Foursquare-Gründer Crowley: "Check-in wird Bestandteil aller sozialen Netze"
03. Februar 2010, 21:39
Uhr
Für den renommierten Blogger Pete Cashmore ist Foursquare bereits das nächste Twitter. Das New Yorker Start-up gehört seit seinem Start auf der Web-Konferenz SXSW im vergangenen März zu den heißesten Kandidaten, das "nächste große Ding im Internet" zu werden. Die Nutzer können auf Foursquare an Orten "einchecken" und damit ihren Freunden mitteilen, wo sie gerade sind. Wer an einem Ort eincheckt, erhält Informationen, was seine Freunde an diesem Ort gut finden. Als Anreiz für das Einchecken können die Nutzer "Mayor" werden. Wegen des DLD war Crowley in Deutschland. Im FAZ-Interview erklärt er, wie die Zukunft von Foursquare aussehen könnte, wie er den Angriff von Facebook, Twitter und Nokia abwehren will und wie Foursquare Geld verdienen will. (-> FAZ.NET: Foursquare macht das Internet lokal)
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Foursquare gehört zu den Shooting-Stars im Internet. Wie groß ist
das Unternehmen inzwischen?
Wir sind noch sehr klein. Foursquare hat weniger als eine halbe
Million Nutzer, aber wir wachsen sehr schnell. Die Zahl neuer Nutzer wächst
zwischen 60 und 70 Prozent im Monat; die Nutzung legt um mehr als 100 Prozent
im Monat zu.
Und in Deutschland?
Zahlen für Deutschland kann ich leider nicht nennen. Wir sind
kürzlich dazu übergegangen, nicht mehr nur einzelne Städte zu erfassen, sondern
alle Orte auf der Welt. Mit der Umstellung sind viele unserer Tools zur Messung
der Nutzung zusammengebrochen. Und bis jetzt hatten wir noch nicht die Zeit,
die Tools zu reparieren. Aber ich liefere sie nach.
Wie viele Mitarbeiter hat Foursquare?
Zurzeit sind es 8. Jetzt wissen Sie, warum noch nicht alles
funktioniert.
Es gibt viele ortsbezogenen Dienste wie Gowalla oder Google
Latitude. Aber nur Foursquare wächst richtig schnell. Was machen Sie besser?
Ich denke, dass wir verstanden haben, warum die Menschen
einchecken wollen. Ihnen geht es nicht ums Spielen, sondern ihren Aufenthaltsort
mitzuteilen, sich mit ihren Freunden zu verbinden und zu wissen, wo sie sind.
Auf Foursquare kann ich meinen Freunden Informationen und Tipps über die Orte
hinterlassen, an denen ich schon gewesen bin. Zum Beispiel ist es nicht
ungewöhnlich, in einem Restaurant festzuhalten, welches Essen besonders gut
geschmeckt hat. Als ich in München in die Cocktailbar Schumann's ging und
eincheckte, poppte die Nachricht eines Freundes auf, der am Abend zuvor dort
gewesen ist und mir einen guten Cocktail empfahl. Was wir gar nicht erwartet
haben: Mütter checken oft auf Spielplätzen ein um anderen Müttern zu
signalisieren, auch mit ihren Kindern dorthin zu kommen.
Es gibt Berichte, dass Facebook auch an einer „Check-in-Funktion"
arbeitet. Auch Twitter könnte Foursquare Konkurrenz machen. Können Sie
mithalten?
Nun, ich bin sicher, dass Facebook an einer Check-in-Funktion
arbeitet. Oder schauen Sie sich Twitter an. Twitter arbeitet an einem
Geo-System, dass jeder Tweet wie ein Check-in funktioniert. Yelp hat ebenfalls
eine Check-in-Funktion eingebaut. Die Check-in-Funktion wird Grundbestandteil
aller sozialen, ortsbezogenen Dienste.
Kann Foursquare dann noch gegen Facebook bestehen?
Ja, ich denke schon. Wir wollen nicht das nächste Facebook werden.
