"Social Media wird in allen Unternehmen selbstverständlich sein"
20. September 2010, 14:21
Uhr
Der Computerbauer Dell gehört zu den Pionieren in den sozialen Medien und verkauft sogar Computer per Twitter. Doch für Manish Mehta, der das Social-Media-Engagement von Dell verantwortet, sind die sozialen Medien weit mehr als ein Vertriebskanal. "Social Media zieht sich bei Dell durch das ganze Unternehmen", sagt Mehta. Er legt große Hoffnungen auf den Social Commerce. "In einigen Jahren ist Social Media ein Tool, das in jedem Unternehmen eingesetzt wird", sagte Mehta im FAZ-Interview.
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Dell gilt als Pionier in den sozialen Medien, der sogar
Computer per Twitter verkauft. Verraten Sie, wie das funktioniert?
Dell hat zwei Vorteile: Wir haben von der Gründung des
Unternehmens an direkten Kontakt mit Endkunden. Und der zweite Vorteil: Seit
1995 sind wir im Internet aktiv. Wir haben eine große E-Commerce-Seite und wir
stehen im Web in Kontakt mit unseren Kunden. 2006, mit dem Aufschwung der
sozialen Medien, haben wir begonnen, unseren Kunden zuzuhören. Das ist mein
erster und wichtigster Rat: Hören Sie auf Ihre Kunden. Hören Sie allen
Unterhaltungen zu, die über Ihr Unternehmen oder Ihre Produkte geführt werden.
Möglicherweise werden Sie zuerst denken, die Unterhaltung in einem sozialen
Netzwerk ist nicht wertvoll, ein Blogeintrag sei nicht signifikant. Aber was
Dell beobachtet hat: Dort engagieren sich ihre Kunden heute - und sie
verbringen weniger Zeit auf ihrer Unternehmensseite.
Zuhören oder beobachten ist einfach, gewinnbringende
Interaktion fällt den meisten Unternehmen aber schwer. Was sollten sie tun?
Beim Zuhören wird meist klar, wie ein Unternehmen sich
engagieren sollte. Das Engagement sollte sich nicht nur auf das Marketing
konzentrieren, sondern tief ins Unternehmen hineingehen. Dells Ingenieure
stehen in Kontakt mit Endkunden und entdecken dabei viele neue Produktideen,
Funktionen oder Qualitätsaspekte, die in neue Produkte einfließen. Jedes
Unternehmen und jede Marke kann von einem Engagement in den sozialen Medien
profitieren.
Die meisten Unternehmen beginnen aber mit dem Einsatz von
Social Media im Marketing. Ein Fehler?
Nein, Social Media lässt sich in vielen Bereichen sinnvoll
einsetzen. Dazu zählt natürlich auch das Marketing. Wer ein Produkt kaufen will
und sich dazu mit einem Experten oder Freund austauschen kann, ist einfacher
vom Kauf zu überzeugen. Wenn ein Kunde einen Tweet sendet oder in sein Blog
schreibt, dass er nicht zufrieden ist mit seinem Dell-Computer, dann gibt es
spezielle Teams bei Dell, die solche Äußerungen finden und mit den Kunden
Kontakt aufnehmen, um das Problem zu lösen. Social Media zieht sich bei Dell
durch das ganze Unternehmen.
Viele Unternehmen in Deutschland suchen nach internen
Richtlinien, um den internen Social Media Wildwuchs einzudämmen und in
geordnete Bahnen zu lenken. Wie lässt sich Social Media sinnvoll reglementieren?
Bei Dell haben wir 800 aktive Nutzer identifiziert, die im
Auftrag des Unternehmens offiziell twittern oder bloggen. Gerade haben wir
zudem 1000 Mitarbeiter in der Social-Media-Universität von Dell trainiert. Dort
lernen sie, wie man mit Kunden kommuniziert. Wenn sie das Medientraining
absolviert haben, dürfen sie frei mit Kunden in den sozialen Medien
kommunizieren. Die Vision ist: Wir stellen jedem Mitarbeiter ein Radio auf den
Schreibtisch, damit er die für ihn relevanten Kundengespräche im Social Web
hört.
