Flipboard: Das Social-Media-Magazin der nächsten Generation
21. Juli 2010, 18:05
Uhr

Die Schönheit und Einfachheit des gedruckten Magazins mit der
Kraft von Social Media verbinden. Mit diesem Ziel hat das kalifornische
Unternehmen Flipboard eine interessante iPad-App entwickelt, die gerade im Web für
Schlagzeilen sorgt. Das Neue an Flipboard: In einer magazinähnlichen Aufmachung
werden nicht Links gezeigt, sondern die Fotos, Videos oder Texte, auf die Links
verweisen. Die Nutzer sehen also keine chronologisch sortierten Linklisten wie
auf Twitter, sondern gleich die schön aufbereiteten Inhalte. Das eigentlich Spannende daran sind aber die im Hintergrund arbeitenden semantischen Verfahren, die Inhalte nach persönlicher Relevanz sortieren.
„Mit mehr als 1 Milliarde Nachrichten, die jeden Tag
verbreitet werden, haben sich soziale Netzwerke schnell als primärer Weg zum
Entdecken und Verteilen von Inhalten im Internet etabliert. Allerdings müssen
sich die Menschen durch eine Flut eingehender Nachrichten und Links auf
verschiedenen Websites durcharbeiten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die
zeitlosen Prinzipien des Gedruckten können soziale Medien weniger laut und der Allgemeinheit
besser zugänglich machen", sagte Mike McCue, der CEO von Flipboard, zur Kombination von Social Media und einem Magazin.
Die Inhalte können aus drei Quellen kommen: Aus den Posts
der Freunde auf Facebook oder Twitter, deren Inhalte in Echtzeit auf dem iPad
gezeigt werden. Stellt also ein Freund ein neues Urlaubvideo auf Facebook ein,
erscheint das Video zeitgleich auch in der App. Das gilt auch für aufgelöste getwitterte
Links. Flipboard importiert einige Absätze und Fotos, leitet zum Lesen des ganzen
Artikels aber auf die Originalquelle weiter. Konflikte mit den Betreibern der
Inhalteseiten sind wohl zu erwarten. „Für die Anbieter dieser Inhalte im Internet sind allerdings Fragen des Urheberrechts und des Leistungsrechtsschutzes zu klären“, heißt es beim Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Flipboard leite die Nutzer auch auf Inhalte von Online-Zeitungen weiter, was für diese durchaus positiv sei. „Auf alle Fälle wird damit die Herausforderung an die Verlage, Qualitätsinhalte zu produzieren und zu verkaufen und zwar gedruckt, online und mobil nicht geringer“, sagte eine Sprecherin des Verbandes.
Bei der Menge des angezeigten Inhalts orientiert sich Flipboard nach Angaben von McCue am Umfang des
RSS-Feeds des Mediums: Wenn ein Medium in seinem RSS-Feed nur eine oder zwei Zeilen
transportiert, werden auch nur diese Zeilen angezeigt. Wer den ganzen Text
lesen will, muss auf die Website des Inhalteproduzenten wechseln. Die Seite hat
Flipboard bereits zwischengespeichert, um eine schnelle Anzeige zu ermöglichen. Wer
aber den Volltext per RSS-Feed ausgibt, von dessen Inhalt zeigt Flipboard dann mehrere Absätze an,
um einen besseren Eindruck vom Text zu ermöglichen. Den Volltext gibt es auch
nur auf der Website des Anbieters.
Interview von Robert Scoble mit dem Flipboard-Gründer Mark McCue:
Die Nutzer können sich auch Kategorien einrichten, in denen
es sich um Themen oder Personen drehen kann. Flipboard schlägt Kategorien vor,
deren Inhalte von einer Redaktion ausgewählt werden. Dazu hat die Redaktion
Twitter-Listen erstellt, die bekannte Quellen (Zeitungen, Zeitschriften,
Magazine) aggregiert und deren Inhalte anzeigt. Zudem können die Nutzer neue
Kategorien einrichten, indem sie nach Themen oder Personen suchen. Allerdings
sind die Personalisierungsmöglichkeiten noch nicht bis zum Ende ausgereift. Auch
lassen sich die Inhalte in der aktuellen Version nur lesen, wenn eine
Internetverbindung besteht. In einer künftigen Version ist daher auch ein Offline-Modus
vorgesehen.
