Wie aus Twitters Problem ein „Google News 2.0" werden könnte
04. September 2010, 23:05
Uhr
Vorbemerkung: Twitter ist ein geniales Tool, um
Informationen zu verbreiten und Informationen zu bekommen. Kein anderes
Instrument erlaubt es, Nachrichten mit Hilfe der Retweets der Leser so schnell
in alle Ecken des Internet zu verbreiten und sie zu bewerten. Vor allem für
Medienunternehmen ist Twitter die Chance, sehr schnell eine große Reichweite
für ihre Geschichten zu bekommen. Noch besser: Twitter bietet Medienunternehmen
die Chance, den Informationsfluss mit
organisieren zu können und im nachrichtenlastigen Social Web weiterhin eine
wichtige Rolle spielen zu können. (Übrigens ist die Chance größer als auf
Facebook, das weniger offene Schnittstellen zur Verfügung stellt, den Traffic
auf seiner Seite halten will und entsprechend stärker reglementiert.)
Das Problem: Twitter könnte den Massenmarkt nicht erreichen, weil es für die Mehrheit der Menschen weiterhin
schwer zugänglich und zeitaufwendig ist. Die eigene Timeline ist für viele
Journalisten, PR-Schaffende, Kommunikatoren oder generell
nachrichteninteressierte Menschen (vor allem für Technik-Themen) eine
unerschöpfliche Quelle stets neuer, spannender Informationen geworden. Was die
Newsjunkies an Twitter so lieben, nämlich die Information in Echtzeit von
Menschen zu bekommen, deren Meinung ihnen wichtig ist, ist für die Mehrheit der
Menschen in dieser puristischen und rastlosen Form kein praktikables Modell. Denn
wer kein stark ausgeprägtes Interesse an Nachrichten hat, für den hält Twitter keine
bequemen Zugänge bereit. Wer die Timeline einmal sechs Stunden aus den Augen
lässt, hat die guten Geschichten eben schnell verpasst. Das Problem besteht vorwiegend auf der Nachfrageseite. Die Angebotsseite, also Twitterer, die gute Informationen einspeisen, gibt es inzwischen auch in vielen Themen außerhalb des Technik/Media/Social Media-Schwerpunktes.
Die Lösung: Twitter braucht Aggregatoren, lernende Filter und Algorithmen,
um den rastlosen Informationsstrom für den Massenmarkt aufzubereiten. Diese
Aggregatoren, Filter und Algorithmen müssen zum Beispiel folgende Fragen beantworten:
- Welche Nachrichten haben meine Freunde in den vergangenen 1,3,6,
12 oder 24 Stunden am meisten interessiert und welche haben sie kommentiert? (Social
Graph)
- - Wer sind die angesehenen Meinungsmacher in den Themen, die
mich interessieren und welche Informationen haben diese Meinungsmacher
aufgegriffen, diskutiert und weiterverbreitet? Dieser Aspekt geht über den Social Graph weit hinaus, da Daten über die Reputation notwendig sind.
- - Welche Geschichten sind bei Menschen mit gleichen Interessen
auf Resonanz gestoßen und haben eine Resonanzschwelle überschritten, könnten
also auch für mich interessant sein?
Wer diese Fragen beantwortet, hat den Schlüssel in der Hand,
um im Social Web die Nachfrageseite des Nachrichtengeschäftes zu organisieren
(bevor Google oder Facebook es tun. Deren
Erfolg beruht ebenfalls darauf, die Nachfrageseite (Suche nach Information,
Wunsch nach Kommunikation) bestmöglich bedient zu haben). Auf diese Weise
aufbereitet, kann Twitter schnell den Massenmarkt erschließen.
Das Gute daran: Die Bausteine, die für solche Lösungen
gebraucht werden, sind vorhanden. Sie werden teilweise von Twitter und auch
Facebook in Form der offenen Schnittstellen (API) selbst zur Verfügung
gestellt. Wer die „Retweet-API" anzapft, kann auch außerhalb von Twitter sehen,
welche Geschichten auf Interesse stoßen. Auch Facebook ist offen genug, um
außerhalb der Plattform anzeigen zu können, welche Geschichten meinen Freunde
gefallen und von ihnen kommentiert werden. Das Instrumentarium ist also
vorhanden. Genutzt wird es erst in Ansätzen. Angebote wie Flipboard, TwitterTim.es
oder Hourlypress.com gehen in diese Richtung, bleiben aber auf halbem Wege
stehen, da sie nur den Social Graph abbilden können. Der Markt ist also noch offen und es gibt keinen Grund, auch dieses
Thema wieder freiwillig den Amerikanern zu überlassen, denn anders als die
Suche oder die Kommunikation besitzt das
Nachrichtengeschäft eine starke lokale/nationale Komponente. Das soziale (und bessere) „Google
News 2.0" muss nicht aus Mountain View oder Palo Alto kommen.
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