Analoge Dollar, digitale Pennies - Chris Andersons "Free"
03. September 2009, 17:42
Uhr
Endlich geschafft, Chris Andersons Buch "Free" zu lesen. Hier ein paar Gedanken dazu:
Chris Andersons Botschaft in
seinem Buch „Free" ist genauso simpel wie explosiv: Weil es nichts kostet, ein
digitales Gut zu kopieren, sinkt - in einem Wettbewerbsmarkt - der Preis auf
Null. Diese Regel, die alle Ökonomen als
„Preis gleich Grenzkosten" kennen, ist schon sehr alt.
Aber im
Internet-Zeitalter, in dem Datenübertragung oder Bandbreite stets billiger
werden, ist die Regel für viele Unternehmen plötzlich so relevant wie nie:
Einmal digitalisiert sinken die Preise für Nachrichten, Musikstücke, Software
oder Bücher, die vergleichbare Konkurrenzprodukte haben, früher oder später
unweigerlich auf Null. Diese Beobachtung ist nicht neu; viele Unternehmen in
digitalen Märkten wissen nur zu gut, was gemeint ist. Neu könnte für viele
Akteure dagegen Andersons Aussage sein, dass es gar keinen Sinn macht, sich
gegen diese ökonomische Gesetzmäßigkeit zu stemmen. Im Gegenteil: „Free", also
das Verschenken des digitalen Produktes, sei für viele Akteure eine
erfolgversprechende Strategie und oft genug sogar die einzige Möglichkeit, sich
im Wettbewerb zu behaupten, bevor ein Konkurrent das Verschenken beginnt.
Nun ist Anderson kein
Phantast, sondern weiß als Chefredakteur der renommierten Computerzeitschrift
Wired, dass „Free" auch Werte vernichtet, ja zerstörerisch sein kann. „Free
wandelt milliardenschwere Branchen in millionenschwere um" - und dieser Satz
beschönigt noch die Folgen, wie sich am Schicksal der Encyclopadia Britannica
gut zeigen lässt. Das gedruckte Lexikon wurden zunächst vom digitalen, aber
noch kostenpflichtigen Lexikon Encarta verdrängt, was den Markt schon auf einen
Bruchteil seines Ursprungswertes schrumpfen ließ. Dann kam das kostenlose
Internetlexikon Wikipedia, das Encarta vom Markt fegte, aber keinerlei Umsatz
mehr generiert. Aus „analogen Dollar
werden digitale Pennies", hat ein Medienmanager die Folgen der Digitalisierung den
auf den Punkt gebracht.
„Free" bedeutet aber keinesw
egs,
dass sich damit kein Geld verdienen lässt. Im Gegenteil: Die gesamte Free-Industrie
ist nach Schätzung von Anderson 300 Milliarden Dollar schwer. Das Geld stammt im
Wesentlichen aus zwei Geschäftsmodelle: Der Werbung und „Freemium", der Kombination
aus kostenlosen Basisangeboten und kostenpflichtigen Premiumdiensten. Bestes
Beispiel für das Werbemodell ist Google. Das Unternehmen verschenkt fast alle
Dienste wie die Suche, E-Mail-Speicherplatz, Landkarten, Handy-Betriebssysteme
und jüngst sogar eine Million elektronischer Bücher. All dies macht Google
immer größer und attraktiver für Werbekunden, die im vergangenen Jahr 20
Milliarden Dollar für die Anzeigenplätze auf Google gezahlt haben. Das
Google-Modell zerstört aber auch Märkte: Seitdem Google mit seinem kostenlosen E-Mail-Postfach
sieben Gigabyte Speicherplatz verschenkt, bucht kaum noch ein Internetnutzer
kostenpflichtige E-Mail-Dienste. Konkurrenten wie Yahoo mussten schnell
nachziehen und schenken ihren Nutzern inzwischen unbegrenzten Speicherplatz.
