Unsichere Krebsimpfung? Exklusiv: Die Antwort des Nobelpreisträgers
01. Dezember 2008, 07:30
Uhr
Die
Vorwürfe sind nicht ganz neu, die in den vergangenen Tagen zur Impfung gegen
Gebärmutterhalskrebs kursierten, aber die Massivität, mit der dreizehn
Gesundheitswissenschaftler und Mediziner laut einer Pressemitteilung der Universität Bielefeld nun
geschlossen gegen die Humane Papillomviren-(HPV-)Impfung zu Felde ziehen, zeigt
eine neue Qualität.
In
dem Manifest wird „eine Neubewertung der
HPV-Impfung durch die Ständige Impfkommission in Berlin gefordert. Die Verfasser
haben sich offenbar furchtbar über die massiven Werbekampagnen für die beiden
auf dem Markt befindlichen Vakzinen geärgert. Beklagt wird eine „ireführende
Kampgange", die zum Zeil haben soll, die die Durchimpfungsraten bei den 12- bis
17jährigen Mädchen zu erhöhen, und das auf Grundlage von vermeintlich
unsicheren Zahlen und Fakten. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der klinischen
Studien reichten bisher bei weitem nicht aus, den versprochenen
Impfschutz zu behaupten.
Die
Nachricht über das „Manifest" hat HPV-Pionier Harald zur Hausen
vom Deutschen Krebsforschungszentrum, der die wissenschaftlichen
Grundlagen für eben diese Vakzinen gelegt hat und dafür auch am 10. Dezember
den diesjährigen Medizin-Nobelpreis erhalten wird, auf einer Reise in Südostasien
erreicht. Grundlage ist ein Artikel der Kollegin Berndt in der SZ mit dem Titel
„Marketing um jeden Preis". Professor zur Hausen hat uns -
exklusiv - auf seiner Rückreise aus Bangkok eine Antwort
auf die in dem Bericht geäußerten Thesen geschickt. Wir geben sie hier
unverändert wider - in der stillen Hoffnung, dass sich Kläger und
Beklagte einmal ernsthaft und persönlich austauschen. Die Einladung dafür
schickt zur Hausen gleich mit.
Oder
sollte das Ziel am Ende doch nur sein, Verunsicherung zu schüren?
Hier
der ungekürzte Brief von Nobelpreisträger Harald zur Hausen an die
F.A.Z. im Wortlaut:
Papillomvirus-Impfungen als „Schnellschuss
mit fehlender Präzision"?
Mit
zunehmendem Erstaunen lese ich in der Süddeutschen Zeitung Nr. 275 vom 26.
November die dortige Wiedergabe eines Manifestes (Zitat) „13 namhafter
Fachleute wie Martina Dören von der Charité, Ingrid Mühlhauser von der
Universität Hamburg, und Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft. Mit Rolf Rosenbrock und Ferdinand Gerlach sind auch zwei
Mitglieder des Sachverständigenrats der Entwicklung im Gesundheitswesen dabei".
Kernsätze dieser Kritik sind die Aussagen „Wir wissen noch nicht, ob die
Impfung Nutzen stiftet" und es bestehe „Anlass zu großer Sorge". Ich
kann nur hoffen, dass dieser Bericht nicht von diesen 13 Fachleuten
autorisiert wurde und dass von deren Seite eine Richtigstellung erfolgen wird.
Mir selber liegt das „Manifest" zurzeit nicht vor, so dass ich mich hier
nur auf die Aussagen der Verfasserin dieses Zeitungsberichtes beziehen kann.
Kernaussagen
dieses Berichtes sind die folgenden Punkte:
- Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko)
Mädchen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren zu impfen stehe auf tönernen
Füssen und (Zitat) „fast jede Zahl, egal wer sie nennt, stammt
letztlich von den Impfstoffherstellern - Glaxo Smith Kline und Sanofi
Pasteur MSD".
- Die Belege, dass die humanen Papillomvirus (HPV)
Typen 16 und 18 für etwa 70% aller Gebärmutterhalskrebse verantwortlich
seien, sind laut Jürgen Windeler [(Zitat) „einer der Dreizehn und
Experte für die Nutzenbewertung von Arzneimitteln beim Medizinischen
Dienst der Krankenkassen"] dünn. Da 13 weitere Papillomvirustypen auch
krebserregend sein können, „könnte die Impfung die Krebsgefahr
erheblich weniger bannen, als es die Pharmafirmen behaupten".
- Es sei noch nicht erwiesen, wie viel seltener
geimpfte Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkranken im Vergleich zu nicht
geimpften. In einer aussagekräftigen Studie sei durch die Impfung die Zahl
der Krebsvorstufen nur um 17% gesenkt worden, „eben nicht um die
erträumten 70%".
