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Fatal und traurig: Das Klinsmann-Paradox
05. Mai 2009, 12:19
Uhr
Inzwischen ist alles über
den Rauswurf von Jürgen Klinsmann bei Bayern München geschrieben worden und Einigkeit
hergestellt über Klinsmanns Versagen. Doch bevor man jetzt das neue Traumpaar Heynckes&Hoeneß
als Retter feiert, sollte man eine einfache Zusatzfrage beantworten: Was muss
man aus diesem Vorgang hinsichtlich erfolgreicher Führung in der
Arbeitswelt von heute lernen? Denn Lernimpulse gibt es genug und damit bekommt Jürgen
Klinsmann einen weiteren Eintrag in den Reiseführer "Per Anhalter durch die
Arbeitswelt".

Der letzte Montag erschien als reinigendes Gewitter: Wie ein Blitz schleuderte der
übermächtige Bayern-Gott Uli Hoeneß den Pfeil der Kündigung gegen seinen Untergebenen
Jürgen Klinsmann, der guter Hoffnung war, Ende der Woche - aber spätestens am
letzten Spieltag - an der Tabellenspitze landen und seinen Arbeitspatz retten
zu können. Doch es kam anders und sechs Tage später konnte ein neuer Trainer
den erwarteten Heimsieg gegen das Tabellenschlusslicht und damit die
Fast-Meisterschaft feiern.
Was
hat Jürgen Klinsmann falsch gemacht?
Erstens
hat Jürgen Klinsmann offenbar den Reiseführer durch die Arbeitswelt nicht gründlich genug gelesen. Denn dort stand bereits
vor über einem Jahr ganz klar: "Entweder spielt er ein Jahr nach 'Prinzip
Klinsmann 1' den distanzierten Visionär (transformational) und überlässt die
tägliche Arbeit (transaktional) einem Co-Trainer. Oder aber er bringt sich vier
Jahre voll und permanent ein, was zu einem noch näher zu definierenden 'Prinzip
Klinsmann 2' führen würde."
Zweitens
hat Jürgen Klinsmann eine „Ausstattung mit unzureichenden Ressourcen"
akzeptiert, die er nie hätte akzeptieren dürfen. Wäre statt des
Tormann-Lehrlings (und Hoeneß-Lieblings) ein Torhüter im Stil von Jens Lehmann
zum Einsatz gekommen, hätte Klinsmann einen seiner Wunschstürmer (und einiges
andere) bekommen, dann wäre vieles anders gekommen. So aber hat er die schwer
nachvollziehbare Personalpolitik von Uli Hoeneß akzeptiert und sich damit
völlig demontiert.
Drittens
hat Jürgen Klinsmann die dunkle Seite der Macht bei Bayern München
unterschätzt. Uli Hoeneß mag Verdienste um Bayern München haben. Die Art und
Weise, wie er aber Jürgen Klinsmann durch seine massive Präsenz die Luft
abschnürte, erinnerte stark an Darth Vader im Todesstern.
Liebe
Leserin, lieber Leser dieses kleinen Reiseführers: Stellen Sie sich bitte vor,
jedes Mal, wenn Ihre Mitarbeiter eine wichtige Aufgabe haben, setzt sich Ihr
Vorgesetzter unmittelbar neben Sie auf die Bank - wie Uli Hoeneß! Und bei jedem
Fehler Ihrer Mitarbeiter ernten Sie einen bösen Blick, während die
Mitarbeiter/Spieler sich sogar bei Ihrem Vorgesetzten über Sie ausweinen
dürfen. Hier und in analogen Situationen sind Sie als Führungskraft vollkommen
chancenlos.
Dies
führt bereits zum ersten Eintrag in den Reiseführer: "Wenn Sie sich als
Führungskraft mit den positiven Eigenschaften von Jürgen Klinsmann (Optimismus,
Charisma, Professionalität, Siegeswille etc.) identifizieren können, dann
freuen Sie sich. Wenn Sie allerdings neben sich jemanden vom Typ Uli Hoeneß
sehen, dann fliehen Sie sofort vor der dunklen Seite der Macht!"