Diese Entwicklung steht
anderen Branchen noch bevor; dagegen wehren können - und sollten - sie sich
nach Andersons Meinung aber nicht. „Der Feind des Autors ist nicht die
Piratrie, sondern die Unkenntnis über Neuerscheinungen. Free ist die
kostengünstigste Möglichkeit, die größtmögliche Leserzahl zu erreichen - und
wenn die Leseprobe hält, was sie verspricht, verkauft sich das gedruckte Buch
später auch", zitiert Anderson den Verleger Tim O'Reilly, einen der Pioniere im
Internet. Folgerichtig hat Anderson Ausschnitte seines Buches und eine
Hörbuchversion kostenlos ins Netz gestellt, damit alle davon erfahren. Folge:
„Free" ist innerhalb kurzer Zeit das meistdiskutierte Buch im Netz geworden und
in den Bestsellerlisten sehr schnell hochgeklettert.
Ähnliches sagt er den Herstellern
der Computespiele voraus. „Wer nicht mehr Atome eintütet und verschickt,
sondern Bits durch die Leitungen schickt, lander früher oder später bei Free.
Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird sich die Spieleindustrie in ein
Online-Geschäft wandeln", sagt Anderson voraus. Die Industrie hat den Weg
dorthin schon eingeschlagen: Online-Spieleanbieter haben großen Zulauf, weil
sie ihre Spiele kostenfrei anbieten. Weil die Spieler aber virtuelle Güter
dazukaufen, verdienen die Spieleanbieter trotz - oder besser wegen - des
Free-Modells prächtig.
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Lesetipp: Google Chefökonom Hal Varian
„Früher hatte eine Zeitung in ihrer Region eine Monopolstellung. Heute
konkurrieren aber viele Medien miteinander. Wenn der Artikel im
Wall Street Journal über den Iran dem Artikel in der New York Times
oder der Washington Post sehr ähnlich ist, sinkt der Preis für die
Nachricht wegen des Wettbewerbs auf seine Grenzkosten. Und diese Kosten
für die Bereitstellung einer weiteren Einheit dieser Standard-Nachricht
betragen im Internet eben null. FAZ.NET
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Auch die Musikindustrie
könne im digitalen Zeitalter mit Free gut leben, wie das Beispiel China zeige.
Dort sei das unerlaubte Kopieren der Musik so selbstverständlich, dass der
Verkauf der digitalen Musikstücke zwecklos sei. Daraus hätten die Anbieter
gelernt. Musik wird dort heute verschenkt, um sie populär zu machen. Ihr Geld
verdienen die Musiker mit den Konzerten.
Ähnlich geht es seiner
Meinung nach mit allgemeinen Nachrichten. „Nach einigen Jahren mit
Online-Experimenten, bei denen immer wieder versucht wurde, die Nutzer für
Inhalte zahlen zu lassen, wurde es fast jedem klar, dass der Kampf gegen die
digitalen Gesetzmäßigkeiten einen aussichtsloses Unterfangen war. Free hatte
gewonnen", schreibt Anderson. Während Anderson aber für alle Branchen einen
guten Rat hat, mit Free Geld zu verdienen, fällt ihm für die Verleger nicht
viel ein. Lediglich spezialisierte Informationen, die den Lesern einen hohen
Nutzwert bringen und konkurrenzlos sind, seien verkäuflich. „Die Zeitungsbranche muss sich wie die
Musikbranche neu erfinden. Die Topzeitungen werden vermutlich etwas schrumpfen,
während die Schicht darunter stark dezimiert werden wird".
Andersons Buch wird viele
Manager in Industrien, die jahrzehntelang gut vom Vertrieb analoger Inhalte
gelebt haben, zu heftigem Widerspruch veranlassen. Doch Andersons radikale
Thesen sind schon in so vielen Branchen Realität geworden, dass sie von den
Managern in den Branchen, die sich Free heute nicht vorstellen können,
ignoriert werden könnten. Zum Beispiel von den Verlegern der Schulbücher, deren
Inhalte zum Wohle der schwer tragenden Kinder hoffentlich bald in Form eines
elektronischen Buches den technischen Fortschritt in die Schulranzen bringen. Oder
den Spieleherstellern, die ihr Geschäft auch in zehn Jahren noch darin sehen, Spiele
auf physische Datenträger zu brennen und im Handel zu vertreiben.
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