Nachrichtenportal ohne Redakteure - wie Nachrichten.de funktioniert
07. September 2009, 17:11
Uhr
Das Medienhaus Burda wird Mitte September seinen
Nachrichtenaggregator Nachrichten.de als Konkurrenz zu Google News ins Netz
stellen. Die Seite, die zurzeit noch auf den Focus umgeleitet ist, durchsucht 600 deutschsprachige Nachrichtenquellen und fasst
die wichtigsten Artikel auf einer Seite zusammen. Ein Klick auf den Beitrag führt dann auf die Internetseite der Originalquelle. „Die Themenwahl von
Nachrichten.de soll so deckungsgleich wie möglich mit den Leitmedien sein",
sagt Jochen Wegner, zuständiger Geschäftsführer der Burda-Gesellschaft Tomorrow Focus. Themen,
die auf den Internetseiten der großen Medienseiten oben stehen, sollen auch auf
Nachrichten.de oben plaziert werden.
Journalistische Arbeit steckt Burda nicht in das Projekt.
„Nachrichten.de hat keine Redaktion", sagt Wegner. Die Gewichtung der Themen
übernimmt ein eigens entwickelter Algorithmus. Für diese Art der
vollautomatisch erstellten Nachrichtenportale, dem neben Finanzen 100 künftig
weitere Themenportale folgen sollen, sind dann nur noch Softwareentwickler
nötig.
Ähnlich wie bei Google durchsucht ein „Crawler" die
Nachrichtenangebote im Netz. Die gefundenen Artikel werden dann von dem
Algorithmus sortiert, der von mehreren Faktoren abhängt: „Wichtig sind etwa die
Zahl der Artikel zu einem Thema, deren Aktualität und die - natürlich
subjektive - Relevanz, die das Team einem Medium zugewiesen hat", sagt Wegner,
der dafür die Relevanz jeder Nachrichtenquelle (und ihrer Ressorts) auf einer
Skala von null bis zehn bewertet hat.

Nachrichten.de ist wie ein normales Nachrichtenportal in
Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Kultur unterteilt. Unter der
Aufmachergeschichte werden dann Zugänge zu ähnlichen Meldungen zum selben Thema
aus anderen Quellen und die Kommentare gezeigt. Ein Live-Ticker, ein
Themen-Kanal und eine Box für populäre Geschichten sowie Kommentare werden in
der rechten Spalte eingeblendet. Videos sind aber ebenso Fehlanzeige wie E-Mail-Alerts.
Anders als bei Google kann der Nutzer die Rangliste der
angezeigten Nachrichten aber beeinflussen: Als Sortierkriterium voreingestellt
ist „Standard". Daneben gibt es aber noch „Top-Quellen", „Aktualität" und
„Relevanz" als Kriterien, damit sich die Nutzer ihre eigene Geschmacksrichtung
einstellen können. Ansonsten fehlen zum Start weitere Personalisierungsfunktionen. „Die meisten Nutzer sehnen sich nicht nach komplexen
Einstellmöglichkeiten, sondern wünschen einen breiten, verlässlichen
Nachrichtenüberblick", sagt Wegner. Individualisierungsfunktionen sollen aber im Laufe der Zeit hinzukommen.

Eine besondere Funktion seien die Themenseiten, die viele
Artikel zu einem Thema auf einen Blick zusammenstellen. Hunderttausende Themenseiten
hat der Algorithmus bereits erstellt; weitere Seiten sind per Mausklick
möglich. „Einige Dutzend Dokumentare zu beschäftigen wäre viel zu teuer. Diese
Datenmengen können aber maschinell zusammengestellt werden", sagt Wegner, der
daraus gerne ein Geschäftsmodell machen will, nämlich vor allem für kleinere
Medienhäuser diese Themenpakete zusammenzustellen. „Gemeinschaftsunternehmen
mit anderen Medienunternehmen sind geplant", sagte Wegner. Ansonsten sind die
finanziellen Erwartungen an das Projekt im Haus Burda eher bescheiden: „Wir gehen
nicht davon aus, dass wir damit im ersten Jahr Geld drucken können. Die
Gewinnzone soll Mitte oder Ende 2010 erreicht werden", sagt Wegner.

