Xing-Chef Groß-Selbeck: "Wir suchen Akquisitionsobjekte"
07. Juni 2011, 21:12
Uhr
Das Online-Geschäftsnetzwerk Xing will dem amerikanischen Weltmarktführer Linkedin mit einem anderen Geschäftsmodell und Akquisitionen Paroli bieten. Um zu verhindern, dass Xing wie Studi VZ vom Wettbewerber überrollt wird, konzentriert das Netzwerk alle Kräfte auf Deutschland. Doch auch der deutsche Markt wird härter, da Linkedin unter dem neuen Europa-Chef Ariel Eckstein in Deutschland zum Angriff bläst. Das FAZ-Interview mit Xing-CEO Stefan Groß-Selbeck über seine Abwehrstrategie.

Ihr schärfster Wettbewerber Linkedin hat ein beachtliches Debüt an
der Börse hingelegt. Sind Sie neidisch?
Groß-Selbeck: Nein. Der Xing-Aktienkurs ist im vergangenen halben Jahr von
etwa 30 auf zirka 55 Euro gestiegen. Im Umfeld des Börsengangs unseres
Wettbewerbers werden auch mehr Xing-Aktien gehandelt. Die Aufmerksamkeit für
unsere Aktie steigt.
Die zent
rale Frage lautet aber: Wie will Xing es schaffen, dem
Schicksal von Studi VZ zu entgehen, vom amerikanischen Weltmarktführer in
Deutschland überrollt zu werden?
Groß-Selbeck: Zunächst ist unsere Ausgangsposition besser. Wir haben mehr
Mitglieder, mehr Aktivität und wir wachsen schneller als unser Wettbewerber.
Der entscheidende Unterschied zum Fall Studi VZ/Facebook ist aber: Xing hat
eine Philosophie, die sich von unserem Wettbewerber grundlegend unterscheidet.
Zu dieser Philosophie gehört, dass wir auf Xing Kontakte zwischen Menschen
herstellen, die bisher keinen Kontakt hatten, für die ein Kontakt aber sinnvoll
ist, weil es Anknüpfungspunkte für eine Geschäftsbeziehung gibt. Um das zu
ermöglichen, muss aber jedes Mitglied die Profile der anderen Mitglieder
einsehen können - genau das geht bei unserem Wettbewerber aber gar nicht.
Wie wirkt sich das auf die Geschäftsmodelle aus?
Groß-Selbeck: Unser amerikanischer Wettbewerber erzielt den Großteil seines
Umsatzes mit Recruiting, vor allem mit den Lizenzen, die an Headhunter verkauft
werden. Nur durch den Erwerb einer solchen Lizenz bekommt man Zugang zu den
Profilen der Nutzer. Bei uns kann das jeder Nutzer kostenfrei. Weil das der mit
Abstand größte Umsatzanteil unseres Wettbewerbers ist, kann er gar nicht das
tun, was wir anbieten: die Freiheit, sich mit anderen Geschäftsleuten zu
verbinden. Insofern gibt es klare Unterschiede zwischen den Philosophien und
Geschäftsmodellen der Unternehmen.
Aber wie kommt es, dass nur noch die Deutschen das Xing-Konzept
mögen, sich in allen anderen Ländern aber Linkedin durchgesetzt hat. Xing hat
es ja in Spanien und der Türkei versucht - aber keinen Erfolg gehabt.
Groß-Selbeck: Wir haben uns im vergangenen Jahr entschieden, uns auf die
Märkte mit dem größten Wachstumspotential zu konzentrieren - und das ist der
deutschsprachige Raum. Hier sind erst 5 Prozent der Bevölkerung in einem
Geschäftsnetzwerk aktiv; in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden oder in
Großbritannien sind es 10 bis 15 Prozent. Aber wir werden in Deutschland
aufholen. Der Unterschied zwischen den 5 und 15 Prozent ist unser
Wachstumspotential.
Das erklärt aber nicht, warum Xing in Spanien nach den beiden
Akquisitionen jeweils wieder Nutzer verloren und dort inzwischen keine Chance
mehr gegen Linkedin hat.
Groß-Selbeck: Das ist so nicht richtig. Aber die Akquisitionen sind lange vor
meiner Zeit gelaufen; die möchte ich nicht kommentieren. Wie jedes Unternehmen
konzentrieren wir uns auf den Markt mit dem größten Potential. Und das ist in
Deutschland höher als in Spanien.
Gut, dann sprechen wir über den Markt, auf dem Sie das größte
Wachstumspotential vermuten. Wie schnell legen denn die tägliche Nutzung und
die verbrachte Zeit auf Xing in Deutschland zu?