Nun hat Dell schon einige Jahre Erfahrung sammeln können und
erst jetzt trainieren Sie die Mitarbeiter. Herrschte in den ersten Jahren der
wilde Westen?
Ja, ein klein wenig schon. Wir haben aber schon früh klare
Richtlinien erlassen, was die Mitarbeiter im Social tun oder lassen sollen, zum
Beispiel einen Blogger nicht dafür zu bezahlen, im Auftrag des Unternehmens zu
schreiben. Zudem mussten die Mitarbeiter von Anfang an offenlegen, dass sie von
Dell kommen. Den wilden Westen hatten wir recht schnell gezähmt.
Welchen Fehler sollten Unternehmen nie machen?
Intransparent zu sein. Wer eine Geschichte aufbaut oder
Meinungsmacher für sich einspannen will, ohne transparent zu sein, ist ganz
schlecht beraten. Wenn ein Fehler passiert, sollte man ihn zugeben und demütig
sein. Bei allem muss man natürlich die Geschäftsgeheimnisse des Unternehmens
wahren. Diese Balance ist nicht immer einfach. Manchmal denken die Menschen,
Transparenz bedeutet, auch alle Geheimnisse des Unternehmens zu verraten. Das
ist natürlich nicht so.
Wie reagieren die Menschen?
Wenn wir zum Beispiel mit einem Blogger, der negativ über
uns geschrieben hat, Kontakt aufnehmen, ist er oft überrascht, dass ein so
großes Unternehmen wie Dell den Austausch mit ihm sucht. Oft wird aus einer
negativen Berichterstattung dann eine positive.
Wie viele Menschen erreicht Dell im Social Web? Reicht es,
nur die Meinungsführer zu erreichen?
Nun, ein Unternehmen unserer Größe kann nicht jeden
erreichen und jedem eine Antwort geben. Wir haben natürlich die Meinungsmacher
im Auge, also die Menschen mit vielen Followern auf Twitter oder Fans auf
Facebook. Wir haben den „Ripple-Effekt", der von solchen Leuten ausgehen kann,
verstanden. Die Zahl dieser Meinungsmacher ist überschaubar; aber die Zahl der
Menschen, die sie erreichen können, geht in die Millionen. Also haben wir
ausgebildete Leute, die in neun Sprachen in aller Welt diese Meinungsmacher und
ihre Unterhaltungen im Auge behalten.
Wie hat Dell die Social-Media-Zuständigkeiten organisiert?
Wir haben 17 Abteilungen wie Produktion, Marketing oder
Services, die mit Social Media zu tun haben. Sie alle nehmen an einem Rat teil,
der von mir geleitet wird. Wir treffen uns jede Woche. Dabei gilt die Devise:
Die Strategie wird in der Zentrale festgelegt, aber jede Abteilung hat die
Möglichkeiten, eigenverantwortlich in die Tiefe zu gehen.
Welche Abteilung profitiert am meisten vom Engagement in den
sozialen Medien? Gibt es eine Rangliste?
Das hängt von der Art des Unternehmens ab. Generell gilt:
Jede Abteilung, die Berührungspunkte mit den Kunden hat, sollte sich in den
sozialen Medien engagieren.
Was sollten B2B-Unternehmen tun, die nicht direkt mit
privaten Endkunden in Kontakt kommen?
Die große Chance für B2B-Unternehmen ist der Aufbau von
Communities, in denen Fachleute aktiv sind, die bei der Lösung von Problemen im
Unternehmen oder auch Kundenanfragen helfen können. Dieses Instrument kann
unglaublich mächtig sein. Natürlich können auch Twitter oder Facebook sinnvoll
eingesetzt werden, aber Communities sind am besten geeignet. Hiermit lassen
sich die wertvollsten Kontakte generieren.
Dell ist eines der wenigen Unternehmen, das über Twitter
direkt Produkte verkauft. Ist das nicht mehr eine PR-Aktion als ein
nennenswertes Geschäft?
Wir setzen auf Social Commerce. Twitter war nur ein früher
Schritt in diese Richtung. Heute sind wir viel breiter aufgestellt. Es gibt
großes Potential, soziale Elemente in jeden Bereich unserer Website Dell.com
einzubauen. Wer zum Beispiel nach einem Laptop sucht, wäre froh, jemanden nach
seiner Meinung fragen zu können, der diesen Computer schon besitzt. Oder einen
Freund zu fragen oder nur zu sehen, was andere mit diesem Laptop getan haben.
