„Paypal wird größer als Ebay". Interview mit dem Ebay-Chef John Donahoe
09. April 2010, 17:10
Uhr
Um Ebay ist es nur scheinbar
still geworden. Hinter den Kulissen baut der Vorstandschef John Donahoe den
weltgrößten Online-Marktplatz radikal um. Das Unternehmen soll zu einer
Plattform für Online-Händler werden, setzt Milliarden mit iPhone-Anwendungen um
und will mit seinem Zahlungssystem Paypal groß ins Geschäft mit digitalen
Inhalten einsteigen, sagte Donahoe im FAZ-Interview.
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Herr Donahoe, hat Ebay seine große Zeit hinter sich?
Donahoe: Ebay war in den späten neunziger Jahren und Anfang des
Jahrzehnts sehr erfolgreich. Aber wir haben aufgehört, Innovationen zu
entwickeln. Die Welt um uns herum hat jedoch nicht aufgehört, Innovationen
anzubieten. Und so haben Käufer und Verkäufer mehr Möglichkeiten bekommen. Wir haben
zu wenig darauf reagiert. Als ich Vorstandsvorsitzender wurde, war mir klar,
dass wir unser Geschäftsmodell aggressiv ändern mussten, was vier Jahre dauern
wird. Die Hälfte der Strecke haben wir aber schon geschafft. Die ersten Resultate
zeigten unsere Geschäftszahlen im vierten Quartal, die gut waren. Im
vergangenen Jahr ist Ebay langsamer als der E-Commerce-Markt gewachsen; in diesem Jahr werden wir so schnell wie der
Markt wachsen.
Die Besucherzahlen auf Ebay sind zwar hoch, wachsen aber nicht
mehr. Wie will Ebay wieder wachsen?
Donahoe: Unser Fokus liegt auf dem „Sekundärmarkt". Nehmen Sie einen
Blackberry als Beispiel. Den allerneuesten Blackberry werden Sie auf Ebay
finden. Aber das Angebot finden Sie auch auf Amazon oder vielen anderen
Händlerseiten im Internet. Die Preisspanne ist sehr eng - vielleicht 5 bis 10
Euro Unterschied. Viele Händler haben ihren Schwerpunkt darauf gelegt, nur das jeweils
neueste Produkt anzubieten. Aber das ist nicht unser Fokus. Was Sie nur auf
Ebay finden ist der neue Blackberry, der unbenutzt zurückgegeben wurde und
vielleicht 20 Prozent weniger kostet. Oder das Vorgängermodell, ebenfalls neu,
aber 30 oder 40 Prozent billiger als das allerneueste Modell. Andere Händler
wollen es nicht mehr in ihrem Laden haben, aber auf Ebay ist das Produkt zu
finden. Der Sekundärmarkt umfasst also alles, was nicht das allerneueste
Produkt ist. Wir sind der Marktplatz, auf dem die Unternehmen ihre
überschüssige Produktion verkaufen können. Dieser Sekundärmarkt ist ein
500-Milliarden-Dollar-Markt.
Ebay ist mit Auktionen groß geworden. Die wichtig sind sie noch
in Ebays Strategie?
Donahoe: Auktionen waren nie eine Strategie; Auktionen sind auch kein Geschäftsmodell.
Auktionen sind nur ein Format, das für einige Produktgruppen Sinn macht, für
viele andere Artikel dagegen nicht, da sich keine Preisvergleiche anstellen
lassen. Wir hatten 70 Prozent Auktionen und 30 Prozent Fixpreise; ich denke,
wir werden zu einer Aufteilung 70 Prozent Fixpreis und 30 Prozent Auktion
kommen. Im vergangenen Jahr hatte unser Auktionsgeschäft einen Anteil von 44
Prozent. Wir stecken also in der Mitte unserer Transformation.
Ihr Neustart fällt in eine Zeit, in der in Deutschland viele
klassische Händler wie die Metro mit Media-Markt und Saturn oder Tengelmann das
Internet gerade zu entdecken scheinen. Wird nun die Zeit für Ebay in
Deutschland härter?
Donahoe: Nein. Diese Unternehmen tragen zum Wachstum des Marktes bei.
Das ist Wettbewerb, der viele Gewinner hervorbringt, nicht nur einen. Der Online-Markt
wird aus vielen Teilsegmenten und Nischen bestehen. Ebay wird zu den Gewinnern
gehören, aber auch Amazon oder Kleinanzeigenanbieter.
