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Neue Romanze mit 25
13. August 2009, 12:34
Uhr
„Der Himmel über
dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal
eingestellt ist." Mit diesem Satz beginnt 1984 der Roman „Neuromancer" von
William Gibson, der als Miterfinder von Cyberspace und Web gilt. Auch wenn es als
ziemlich „Retro" gilt: Wer sich mit der Arbeitswelt 3.0 beschäftigen will,
kommt um dieses Buch nicht herum. Deshalb soll diesem hiermit im Reiseführer
„Per Anhalter durch die Arbeitswelt" ein kleiner Eintrag gewidmet werden.

Die rund 200
Studenten der Vorlesung „Multiperspektivisches Organisationsmanagement" im
Saarbrücker Uni-Hörsaal 105 in Gebäude B4.1 schauen ziemlich ratlos angesichts der Frage „Wer
ist William Gibson?". Noch ratloser aber ist der Blick des Dozenten angesichts
der zögerlich eintrudelnden Antworten: „Teil einer Boygroup?" „Begründer der Bee
Gees?" „Amerikanischer Schauspieler?" „Gitarrenspieler?" Alles nicht ganz
falsch und mit dem Hinweis auf den Konstrukteur der Gibson-Gitarre sogar fast
richtig. Letztlich liefert erst der Hinweis auf Seite 322 des vor ihnen
liegenden Lehrbuchs einen Hinweis auf William Gibson, was - etwas modifiziert -
zum ersten Eintrag in den Reiseführer führt.
Der Reiseführer
„Per Anhalter durch die Arbeitswelt" definiert: „William Gibson schrieb (1) mit Neuromancer 1984 das absolute Kultbuch
der ersten Internetgeneration, (2) erfand kurz zuvor in „Burning Chrome" das
Wort „Cyberspace", (3) erahnte die Faszination des Webs und (4) entwickelt -
heute noch - trotz aller Skepsis eine positive Sicht auf die Zukunft der
(Arbeits-)Welt."
Wie war die Welt
1984? Kurz gesagt: So anders, dass man es sich nicht mehr vorstellen kann! Zwar
gab es schon so etwas wie eine erste Form des „IBM-PC", langweilig, unkreativ
und vor allem nahezu nicht vernetzt. Bildschirme waren klein und zeigten im
Regelfall nur 20 Zeilen Buchstaben. Drucker druckten schwarz und mit 9 Nadeln.
Deshalb erklärt in der deutschen Buchausgabe der Übersetzer auch in Fußnoten
brav, was zum Beispiel ein Cursor ist. Natürlich gab es eine kreativere
Alternative im Apple-Computer, aber auch da war noch fast nichts von Vernetzung
und Intelligenzverstärkung zu sehen. Auch das Handy, wie wir es heute als
selbstverständlich ansehen, gab es damals nicht.
In dieser Zeit - Anfang
der 80er Jahre - erfindet Gibson seinen Helden: Case ist ein Computerspezialist, der mit seinem „Deck" - das er
praktischerweise direkt mit seinem Gehirn koppelt - in Computernetze eindringt,
wobei reale Realität und virtuelle Realität miteinander verschmelzen. Dieser Datenkosmos steht dann dem
Bewusstsein direkt zur Verfügung und vermittelt das Gefühl von Allgegenwart
sowie nie da gewesenen Sensationen. Case
verbringt als Held der Geschichte ein an Sensationen und Emotionen reiches
Leben, das geprägt ist von Technik und von einer Datenschicht, die allem zugrunde
liegt und alles verbindet. Über dieser Matrix liegt ein virtueller Raum, der
nicht mehr vom realen Raum unterscheidbar ist und der von einigen wenigen
Großkonzernen kontrolliert wird.
Soweit das Ende einer kurzen
Kurzfassung dieses Buches und der Beginn zur Überleitung zum eigentlichen
Thema: Denn vor rund 15 Jahren war Neuromancer Pflichtliteratur in der oben
erwähnten Vorlesung, weil Konzepte wie „Leben im Cyberspace" und „Arbeiten in
der Virtuellen Realität" zumindest denkbare
Szenarien für die Zukunft waren. Genau darin liegt - neben einer
Neudefinition von Virtueller Realität 3.3 - der heutige Wert des Buches.
