Bildungsstreik 2009: Ein typisches Wintermärchen
11. Januar 2010, 10:34
Uhr
Das Bundeskartellamt verurteilte die Kaffeeröster Dallmayr,
Tchibo und Melitta zu einer Geldbuße im dreistelligen Millionenbereich, weil ihre
internen Absprachen die Logik des freien Marktes zu Lasten der betroffenen
Kunden außer Kraft gesetzt haben. Was hat das mit Bildungsstreik an deutschen
Hochschulen zu tun? Nun: Genial am Reiseführer „Per Anhalter durch die
Arbeitswelt" ist, dass er solche Zusammenhänge aufdeckt - gerade auch im
Bildungsuniversum.

Besetzte Hörsäle, demonstrierende
Studenten, Bußgeldbescheide und massive Polizeieinsätze gegen friedlich
demonstrierende Studierende: Der Herbst 2009 brachte mit dem Bildungsstreik an
den deutschen Hochschulen einiges an Überraschungen mit sich. Plötzlich waren
diejenigen aufgewacht, die gerade durch die Bologna-Reform zu unmittelbar
verwertbaren und voll berufsqualifizierten Arbeitskräften umfunktioniert hätten
sein müssen. Erstaunen auf allen Seiten: Bei den Unternehmen (so hatte man sich
die zukünftigen Mitarbeiter nicht vorgestellt), bei der Presse (bisher hatte
man doch fast nur Positives über „Bologna" gehört und jetzt will man als Mitschuldiger
auf die Suche
nach Schuldigen verzichten) und natürlich bei der
Hochschulrektorenkonferenz und ihrer Chefin Margret Wintermantel, die sich
plötzlich mit 4.000 wütenden Studierenden konfrontiert sah.
Dabei hatte alles so schön angefangen:
Margret Wintermantel schwärmte schon 2001 von dieser wunderbaren Reform, den vielen Synergien, der
Modularisierung, der Flexibilisierung, der Erleichterung für die Studenten, der
Profilbildung... und es wurde uns allen warm ums Herz. So schön, so romantisch,
so europäisch, so demokratisch, so liberal. Es klang nach Weihnachtsmarkt mit
Glühwein und Lebkuchen. Die Studenten jubelten (alles würde schöner werden),
die Praxis jubelte (Absolventen würden jünger und billiger sein), die Politiker
jubelten (endlich einmal etwas Positives zu Europa) und die Presse jubelte
(sowieso). Nur einige wenige Professoren waren dagegen...
Der Anhalter durch die Arbeitswelt definiert Wintermärchen „als (1) eine fiktionale Textgattung, bei
der (2) Gutes auf Böses trifft, (3) jeder Bezug zur Realität fehlt und (4) eine
romantische Weihnachtsstimmung entsteht, die niemand stören will und stören
darf."
Typische Elemente in Märchen sind die
böse Hexe, der gute Ritter und Figuren wie die Pechmarie, der - wie Margret
Wintermantel - einfach alles Wichtige zu missglücken scheint. Nun soll man
Margret Wintermantel für ihre Bologna-Fehler nicht zu sehr kritisieren. Denn
immerhin hatte sie 2006 diesen Job an der HRK-Spitze übernommen: "Niemand
sonst von 261 Rektoren oder Präsidenten wollte den Job, Margret Wintermantel
bekam ihn also." Und jetzt stand sie plötzlich vor 4.000 leibhaftigen Studierenden,
die ihr die Schuld am Bologna-Fiasko gaben und die erstaunlicherweise bei der
Bildung mitreden wollten.
Dann ein
Wunder: In Übereinstimmung mit der KMK wurden plötzlich weniger Prüfungen,
weniger Stoff, weniger „Stunden pro Woche", weniger Stress und mehr Liberalität
versprochen. Und wieder kommt das märchenhafte Gefühl von Weihnachtsmarkt mit
Glühwein und Lebkuchen auf.
Margret Wintermantel tritt dabei gleichzeitig
als Vertreterin der Hochschulen und als oberste Bologna-Richterin auf. In
Wirklichkeit ist sie aber weder das eine noch das andere, wie ein Blick in die
einschlägige Literatur - in diesem Fall in den an Tiefgang nicht zu
überbietenden Reiseführer durch die Arbeitswelt - belegt.
Danach gilt: „Die HRK ist (1) als Hochschulrektorenkonferenz ein (2) unverbindlicher
Zusammenschluss von Rektoren und Präsidenten, der (3) politisch ohne
Legitimation als (4) reine Lobbyorganisation die Interessen der
Hochschulrektoren vertritt und dazu (5)
das gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung betriebene Centrum für
Hochschulentwicklung [CHE & CHE-Consult] und (6)
die zum Bertelsmann-Konzern gehörende Presselandschaft [z.B. FTD]
nutzt."
