendwann bemühen, die DSL-Sparte von United Internet
zu übernehmen, um eine klare Nummer zwei hinter der Deutschen Telekom zu
werden", sagt Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim.
Interessant dürften auch die Innovationsstrategien der Unternehmen sein. Internet-Fernsehen hat sich bisher nicht als Zugpferd erwiesen, da die kostenlose Versorgung mit Fernsehen in Deutschland sehr gut ist. Zudem leiden die IP-TV-Angebote darunter, dass sie die Blockbuster erst spät bekommen. Die Integration mit Mobilfunkdiensten ist auch noch nicht weit fortgeschritten; das gilt selbst für integrierte Konzerne wie die Deutsche Telekom und Vodafone. Auf andere Ideen kommt anscheinend nur United Internet. Der neue Ansatz, Heimvernetzung und Cloud Computing zu verknüpfen, ist vielversprechend, da er Zusatzfunktionen ohne große Kosten für die Verbraucher bietet. Hier müssen die Wettbewerber ihre Innovationskraft erst noch zeigen.

Autoren: Holger Schmidt und Johannes Winkelhage