56-47-69: SAUgenau messen und SAPgenau verstehen
29. November 2010, 18:35
Uhr
Nichts Schöneres kann es im medialen
Blätterwald geben, als Daten einer internen Mitarbeiterbefragung zu
veröffentlichen – allerdings nur, wenn sie einen wichtigen Arbeitgeber
betreffen und als schlechte Nachricht darstellbar sind. Genau dieses „und“
scheint laut manager magazin bei SAP gegeben zu sein. Nur: Wie passt das
zusammen? Was ist letztlich richtig? Und was hat das mit den 1,3 Milliarden
Dollar zu tun, die SAP in dieser Woche als Schadensersatz „wegen Datenklau“ an
Oracle zahlen muss? Also: Fragen über Fragen!

(Foto: scs)
In einer solchen interpretationsbezogen schier
ausweglosen Situation kann nur ein Blick in den Reiseführer „Per Anhalter durch
die Arbeitswelt“ weiterhelfen. Denn dort finden wir alles, was wir im
ursprünglichen Artikel aus dem manager magazin nicht finden.
Das ist als erstes einmal eine Definition: „Eine Mitarbeiterbefragung ist (1) eine Wunderwaffe aus der
Personalforschung, die (2) bei professioneller Handhabung als realistischer
Monitor produktive Veränderungsimpulse generiert, aber (3) bei amateurhafter
Erhebung und/oder amateurhafter Analyse und/oder amateurhafter Kommunikation zu
einem innerbetrieblichen und (4) vielleicht zu einem außerbetrieblichen medialen
Hypergau führen kann.“
Ab jetzt muss man – und auch dies lernt man
rasch in den unendlichen Weiten der Arbeitswelt – sehr genau unterscheiden.
Denn: Warum wird eine solche Befragung durchgeführt? Hier gibt es
verschiedenste Varianten: Sie reichen von den absichtlich geschönten
Ergebnissen („Liebe Mitarbeiter! Bitte
denken Sie daran, wir wollen den Arbeitgeberpreis gewinnen! Also nur gute
Bewertungen abgeben!“) bis zu brutalen Abrechnungen mit Führungskräften.
Dazwischen liegen die realen Fälle und die sind – das ist die gute Nachricht –
durchaus häufig.
Was aber haben jetzt laut manager magazin
(12/2010, Seite 12) die befragten Entwickler bei SAP geantwortet?
· 56% der SAP-Entwickler klagen über
ein wachsendes Arbeitspensum,
· 47% sehen bisweilen die Grenzen
der Belastbarkeit erreicht und
· 69% vermissen bei der
Produktentwicklung die Nähe zum Kunden.
Und wie geht es jetzt weiter? Im konkreten
Fall wird ein Sozialwissenschaftler in die Mitarbeiterversammlung eingeflogen:
Für Dr. Andreas Boes, mit dem SAP nach eigenen Angaben „bereits in einem vorausgegangenen Projekt gute Erfahrungen gemacht hat“,
ist der Befund klar und er warnt: „Ohne gezielte Entschleunigung drehen sich
die Teams selbst die Luft ab“.
Jetzt kann auch der beste Reiseführer der Welt
nicht im Detail hinterfragen, was genau bei SAP verändert wurde, dass es zu
solchen Zahlen und solchen Sätzen gekommen ist. Man kann diese neue Welt aber
erahnen, wenn man folgenden Absatz
auf sich wirken lässt: „Andreas Boes
beschrieb sie in seinem Vortrag theoretisch, die anwesenden Kollegen von SAP
aus praktischer Sicht. In einen Satz gebracht könnte man sagen: Mit der
Verbindung von agilen Praktiken als Managementmethode im Operativen und
Lean-Management im Großen setzt sich im Bereich der Softwareentwicklung eine
Prozessrevolution durch, die in ihrer Bedeutung mit der industriellen
Revolution vergleichbar ist“.
Tom Peters würde jetzt sagen: „WOW“!
Was aber sagt der Reiseführer durch die
Arbeitswelt? Er verhält sich vollkommen neutral und liefert zwei vollkommen
konträre Lesarten:
Die Positiv-Lesart
bewertet das Ergebnis der Mitarbeiterbefragung – plausibel begründbar, aber
dennoch verblüffend – positiv. Denn zumindest prinzipiell spricht nichts gegen
ein wachsendes Arbeitspensum, wenn es vorher vielleicht wegen der
Wirtschaftskrise eher gering ausfiel. Und die 47% Mitarbeiter, die „bisweilen“
die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sehen? Dieser Befund besagt im
Umkehrschluss, dass bei über 50% der Mitarbeiter die Grenzen noch nicht
erreicht wurden. Aber 69% der Entwickler, die eine Nähe zum Kunden vermissen?
Müssen wirklich alle Entwickler zum Mittagessen mit den Kunden gehen? Reichen
da nicht 30%? Also: Die Positiv-Lesart signalisiert „alles im grünen Bereich“.
