Fünf Apple-Tipps für eine bessere Personalarbeit
02. Januar 2012, 16:53
Uhr
Skeptiker
mögen es kaum glauben: Aber gleich hinter dem Mineralölkonzern Exxon wurde
Apple zum Jahresende 2011 das zweitwertvollste Unternehmen der Welt. Irgendwas
muss Apple also richtig machen und genau dieses „Irgendwas“ könnte man doch
auch auf die Arbeitswelt übertragen. Daher präsentiert der Reiseführer „Per
Anhalter durch die Arbeitswelt“ heute zum Jahresanfang 2012 genau die fünf
Apple-Merkmale, an denen sich Gestalter der Arbeitswelt zwingend orientieren
sollten.

In diesem Beitrag geht es nicht
um eine Glorifizierung von Steve Jobs als Führungskraft und auch nicht um eine
pauschale Laudatio auf die Firma Apple. Spätestens seit der fast schon
überkritisch von Walter Isaacson verfassten Biographie wäre beides nicht
unproblematisch. Das vorab - aber jetzt einmal alle Skepsis für 10 Minuten
beiseite räumen und blasphemische Sätze aus dem Internet wie „Next thing we know, Jobs will be sighted on a tortilla,
along side the Virgin Mary“ aus dem Gedächtnis löschen!
Befangenheitserklärung:
Der Autor dieses Reiseführers ist bekennender Apple-Fan, wie aufmerksame Leser
bereits seit seinem ersten Eintrag in diesen Reiseführer vor rund 5 Jahren wissen. Er sammelt in fast schon
krankhafter Weise Apple-Geräte (dummerweise anstelle von Apple-Aktien), hat
schon vor 25 Jahren Studenten mit der Apple-Kultur gequält, ist nach
Kalifornien in das Epizentrum des Apfel gepilgert und hat auch schon auf seinem
Schreibtisch einen Platz für den angekündigten Apple-Fernseher reserviert.
Warnung:
Dieser Beitrag steht nicht nur positiv zu Apple, er steht gleichzeitig kritisch
zu der aktuell praktizierten Personalarbeit in Deutschland. Deshalb sollten
nicht nur die Leser sofort mit der Lektüre aufhören, die diesen Text gerade
nicht auf einem Apple-Gerät lesen, sondern auch die Leser das Lesen einstellen,
die keine Probleme mit der aktuell praktizierten Personalarbeit haben.
Die
verbliebenen 4,2 Prozent sollten sich jetzt als erstes YouTube einen ganz alten
Werbefilm von Apple anschauen, nämlich das „Think Different“-Video.
In ihm werden Personen wie Albert Einstein, Bob Dylan, Martin Luther King,
Richard Branson, John Lennon, Thomas Edison, Mahatma Gandhi, Alfred Hitchcock
sowie Picasso dargestellt und es wird impliziert, dass diese Personen alle
letztlich wegen ihrer Andersartigkeit erfolgreich waren: Sie haben sich nicht
an das gehalten, was üblich, was normal und was vorgezeichnet war. Daraus folgt
der erste Merksatz:
Apfel-Logik #1: Think Different!
Egal ob
Macintosh, iMac, iPod, iPhone oder iTunes: Apple hat sich nicht an Konventionen
und an das Übliche gehalten. Statt um Standardisierung geht es um
Differenzierung, also darum, nicht länger mittelmäßigen Mehrheitsmeinungen
hinterherzulaufen. Wichtig sind vielmehr der eigene Weg und die
nachvollziehbare Unverwechselbarkeit.
Vergleicht
man nun dieses „Think Different“ mit der praktizierten Personalarbeit in deutschen
Unternehmen, so wird schnell klar, dass es sich hier um einen völlig anderen
Ansatz handelt. Denn: Die meisten Unternehmen orientieren sich in vielen
Punkten an dem, was die Mehrheit anderer Unternehmen tut. Auf diese Weise
verhindern sie Innovationen und evolutorische Weiterentwicklung.
Regelmäßige
Leser von Managementbüchern wissen es: Die Ultima Ratio eines strategischen
Managements besteht im Erzielen von Wettbewerbsvorteilen. Und auch wenn man dies
leicht vergisst: Das gilt auch für das Personalmanagement. Konkret muss das
Personalmanagement also etwas anders machen als die Konkurrenz, also in alternativen
Kategorien denken und handeln. Dann kann auch die Frage: „Welchen dauerhaften
Wettbewerbsvorteil erzielen Sie durch Ihre Personalarbeit?“ substanziell beantwortet
werden.
Apfel-Logik #2: Be Perfect!