Viertens
hat Jürgen Klinsmann eine kleine Nuance falsch gesetzt: "Ich werde jeden
Spieler jeden Tag ein Stückchen besser machen!" Dieser Satz unterstellt ein
(veraltetes) Menschenbild, bei dem (nur) die Führungskraft den Mitarbeiter
verbessert und (nur sie) dafür verantwortlich ist. Die Alternative wäre
gewesen: "Ich erwarte von jedem Spieler, dass er sich jeden Tag ein Stückchen
verbessert". Diesen alternativen Satz - konsequent (und eigentlich im Sinne der
Philosophie von Jürgen Klinsmann) zu Ende gedacht - hätte eine völlig andere
Arbeitswelt an der Säbener Straße geschaffen.
Trotzdem:
Der Autor dieses Reiseführers hält konsequent fest an den positiven Aspekten
vom "Prinzip Klinsmann", die er seit Jahren in Aufsätzen und Vorträgen betont.
Allerdings ist dieses Prinzip jetzt zu ergänzen um das Klinsmann-Paradox, das
erst in den letzten Wochen entdeckt wurde.
Es
lautet wie folgt und gibt entsprechend zu denken: "Das Klinsmann-Paradox
beschreibt eine Situation, in der (1) moderne Führungsprinzipien, (2)
Optimismus, (3) professionelles Umfeld, (4) Eigenverantwortung, (5)
individuelle Weiterentwicklung, (6) Wettbewerb ohne Stammplatzgarantie und (7)
Spaß an der Arbeit zwar propagiert, aber weder vom Unternehmen noch von den
Mitarbeitern gewünscht (und noch weniger gelebt) werden. Die Merkmale (1) bis
(7) führen damit unweigerlich zum Scheitern der Führungskraft."
Im
Umkehrschluss bedeutet dies: Die ideale Führungskraft ist nach Ansicht vieler -
trotz gegenteiliger Beschwörungen - letztlich doch Uli Hoeneß als Kreuzung aus
Machiavelli und Darth Vader. Vielleicht präsentieren Personalmanager deshalb sogar
bei einer Fachtagung als Höhepunkt und Leitstern Uli Hoeneß und nicht Jürgen
Klinsmann.
Die
obigen Befunde bedeuten aber auch: "Je mehr Punkte aus obiger Liste (1) bis
(7) Ihr Umfeld bei Ihnen sucht (oder findet), umso größer die
Wahrscheinlichkeit, dass Sie scheitern." Dieser Satz ist kurz, makaber und
drückt das gesamte Klinsmann-Paradox aus. Eigentlich schade. Oder?
PS:
Übrigens, wer jetzt gerade mit dem Flugzeug unterwegs ist, sollte einmal im
Bordprogramm nachschauen: Auf den Strecken mancher Linen (zum Beispiel
Lufthansa) läuft zurzeit ein Film über "unsterbliche Fußballer", die
Fußballgeschichte geschrieben haben. Deutschland ist dabei vertreten durch
Jürgen Klinsmann. Das wird ihn auf dem Rückflug nach Kalifornien trösten.....
PPS:
Übrigens hat sich auch Douglas Adams in seiner Originalfassung des Reiseführers "Per Anhalter durch die Galaxis" umfassend mit Fußball beschäftigt, wobei ihm
allerdings speziell die Eigentore wichtig sind: "Als Arthur noch ein Schuljunge war, lange bevor die
Erde zerstört wurde, spielte er immer Fußball. Seine Spezialität war es, in
wichtigen Spielen Eigentore zu fabrizieren. Immer wenn ihm das passierte,
fühlte er ein eigentümliches Kribbeln hinten an seinem Hals, das langsam über
seine Wangen hochkroch und heiß auf seiner Stirn landete." Kann es sein, dass Uli Hoeneß auf lange Sicht mit
dieser Saison in mehrfacher Hinsicht ein Eigentor geschossen hat??
www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de
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