Auch für die Lieferanten der Inhalte, die 20 Prozent der
Werbeerlöse erhalten sollen, wenn nur der Vorspann des Textes gezeigt wird, und
50 Prozent, wenn der gesamte Artikel zu sehen ist, bremst Wegner die
Erwartungen. „Im ersten Jahr werden die Erlöse für die 600 berücksichtigten
Angebote Publisher höchstens ein paar hundert Euro im Monat betragen. Damit
wird natürlich noch niemand reich. Erst wenn Nachrichten.de nach der sehr
vorsichtigen Beta-Phase stärker wächst, wird es finanziell spannend", sagt
Wegner. Angaben für die angepeilte Reichweite der
Seite will Wegner nicht machen.
Nachrichten.de tritt in Konkurrenz zu Google News, dem
Nachrichtenaggregator der Suchmaschine. Google News führt als Platzhirsch unter
den Aggregatoren den Medienseiten in Deutschland 30 und mehr Prozent ihrer
Leser zu. Google News wurde im Juli von 2,4 Millionen Menschen in Deutschland
aufgesucht, die 48 Millionen Seiten angeklickt haben, hat Nielsen gemessen.
Damit hätte Google News die Reichweite eines mittelgroßen Nachrichtenportals in
Deutschland. Der Einfluss von Google News ist aber höher, als es diese Zahlen
vermuten lassen, denn Google integriert die Nachrichten auch in seine normalen
Suchergebnisse auf Google.de, die von mehr als 30 Millionen Menschen jeden
Monat aufgesucht wird. Diese Kombination ist ein klarer Wettbewerbsvorteil
gegenüber dem Burda-Produkt, das keine Suchmaschine im Rücken hat.

Google News
Google News durchsucht 700 deutschsprachige
Nachrichtenquellen und ordnet den gefundenen Artikeln Rubriken zu. Über Erfolg
oder Misserfolg vieler Nachrichtenseiten entscheidet dann die Art und Weise,
wie Google die gefundenen Nachrichten in der Rangliste sortiert. Denn nur auf
die Nachricht, die möglichst weit oben angezeigt wird, klicken die Nutzer auch.
„Wichtig ist dabei, wie neu die Nachricht ist, ob es sich um die
Originalnachricht handelt und ob sie von einer vertrauenswürdigen Quelle
stammt", sagte Maile Ohye, Leiterin des Google Entwicklerprogramms, in einem
Video (siehe unten). Dazu fließen weitere sogenannte Signale wie ein möglichst enger lokaler
Bezug in die Bewertung ein. Google bemühe sich, die Originalquelle einer
Nachricht zu finden und weit oben zu plazieren. Weiter oben in der Rangliste
stehen auch vertrauenswürdige Quellen, die Google über das Klickverhalten
seiner Nutzer identifiziert. „Wenn bei einer Auswahl von 5 Quellen sehr viele
Nutzer auf den dritten Artikel klicken, ist dies offenbar eine Quelle, der
viele Menschen vertrauen", sagte Ohye. Entsprechend hoch wird die Quelle
künftig in den Ranglisten einsortiert. Über die Funktion „Local" können sich
die Nutzer inzwischen auch Berichte von lokalen Quellen und über die Region aus
dem Nachrichtenstrom herausfiltern lassen. Google
streut Suchergebnisse aus seiner Nachrichtenseiten in die normale Suche sein,
hat aber hier - anders als in Amerika - keine Werbung auf Google News. „Es gibt
auch keinerlei Pläne, in Deutschland Werbung auf Google News zu schalten",
sagte ein Google-Sprecher.