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Überlebenswichtig: Wie man aus Pistazieneis Sonnenschein macht
13. Mai 2009, 08:28
Uhr
Ein richtiger Reiseführer durch die Arbeitswelt hilft nicht
nur bei den großen wichtigen Dingen des Lebens. Er erklärt auch kleine alltägliche
Phänomene. Eines davon wird aktuell im Rang einer Naturgesetzlichkeit propagiert:
dass der Genuss von ganz viel Pistazieneis zwingend ganz viele
Sonnenscheinstunden zur Folge hat.

Der Berichterstatter genießt einen der typisch-schönen
Nachmittage im Mai, an denen man den Sommer schon spürt, das Blau des Himmels
als intergalaktische Innovation interpretiert und eigentlich nicht viel mehr
machen möchte, als einfach und ohne Arbeit das Leben auszukosten. Allenfalls
zufallsbedingtes Zeitungslesen und zielloses Surfen im Internet scheinen erlaubt.
Doch dann baut sich langsam ein seltsames Gefühl auf.
Irgendetwas stimmt nicht. Egal, ob eine personalwirtschaftliche Fachzeitschrift
<der Name spielt keine Rolle>, eine große Tageszeitung oder diverse
Internetseiten: Überall der gleiche ..... Fehler! Und jetzt will auch noch ein
Minister in Berlin basierend auf diesem
Denkfehler flächendeckend über entsprechende „Service-Center" dafür sorgen,
dass wir in Deutschland eine einheitliche Personalpolitik bekommen.
Doch erst zum Pistazieneis, das in der Überschrift
angekündigt wurde < zum Minister und
seiner gefährlichen Idee kommen wir in einem späterem Reiseführereintrag > !
Misst man im Monat Juni jeden Tag den Eiskonsum eines
Strandcafes in Sylt, so könnte sich beispielhaft folgender Verlauf ergeben:
500 - 700 - 1100 - 210 - 300 - 800 - 600 (Kugeln pro Tag)
und so weiter, insgesamt 30 Werte.
Zählt man jetzt für die gleichen Tage die Anzahl der Sonnenstunden
pro Tag, so kommt man zu einer Information, die etwa wie folgt aussieht:
3 - 5 - 13 - 4 - 0 - 6 - 4 (Stunden) und so weiter, wieder
30 Werte.
Man sieht also durchaus einen Zusammenhang. Der normale
Mensch würde sagen: Je mehr, Sonne, umso mehr Eiskugeln. Das ist richtig, aber
es gibt auch eine andere Argumentation:
Jetzt wird es richtig schwierig - aber bitte trotzdem
weiterlesen.
Starker Konsum von Pistazieneis verursacht Sonnenschein!
41% der Varianz der Sonnenscheinstunden lassen sich durch
den Genuss von Pistazieneis erklären.
Spätestens jetzt ist klar, was eigentlich von Anfang an klar
sein sollte: Diese Schlussfolgerungen sind einfach falsch und völliger
Quatsch.
Denn: Natürlich hängt Sonnenschein nicht vom Eiskonsum ab.
Die Kausalität geht andersherum.
Nur ist die Fähigkeit, einen solchen Unsinn zu
identifizieren, in der Arbeitswelt nicht so sehr verbreitet. So kursieren
gegenwärtig durch Medien, Beraterfirmen und mindestens ein Bundesministerium in
etwa folgende Sätze, die auf den ersten Blick wirklich schön klingen:
Mitarbeiterfreundliche Personalarbeit verursacht
Unternehmenserfolg.
41% des Unternehmenserfolges lassen sich durch
mitarbeiterfreundliche Personalpolitik erklären.
Also: Je besser man die Mitarbeiter behandelt, umso besser
geht es dem Unternehmen.
An diese Sätze möchte man sehr (!) gerne glauben und
vielleicht stimmen sie ja auch. Und deshalb jubelt man, wenn einem der
„wissenschaftliche Beweis" versprochen wird.
Nur leider: Der wissenschaftliche Beweis ist nicht mehr als Pistazieneis-Logik,
die nicht hinterfragt wird.
Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt"
definiert dementsprechend: „‚Pistazieneis-Logik' ist (1) der völlig
falsche Rückschluss eines zeitgleichen Zusammentreffens von Ereignissen auf
Kausalität, (2) ein cleverer Verkaufstrick von Beratern oder Bundesministerien
und (3) etwas, woran man glaubt, weil man gerne daran glauben möchte."
Natürlich beeinflusst Mitarbeiterorientierung den
Unternehmenserfolg. Nur: Leider lässt sich das nicht in dem Umfang durch die
Zahlen belegen, die gegenwärtig von einem „großartigen
Arbeitsplatzforschungsinstitut mit psychologischer Basis" immer wieder überall
verkündet und abgedruckt werden.
Der Kongress jubelt doch der Kaiser ist nackt!
Noch schlimmer: Kann nicht die Wirkung genau andersherum
sein, wonach nur besonders diejenigen Unternehmen, denen es besonders gut geht,
ihre Mitarbeiter besonders gut behandeln??
Vielleicht sollte man einmal alle Journalisten und Praktiker
mit einem Babelzahlenfisch
ausstatten, damit sie mittels dieser Übersetzungshilfe diese scheinbar großartigen
Arbeitswerte als das interpretieren können, was sie sind - nämlich zumindest in
ihrer statistischen Implikation völlig wertlose Werbung für (teuere)
Beratungsleistungen.
Der Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt"
definiert dementsprechend: „Ein Babelzahlenfisch ist (1) ein unsichtbares Wissensmodul,
das (2) - einmal im Kopf eingepflanzt - alle statistischen Aussagen auf ihre
wirklich belegbare Aussage reduziert und dem (3) vor allem von einigen
amtsbekannten Beratungsfirmen der Ausrottungskrieg angesagt ist".
Früher schloss der Babelzahlenfisch seine Übersetzung ab mit
dem für Nicht-Statistiker kryptischen Satz: „Korrelation bedeutet nicht
Kausalität und ohne bewiesene Kausalität ist auch eine erklärte Varianz' aussagelos".
Obwohl natürlich weiterhin richtig, lassen neue Versionen des Babelzahlenfisches
diesen Satz weg. Dies führt dazu, dass bei den wunderschönen
Pistazieneis-Vorträgen der eloquenten Pistazieneis-Referenten ein mit einem
Babelzahlenfisch ausgerüsteter Zuhörer überhaupt nichts mehr hören würde, weil
letztlich auch nichts Übersetzungsfähiges gesagt wird.
Alles das ist traurig,
ist gefährlich, ist teuer aber leider nicht zu ändern!
An dieser Stelle kommt die Quizfrage für die Leserinnen und
Leser dieses Reiseführers. Was sagt uns der Babelzahlenfisch, wenn er folgenden
Satz hört: „Tote Menschen im Sonntags-Tatort ziehen auf magische Weise
Pistolenkugeln an, weil viele Leichen mit Kugeln im Körper gefunden werden"?
Unter
den richtigen Einsendungen wird - das Klären der Transportfrage vorausgesetzt -
mindestens eine Kugel Pistazieneis verlost. Gleiches gilt für diejenigen
Journalisten und Bundesminister, die sich dazu bekennen, in dieser Hinsicht
einem Irrtum erlegen zu sein - wahrscheinlich aber auch nur, weil sie nicht
früher im Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt" nachgeschaut und die
Grundlagen zum Hinterfragen vermeintlicher Wahrheit gelesen haben.

P.S. Für alle, die sich noch einmal den originalen Ursprung
des Babelfisches aus „Per Anhalter durch die Galaxis" in Erinnerung rufen
wollen, als kleine Serviceleistung das entsprechende Zitat des unübertrefflichen
Douglas Adams: „Der Babelfisch ist klein, gelb und blutegelartig und
wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im ganzen Universum gibt. Er lebt
von Gehirnströmen, die er aber nicht seinem jeweiligen Wirt, sondern seiner
Umgebung entzieht. Der Nutzeffekt der Sache ist, dass man mit einem Babelfisch
im Ohr augenblicklich alles versteht, was einem in irgendeiner Sprache gesagt
wird."
www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de
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