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"Die Quote überlebender Internet-Start-ups wird sich halbieren"
18. Mai 2009, 14:36
Uhr
Keine Börsengänge, wenige große Investoren: Internetunternehmen
lassen sich in Europa zurzeit kaum verkaufen. Die Bewertungen werden daher noch
weiter fallen, erwartet Risikokapitalgeber Christian Leybold (Foto), Partner bei BV Capital und eVenture
Capital Partners. Wenn ein Unternehmen noch kein Geld verdient, sind Folgefinanzierungen kaum noch zu bekommen.
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Der Risikokapitalmarkt hat natürlich auch
unter der Wirtschaftskrise gelitten. Worin investieren Sie überhaupt noch?
Wir investieren weiterhin in Unternehmen, die großes
Wachstumspotential haben und idealerweise eine etablierte Industrie oder einen
etablierten Prozess umstülpen oder stark verändern. Allerdings muss man sagen,
davon gibt es in Europa nur ganz wenige. Davon kann man als Risikokapitalgeber
nicht leben. Wir müssen deshalb auch schauen, welche Themen vielleicht das
Potential haben, einen Ausstieg in der Größenordnung zwischen 20 und 50
Millionen Euro zu ermöglichen.
Welche Branchen sind noch attraktiv?
Heute investieren wir eher in Themen, mit denen sich direkt
Geld verdienen lässt - also zum Beispiel E-Commerce-Modelle -, und weniger in
Modelle, die zunächst auf den Aufbau von Reichweite abzielen. Vor zwei Jahren
haben viele Risikokapitalgeber noch überwiegend in Reichweitenmodelle
investiert.
Ist das Web 2.0 aus Sicht der Risikokapitalgeber schon tot?
Web 2.0 hat es heute viel schwerer als noch vor zwei Jahren.
Letztlich hängt es von den Kapitalkosten für Start-ups ab. Wenn diese Kosten
hoch sind, muss schnell Umsatz erzielt werden. Bei niedrigen Kosten kann man
sich eine längere Wachstumsphase leisten, um Reichweite aufzubauen. Allerdings
gibt es in Europa nur sehr wenige Web-2.0-Unternehmen, die Investitionen in
mehrstelliger Millionenhöhe gerechtfertigt haben.
Was passiert mit dem Bewertungen der jungen Unternehmen?
Die Bewertungen sind in den vergangenen Monaten massiv
gefallen - in Amerika allerdings noch viel stärker als in Europa. Ich erwarte,
dass die Bewertungen in Europa daher weiter sinken werden. Das eröffnet
natürlich auch Chancen, jetzt wieder einzusteigen. Aber generell gilt: Als
Risikokapitalgeber muss ich mich jetzt auf längere Horizonte einstellen, bis
man aus einem Unternehmen tatsächlich wieder aussteigen kann. Das drückt
natürlich auf die Bewertungen. Ebenso wie das gestiegene Risiko, dass die
Folgefinanzierung schwierig wird.
Führt die geringe Ausstiegschance gerade in Europa dazu,
dass viele Start-ups heute keine Anschlussfinanzierung mehr bekommen?
Ja, ganz sicher bei den Unternehmen, die noch weit weg von
einer nachhaltigen Monetarisierung sind. Ein Geschäft, das schon Umsatz
generiert, schafft einfach mehr Zeit, die Firma zu entwickeln. Man läuft nicht
gegen die Uhr, bis das Geld ausgeht.
Investieren Sie jetzt noch in Web 2.0 Communitys?
Dort wird es eher zu einer Bereinigung kommen. Interessant
wird es, wenn man mehrere Firmen zusammenfassen kann. Ein echtes Neuinvestment
in ein Community-Thema ist sehr schwierig.
Und der E-Commerce?
Im E-Commerce-Umfeld haben sich die „Private-Shopping"-Portale
als neues Modell etabliert. Diese Unternehmen haben schon relativ viel Geld
aufgenommen, so dass es wenig Sinn macht, weitere Unternehmen an den Start zu
bringen. Das Umfeld ist aber gut. Die Menschen kaufen heute verstärkt im
Internet ein. Viele Segmente, die heute noch vorwiegend offline verkauft
werden, wandern jetzt ins Netz. Das schafft Möglichkeiten, insbesondere, wenn
man es mit neuen Verkaufskonzepten kombiniert. Zum Beispiel Votings über
Produkte. Selbst das Group-Buying, wie es früher Letsbuyit versucht hat, taucht
wieder auf. Auch im Kleidungsbereich - zum Beispiel von Designern - sind noch
nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
Internetunternehmen können in Europa kaum an die Börse
gebracht werden. Sind daher die Chancen, ein Unternehmen für mehr als 50
Millionen Euro zu verkaufen, in Europa nahe Null?
Wenn man eine kritische Masse an Ansprechpartnern für den
Verkauf einer Firma in dieser Größenordnung sucht, findet man sie meist nur in
Amerika. Daher ist die Frage vor dem Einstieg immer, ob die Bewertung beim
Ausstieg unter 50 Millionen Dollar liegt. Dann kommen Europäer als Käufer in
Frage. Oder ist das Unternehmen paneuropäisch aufgestellt und interessant für
Amerikaner, die in Europa den Markteintritt schaffen wollen. Nur dann sind auch
Bewertungen über 100 Millionen Dollar möglich. Eine feste, sehr aktive
Käufergruppe wie in Amerika - Google, Microsoft, Ebay - gibt es in Europa eben
nicht. Das „Buyer-Universe" in Europa ist einfach überschaubar. Aber die
Situation kann sich in einigen Jahren wieder verbessern, wenn etablierte
Unternehmen merken, dass sie in einigen Bereichen nicht gut aufgestellt sind.
Wann rechnen Sie mit einer Besserung im Markt?
2009 erlebt unsere Branche, was traditionelle Branchen wie
der Maschinenbau schon im vergangenen Herbst erlebt haben. Die Flaute für
Start-ups wird also noch eine Weile anhalten und sicher erst später wieder
anspringen als die „Dax-Konjunktur".
Wie viel Prozent der Start-ups werden diese Phase überleben?
Wenn man den Kreis beschränkt auf die Gründer, die ein
Unternehmen gründen mit der Intention, Geld aufzunehmen, und die erste
Finanzierung noch nicht haben, dann überleben wahrscheinlich weniger als 10
Prozent diese Phase. Diese Quote ist auch in guten Zeiten sehr gering. Aber
jetzt halbiert sich die Quote sicher noch einmal.
Dramatisch ist die Lage, wenn man nur die Firmen anschaut,
die bereits eine Finanzierung von einem Business-Angel oder Risikokapitalgeber
bekommen haben. Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Schwierigkeit der
Folgefinanzierung schon 2008 zum Tragen kommt. Aber es scheint erst in diesem
Jahr wirklich der Fall zu sein. Der Wettbewerb der Risikokapitalgeber um die
Finanzierungen hat abgenommen, weil nicht zu erwarten ist, dass die Bewertungen
alsbald wieder steigen.