Um relevante Inhalte herauszufiltern, hat Flipboard das
Start-up Ellerdale übernommen, das eine semantische Suchmaschine entwickelt
hat. Ellerdale gehört zu den „Firehouse"-Partnern von Twitter, bekommt also wie
Google oder Bing alle Tweets übermittelt. Ellerdale versucht, aus den Tweets
nicht nur Schlagworte oder Personen herauszufiltern, sondern Themen mit Hilfe
semantischer Verfahren zu identifizieren. Wie gut das gelingt, kann auf trends.ellerdale.com
besichtigt werden. Die Suchergebnisse werden weit besser aufbereitet als von
Twitter selber. Zudem werden Suchergebnisse von Wikipedia, RSS-Feeds und aus
dem Web berücksichtigt.
Flipboard könnte das Problem lösen, von Freunden empfohlene
Inhalte lesegerecht aufzubereiten, ohne jeden Link anklicken zu müssen. Mit
Vorsicht hat sich Flipboard auch daran gewagt, die Inhalte zu sortieren. „Die
Zahl der Retweets eines Inhaltes ist ein zentrales Kriterium für die Relevanz. Auch
das Ausmaß der Interaktion ist ein Relevanzkriterium", sagte McCue. Allerdings
basiere der Algorithmus in diesem frühen Stadium noch vorwiegend auf der Zeit. Um
die Relevanz zu erhöhen, kann sich Flipboard Kooperationen mit Unternehmen wie Skygrid
und Klout vorstellen, die ebenfalls Algorithmen zur Messung der Relevanz der
Social-Media-Inhalte entwickelt haben. „Wir müssen Rankingalgorithmen
entwickeln, um die Inhalt im Social Web leichter verdaulich zu machen", sagte
McCue.
Als Geschäftsmodelle setzt Flipboard auf Werbung und
Abo-Modelle. Beim Werbemodell scheint der Streit mit den Inhalteanbietern vorhersehbar zu sein, denn Flipboard will Werbung um die Inhalte anderer Unternehmen herum plazieren. McCue setzt aber auch auf Bezahlinhalte. „Wir können uns vorstellen, dass die Inhalteproduzenten ein
Interesse haben, wenn ihre Artikel angezeigt werden. Und die Nutzer könnten
dann zum Beispiel 1 Dollar je Monat an die Inhaltelieferanten ihrer Wahl zahlen",
sagte McCue. Modelle wie Flipboard könnten die Pläne der Verlage durchkreuzen, ihre elektronischen Produkte per Abo auf dem iPad zu monetarisieren. Statt ganzer Produktbündel aus einem Verlag suchen sich die Flipboard-Nutzer nur einzelne, von ihren Freunden empfohlene Texte aus. Die Verlage müssten dann Modelle entwickeln, einzelne Artikel zu vermarkten und endgültig Abschied nehmen vom heute vorherrschenden Modell, Bündel zu schnüren.
Noch gibt es Flipboard nur für das iPad. Bald sollen auch
Versionen für Smartphones kommen, allen voran für das iPhone. McCue outete sich
als Apple-Fan. Alle anderen Hersteller seien weit zurück im Vergleich zu Apple.
Fazit: Sehr coole App., die die Schönheit eines Magazins mit den Vorteilen eines persönlichen Newsaggregators verknüpft. Social Media für den Massenmarkt. Und endlich ein echter Grund, ein iPad zu kaufen.

Link: Der menschliche Algorithmus - wie Relevanz im Social Web gemessen wird.
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