Der Reiseführer definiert
deshalb: „Die Neuromancer-Welt wird (1)
beherrscht von Großkonzernen mit (2) wenigen unsichtbaren ganz Reichen und (3)
vielen sichtbar fast armen Gelegenheitsarbeitern, verzichtet (4) auf seltsame
Konstrukte wie Datenschutz und hat (5) Freiheit im Datennetz abgeschafft."
Überträgt man Gibson auf
heute und folgt seiner bizarren Logik, so ist die ganze Finanzkrise nicht mehr
als ein perfides Spiel einiger Finanzgroßkonzerne, die Wettbewerber ausschalten
und sich selbst nach oben katapultieren wollen. Wo Pharmakonzerne Krankheiten
erfinden, die sie dann mit teueren Medikamenten heilen. Wo Medien in devoter
Abhängigkeit zu den Mächtigen der Welt Wirklichkeiten schaffen, die - hier treffen sich
McLuhan und Gibson - nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Alles ist
eingebettet in eine glitzernde und flackernde Welt aus Klingeltönen,
Bildfetzen, Tonfetzen, Kommunikationsfetzen, künstliche Retortenfiguren,
zu-Realität-werdenden-Castingshows, bei denen es keine Rolle spielt, ob die
Personen real oder nicht real sind. Dass man zudem bei seinen Reisen durch das
Internet überwacht und reglementiert wird, versteht sich ebenso von selbst wie
einiges andere, was hier nicht erwähnt werden soll. Schließlich gibt es noch die
Daten- und „social community"-Welt mit Myspace, Twitter und Facebook sowie die Fotos,
die über Geotagging GPS-Positionen speichern und in Google-Map oder
Google-Streetview übertragen. Und am Ende ist es egal, ob man aus dem Fenster
oder in den Bildschirm starrt. Am schlimmsten: Man ist sich der Fremdsteuerung
nicht mehr bewusst.
Sicherlich liest sich das
Buch von Gibson heute anders als damals, und Leser, die 1984 noch nicht einmal
geboren waren, werden es vermutlich noch anders perzipieren. Genau dieser
Leserkreis wird aber vielleicht das wiederentdecken, was in den letzten Jahren
verloren gegangen ist: nämlich der positiv-optimistische Blick in die Zukunft
der modernen Arbeitswelt.
Der Reiseführer „Per
Anhalter durch die Arbeitswelt" erklärt: „Das
Wort Neuromancer setzt sich zusammen aus (1) Neuro im Sinne von Nervensystem
und (2) Necromancer im Sinne von Zauberer, der Dinge und Emotionen entstehen
lässt, letztlich (3) seine eigene, individuelle Welt der motivierenden Sinnstiftung
und produktiven Unangepasstheit schafft."
Gerade in dieser Idee einer
kreativ-schöpferischen Verbindung liegt das Verschüttet-Positive, das es aber
vielleicht gerade angesichts der aktuellen Realität wieder zu entdecken gilt.
Denn auch darauf wurde damals bereits hingewiesen: Neuro-mance ist Vorstufe zu
Neu-romance, also zur Neuen Romantik.
Sie gilt es jetzt in den
unendlichen Weiten der (Cyber-)Arbeitswelt zu (er-)finden.

P.S.:
Es versteht sich natürlich von selbst, dass die Cyberpunks von Gibson den
Figuren entsprechen, die Douglas Adams in seinem Reiseführer „Per Anhalter
durch die Galaxis" beschreibt, wenngleich sie sich in den Essgewohnheiten
unterscheiden. Wo Gibson japanisch-chinesische Nudelsuppe schlürfen lässt,
knabbert man bei Adams Kartoffelchips. So erläutert Slartibartfaß dem
verdutzten Ford ohne aufzusehen: „Die Kartoffelchips sind im Raum der
Informationsillusionen. Eure junge Freundin versucht, hinter ein paar Probleme
der galaktischen Geschichte zu kommen. Die Kartoffelchips helfen ihr
möglicherweise dabei." Nur weiß man natürlich, dass es ein Irrtum ist zu
glauben, man könne jedes größere Problem mit Kartoffeln lösen. Hier ist doch
die Matrix von William Gibson vielversprechender. Oder etwa nicht?
Alle Einträge unter www.per-anhalter-durch-die-Arbeitswelt.de
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