Trafficlieferanten der Medien: Facebook gewinnt, Google verliert
29. März 2011, 08:50
Uhr
Roland Tichy,
Chefredakteur der Wirtschaftswoche, ist auf dem Kurznachrichtendienst Twitter
aktiv. Wolfram Weimer,
Chefredakteur des Focus, bevorzugt ebenso wie Claus Strunz vom Hamburger
Abendblatt das soziale Netzwerk Facebook. Christian Lindner, Chefredakteur der
Rhein-Zeitung, ist als der Social-Media-Pionier unter den Chefredakteuren in
Deutschland für seine Zeitung auf Twitter und Facebook tätig. Ihr
gemeinsames Ziel: Mit ihren Artikeln und Kommentaren dort präsent zu sein, wo
die Internetnutzer sind. Seitdem diese den Großteil ihrer Online-Zeit auf den
Seiten der sozialen Medien verbringen, drängen auch die klassischen Medien und
ihre Journalisten dorthin. Die ersten Erfolge sind jetzt sichtbar: Medienseiten
wie die New York Times, Spiegel, Focus, Bilde und F.A.Z. haben den Anteil der
Besuche auf ihrer Internetseite, die direkt von Facebook kommen, in den
vergangenen zwölf Monaten zwischen 130 und 470 Prozent erhöht, hat eine Analyse
des Marktforschungsunternehmens Comscore
für die FAZ ergeben hat. Besonders gut ist die Bild-Zeitung vernetzt:
Knapp 10 Prozent der Besuche auf Bild.de kommen inzwischen direkt von Facebook.
Dazu kommen die Leser von Twitter, deren Zahl sich aber nicht genau bestimmen lässt,
da die meisten Intensivnutzer nicht die Seite Twitter.com nutzen, sondern
Anwendungen wie Tweetdeck oder Seesmic.
Mit dem Aufstieg der sozialen Medien scheint auch die Bedeutung
der Suchmaschine Google als Leserlieferant ein Stück weit zu sinken. Der Anteil
der Besuche, der von Google generiert wurden, ist auf den Seiten von Spiegel,
Focus und FAZ.NET in den vergangenen zwölf Monaten zurückgegangen. Das gilt
auch für Google News, Googles Aggregator für rund 700 Nachrichtenquellen, der
in Deutschland ohnehin nur eine geringe und weiter sinkende Rolle spielt als
Leserlieferant für die Medien spielt.


Das Ergebnis, dass Facebook für die Medienseiten wichtiger und Google gleichzeitig unwichtiger wird, deckt sich mit einer vergleichbaren
Untersuchung in den Vereinigten Staaten. Dort hat Citigroup-Analyst Mark
Mahaney den gleichen Effekt für Seiten aus den Branchen Medien und
Gesundheit errechnet. In allen anderen Branchen ist die Bedeutung von Google
für die Nutzergewinnung im vergangenen Jahr aber gestiegen, hat Mahaney
ebenfalls auf Basis von Comscore-Daten herausgefunden. Einen generellen Trend,
dass Facebook Google als Nutzerlieferant verdrängt, scheint es nach diesen
Zahlen zumindest also nicht zu geben. Das mag auch daran liegen, dass Facebook
versucht, die Nutzer eher auf den eigenen Seiten zu halten, während Google
primär versucht, den Nutzer möglichst schnell zur passenden Fundstelle im Netz weiterzuleiten.
Obwohl Google mehr Nutzer als Facebook hat, verbringen die Europäer auf den
Seiten des sozialen Netzwerkes die meiste Zeit, nämlich 12 Prozent ihrer gesamten
Online-Zeit. Damit hat Facebook in diesem Jahr erstmals Google überholt. Die
Suchmaschine, die lange Zeit unangefochten die Spitzenposition eingenommen hat,
ist nach Comscore-Messungen mit einem Anteil von 10 Prozent auf Rang zwei
abgerutscht.
