Artikel-Services
Ich bin ein Vorstand – holt mich hier raus!
16. Februar 2009, 15:21
Uhr
Während RTL mit dem Dschungel-Camp und der Parole „Ich bin
ein Star - holt mich hier raus" punktet, wartet das Manager Magazin mit einer
traurigen Geschichte über deutsche Top-Manager auf. Wer will nach dieser
rührenden Geschichte noch Top-Manager werden? Muss die Empfehlung "Studiere
fleißig und werde Vorstand" revidiert werden? Insider wissen, wo sie dazu die
Antwort finden: Im Reiseführer "Per Anhalter durch die Arbeitswelt".

Zunächst einmal für alle, die als Nicht-Top-Manager nicht
zum Leserkreis des Manager Magazins gehören, als Einstimmung die Grundaussage
aus dem besagten Artikel. Unter der Überschrift „Gullivers Kampf" geht es um
Gehälterdebatte, Haftungsklagen, engeren Entscheidungsspielraum und viele
andere Unbill, was in der Frage mündet: "Lohnt es sich heute noch, Vorstand zu
werden?". Dagegen steht allenfalls die "Pen-Power" als das Bewusstsein, mit
einem Federstrich Macht auszuüben. Ansonsten aber: schrumpfende Gagen,
rechtliche Risiken und hordenweise Neider.
Der Leser staunt, der Berichterstatter zögert. Könnte hier
aber nicht Einiges übersehen worden sein?
(1) Vorstände
verdienen so viele Millionen pro Jahr, dass wir "normalen Menschen" 10 bis 20
Jahre davon gut leben könnten. Anders formuliert: zwei Jahre Vorstand, für die
Ewigkeit ausgesorgt (und die stolze Segelyacht ist auch noch drin).
(2) Vorstände,
die irgendwo vorzeitig gehen, kommen im
Regelfall irgendwo anders an. Besonders gut sind dabei multinationale
Großkonzerne: Dort gibt es eine ganze Kaskade aus Abschiebegleisen, auf denen man
landen kann (und vielleicht am Ende noch Personalvorstand wird).
(3) Vorstände
leben noch immer in einem Paradies. So konnten einige Vorstände im Jahre 2008
ihre Bezüge um 80 % erhöhen und gleichzeitig die „normalen" Mitarbeiter mit
2-3 % Lohnerhöhung abspeisen.
(4) Vorstände
tragen trotz anders lautender Geschichten in Deutschland kaum ein
strafrechtliches Risiko. Selbst ein bekannter Vorstand konnte für seine
unfassbare Steuerhinterziehung mit richterlicher Milde rechnen. Und auch andere
Fälle blieben ohne ernste Konsequenzen. Zudem sind Manager über Versicherungen
umfassend gegen Schadenersatzforderungen abgesichert.
(5) Vorstände
haben im Regelfall derartige Bonusregelungen, dass sie praktisch immer
gewinnen. Das viel zitierte Musterbeispiel: Fusion mit einem amerikanischen
Unternehmen ergibt den ersten Bonus, Rückabwicklung der gescheiterten Fusion
den zweiten. Selbst drastische Kursabstürze bleiben ohne spürbare Konsequenzen
und führen allenfalls zu einem "Gehaltsabsturz" (Originalton Manager Magazin)
bei einem DAX-30-Vorstand auf 6,5 Millionen Euro.
(6) Vorstände
tragen kein größeres Selbstmordrisiko. Auch die Geschichte der vielen
Todesfälle in der Wall Street während der Great Depression hat sich als nicht
haltbar erwiesen. Vorstände haben vermutlich sogar aufgrund der besseren
medizinischen Versorgung eine höhere Lebenserwartung als „normale" Menschen.
(7) Vorstände
arbeiten auch nicht mehr oder weniger als "normale Menschen". Den Beleg liefert
das Manager Magazin mit seinen Geschichten von Managern, die regelmäßig Zeit
für Sport, Musik, Reisen, Weingüter und vieles andere mehr haben.
Die Liste kann man sicherlich fortsetzen. Sie reicht aber
bereits jetzt, um Zweifel aufkommen zu lassen.
Warum aber steht ein derartiger Artikel im Manager Magazin -
und nicht zum ersten Mal? Darüber kann nur spekuliert werden. Sicherlich
richtet sich dieses Magazin an Manager und muss diese zwangsläufig
berücksichtigen - genauso wie eine Landwirtschaftszeitung nichts gegen Landwirte
schreibt. Zudem haben Manager kein
wirkliches PR-Organ, das ihre Interessen wahrnimmt und für sie „Stimmung"
macht. Das alles aber braucht der Reiseführer „Per Anhalter durch die
Arbeitswelt" nicht zu berücksichtigen.
Wichtig ist vielmehr lediglich die klare Aussage: "Das
Berufsziel ‚Vorstand' darf (1) trotz aller Diskussionen in der Wirtschaftskrise
weiterhin - zumindest für eine bestimmte Zielgruppe - als anstrebungswürdig
gelten, ist (2) bei Erreichen nur vergleichbar mit 6 Richtigen im Lotto und
(3)" < an dieser Stelle bricht der Reiseführer ab>.
Aber noch wichtiger ist - und das verschweigt der Artikel im
Manager Magazin: Es gibt durchaus Vorstände, die ihren Job gut machen und
deshalb nicht wie Gulliver von den vielen Zwergen verfolgt werden. Ihnen gilt
es nachzueifern und ihnen sind ihre Top-Gehälter definitiv gegönnt!

PS. Bei Douglas Adams in seinem "Reiseführer per Anhalter
durch die Arbeitswelt" findet sich passend eine Passage über die "Stählerne
Säule der Macht, die Goldene Querstange des Reichtums, die Plexiglassäule der
Vernunft sowie die Hölzerne Säule von Natur und Geist".
Wenn Sie diesen Beitrag kommentieren möchten, bitten wir Sie, sich vorher anzumelden.
Nutzen Sie dazu das Login-Feld oben im Kopf rechts. Dort können Sie sich auch neu
registrieren, falls Sie noch kein Passwort haben.