- Kaum eine der HPV Infektionen führe zu Krebs, so
wird Ingrid Mühlhauser zitiert und es sei fraglich, „wie die Impfung
die natürlichen Abwehrkräfte gegen HPV beeinflussen wird". Andere
Typen könnten die Rolle der Typen übernehmen, gegen die jetzt geimpft
werde.
- Die Massenimpfung mit dem „teuersten Impfstoff
aller Zeiten könnte sich als eine gigantische Fehlinvestition
erweisen".
Zu
diesen 5 Punkten will ich kurz Stellung beziehen und zuvor betonen, dass ich
keine persönlichen Bezüge von den beiden hier zitierten Pharmaunternehmen
erhalte.
Es
ist in einem gewissen Sinne richtig, dass alle Untersuchungen über die
Wirksamkeit der Papillomvirus-Impfstoffe beim Menschen in Bezug zu den beiden
Herstellerfirmen stehen. Wie könnte es auch anders sein, da nur diese
Impfstoffe umfangreiche klinische Prüfungen durchlaufen haben und damit auch
eine Lizenz für deren Anwendung beim Menschen vorliegt? Den sicherlich in
diesem Fall sehr ausgewiesenen Experten, die entsprechende
Wirksamkeitsprüfungen unternommen haben, pauschal zu unterstellen, dass diese
deshalb im Interesse der Firmen agieren, ist für mich nicht nachvollziehbar und
sicherlich ungerechtfertigt.
Wesentlicher
ist allerdings ein anderer Punkt: wer sich mit den Grundlagen der
Papillomvirus-Impfung befasst, weiss, dass diese Impfung nur gegen infizierende
Viruspartikel wirken kann, da diese durch die Impf-bedingten Antikörper
neutralisiert und damit die Infektion von Zellen verhindert wird. Ist das
Erbmaterial solcher Viren einmal in die Zellen gelangt, werden in den dann
wachsenden Zellen keine Eiweiße der Virushülle mehr gebildet. Die aufgrund der
Impfung gebildeten Abwehrstoffe, die sich ausschließlich gegen ein Protein der
Virushülle bilden, sind in diesem Fall wirkungslos. Dies heißt mit anderen
Worten, die Impfung schützt nur vorbeugend gegen neue Infektionen und ist bei
vorliegender Infektion mehr oder weniger wirkungslos. Da die Viren der
genitalen Warzen und im Gebärmutterhalskrebs so gut wie ausschließlich durch
sexuelle Kontakte übertragen werden, ist es extrem wichtig, die Impfung in Altersgruppen
vor dem Einsetzen sexueller Aktivität durchzuführen. Da die Durchseuchung der
erwachsenen Bevölkerung mit diesen Infektionen in fast allen bisher
untersuchten erwachsenen Bevölkerungsgruppen hoch (über 50%) ist, macht die
Impfung in späteren Lebensabschnitten in der Regel keinen Sinn. Es ist daher
kaum nachvollziehbar, warum der Vorschlag Mädchen in der Altersgruppe zwischen
12 und 17 Jahren zu impfen, „auf tönernen Füssen" stehe.
Eine
Falschmeldung ist die leider in Deutschland oft wiederholte Aussage, dass eine
große Studie die Wirksamkeit der Impfung in der Verhinderung von Vorstufen des
Gebärmutterhalskrebses nur für 17% erwiesen habe. Hier empfehle ich den
Experten, die zitierte Arbeit sorgfältig zu lesen. Richtig ist, dass nur 17%
weniger HPV 16 und 18 bedingte Krebsvorstufen bei bereits sexuell aktiven
Frauen auftraten, während bisher nicht sexuell aktive Frauen zu 98% geschützt
waren. Zumindest der Zeitungsbericht gibt hier ein völlig verzerrtes Bild
wieder.
Wie
Herr Windeler zu der Aussage kommt, dass die Belege für eine Rolle der
HPV Typen 16 und 18 für etwa 70% der Gebärmutterhalskrebse verantwortlich sind,
dünn seien, bleibt mir unklar. Ich empfehle ihm, die zahllosen inzwischen
weltweit durchgeführten Untersuchungen zur Prävalenz dieser Virustypen im
Gebärmutterhalskrebs sorgfältig zu lesen. Auch umfangreiche globale Studien
sind zu einer Rate von etwa 70% gekommen. Richtig ist, dass in annähernd 20-30%
dieser Krebserkrankungen andere HPV Typen gefunden werden, die zum Teil relativ
nahe mit den Prototypen 16 und 18 verwandt sind, so dass bei vorliegenden
Antikörpern gegen die Impfviren sogar eine gewisse Kreuzneutralisierung schon
theoretisch vorausgesetzt und erwartet werden darf. Entsprechende Beobachtungen
sind inzwischen auch publiziert. Dies dürfte eher dafür sprechen, dass der
Impfschutz höher als die erwarteten 70% sein wird.