Die Modelle unterscheiden sich. Wir wollen Städte leichter nutzbar machen. Was
passieren wird: Die Menschen teilen ortsbezogene Inhalte zwischen verschiedenen
Seiten. Wenn jemand auf Foursquare eincheckt, senden wir das zu Facebook und zu
Twitter. Wir haben keine Angst, diese Daten zu senden. Wir möchten, dass die
Menschen diese Informationen teilen. Und ich denke, wenn die Menschen auch auf
Facebook einchecken können, werden sie das auch zu Foursquare senden können. Das
Spiel wird nicht dadurch entschieden, auf welche Seite der Nutzer eincheckt.
Das Spiel wird dadurch entschieden, wer die besten Informationen über den Ort aggregiert
und bereitstellt, an dem ich mich befinde. Also die Fragen beantwortet, wo
meine Freunde sind, was ich hier tun soll und wohin ich als nächstes gehen
soll. Entscheidend wird sein, wer das Beste und Interessante aus diesen Daten
macht.
Was macht Sie so sicher, dass Foursquare die besten Ortsinformationen
bereitstellt?
Wir machen etwas sehr Spezielles. Wir setzen Menschen in die Lage,
Städte zu erforschen und wir belohnen sie dafür, wenn sie uns ihre bevorzugten
Bars oder Restaurants nennen. Dafür geben wir ihnen Feedback über die Plätze,
die sie besuchen. Wir haben einen sehr speziellen Masterplan. Check-in ist nicht
das Ende unseres Plans. Check-in bedeutet nur zu wissen, wo sich jemand aufhält.
Die richtige Magie: Wenn man weiß wo jemand ist, ihm dann die beste Information
zu geben, die er gerade braucht. Über seine Freunde, über Dinge, die sich in
der Nähe abspielen. Bei Twitter denken die Menschen an das Teilen von
Informationen. Auf Facebook geht es oft ums Teilen von Fotos der Freunde. Bei
Foursquare denken die Menschen daran, Informationen über Orte und Erlebnisse zu
teilen.
Macht es Sinn, mit anderen ortsbezogenen Diensten wie Gowalla zu
fusionieren oder ist Platz für mehr als einen Dienst?
Gowalla und Foursquare ermöglichen Check-ins und belohnen die
Menschen dafür. Aber die Ziele der Unternehmen unterscheiden sich. Gowalla ist
mehr ein Spiel, während Foursquare eher in der realen Welt zuhause ist. Die
Dienste sehen gleich aus, aber sie unterscheiden sich doch klar. Und künftig
werden noch viel mehr Anbieter in diesen Markt der ortsbezogenen Dienste
drängen.
Was stark sehen Sie die Konkurrenz der Handy-Hersteller wie Nokia?
Ja, ich habe gehört, dass Nokia auch in das Check-in-Spiel
einsteigen will. Die Sorge ist, ob die großen Unternehmen wirklich offen sind
und die Daten austauschen. Twitter ist offen und teilt die Informationen per
API. Und Facebook hat begonnen, die Geo-Daten zu sammeln, wenn man etwas
postet. Genau wie bei Nokia bin ich mir aber nicht sicher, ob sie wirklich
offen mit den Daten umgehen und anderen Diensten erlauben, daraus interessante
Anwendungen zu bauen. Ich hoffe, dass sie sich an die Regeln halten.
Wie offen ist denn Foursquare?
Oh, wir haben eine API, damit die Entwickler Apps für das Nexus
One oder den Palm Pre bauen können. Inzwischen gibt es schon 50 verschiedene
Apps dafür. Unsere API funktioniert ähnlich wie die Twitter-API: Jeder kann damit
zusätzliche Anwendungen bauen.
Welche Anwendungen erwarten Sie von den externen Entwicklern?
Wir haben schon Landkarten gesehen, an denen Menschenansammlungen
gezeigt werden, also zum Beispiel populäre Plätze. Landkarten sind sicher die
populärste Anwendung. Es wurden auch schon Spiele auf Basis der
Foursquare-Plattform gebaut. Aber wir sind noch in einem sehr frühen Stadium.
Wir haben unsere API schließlich erst im November gestartet.
Wie sieht der nächste Schritt bei Foursquare aus?
