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"Die Medien lieben Twitter"
12. Oktober 2009, 11:00
Uhr
„Twitter ist ein ‚Big Deal' für die New York Times", sagte Martin
Nisenholtz, Chef der Digitalsparte der amerikanischen Zeitung, dem
Branchendienst Mediaweek. 1,7 Millionen Menschen verfolgen die Nachrichten der
Times auf Twitter. 15000 neue Follower, die per Klick auf den Twitter-Link zur
Internetseite der Zeitung gelangen oder die Nachrichten ihren eigenen Followern
empfehlen, kommen jede Woche hinzu. So
wie die Times entdecken immer mehr Medien die persönlichen Empfehlungen auf Web-2.0-Seiten
wie Twitter oder Facebook als wertvolle Verteiler für ihre Inhalte. Zum
Beispiel folgen dem amerikanischen Fernsehsender CNN schon 2,8 Millionen
Menschen auf Twitter und mehr als 600000 Facebook-Nutzer haben sich als Fans
der CNN-Seite eingetragen. Der Effekt
ist sichtbar: CNN ist für die amerikanischen Internetnutzer mit Abstand die wichtigste
Medienstation nach dem Twitterbesuch.
Auch für Facebook-Nutzer führt der
Weg zu einem Medium in erster Linie zu CNN; die New York Times liegt ebenfalls auf
einem der vorderen Plätze, wie eine Analyse des amerikanischen Marktforschungsunternehmens
Hitwise zeigt. "Die Medien lieben Twitter - aus gutem Grund",
sagte Heather Dougherty von Hitwise. Statt darauf zu hoffen, dass die
Internetnutzer von allein auf die Internetseite kommen oder bei Google zufällig
auf die Überschrift klicken, eröffnet das Web 2.0 den Medien die Möglichkeit,
ihre Inhalte dorthin zu bringen, wo sich die Menschen im Netz aufhalten. Zudem
sind die persönlichen Empfehlungen im sozialen Internet wertvoller und
nachhaltiger als Suchtreffer. Denn Leser, die per Link kommen, sind meist
loyaler als die Leser, die von Google kommen. Nach einer Untersuchung des amerikanischen
Werbenetzwerkes
Chitika kommt jeder fünfte Nutzer, der von Facebook per Link auf eine
Medienseite geleitet wurde, wiederholt zurück. Und persönliche Empfehlungen
haben den Vorteil, den Medien ganz neue Leser zuzuführen. "Zwar sind etwa
90 Prozent der Besucher Wiederkehrer, aber immerhin rund ein Zehntel gelangt
via Twitter zum ersten Mal auf eine Medienseite", sagte Dougherty. Geschätzte
fünf Millionen Links werden jeden Tag auf Twitter verbreitet, von denen die
großen Medienseiten wesentlich profitieren.
In Deutschland führt zwar Google als dominanter Verkehrsknotenpunkt den Medienseiten etwa die Hälfte ihrer Nutzer zu, aber der Anteil von Facebook, Twitter und Co. wächst stetig. Nach einer Untersuchung des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Comscore für die F.A.Z. wanderten im August etwa 350000 Nutzer von Facebook direkt zu Bild.de. Die Comscore-Zahlen unterscheiden dabei nicht, ob die Nutzer auf einen Link in einem sozialen Netzwerk geklickt haben oder die Internetadresse des Mediums nach dem Besuch des Netzwerks direkt eingegeben haben.


Sofern nicht explizit eine Website genannt ist, werden alle Internetseiten eines Medienhauses erfasst.
Zweitgrößter Facebook-Profiteur unter den Medienseiten war Spiegel
Online; 112000 Leser führte der Weg direkt dorthin. Spiegel Online ist auch auf
Twitter populär; knapp 25000 Menschen in Deutschland folgen inzwischen den
Eilmeldungen des Hamburger Magazins. Im
August, als die Follower-Zahl noch geringer war, fanden immerhin 17000 Leser
ihren Weg von Twitter unmittelbar zum Spiegel, hat Comscore gemessen. Wie viele
andere Medien twittern alle Spiegel-Ressorts die Links zu ihren neuen Artikeln
auf der Internetseite automatisch.
Neben Facebook und Twitter haben sich auch andere soziale
Netzwerke wie Xing oder StudiVZ geöffnet, so dass dort Links auf andere Inhalte
schneller zirkulieren können. Neben den sozialen Netzwerken existieren aber
noch eine Vielzahl von Web-2.0-Seiten, die Links im Internet verteilen. Dazu
gehören Blogs, Lesezeichenangebote und RSS-Dienste. Aber auch die klassische E-Mail
ist als Link-Verteiler nach wie vor populär: Nach einer Untersuchung
von Addtoany befinden sich zwar 24 Prozent aller Links in amerikanischen
Internet auf Facebook, aber mit 11 Prozent liegt die klassische E-Mail schon an
zweiter Stelle. Auf Rang 3 befindet sich Twitter mit ebenfalls etwa 11 Prozent.
Nennenswerte Anteile des Link-Aufkommens entfallen auch auf die
Internetunternehmen Yahoo, MySpace, Windows Live, Delicious, Digg, Reddit und
StumpleUpon.

Um die Leserzufuhr aus dem Web 2.0 zu erhöhen, können die Medien und
ihre Journalisten aber weit mehr tun, als möglichst viele Follower auf Twitter
oder Fans auf Facebook zu bekommen, die ihre Links weiterempfehlen. Als ersten
Schritt sollten die Medien es ihren Nutzern technisch so leicht wie möglich
machen, ihre Inhalte zu twittern, auf Facebook zu publizieren, auf Delicious zu
speichern oder per E-Mail an Freunde zu versenden. Eine große Chance für die
Medien besteht aber darin, die Diskussionen, die im Echtzeitinternet oft auf
Basis ihrer Medieninhalte stattfinden, auf ihre Seite zu holen. Noch finden
diese Diskussionen relativ unkoordiniert auf Facebook, Twitter oder in Blogs
statt. „Wenn man auf Twitter etwas sucht, funkioniert das noch nicht sehr gut",
sagte Nisenholtz. Die New York Times arbeite daher an eigenen Suchprodukten für
Twitter, die Inhalte nach Themen filtern könnten. Gedacht sei an Twitter-Aggregatoren,
die Inhalte zu vielen Themen bündeln könnten, sagte Nisenholtz. Die Medien
laufen allerdings Gefahr, auch diesen Wettlauf an Google zu verlieren. Das
amerikanische Blog AllthingsD
hat jüngst berichtet, Google und Microsoft verhandelten mit Twitter, alle
Tweets in Echtzeit für ihre Suchmaschinen zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Diskussionen über aktuelle Themen könnten dann sehr einfach von den
Suchmaschinen gebündelt werden; dann wäre auch dieser Teil des digitalen
Geschäfts für die Medien verloren.
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