In Unternehmenstrainings propagiert man „fairen Umgang“ mit Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen wollen. Gleichzeitig werden Unternehmen kritisiert, die hier eine ganz harte Linie fahren und auf Kündigung mit sofortiger Freistellung reagieren. Spätestens seit der „Niederlage“ von Jupp Heynckes bei Bayern München sollte man den Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ zu Rate ziehen – sonst wird es für das Unternehmen wirklich teuer.

Rapid Wien hat es vor kurzem konsequent vorgemacht:
Als der Trainer Peter Pacult begann, mit dem RB Leipzig zu liebäugeln, wurde er
rausgeschmissen – nicht wegen seiner
Leistung, sondern weil man darin einen derartig „massiven Vertrauensbruch“ und
keine Chance zur weiteren Zusammenarbeit sah.
Bayer Leverkusen machte es anders: Man zeigte
großmütig Verständnis dafür, dass Jupp Heynckes lieber zu Bayern München wechseln wollte. Man
sah auch kein Problem darin, Jupp Heynckes im entscheidenden Spiel gegen Bayern München
auf der Trainerbank sitzen zu lassen. Dabei hätte die Vereinsführung das
Problem erkennen müssen. Denn für Bayern München (und damit auch für Jupp Heynckes
als ihren neuen Trainer) ging es um die
Teilnahme in der Champions League und damit um Millionen Euro. Und allenfalls
naive Fußball-Idealisten konnten darüber überrascht sein, dass Leverkusen mit 5:1
in München haushoch unterging.
Rückblende: Einige Leser dieses Reiseführers
werden sich an Lothar Matthäus erinnern und auch daran, dass man sich vor allem
an ein Tor von ihm erinnert: 1984 spielte er für Mönchengladbach, hatte bereits
kurz vor Saisonende seinen Wechsel zu Bayern München publik gemacht und
verschoss im DFB-Pokalfinale im Elfmeterschiessen „gegen“ seinen zukünftigen Arbeitgeber Bayern
München ziemlich eindeutig. Dadurch gewann Bayern München den Pokal 6:7.
Übrigens: Damals war Jupp Heynckes der
Trainer von Mönchengladbach und der damalige Leidtragende. Jetzt ist er der
Nutznießer der eigenen Niederlage.
Etwas nostalgisch definiert damit der
Reiseführer „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“ folgenden Begriff: „Ein Lothajupp
ist eine Situation, in der eine wechselbereite Führungskraft durch eigenes
Versagen seinem aktuellen Arbeitgeber schaden, aber im Umkehrschluss dem
zukünftigen Arbeitgeber extrem nutzen kann.“
Niemand kann und wird Jupp Heynckes
unterstellen, bewusst seine Mannschaft bei Bayern München derartig miserabel
eingestellt zu haben, dass sie derartig desolat gespielt hat. Genauso wie man
Lothar Mathäus damals bei seinem verschossenen Elfmeter keine Absicht
unterstellen darf. Sicherlich werden damals weder Jupp Heynckes noch Lothar Matthäus Prämien von Uli Hoeneß für
„entsprechendes“ Verhalten versprochen worden sein. Demnach ist sicher
nichts Unrechtes im Spiel.
Doch es gibt so etwas wie ein
Unterbewusstsein: Wenn Jupp Heynckes bei
Bayern München verliert – was er ja bekanntlich geschafft hat – dann stellt er
den mächtigen Uli Hoeneß als seinen
zukünftigen Chef zufrieden. Das alleine ist ein wichtiges Motiv, denn bei einem
Sieg in München hätte er eigentlich nicht mehr als Trainer antreten brauchen.
Es geht aber noch weiter im Unterbewusstsein: Verliert Jupp Heynckes gegen Bayern München, spielt er im nächsten
Jahr in der Champions League – ansonsten nicht.
Spätestens jetzt ist klar, dass das Management
von Bayer Leverkusen stümperhaft und naiv gehandelt hat: Würde ein Manager
seinem Entwicklungsleiter, der erklärt hat, zur Konkurrenz abzuwandern, noch
die Gelegenheit geben, sich einmal gründlich im eigenen Computersystem
umzusehen? Oder ihm erlauben, bei der entscheidenden Strategiesitzung dabei zu
sein? Oder die alles entscheidende Wettbewerbspräsentation für den alles
entscheidenden Pitch vorzubereiten? Alles definitiv nicht: Hier dürfte Werner
Wenning (jetzt Vorsitzender des Bayer-Gesellschafterausschusses) in seiner Zeit
als Vorstandsvorsitzender der Bayer AG ganz anders agiert haben.
Tipp
für Unternehmen: „Vermeiden Sie konsequent, in ein Lothajupp zu kommen. Tief im Unterbewusstsein sind Führungskräfte
(wie Trainer und Fußballspieler) opportunistisch. Wenn Sie in einem Lothajupp sind, muss die betreffende
Person „isoliert“ werden: Das ist kein Misstrauen, kein Missmanagement, sondern
lediglich Vorsicht vor dem Unterbewusstsein.“
Danach hätte Jupp Heynckes nie (!) bei diesem Spiel auf der Bank sitzen
dürfen.
Gleichzeitig fällt auf, dass gerade Bayern
München recht häufig in eine solche Situation kommt: Hatte nicht auch einmal
Klose (damals Werder Bremen) kurz vor einem wichtigen Spiel
„Geheimverhandlungen“ mit Bayern München gehabt? Und gab es da nicht auch noch
andere Fälle? Auch wenn – und das sei ganz klar betont – nie keine Absicht auf
der Seite von Bayern München unterstellt wird, bietet sich doch ein kleiner
Ratschlag an, der in eine ganz andere Richtung geht ...
Tipp
für Unternehmen: „Versuchen Sie möglichst bei Ihren Konkurrenten Lothajupps zu produzieren. Vielleicht
nützt es nichts – aber es wird auch nichts schaden. Und im Zweifelsfall bei UH
nachfragen.“
Mit Blick auf die Fußballgeschichte bleibt
festzuhalten: Genauso wie Wikipedia als eine zentrale „Leistung“ von Lothar Matthäus
seinen verschossen Elfmeter gegen Bayern München nennt, wird Jupp Heynckes dieses „5:1 für Bayern München“ als
entscheidenden Punkt in seiner Karriere
akzeptieren müssen.

P.S. Liest man den Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams ausführlich – was man mehrfach am Tage tun sollte – so kommt noch ein weiterer Ratschlag ins Spiel. Vielleicht hätte Jupp Heynckes selbst auf seine Trainerrolle in diesem Spiel verzichten und den klugen Zaphod mit folgenden Worten zitieren sollen: „Ich würde mir selber nicht weiter trauen als eine Ratte spucken kann.“