Es geht darum, dass Check-in noch mehr Spaß machen soll. Damit
sollen mehr Empfehlungen und lokale Informationen verbunden werden. Wir waren
aber zuletzt so sehr mit dem Management unseres Wachstums beschäftigt, dass wie
nicht dazu gekommen sind, neue Funktionen zu entwickeln.
Wie sieht das Geschäftsmodell der ortsbezogenen Dienste aus?
Es gibt viele Möglichkeiten. Zum Beispiel Menschen die
Entscheidung zu erleichtern, wo sie am Abend ausgehen. Oder lokalen Unternehmen
Tools anzubieten, damit sie sehen können, welche Kunden in der Nähe sind und
wer ihre besten Kunden überhaupt sind. Und natürlich Wege zu zeigen, um mit
diesen Kunden zu interagieren.
Was macht Foursquare konkret, um Umsatz zu erzielen?
Wir führen Gespräche mit lokalen Händlern über Coupons oder
Werbeaktionen für Menschen, die ihr Gebiet besonders häufig aufsuchen. Wir sind
auch mit großen Medienunternehmen im Gespräch, die ihren Kunden geografisch
zugeschnittene Inhalte liefern wollen.
Wie könnte das konkret aussehen?
Zum Beispiel könnte eine Zeitung ihre Restaurantkritiken ihren
Lesern maßgeschneidert anbieten, wenn sie in der Nähe des Restaurants
eingecheckt haben.
Haben Sie schon Umsatz erzielt?
Ja. Unsere Kooperationen mit großen Marken haben uns erste Umsätze
eingebracht. Die Namen der Unternehmen werden wir aber erst in den kommenden
Monaten nennen.
Und wie sieht es mit Gewinn aus?
Im Moment haben wir alle Hände voll damit zu tun, das Produkt zu
entwickeln, zu wachsen und das richtige Team zusammenzustellen. Umsatz und
Gewinn liegen nicht in unserem Fokus. Später im Jahr werden wir eine bessere
Antwort auf die Frage geben können.
Foursquare gilt als cool - und entsprechend hoch ist das Interesse
der Risikokapitalgeber. Wie viele davon sitzen jetzt gerade vor ihrer Tür, um
Ihnen Geld zu geben?
Zu viele. Von den Menschen, die nach der DLD-Diskussion auf mich
zugekommen sind, waren ein Drittel Medienleute und zwei Drittel Investoren.
Welche Investoren hatten schon Erfolg bei Ihnen?
Zwei. Unionsquare
Ventures aus New York und O'Reilly aus San Francisco. Zusammen haben wir bisher
1,35 Millionen Dollar bekommen.
Wann brauchen Sie die nächste Kapitalspritze?
Weiß ich nicht. Wir haben gerade einen Geschäftsführer
eingestellt, der sich darum kümmert. Vielleicht noch im ersten Quartal des Jahres.
Die meisten Start-ups haben ihren Sitz im Silicon Valley. Werden
Sie umziehen?
Nein, nein, wir bleiben in New York. Wir mögen die Stadt. Die Produkte
sind interessanter, weil die Unterschiede zwischen den Menschen hier größer
sind.
Wahrscheinlich klopfen auch viele Unternehmen an, die Foursquare
kaufen wollen.
Wir haben kein Interesse daran, aufgekauft zu werden. Wir haben
noch viel vor. Aber es ist gut, große Partner zu haben.
Wo ist Foursquare am Ende des Jahres?
Wir werden einer der dominanten Check-in-Anbieter sein. Zur
Jahresmitte werden wir eine Million Nutzer haben, wenn das Wachstum so
weitergeht.
Wie wichtig wird das Check-in werden?
Sehr wichtig, denn es geht um den Schutz der Privatsphäre. Mit
einem Check-in zeige ich, dass ich meinen Standort mitteilen möchte. Dienst wie
Google Latitude gehen davon aus, dass der Nutzer seinen Standort permanent
mitteilen möchte. Das ist bei den meisten Menschen nicht der Fall. Wenn die
Handys noch etwas besser werden und zum Beispiel Anwendungen im Hintergrund
laufen lassen können, werden wir hybride Systeme zwischen Check-in und „always on location tracking" sehen.
Foto: Holger Schmidt
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