Groß-Selbeck: Diese Zahlen veröffentlichen wir nicht. Aber neun von zehn
Premiummitgliedern sind mindestens einmal im Monat auf der Seite aktiv. Die
meisten Premiummitglieder kommen wesentlich häufiger.
Nun steht Xing unter dem Verdacht, dass viele nichtzahlende
Mitglieder Karteileichen sind. Wie aktiv sind denn die Nichtzahler, die ja mehr
als 90Prozent Ihrer Nutzerbasis ausmachen?
Groß-Selbeck: Mir ist nicht bekannt, dass jemand diesen Verdacht geäußert
hätte. Es stimmt auch nicht. Es gibt nirgendwo eine aktivere Nutzerschaft bei
professionellen Netzwerken als die von Xing. Laut Comscore hatten wir im April
dieses Jahres mehr als 4 Millionen Besucher allein in Deutschland. Das ist in
Relation zu unserer Mitgliederbasis ein wesentlich besserer Wert als ihn unser
Wettbewerber in seinem Heimatmarkt hat.
Holt Linkedin in Deutschland auf?
Groß-Selbeck: Xing wächst in Deutschland schneller als jeder Wettbewerber.
Während Linkedin mit dem Börsengang viel Geld für seine
Expansion eingesammelt hat, wird Xing 20 Millionen Euro ausschütten. Haben Sie
keine Ideen, wie das Geld sinnvoll investiert werden kann?
Groß-Selbeck: Wir generieren genügend Mittel und werden auch nach der
Ausschüttung 40 Millionen Euro Barbestände zur Verfügung haben. Wir können also
alle Investitionen weiter tätigen, die für weiteres Wachstum sinnvoll sind. Zum
Beispiel haben wir unser Personal in den vergangenen 18 Monaten verdoppelt und
dabei überwiegend Entwickler eingestellt. Darüber hinaus haben wir Ende
vergangenen Jahres Amiando gekauft. Wir sind für weitere Investitionen gut
gerüstet. Daher ist es sinnvoll, das Geld, das man für das Wachstum nicht
braucht, auszuschütten.
Sie könnten das Geld ja auch
für Akquisitionen nutzen, zum Beispiel für den Stellenmarkt?
Groß-Selbeck: Wir haben 40 Millionen Euro Cash, sind schuldenfrei und haben
uns auf der Hauptversammlung gerade weiteres Kapital genehmigen lassen. Wir
haben damit die Möglichkeit, Unternehmen unserer Größenordnung zu akquirieren.
Die es aber nicht gibt.
Groß-Selbeck: Es ist in der Tat nicht einfach, in Europa eine Internetfirma in
einer substantiellen Größenordnung zu finden.
Weil diese Unternehmen vorher an die Amerikaner verkauft werden?
Groß-Selbeck: Ja, das ist in vielen Fällen so. Aber unsere Übernahme von
Amiando zeigt, dass es dennoch möglich ist.
Das heißt aber doch, dass Ihr Markt zu klein ist, um groß zu
denken?
Groß-Selbeck: Nein, das heißt es nicht. Das Wachstumspotential ist erheblich.
Außerdem macht es keinen Sinn, ein Unternehmen zu kaufen um des Kaufens willen.
Es muss schon strategisch passen wie im Fall von Amiando. Und wir suchen weiter
nach Akquisitionsobjekten.
In welchen Bereichen suchen Sie?
Groß-Selbeck: Nehmen Sie das Beispiel des Stellenmarktes. Ein Suchender hat
keine Chance, einen kompletten Überblick über aktuell interessante Stellen zu
bekommen. Ein soziales Netzwerk hat Instrumente, um diesen Markt transparenter
zu machen. Zum Beispiel Profildaten, die sich mit einer Stellenbeschreibung
abgleichen lassen. Wir suchen also analog zu diesem Beispiel Märkte, in denen
soziale Netzwerke mehr Transparenz schaffen.
Zum Beispiel?
Groß-Selbeck: Ich kann hier natürlich nichts Konkretes sagen. Aber um ein paar
Beispiele zu nennen: Bildung ist spannend. Es wäre doch denkbar, den
Mitgliedern Qualifizierungsmaßnahmen vorzuschlagen, damit sie beruflich den
nächsten Schritt machen können. Ein anderes interessantes Thema könnten zum
Beispiel Marktplätze sein.
Nun haben Sie Ihren Internetauftritt überarbeitet. Das neue Xing
sieht aus wie Facebook in Grün. Haben Sie abgekupfert?
Groß-Selbeck: Nein. Das ist ein Ergebnis eines intensiven Prozesses mit vielen Tests.
Dass einzelne Elemente wie der Newsfeed von anderen Netzwerken entwickelt und zu
einer Art Standard geworden sind, sollte uns nicht davon abhalten, damit zu
arbeiten und sie für den beruflichen Kontext zu erschließen.
Foto: Xing
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