Die Medien speisen heute fast alle Artikel in die
Nachrichtenströme auf Facebook und Twitter ein. Amerikanische Medien wie die
New York Times oder CNN haben zwischen ein und zwei Millionen Fans auf
Facebook, die dort über die Artikel diskutieren und sie mit einem Klick auf den
„Like"-Button (in Deutschland: „Gefällt mir")
ihren Facebook-Freunden als Lektüre empfehlen. Die New York Times hat
damit den größten Erfolg: In einem Dreimonatszeitraum haben die Facebook-Nutzer
6,8 Millionen Mal Artikel der Zeitung auf Facebook ihren Freunden empfohlen,
wie Forscher der Yahoo Labs in ihrer „Like
Log Study" ermittelt haben. Damit führt die Zeitung die Rangliste der 45
populären Nachrichtenseiten an. Auf die zweite Stelle hat es die britische BBC
geschafft. Die Geschichte mit dem meisten „Likes" stammt aber aus dem Wall
Street Journal: „Why
Chinese Moms are superior", ein Bericht über chinesischen Mutter über die
harte Erziehung ihrer beiden Töchter, gefiel 340000 Nutzern auf Facebook.
Eine wichtige Erkenntnis aus der Analyse der Nutzerbewertungen: Rund
die Hälfte des sozialen Engagements einer Seite entfällt auf nur eine
Geschichte am Tag. „Heute meinen viele Herausgeber, eine hohe Publikationsfrequenz
sei der Schlüssel zum Erfolg. Das Gegenteil ist der Fall: Die Nutzer bevorzugen
Tiefe statt Breite; lieber eine Geschichte in allen Facetten erzählt als viele
Geschichten oberflächlich" lautet eine Schlussfolgerung der Forscher. Eine
weitere interessante Erkenntnis: In den Top-40-Artikel befinden sich nur vier
politische Nachrichten. Die meisten Beiträge, die ein „Like" bekommen, sind Kommentare
oder Hintergrundanalysen. Und eine weitere Erkenntis: Drei Viertel des sozialen
Engagements in den beiden Echtzeit-Medien konzentriert sich auf den ersten Tag
des Erscheinens.
Deutsche Medien sind von den Zahlen der Amerikaner noch weit
entfernt, auch weil Facebook hierzulande erst vergleichsweise spät gewachsen
ist, aber immerhin jetzt auf 17 Millionen Nutzer kommt. Bild und Spiegel haben
inzwischen die Marke von 100000 Fans überschritten; viele andere Medien haben immerhin
fünfstellige Fan-Zahlen. Facebook testet inzwischen eine eigene Suchfunktion
für Nachrichten, was die Aufmerksamkeit zusätzlich erhöhen könnte.
Mehr Engagement legen die Amerikaner aber zur Zeit auf Twitter. Der
Fernsehsender CNN bringt es auf vier Millionen Follower; die New York Times hat immerhin drei Millionen
Follower, die ihre Nachrichten abonniert haben. Alle vier Sekunden wird ein
Link auf einen Artikel der New York Times retweetet, also von einem Nutzer den
eigenen Followern zur Lektüre empfohlen. Diese Retweet-Ranglisten
werden von Medienseiten wie New York Times, CNN oder Technikblogs wie Mashable
und Techcrunch dominiert. Persönlichen Empfehlungen gelten als bestes
Marketing-Instrument im Social Web, weil sie von einem Freund oder einer
geachteten Person und nicht von einem Unbekannten kommen. Daher sind nicht nur die Medienmarken,
sondern auch einzelne Journalisten der
Zeitung wie der Tech-Kolumnist David
Pogue auf Twitter aktiv. Pogue hat auf Twitter mehr als eine Million
Follower und gehören zu den Top-Inhaltelieferanten in dem Kurznachrichtendienst.
Deren Zahl ist auf Twitter relativ gering: Die Hälfte aller 140 Millionen Tweets
am Tag stammt von nur 20000 Nutzern, hat eine gemeinsame Studie der Cornell Universität und
Yahoo Research ergeben. Twitter hat damit eher den Charakter eines
Nachrichtenverteilers als eines sozialen Netzwerkes, da sich nur 21 Prozent der
Nutzer gegenseitig folgen, wie eine Studie am
koreanischen Forschungszentrum Kaist ergeben hat.
Wie man Facebook und Twitter richtig nutzt, können sich die Medien
übrigens bei Teenie-Idol Justin Bieber abschauen. Knapp 8,5 Millionen Follower
auf Twitter und 24 Millionen Fans auf Facebook sorgen dafür, dass seine
Internetseite Justinbiebermusic.com in Amerika 8,4 Prozent seiner Besucher von
Twitter.com und 8,9 Prozent von Facebook erhält.
The Like Log Study from Yury Lifshits on Vimeo.
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