Unsere Vision ist, Social Media in bestehende Commerce-Lösungen zu integrieren.
Wir wollen soziale Medien in jedem Aspekt unseres Geschäftes einbringen.
Senkt das Engagement in den sozialen Medien die Kosten für
klassisches Marketing oder Kundenservice?
Wir sehen einige frühe Anzeichen dafür. Es kommen weniger
Anrufe herein und Informationen des Marketings verbreiten sich schnell von
allein weiter. Aber wir stecken noch in einer sehr frühen Phase. 1996 hätte
auch niemand gedacht, dass der Verkauf im Internet ein so großer Teil unseres
Geschäfts werden würde. Heute verkaufen wir Computer für mehrere Milliarden
Dollar im Internet. Ich sehe die gleiche Dynamik im Social Web.
Wie messen Sie den Effekt ihrer Investitionen, den ROI?
Wir verfolgen zurück, woher die Nutzer unserer Internetseite
kommen. Wenn viele Nutzer von Linkedin zu Dell kommen, schauen wir uns Linkedin
genauer an und beginnen, uns dort stärker in die Unterhaltungen einzuschalten.
Das ist eine sehr effektive Möglichkeit, mehr Kunden auf unsere Internetseite zu
bekommen und damit Geschäft zu generieren. Messungen dieser Art nehmen wir an
vielen Stellen vor. Wir beobachten, dass Social Media zu Einsparungen im
anderen Online-Bereichen wie in klassischen Offline-Beziehungen führt.
Social Media als "heiliger Gral" des Marketings?
Nein, nur ein Instrument von vielen. Es hängt davon ab, wie
effektiv ihre Suchmaschinenoptimierung ist, wie gut andere Paid-Media-Formen
funktionieren und ob die Mundpropaganda gut läuft. Man muss den besten Einsatz
aller Instrumente finden.
Ist Social Media am Ende billiger als
Suchmaschinenoptimierung oder andere Formen des Marketings?
Heute ist Social Media billiger, weil sich nur wenige
Mitarbeiter damit beschäftigen, aber viele Menschen erreicht werden. Das kann
sich aber ändern, wenn Social Media ein Stück Normalität geworden ist.
Macht Social Media andere Formen der Werbung überflüssig?
Nein, es wird ein Gleichgewicht zwischen "Owned-Media"
(der eigenen Internetseite), "Paid Media" (gekaufte Werbung) und
"Earned Media" (Social Media) geben. Wir werden eine bessere
Integration zwischen diesen Formen sehen. Ich erwarte, dass wir eine
Verschiebung von "Paid Media" zu den beiden anderen Formen sehen
werden. Wir aber viel Geld für Social Media ausgibt, aber die Verknüpfung mit
den anderen Marketing-Kanälen unterlässt, wird wenig Erfolg haben. Die
Vorstellung, ganz auf "Paid Media" zu verzichten, ist unrealistisch.
Wie wichtig ist der kulturelle Wandel im Unternehmen
und wie wichtig ist ein Vorstandsvorsitzender, der voll hinter dem Projekt
steht?
Michael Dell und sein Management-Team sind starke
Befürworter.
Ist das zwingend notwendig?
Für viele Unternehmen ist eine Top-Down-Unterstützung sehr
wichtig. In einigen Unternehmen entwickelt sich Social Media auch von unten,
aber dann dauert es meist viel länger. Wenn das Top-Management risikoavers ist,
wird das Ausmaß der Dinge, die man mit Social Media machen kann, natürlich
beschränkt. Dell hat beides: Viele engagierte Mitarbeiter und volle
Unterstützung des Top-Managements. Das ist die beste Voraussetzung für die
nächste Stufe, Social Media tief ins Unternehmen voranzutreiben. Ein
kultureller Wandel ist Unternehmen braucht aber Zeit. Aber in einigen Jahren
wird Social Media ein Tool, das in allen Unternehmen selbstverständlich ist.
Links zum Einsatz vom Social Media in Unternehmen:
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