Facebook übernimmt Führung auf dem deutschen Markt
25. August 2009, 07:00
Uhr
Facebook ist mit zusammen 250 Millionen Mitgliedern das
führende soziale Netzwerk in allen großen westlichen Ländern. Einzige
nennenswerte Ausnahme war bisher Deutschland. Doch auch dieser weiße Fleck in
der Facebook-Landkarte scheint jetzt zu verschwinden: Nach Messungen des
Marktforschungsunternehmens Nielsen ist die Reichweite (Unique Audience) des Weltmarktführers in
Deutschland zwischen März und Juli um mehr als 50 Prozent auf 6,2 Millionen Menschen
gestiegen. Damit hat Facebook nicht nur alle drei VZ-Netzwerke (StudiVZ,
SchülerVZ und MeinVZ) sowie MySpace hinter sich gelassen, sondern auch den
bisherigen Spitzenreiter Wer-kennt-wen im Juli erstmals knapp überholt. Nur wenn
die Werte aller drei VZ-Netzwerke ohne Doppelzählungen aggregiert werden,
liegen die Holtzbrinck-Netzwerke mit zusammen 8,7 Millionen Besuchern noch vorn.
Auffallend ist: Während Facebook schnell wächst, scheint die Reichweite der
meisten anderen großen Netzwerke nach dem rasanten Wachstum der vergangenen
Jahre jetzt zu stagnieren, hat Nielsen errechnet. Eine Ausnahme bildet nur
MeinVZ. Der jüngste Ableger der VZ-Gruppe wächst inzwischen jedoch langsamer
und erreicht auch deutlich weniger Menschen als Facebook.

Für Facebook spricht vor allem die Internationalität und der
schnelle technische Fortschritt. Zwar haben auch die VZ-Netzwerke mit der
Öffnung für externe Entwickler, der Integration des Mikroblogging-Dienstes
Twitter und der Statusfunktion Buschfunk das Entwicklungstempo merklich erhöht.
Doch die deutschen Netzwerke können mit ihren Entwicklungskapazitäten nur
schwer mit Facebook mithalten, das seine Mitarbeiterzahl in diesem Jahr um 50
Prozent auf 1500 aufstocken will, sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg in einem
Interview.
Für Facebook spricht auch der erste Platz in der Rangliste
der durchschnittlichen Verweildauer auf der Seite, die zwei Stunden und 24
Minuten beträgt. Allerdings hat das schnelle Wachstum die Verweildauer
erwartungsgemäß gesenkt, da neue Nutzer meist weniger Zeit auf der Seite
verbringen als erfahrene Anwender. Die Verweildauer auf den Seiten der anderen
Netzwerke ist vergleichsweise konstant, was auch ein Indiz ist, dass sich die
Zusammensetzung der Nutzerschaft kaum noch ändert.
Allerdings scheint das Kriterium der Internationalität
ausgerechnet im Segment der Online-Geschäftsnetzwerke nicht den Ausschlag zu
geben. Linkedin, der amerikanische Weltmarktführer, scheint in Deutschland
keine Chance gegen den Platzhirsch Xing zu haben. Während Xing im Durchschnitt
von etwa drei Millionen Menschen im Monat aufgesucht wird und im Aufwärtstrend
ist, liegt Linkedin konstant bei etwa 450000 monatlichen Nutzern in
Deutschland, hat Nielsen errechnet. Die deutsche Sprachversion, die Linkedin
Anfang des Jahres eingeführt hat, scheint die Nutzung hierzulande bisher nicht
wesentlich zu beflügeln.

Deutlicher als die Reichweite spricht die Verweildauer für
Xing: Rund eine halbe Stunde im Monat verbringen die Besucher im Durchschnitt auf
der Seite, während die Nutzer bei Linkedin nur knapp 3 Minuten im Monat
verbringen. Das ist wahrscheinlich nur die Zeit, die für das Bearbeiten der
Kontaktanfragen benötigt wird. Diskussionen in Gruppen oder Stellensuche findet
in Linkedin in Deutschland bisher wohl eher selten statt.
Der amerikanische Kurznachrichtendienst Twitter, der in
Deutschland ohne Konkurrenz ist, hat seine Reichweite seit März in Deutschland
auf 1,99 Millionen Menschen etwa verdoppelt. Allerdings werden viele Besucher
von Google zu Twitter geleitet und verlassen die Seite schnell wieder. Nach
Messungen des Weblogs Webevangelisten gab es im Juli rund 145000 aktive
deutschsprachige Twitterer in Deutschland; gut 50.000 Menschen davon sind jeden
Tag auf der Seite aktiv. Auch diese Werte bedeuten eine Verdoppelung der
Nutzung in den vergangenen Monaten. Auch die durchschnittliche Verweildauer auf
Twitter.com hat sich in den vergangenen Monaten auf fast 13 Minuten verdoppelt.
Soziale Netzwerke werden von etwa drei Viertel aller
Internetnutzer aufgesucht und haben sich zu einer festen Größe im Internet
entwickelt. Während in Europa aber kaum noch Geld in das Web 2.0 investiert
wird, fließt in Amerika weiterhin viel Geld, vor allem von Risikokapitalgebern,
in das soziale Web. Besonders spannend finden die Investoren das sogenannte
Echtzeitweb. Informationen verbreiten sich via Twitter oft in Echtzeit und
verändern damit den Informationsfluss. Seit es Twitter gibt, berichten viele
Online-Medien, das Fernsehen und das Radio schneller über Ereignisse. Suchmaschinen,
die den Echtzeitnachrichtenfluss ebenso schnell durchsuchen und aufbereiten,
zählen in Amerika zu beliebten Investitionsobjekten. Auch die sozialen
Netzwerke, vor allem Facebook, arbeiten daran, dieses Echtzeitinternet auf
ihren Seiten abzubilden.