Die Negativ-Lesart
argumentiert in die genau andere Richtung, spricht von Burnout, von
Luftabschneiden, von Verlust der Kundennähe, von Gefahr des Abwanderns und von
ganz vielen anderen Hässlichkeiten. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass
schon einmal eine negative Mitarbeiterbefragung zu einem dramatischen Ergebnis
geführt hat: Angeblich wurden dem damaligen CEO von SAP schlechte
Befragungsergebnisse zum Verhängnis, ein Befund, den er später in den schönen
Satz „ohne mich gäbe es kein SAP“ transformierte und damit ein interessantes
Niveau an Realitätssinn bewies. Also: Wieder Befragungsergebnisse, die das
vorzeitige Ende in zumindest einem Ressort signalisieren könnten.
Jetzt überrascht es nicht, wenn unser
Reiseführer einen etwas paradoxen Tipp liefert: „Für alle Befunde aus einer
Mitarbeiterbefragung gibt es mindestens zwei völlig konträre Interpretationen!“
Und jetzt? Folgt man dem Radikalen
Konstruktivismus des österreichischen Philosophen Ernst von Glasersfeld, so
gibt es keine absolute Realität, sondern allenfalls eine konstruierte
Wirklichkeit. Danach sind die Zahlen zunächst völlig bedeutungslos: Sie
erhalten erst durch ihre Interpretation, ihre Kommunikation und ihre Diskussion
ihre unternehmensspezifische Bedeutung.
Sind Mitarbeiterbefragungen also Unsinn?
Jetzt schlägt der Reiseführer einen Haken und
einen ganz anderen Ton an, indem er folgenden Rat artikuliert: „Zu einem professionellen
Personalmanagement gehört zwingend eine professionelle Mitarbeiterbefragung,
die aber auch professionell durchgeführt werden muss.“
Die Aussagen aus dem manager magazin
suggerieren zwar eine krasse Realität, sind aber bedeutungslos. Wir brauchen
Informationen zur aktuellen Leistungsbereitschaft, zum Arbeitsumfeld und zur
Retention als der Verbleibenswahrscheinlichkeit der Mitarbeiter im Unternehmen.
Und wir brauchen Vergleichswerte, die sich zum Beispiel im Zeitverlauf ergeben.
Ohne diese Informationen ist das alles einseitig durch die Medien geschaffene
Realität. Die Mitarbeiterbefragung kann allerdings – wenn es dumm läuft –
tatsächlich zu einer Verringerung der Motivation führen, wenn die Mitarbeiter
bei SAP derartige Informationen zu derartig gravierenden Mängeln in ihrem
Unternehmen aus den Medien erfahren und dann derartig geschockt sind, dass sie
tatsächlich in die Überforderung abgleiten.
Daher ein weiterer Tipp für Personalmanager: „Mitarbeiterbefragungen müssen
stichprobenartig wie das Politbarometer in kurzen Intervallen (monatlich) durchgeführt
und in zeitnahe Kommunikation sowie zeitnahe Reaktion (also maximal 7 Tage)
münden.“
Auf diese Weise lassen sich die Ergebnisse
einordnen, verstehen und in konkrete Handlungen transportieren.
Wie aber sind die publizierten Daten aus dem
manager magazin zu bewerten?
An dieser Stelle zögert der Autor des
Reiseführers „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“, um dann zu antworten:
„Eigentlich überhaupt nicht, denn die wichtigsten Zusatzinformationen fehlen“.
Das ist natürlich schade, denn jetzt sind wir fast so schlau wie zuvor. Wir
wissen aber, dass zumindest der Artikel im manager magazin nicht informativ
genug war.
Zudem fehlt eine klare Stellungnahme des
Personalvorstandes. Hat das manager magazin Frau Dr.
Angelika Dammann – immerhin von Thomas Sattelberger als „HR-Manager des
Jahres“ ausgezeichnet – nicht gefragt? Oder wollte sie nicht antworten? Oder
durfte sie aufgrund interner Konzernrichtlinien nicht antworten? Oder will sie
uns absichtlich im Dunkeln stehen lassen? Oder?
Schon wieder Fragen über Fragen! Aber
vielleicht liest Frau Dammann ja diesen Reiseführer „Per Anhalter durch die
Arbeitswelt“ und vielleicht schickt sie uns ja einen kurzen Kommentar. Die Leser
dieses Reiseführers würden es ihr danken!
Ja, bevor es vergessen wird: Was haben die 1,3
Milliarden-Strafe und diese Mitarbeiterbefragung miteinander zu tun. Vermutlich
nichts. Oder doch?

(Foto: cts)
P.S. Irgendwie ist doch befremdlich, wie – als
ob es in einer Parallelwelt stattfindet – Douglas Adams in seinem „Per Anhalter
durch die Galaxis“ zu jedem Eintrag aus diesem Reiseführer einen passenden
Eintrag parat hält! So auch diesmal: „Wenn
man die Spiegel aus dem richtigen Winkel betrachtete, spiegelten sie alle
erforderlichen Computerdaten wider, obwohl es alles andere als klar war, woher
sie sie widerspiegelten“. Alles klar?
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