Wer noch
den alten Macintosh-Computer aus den 1980er Jahren kennt, kann sich nicht nur
an die geniale graphische Benutzerführung (inklusive Papierkorb) erinnern,
sondern auch an Geschwindigkeit und Robustheit: Während man beim
Konkurrenzprodukt von IBM und Microsoft immer wieder Systemabstürze beklagen
musste, lief der Apple rasch und fehlerfrei. Diese alles setzte sich auch bei
den nachfolgenden Geräten fort, also beim iMac, beim MacBook, beim iPod und – na,
ja – auch beim iPhone.
Schaut man
jetzt aber in vielfältig wunderbare Arbeitswelt, so findet man eine
Personalarbeit, die wirklich oft alles andere als perfekt ist. Selbst harmlose
Prozesse wie die Bewerberverwaltung klappen nicht, ganz zu schweigen von
komplexeren IT-Lösungen, die eigentlich immer nur im Umbruch sind. Dauernd gibt
es ein neues Release, dauernd werden irgendwelche Datenstrukturen umgebaut, nur
damit sie angeblich „integriert“ werden. Wer je einmal in einem Unternehmen versucht,
sich tagesaktuell den Wert „Full-Time-Equivalent“ zu erschließen, wird
verblüfft sein und Tage später noch Revisionen bekommen.
Auch wenn
es trivial klingt: Wer nicht absolute Sicherheit in den Prozessen garantiert,
kann langfristig nicht erfolgreich sein. Diese Perfektion ist dabei weniger ein
mechanisches Abarbeiten von Qualitätssicherungsprozeduren als vielmehr Bestandteil
der Kultur.
Apfel-Logik #3: Simplicity!
Ein
wichtiger Schlüssel bei der Suche nach Perfektion ist das nächste Merkmal der
Apple-Kultur, nämlich „Simplicity“: Denn Einfachheit ist zwar keine
hinreichende, wohl aber eine notwendige Bedingung für Perfektion.
Bereits der
erste Apple-Computer demonstrierte eindrucksvoll die Idee der Einfachheit:
Während man bei den Konkurrenzprodukten noch hinter einem penetrant blinkenden
Cursor lange Buchstabenfolgen eintippen musste, konnte man beim Mac bereits das
Dokument elegant mit einer Mausbewegung in den Papierkorb schieben. Ähnlich
eindrucksvolle Demonstrationen von „Simplicity“ als Erfolgsprinzip lieferte der
iPod: Mit einer unmittelbar intuitiv erfassbaren Benutzerführung konnten alle
wichtigen Befehle ausgeübt werden.
Dagegen
steht eine typische Szene aus der Arbeit einer Personalabteilung: Nach langer
Diskussion mit relevanten Akteuren steht eine neue Konzeption als Lösung für ein
wirklich wichtiges Problem. Doch dann kommen umfassende und manchmal in ganz
andere Richtungen zeigende Erweiterungsvorschläge. Das Ergebnis ist dann eine
völlig unbrauchbare Konzeption, die nicht nur das ursprüngliche Problem nicht
mehr löst, sondern auch vieles andere durcheinanderbringt. Selbstredend landet die
ursprünglich vielleicht gut gedachte Idee mit allen ihren angeflanschten
Zusätzen am Ende auf dem Friedhof der personalwirtschaftlichen Kuscheltiere.
Lernen von
Apple? Im modernen Personalmanagement hat die Personalfunktion auch eine
Governance-Funktion. Dazu gehört das Recht, Instrumente und Konzepte auf den
zentralen Kern zu reduzieren. Allerdings setzt diese „Weniger ist
mehr“-Strategie wieder ein Umdenken voraus: Denn jetzt definiert sich
Personalarbeit nicht mehr dadurch, was sie alles tut, sondern vor allem
dadurch, was sie nicht tut.
Apfel-Logik
#4: Think for your Customers!
Apple behält sich das Recht vor, darüber nachzudenken,
worin der Nutzen eines Produktes liegen könnte. Es geht also primär darum,
selber zu bestimmen, was erforderliche Merkmale des neuen Produktes sein sollten,
damit es „die Welt verändert“. Anders ausgedrückt: Verändern der Welt bedeutet
nicht, die Welt systematisch danach zu befragen, was denn die Welt am liebsten
haben möchte. (Hier
verweist Steve Jobs auf Henry Ford: „If I’d asked my customers what they wanted, they would
have told me “A faster horse”.)
Doch wie
sieht es in der Personalarbeit aus? Sie wird geprägt von den zwei Konzepten, nämliche
„Dienstleistungsfunktion“ und „Nachfrageorientierung“. Danach wird es bereits
als Professionalisierung und als Fortschritt eingestuft wird, wenn Verträge und
Zusagen nicht mehr von der Personalabteilung, sondern nur mehr von
Führungskräften selber unterschrieben werden. Dies alles funktioniert aber nur
unter der Prämisse, dass die Führungskräfte eine höhere personalwirtschaftliche
Befähigung haben als die Vertreter der Personalabteilung.
