Twitter erhöht das Tempo
18. April 2010, 00:36
Uhr
Für Zündstoff war reichlich gesorgt, als Twitter seine externen Entwickler zu seiner erstmalig
stattfindenden Konferenz „Chirp" nach San Francisco eingeladen hat. Denn
Twitter hatte sich kurz vor der Konferenz mitten hinein in das Geschäftsfeld
seiner Entwickler begeben und ihnen damit direkt Konkurrenz gemacht. Twitter
hatte nämlich seine eigene Applikation für den Blackberry herausgebracht und
auch den Entwickler Atebits gekauft, dessen populäres Twitter-Programm Tweetie
in „Twitter für iPhone" umgetauft und dann begonnen, die bislang
kostenpflichtige Anwendung zu verschenken. Kurz zuvor hatte Twitter-Investor Fred
Wilson in einem Blogbeitrag angekündigt, dass Twitter einige Basisfunktionen
künftig selbst anbieten könnte. Einen eigenen Linkverkürzer wird Twitter
ebenfalls in Kürze anbieten.
In den Augen vieler Entwickler hatte Twitter damit eine Kehrtwende
in seiner bisherigen Strategie eingeleitet. Der Kurznachrichtendienst versteht
sich nämlich als Plattform, die anderen Entwicklern nahezu alle Daten zur
Verfügung stellt, die damit eigene Applikationen bauen. Bekannte Applikationen
sind der Bilderdienst Twitpic, der Linkverkürzer Bit.ly oder Tweetdeck, das
viele erfahrene Twitterer lieber als die Twitter-Internetseite als tägliche Informationszentrale
nutzen. Mehr als 100.000 Applikationen haben Entwickler in aller Welt auf Basis
der Twitter-Daten programmiert. 60 Prozent aller Tweets werden in diesen externen
Applikationen geschrieben und 75 Prozent der Nutzerzugriffe werden von den
Applikationen beigesteuert, gab Twitter-Mitgründer Evan Williams auf der
Konferenz bekannt.

Die Entwickler haben also wesentlich zum schnellen Wachstum von
Twitter beigetragen und fühlten sich von den jüngsten Schritten vom eigenen
Plattform-Betreiber bedroht. Ihre Angst: Twitter fühlt sich nun groß genug und
braucht die Hilfe der externen Entwickler nicht mehr. Eigene Applikationen könnten
Twitter mehr Besucher zuführen und das Geldverdienen erleichtern - allerdings auf
Kosten der externen Entwickler.
Umso eifriger mussten die Twitter-Gründer Biz Stone und Evan
Williams sowie ihr Plattform-Chef Ryan Sarver versichern, wie wichtig ihnen das
Wohlwollen der Entwickler ist. Zum Beweis hatten
sie gleich mehrere neue Produkte im Gepäck, die den Entwicklern das Leben
erleichtern und neue Applikationen möglich machen. Zum Beispiel die User
Streams, mit denen Twitter seinen Entwicklern einen Herzenswunsch erfüllt,
nämlich den unlimitierten Echtzeit-Zugriff auf die Tweets. Bisher mussten die
Applikationen die Tweets oder Retweets bei Twitter „abholen", indem die
Applikationen automatisiert bei Twitter abfragen, ob neue Tweets vorliegen. Zwar
werden drei Milliarden Abfragen täglich an Twitter gestellt, doch die Zahl ist
für jede einzelne Applikationen begrenzt. Deshalb tauchen die Tweets fast immer
mit einer Zeitverzögerung in den Applikationen wie Tweetdeck auf - in einem
Echtzeitmedium ein nicht zu unterschätzender Nachteil gegenüber der
Twitter-Internetseite. Diesen Nachteil soll es bald nicht mehr geben. „Kein
Tempolimit, kein Warten, kein Abholen mehr", sagte Ryan Sarver, denn die neue
Technik soll die Tweets künftig direkt und ohne Zeitverzögerung von Twitter zu
den Applikationen transportieren.
Doch Twitter hatte für seine aufgeregten Entwickler noch mehr im
Gepäck. Künftig sollen die Entwickler den Tweets weitere Daten anhängen können,
zum Beispiel über den Ort, an dem der Tweet geschrieben wurde. „Diese
Annotationen sind bei weitem das Interessante von Twitter auf der Chirp-Konferenz.
Darüber werden wir noch Jahre reden", twitterte Robert Scoble, einer der
bekanntesten Technik-Blogger in den Vereinigten Staaten. Twitter will allerdings
keine Vorgaben machen, welche Daten angehängt werden, sondern die Wahl den
Entwicklern überlassen.
Twitter gab auf der Konferenz auch weitere Details seiner schon
vorher angekündigten @Anywhere-Strategie bekannt, die - ähnlich wie Facebook
Connect - Funktionen auf viele Internetseiten verteilen kann. Seitenbetreiber
können Twitter-Boxen leicht integrieren, was Inhalte des
Kurznachrichtendienstes auf vielen Seiten im Web auftauchen lassen könnte.
Twitter kündigte auf der Konferenz auch die Funktion „Places" an,
die ebenfalls Tweets mit dem Ort verknüpft. Vermutungen, Twitter wolle mit
dieser Funktion die ortsbezogenen Dienste Foursquare oder Gowalla angreifen,
wies Williams zurück. „Wir duplizieren nicht die Funktionen von Foursquare oder
Gowalla. Wenn jemand über einen Ort twittert, ist das zwar eine Art des
Eincheckens, aber wir sind mehr am Inhalte über den Ort interessiert", sagte
Williams. Auf Foursquare und Gowalla teilen die Nutzer ihren Freunden ihren Aufenthaltsort
mit, indem sie dort „einchecken" und Informationen über diesen Ort
hinterlassen.
Williams gab auf der Konferenz auch Zahlen zur Größe von Twitter
bekannt. Die bisher bekannten Nutzungszahlen der Seite Twitter.com sagen wenig
über die Gesamtnutzung aus, da 75 Prozent der Nutzung in den Applikationen
stattfindet. Auf Twitter haben sich nach Angaben von Williams bisher 106
Millionen Menschen registriert. Twitter.com habe 180 Millionen Besucher im
Monat, was Rang 11 in der Weltrangliste der Internetseiten bedeutet würde.
300.000 Nutzer registrieren sich täglich neu.
Watch live video from Twitter Chirp Conference on Justin.tv
_________________________________________________________________________________________