Das klingt zu einfach. In vielen Nischen haben sich
spezialisierte Anbieter etabliert wie Delticom im Reifenmarkt oder
Brands4Friends im Live-Shopping. Ziehen diese Anbieter in der Summe nicht doch
Käufer von Ebay ab, weil sie in ihrer Nische besser sind?
Donahoe: Das Problem dieser Anbieter: Sie brauchen den Traffic auf ihrer
Seite. Wir haben ihn. Und in Zukunft werden wir auf Ebay auch solche Nischen
schaffen. Das ist ein Technologie-Thema. Wir bauen Ebay zu einer Plattform aus,
auf der Markenhersteller und große Händler künftig individuelle Shops
einrichten können. Die Unternehmen
können ihre Produkte dann direkt über Ebay verkaufen. Für die Nischenanbieter
wird es dann noch schwieriger, den Traffic auf ihre Seite zu lenken, den Ebay
schon hat.
Welche Pläne hat Ebay in Deutschland noch?
Donahoe: Ein weiterer Punkt ist das Kleinanzeigengeschäft. Dieses
Geschäft hebt in Deutschland gerade ab. Die Zahl der angeboten Produkte steigt
sehr schnell. Deutschland hat in unserem
Kleinanzeigen-Geschäft die oberste Priorität. Generell haben wir in
Deutschland in den vergangenen Jahren wenig Profil nach außen gezeigt. Wir
mussten erst unsere Arbeit tun.
Denken Sie an das Jahr 2015. Wird Ebay dann in PayPal umbenannt
sein?

Donahoe: PayPal wird 2015 größer als Ebay sein, kein Zweifel. Paypals
Fokus ist der gesamte E-Commerce; Ebay nur ein E-Commerce-Anbieter.
Einige Händler nutzen Paypal nicht, weil es eine
Ebay-Gesellschaft ist. Denken Sie darüber nach, Paypal von Ebay abzutrennen,
zum Beispiel in Form eines Börsengangs, um Paypal als unabhängige Gesellschaft
zu mehr Wachstum zu verhelfen?
Donahoe: Wir haben nur einen Händler auf der Welt getroffen, der Paypal
nicht akzeptiert, weil es eine Ebay-Gesellschaft ist. Das ist Amazon. Insofern
akzeptiere ich die Annahme nicht, Händler nutzten Paypal nicht, weil es zu Ebay
gehört. Paypals Geschäft ist im vierten Quartal um mehr als 50 Prozent gewachsen.
Also keine Trennung?
Donahoe: Ich bin ein Anhänger der Idee, sich zu konzentrieren. Denken
Sie an Skype. Ein fabelhaftes Unternehmen. Aber es gab keine Synergien mit Ebay
und Paypal. Also haben wir jetzt nur noch einen Anteil von 30 Prozent an Skype.
Und ich bin froh, dass Skype nicht an die Börse gegangen ist. Denn Skype
braucht noch einige Jahre als privates Unternehmen, um zu reifen und zu
wachsen. Paypal und Ebay haben aber viele Synergien. Paypal bekommt viele neue
Nutzer von Ebay und Paypal profitiert von der finanziellen Stärke von Ebay. Zum
Beispiel hat Ebay 2008 für 945 Millionen Dollar Bill Me Later übernommen. Das
hätte Paypal alleine nicht stemmen können.
Aber braucht Paypal Ebay auch in fünf Jahren noch?
Donahoe: Das weiß ich nicht. In der Frage bin ich sehr offen.
Viele Verleger suchen händeringend nach Mikro-Payment-Systemen,
um ihre Inhalte im Internet zu verkaufen. Warum mischt Paypal in dem Geschäft
nicht mehr mit?
Donahoe: Oh, das tun wir. Digitale Inhalte sind eine große Chance für
Paypal. Der Grund, warum Mikro-Payments bisher nicht funktionieren, liegt
darin, dass die Kreditkartenanbieter es nicht ermöglicht haben. Es ist zu
teuer. Paypal hat begonnen, mit Online-Spieleanbietern ein solches
Zahlungssystem aufzubauen. Wir arbeiten auch mit Verlegern am Aufbau eines
Online-Zahlungssystems. Wir werden in den kommenden drei, sechs oder zwölf
Monaten viele Innovationen auf diesem Feld sehen. Später im Jahr wird unser
Produkt auf den Markt kommen.
