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Danke Daimler: Bluttest für Personalvorstände
06. November 2009, 10:54
Uhr
Manchmal hält die Arbeitswelt
selbst für hartgesottene Berichterstatter Einiges an Überraschungen bereit: Da
kämpft der einstige deutsche Nobelkonzern Daimler nicht nur mit der Gefahr
roter Zahlen. Nein, er mutiert auch zum Dracula und will Blut von Bewerbern -
natürlich nicht zum Trinken, sondern um es zu analysieren. Doch der Reiseführer "Per Anhalter durch die Arbeitswelt" denkt natürlich noch einen Schritt weiter
und zeigt in bemerkenswerter Schärfe alles das auf, was hinter der Ecke noch
auf uns wartet.

Es war in allen Medien und braucht
deshalb nicht näher beschrieben zu werden: Der Automobilkonzern Daimler
verlangte - natürlich auf einer wie auch immer ausgestalteten freiwilligen Basis
- von Bewerbern das Einverständnis zu einem Bluttest. Begründet wurde dies mit
der Pflicht des Arbeitgebers, sich von der Leistungsfähigkeit seiner
zukünftigen Mitarbeiter zu überzeugen.
Zunächst die Definition aus dem
Reiseführer "Per Anhalter durch die Arbeitswelt" zur allgemeinen
Diskussionsstand-Angleichung: "Unter einem Personal-Blut-Test versteht man (1) den unter
dem Personalvorstand Wilfried Porth bei Daimler (2) durchgeführten Bluttest
von Bewerbern, durch den (3) allgemein die Leistungsfähigkeit des Bewerbers, aber auch (4) vieles Andere
diagnostiziert werden kann."
Nun kann man sich auf den
Standpunkt stellen, andere Unternehmen würden dies ganz genauso machen -
wenngleich einige dieser "Anderen" genau dies durchaus rasch dementierten. Oder
man kann darauf hinweisen, dass offenbar der Betriebsrat bei Daimler diesem
Verfahren zugestimmt haben muss, was weniger für Daimler als vielmehr deutlich
gegen den Betriebsrat spricht. Man kann auch die Schlussfolgerung ziehen, dass
eine derartige Praxis schon allein aus Datenschutzgründen problematisch ist und
sich auch sonst eher in einer rechtlichen Grauzone bewegt - was allerdings dem
Bewerber nichts hilft: Denn dieser trifft auf ein Heer von Arbeitslosen und auf
ein Unternehmen, das vermehrt Praktika und nur selten "richtige" Jobs anbietet.
Ganz klar: Daimler sitzt am
längeren Hebel. In dieser Situation hat der Bewerber keine Chance und ist dem
Unternehmen ausgeliefert. Jetzt könnten marktradikale Protagonisten die
Position vertreten, dass Daimler eben nur die Chance extensiv nutzt, die ihm
die aktuelle Arbeitsmarktlage eröffnet.
Der Verfasser dieses Reiseführers
durch die Arbeitswelt ist kein Mediziner und kennt daher nicht alles, wonach
man bei einem Bluttest suchen kann. Aber selbst die mehr oder weniger allgemein
bekannten Untersuchungsmöglichkeiten sind - losgelöst davon, was Daimler
wirklich untersucht und mit den Ergebnissen macht - bereits beeindruckend. So
geben Bluttests Hinweise auf Allergien,
Rhinitis, Sinusitis, Bronchitis, HIV/AIDS, Krebs, Nierenerkrankungen, Asthma,
Lupus, Scleroderma, Amyotrophie, laterale und multiple Sklerose, Leukämie,
Osteoporose, Arthrose (Hüft- und Kniegelenk), Hormonstörungen und Arthritis. Bei
diesen Tests wird zum einen festgestellt, dass vielleicht (!) derartige
Krankheiten vorhanden sind, denn manche Testergebnisse sind nur ungenaue
Indikatoren. Zum anderen wird prognostiziert, dass bestimmte Krankheiten
vielleicht (!) in der Zukunft auftreten werden. Denn einige Test sind eher
Prädiktoren - dann auch nicht viel mehr, aber trotzdem potenziell
handlungsleitend. Also: Viele dieser Tests können auch bei durchaus gesunden
Bewerbern anschlagen. Hinzu kommen noch die vielfältigen
Interpretationsmöglichkeiten des Hämatokrit-Wertes sowie der
Hämoglobin-Konzentration und schließlich alles, was man mit der aus dem Blut
extrahierten DNA machen kann.
Doch unabhängig davon, was Daimler
letztlich genau testet und mit den Testergebnissen macht: Alleine die Berichte
über den Bluttest und die nebulöse Reaktion von Daimler (beispielsweise über
den Daimler-Blog) kommt einem kommunikativen Super-Gau gleich!