Margret Wintermantel vertritt also als
Lobbyistin nicht etwa die Hochschulen (und schon gar nicht Professoren oder
Studenten), sondern die Rektoren und deren Interessen. Genau hier ist sie aber
jenseits aller Kritik an der verkorksten Bologna-Reform erfolgreich (und
deshalb wären ihr auch weitreichende Korrekturen an der Bologna-Umsetzung egal):
Denn mit dem Argument „das brauchen wir, um die Bologna-Reform durchzusetzen"
sorgt sie für eine universitätsinterne Strukturreform und für eine Machtfülle
bei den Rektoren, von der Ackermann und Zetsche nur träumen können. Rektoren
dürfen faktisch alleine über Berufungslisten, Fächer,
Forschungs- und Lehrinhalte sowie sämtliche Personalfragen von Besoldung über
individuelle Zielvereinbarung bis zur Ernennung von Dekanen entscheiden. Nichts
mehr mit Autonomie, nichts mehr mit Markt! Es lebe die zentralistische
Planwirtschaft.
Genau deswegen sind ihr die
Hochschulrektoren zu Dank verpflichtet und nur so ist zu erklären, dass sie trotz
ihrer Bologna-Denkfehler nicht wie ihr Vorgänger an der HRK-Spitze aus „Amt und
Würden" gejagt wurde.
Nur schade: Das
Fatale für die durchaus begrüßenswerte Bologna-Idee ist, dass die neue Struktur
nicht einmal für ihre
Auslöser, die Rektoren, funktioniert! Von der Zentralsteuerung überlastet,
werden sie zunehmend zu Opfern ihrer eigenen Machtfülle, reagieren reflexartig
auf jedes neue Problem mit neuen Zentraleinheiten und bauen damit noch mehr
kontraproduktive Bürokratie auf. Jetzt scheint selbst die früher so
selbstsichere Frau Wintermantel in ihrer Rolle als Chefin der HRK mit ihrem
Latein am Ende zu sein - zumindest vermitteln ihre sprunghaften
Zurückruderaktionen und ihre hilflosen Fernsehauftritte diesen Eindruck.
Und deshalb gibt es vielleicht doch noch
ein Happy-End, etwas überraschend, aber zunehmend naheliegend - womit wir beim
abschließenden Ratgeber-Abschnitt dieses Reiseführers angelangt sind: (1) Die Wissenschaftsminister sollten über
neue Universitätsgesetze die Bologna-schädliche Zentralsteuerung innerhalb der
Universitäten durch Selbstbestimmungsrechte für Fakultäten sowie Studierende
ersetzen. (2) Die Kultusministerkonferenz sollte dafür sorgen, dass die
öffentliche Finanzierung für die HRK eingestellt wird. (3) Diejenigen
Medienvertreter, die sich immer noch primär als Pressesprecher(in) von HRK
& CHE verstehen, sollten im Interesse der Sache endlich Meinungsvielfalt
akzeptieren und reflektieren. (4) Studierende und Professoren sollten gemeinsam
die Bologna-Reform auf das zurückführen, was ursprünglich gewollt war, und
deshalb (wieder) einmal den ursprünglichen Text der Bologna-Erklärung lesen -
denn der war gar nicht so schlecht.
Was wäre übrigens passiert, wenn Margret
Wintermantel Chefin einer Lobbyorganisation „Kaffeerösterkonferenz" wäre? Ihrem
Argumentationsmuster folgend, hätte sie im Krisenfall die Schuldigen ebenfalls rasch
lokalisiert: Die Ministerpräsidenten der Länder (weil sie die Ertragslage der
Kaffee-Filialen nicht rechtzeitig verbessert haben), die Presse (weil sie über den
Vorgang berichtet hat) und das Kartellamt (weil es sich mit dem Festhalten an
der „Markt-Logik" an die „Gleise der Vergangenheit" kettet). Und ausbügeln
müssten alles irgendwie die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Filialen.

(Foto: cts)
P.S. Und damit sind wir
bei der unvermeidbar-positiven Glücksstimmung angetroffen, die auch bei Douglas
Adams in seinem „Reiseführer per Anhalter durch die Arbeitswelt" oftmals
plötzlich und noch öfters unverhofft aufkommt: „Der Morgen war lieblich und
aromatisch, als Arthur aus der Höhle kroch, die er sein Zuhause nannte, bis er
eine bessere Bezeichnung für sie fände oder eine bessere Höhle. Obwohl ihm die
Kehle wieder weh tat, war er plötzlich irrsinnig guter Laune. Er wickelte sich
fest in seinen abgewetzten Morgenmantel und strahlte den hellen Morgen an."
www.per-anhalter-durch-die-arbeitswelt.de
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