Ist das nicht zu spät? Im Moment versuchen andere Unternehmen
wie die Deutsche Telekom mit der Akquisition von Clickandbuy den Markt zu
besetzen. Von Paypal ist nichts zu sehen.
Donahoe: Sie werden Paypal sehen. Wir reden nicht, wir handeln. Auch
hier geht es vor allem um Innovationen. Ein Beispiel ist die iPhone-Applikation
„Deals". Sie zeigt die Auktionen, die in Kürze auslaufen. Sehr einfach nach
Kategorien sortiert - und sehr erfolgreich. Sieben Millionen Menschen haben
diese Applikation schon auf ihr iPhone geladen. Das ist Innovation, da es sehr einfach
funktioniert. Ebay ist groß und kompliziert zu nutzen. Diese
Applikation ist einfach und daher beliebt. Das ist Innovation. Oder Paypal
Bump. Mit dieser Applikationen lässt sich Geld sehr schnell transferieren. Wir
bringen sehr viele dieser Applikationen auf den Markt, machen aber nicht viel
Aufhebens darum. Einige setzen sich durch, andere nicht. Aber zurück zur Frage:
Ja, digitale Güter sind eine riesige Chance. Wenn wir etwas haben, was
funktioniert, werden wir darüber reden.
Wir erleben zurzeit viele Innovationen im E-Commerce.
Live-Shopping oder die Croupon-Welle sind Beispiele. Welche Innovationen haben
das größte Potential, werden sich durchsetzen?
Donahoe: Zuerst möchte ich einen Schritt zurück gehen. Der E-Commerce
steckt noch in seinen Anfängen, macht nur 5 Prozent des gesamten Handels in der
Welt aus. Wir glauben, dass der Online-Handel in den kommenden fünf bis sieben
Jahren 15 bis 20 Prozent des stationären Handels ausmachen wird. Die Grenzen
zwischen Online und Offline werden verschwinden. Die mobilen Anwendungen
bringen das Internet in die Läden, wenn ein Nutzer ein Produkt einscannt und
sofort den günstigen Online-Preis auf seinem Handy angezeigt bekommt.
Stichwort Handy. Wird das Einscannen eines Produktes und der
direkte Preisvergleich im Laden zum Standard?
Donahoe: Für einige Produkte sicher. Es passiert doch schon heute. Sicher
nicht beim Kauf einer Milchflasche, aber wenn ich eine 400-Dollar-Kamera kaufen
will? Dann muss der Käufer sich entscheiden, ob ihm die Beratung die 30 Dollar wert
ist, die das Produkt vielleicht teurer ist als im Internet. Aber mobile
Anwendungen haben definitiv großes Potential. Wir haben unsere
iPhone-Applikation im Dezember 2008 freigeschaltet. Im ersten Jahr betrug das
Handelsvolumen mit der iPhone-Anwendung 600 Millionen Dollar. In diesem Jahr
wird sich der Wert mehr als verdoppeln.
Wie wichtig sind Innovationen für Ebay?
Donahoe: Vor 24 Monaten war unsere Seite sehr stark auf Auktionen
ausgerichtet. Vor 18 Monaten musste jedes Produkt einzeln in die Datenbank
geladen werden. Das kann nicht funktionieren. Wir brauchten Inovationen, um
wieder konkurrenzfähig zu werden. Ich sehe Innovation als meine Hauptaufgabe.
Ich habe 50 der Top 100 Entwickler neu eingestellt. Aber wird sind noch lange
nicht am Ziel. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden noch signifikante
Änderungen folgen. Wir haben jetzt die Menschen, die Kultur und den Geist im
Unternehmen, um die nötigen Innovationen zu stemmen. Vor fünf Jahren dachten
unsere Mitarbeiter, auf einer Skala von 1 bis 10 hätte Ebay eine 12. Falsch.
Auf dieser Skala haben wir es jetzt von einer 2 zu einer 4 geschafft. Wir sind
jetzt doppelt so gut wie vor einem Jahr. Bis Ende 2010 möchte ich gerne die 8
erreichen. Bis dahin hat sich vielleicht die 10 schon wieder bewegt, weil
Wettbewerb und Innovation neue Standards gesetzt haben. Ich bin stolz auf das
Erreichte, aber weit davon entfernt, zufrieden zu sein.
Interview: Holger Schmidt / Fotos: Horst Wagner
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