Zum einen ist Daimler dabei, sich
so richtig gründlich sein Arbeitgeberimage zu zerstören. Wer auf diese Weise
mit Bewerbern umgeht, braucht sich nicht zu wundern, wenn Bewerber mit einer
zumindest kleinen Grundausstattung an gesellschaftlich-ethischen Werten diesem
Unternehmen den Rücken kehren. Auch die viel umworbenen High-Potentials könnten
Angst vor diesem Arbeitgeber entwickeln, wenn sie den Verdacht hegen, dass Daimler
noch ganz andere Tests durchführt. Wenn also Bewerber bei Daimler im Assessment-Center (wo angeblich kein Bluttest
gemacht wird) aus Angst vor einem genetischen Fingerabdruck das Wasserglas
gründlich abwischen, dann ist spätestens klar, dass Vorsicht die viel zitierte
Mutter der Porzellankiste ist.
Zum anderen können auch Kunden aus
ethischen oder ganz anderen Gründen ins Grübeln kommen, ob sie Autos eines
Herstellers fahren wollen, der Bewerber einem Bluttest unterzieht - und
vielleicht später auch einmal Mitarbeiter, Lieferanten und (Kredit-)Kunden.
Damit gilt eindeutig: "Imageschädigende Aktivitäten wie ein
Bluttest bei Bewerbern sind alleine schon deshalb zu unterlassen, weil der
große Imageschaden soweit erkennbar in keiner Relation zum weniger großen
Nutzen steht." Oder gibt es Nutzenaspekte, die wir noch nicht kennen?
Was es aber gibt, ist ein
Personalvorstand, der sich - soweit erkennbar - nicht von dieser mehr als
fragwürdig einstufbahren Bluttest-Praxis distanziert. Nun kann man Wilfried Porth zugute halten, dass er als Quereinsteiger
vielleicht noch wenig von Personalarbeit versteht.
Aber genau damit beginnt ein
zunächst eher spezielles Problem ein ganz allgemeines zu werden, denn: Was ist
eigentlich die erforderliche Qualifikation für einen Personalvorstand? Manche
Executive Search Firmen, scheinen sich hier fast ausschließlich um allgemeine
(soziale) Passung des Personalvorstands in die Gruppe der Vorstände zu kümmern
- eine Botschaft, die nicht-personalwirtschaftlich ausgebildete Vorstandskandidaten
gerne entgegennehmen.
Würde man dagegen das
Instrumentarium nutzen, das man auf "normale" Menschen anwendet, käme etwas
Anders heraus. Ein solcher Eignungstest für einen Personalvorstand umfasst -
und da ist der Reiseführer "Per Anhalter durch die Arbeitswelt" einmal mehr
sehr genau - acht Punkte: "Für die
Position eines Personalvorstandes sind nur Kandidaten in die engere Wahl zu
ziehen, die (1) eine personalwirtschaftliche Diplomarbeit geschrieben haben -
denn nur das signalisiert ‚Neigung' zum Thema. Dann brauchen sie (2) ein
Studium an einer personalwirtschaftlich ausgewiesenen Hochschule und (3)
entsprechende HR-Zusatzqualifikationen. Zudem muss sichergestellt sein, dass
sie (4) die relevante Fachliteratur beziehungsweise (5) die relevanten Debatten
kennen und (6) eine erfolgreiche HR-Laufbahn hinter sich und (7) Erfahrungen in
anderen Ressorts gesammelt haben. Schließlich sind (8) kommunikative
Fähigkeiten und Empathie zwingend."
Im Übrigen muss der Aufsichtsrat
sicherstellen, dass diese acht Anforderungen an einen Personalvorstand erfüllt
sind. Wenn nicht, könnten Bewerber, die bei Daimler einen Bluttest durchgeführt
haben, vielleicht sogar die Aufsichtsräte wegen Pflicht- (und damit letztlich
wegen Körper-)verletzung verklagen.
Um "wirklich richtige"
Personalvorstände sicherzustellen, könnte man die Kandidaten ja einmal beim
Autor des Reiseführers "Per Anhalter durch die Arbeitswelt" vorbeischicken und
Ihnen - vielleicht im Restaurant am Ende des Universums - auf den Zahn fühlen
lassen....
Wie dem auch sei: Wir brauchen
endlich einen Test, der klar ansagt, ob ein Personalvorstand genug "Personalmanagement" im Blut hat!

P.S. Douglas Adams verschweigt
in seinem Bestseller "Per Anhalter durch die Galaxis" die Existenz von Blut und
überlässt den Umgang mit eben diesem ausschließlich dem Computer. Nur ist das
so ungefähr das Gemeinste, was man mit einem Computer machen kann, und es ist -
laut Douglas Adams - ungefähr so, als ginge man auf einen Menschen zu und sagte
in einem fort "Blut ... Blut ... Blut ... Blut ...". Vielleicht kann man die
darauf folgende Aussage als einen kostenlosen Ratschlag an Daimler
interpretieren: "Wie man sieht, werden wir an unseren persönlichen Beziehungen
noch sehr arbeiten müssen." Doch ein eisiger Wind blies ihnen entgegen.....
http://www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de/
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