Natürlich
wird die Personalabteilung in Wahrnehmung ihrer Servicefunktion auch
nachfrageorientiert handeln. Dies darf sie aber nie davon abhalten, einen ganz
zentralen Schwerpunkt ihrer Arbeit darin zu sehen, aus ihrer eigenen
Perspektive heraus für den Kunden und für das Unternehmen zu denken. Dies gilt
vor allem dann, wenn das Unternehmen durch eine „etwas andere Personalarbeit“
tatsächliche Wettbewerbsvorteile zu erzielen versucht.
Apfel-Logik #5: Stay Hungry!
Bekannt
wurde die Forderung „Stay Hungry, Stay Foolish“ aus der viel zitierten Rede von
Steve Jobs in Stanford. Er impliziert, sich selber nicht zu ernst zu nehmen und
auch einmal etwas Neues zu wagen. Diese Suche sieht man an der laufenden
Weiterentwicklung der Produktpalette, aber auch an technologischen Neuerungen (zum
Beispiel am damaligen Verzicht auf Diskettenlaufwerke beim iMac) und natürlich
an Quantensprüngen für Apple wie iTunes.
Wenn man
sich mit dem Hunger nach Veränderungen der Personalarbeit befasst, stößt man zwangsläufig
auf die Personalabteilung. Hier lässt sich auf jeden Fall ein gewisser Hunger
lokalisieren, und zwar nach Titeln und Bezeichnungen. Nicht ohne Grund war die
Einführung von so genannten „Business Partnern“ absoluter Renner von an der
Grenze der Seriosität arbeitenden Unternehmensberatern: Ohne dass meist auch
nur die kleinste inhaltliche Kleinigkeit geändert wurde, führte man phantasievolle
Titel ein, deren Kreativität allenfalls noch durch „Senior Executive Strategic
Managing Business Partner“ übertreffbar gewesen wären.
Um nicht
falsch verstanden zu werden: Natürlich ist die eigentliche Grundlogik des hinter
dem Business Partner-Konzept von Dave Ulrich eine sinnvolle Idee: Nur verlangt es
Akteure, die sich nicht mit irgendwelchen Status-Placebos abspeisen lassen,
sondern die wirklichen Hunger auf Veränderungen haben. Selbstredend muss es
daher neben der Kompetenz als Befähigung („Können“) und der Kompetenz als
Befugnis („ Dürfen“) auch ein Wollen geben, also eine Bereitschaft, sich auf
Andersartigkeit und die wunderbar vielfältigen Chancen der Arbeitswelt
einzustellen.
... tja,
das sind die fünf Merkmale der Apple-Logik. Und die kritischen Reaktionen der
Leser dieses Reiseführers werden so sicher kommen wie die Feuerwerksraketen zu
Silvester. Deshalb schon einmal als vorausschauende Antwort drei Repliken.
Kritikpunkt 1: „Vieles widerspricht sich!“ Ja, das ist richtig. Nur ist das
kein Argument gegen diese fünf Merkmale. Vielmehr lässt sich durchaus zeigen,
dass ein Schlüssel zum Erfolg gerade im Umgang mit Paradoxien und Dissonanz liegt. Kritikpunkt 2: „Steve Jobs ist mit Mitarbeitern
manchmal hart umgegangen“. Ja, das stimmt und da hat er sich vermutlich nicht
mit den aktuellen Führungsprinzipien auseinandergesetzt, wie sie in diesem
Reiseführer propagiert werden. Kritikpunkt 3: „Die Personalabteilung wird sich
nie ändern“. Tja, dann sollten wir es vielleicht einmal etwas mit etwas mehr
Optimismus versuchen.
Das alles
würde dann auf ein sehr emanzipiertes und ganz anderes Personalmanagement
hinauslaufen als das, was wir gegenwärtig sehen: Nämlich auf eine
Personalarbeit, die wirkliche Wettbewerbsvorteile durch Andersartigkeit
schafft, die Sicherheit durch Perfektion sowie Nutzbarkeit durch Einfachheit
garantiert und die letztlich auch durch eine Personalabteilung getragen wird,
die „hungrig“ nach Veränderung ist und als souveräner Vordenker auftritt.
Und wir
bekommen eine lebenswerte und farbenfrohe Arbeitswelt, so bunt wie die Farbpalette
beim iPod. Sind das nicht alles schöne Aussichten für das neue Jahr?

P.S. So
richtig verwundert es keinen, dass Douglas Adams in seinem Reiseführer
„hitchhiker's guide to the galaxy“ wenig über notwendige Veränderungen von
Personalabteilungen sagt. Aber er schildert eine zögerliche Annäherung, wenn er
sich diversen Obstsorten nähert: „Genauso habe ich auch immer über die
Geschichte vom Garten Eden gedacht. »Garten Eden. Baum. Apfel. Diese Sache da,
erinnerst du dich?«“ Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
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