Führt
wirklich kaum eine HPV-Infektion zu Krebs? In Deutschland sind es immerhin -
auf einen 50-Jahreszeitraum des Erwachsenenalters bezogen - nach eigenen Berechnungen
etwa 1,1% der infizierten Frauen, die später an Gebärmutterhalskrebs erkranken.
Auf den gleichen Zeitraum bezogen sind dies immerhin annähernd 400.000 Frauen.
Sicherlich entscheidender aber ist - was von den Experten im wiedergegebenen
Bericht nicht diskutiert wird - nämlich die hohe Zahl operativer
Eingriffe aufgrund von Krebsvorstufen. Diese Zahlen wurden von einer der 13
Experten kürzlich veröffentlicht (Ingrid Mühlhauser und Melanie Filz,
Sonderbeilage arznei-telegramm, 39: 3/2008). Sie beruhen auf Schätzungen
solcher Eingriffe auf der Basis von Daten der Techniker-Krankenkasse und gehen
von 140.000 Konisationen mit einer Komplikationsrate von 2-7% und gut 2500
Gebärmutterentfernungen aus ähnlicher Indikation aus. Auf die psychologische
Belastung der betroffenen Frauen, die sich zahlreichen Nachuntersuchungen
unterziehen müssen, wird ebenfalls in dem Bericht über das Manifest nicht
eingegangen.
Unverständlich
ist mir weiterhin die im Bericht wiedergegebene Aussage von Frau Mühlhauser,
dass es fraglich sei, „wie die Impfung die natürlichen Abwehrkräfte gegen
HPV beeinflussen wird". Es dürfte gut belegt sein, dass die natürlichen
Abwehrkräfte gegen diese Virusinfektionen nur schwach ausgeprägt und bei einer
Reihe von infizierten Personen überhaupt nicht nachweisbar sind. Wie könnte man
sonst auch erklären, dass bei etwa 10% der infizierten Frauen über mehr als 2
Jahre die Viruspersistenz und -produktion anhält? Die Frage, ob andere Typen
bei erfolgreicher Impfung die Rolle von 16 und 18 übernehmen könnten, wird
vielfältig diskutiert, ohne dass hierfür bisher Anhaltspunkte vorliegen.
Könnte
sich Massenimpfung mit dem „teuersten Impfstoff aller Zeiten ... ...als eine
gigantische Fehlinvestition erweisen"? In der Tat habe ich auch selber bei
jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen, dass der Impfstoff zurzeit
zu teuer ist. Dies gilt in besonderer Weise für Entwicklungsländer, in denen
Gebärmutterhalskrebs zum Teil die häufigste Krebserkrankung von Frauen
darstellt. Nach meiner Kenntnis haben aber bereits einige Länder, etwa Mexiko
und Großbritannien, Verträge mit den Herstellerfirmen zu deutlich verbilligten
Preisen abgeschlossen. Darüber hinaus gibt es in einigen Ländern - wie Indien
und China, Bemühungen, eigene Impfstoffe zu deutlich verbilligten Preisen
herzustellen. Daher ist die Erwartung gerechtfertigt, dass sich diese
Impfstoffe in Zukunft nachhaltig verbilligen werden.
Ist
die bisherige Impfung wirklich eine „gigantische Fehlinvestition"? Warum
lassen unsere Experten bei ihren Betrachtungen die enorme Zahl von Eingriffen
bei Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses außer Acht? Warum werden hier nicht
auch andere Krebsarten, die mit den gleichen Virustypen in Verbindung stehen,
wie etwa 25-30% der Mundhöhlen und Rachenkrebse, sowie fast alle Analkrebse,
ein Anteil von Vulva- und Peniskrebsen nicht in die Betrachtung mit einbezogen?
Warum wird nicht auf die jetzt mögliche Verhütung genitaler Warzen eingegangen,
die ein enormes klinisches Problem darstellen? Auch wenn in der Tat die
Verhütung von Gebärmutterhalskrebs selbst durch die Impfung noch nicht belegt
werden kann, da die Impfstoffe erst seit etwa 2 Jahren zur Verfügung stehen und
die Latenzzeit zwischen Infektion und Krebsentwicklung etwa 2-3 Jahrzehnte in
Anspruch nimmt, ist inzwischen die Verhütung der notwendigen Vorstufen dieses
Krebses durch die Impfung eindeutig belegt.
Darf
man von Fachleuten, die sich in der Öffentlichkeit mit Fragen des Impfschutzes
gegen bestimmte Virusinfektionen auseinander setzen, auch erwarten, dass sie
sich auch mit den Grundlagen der betreffenden Impfung befassen? Ich meine,
ja. Sollen die Mütter, wie ihnen im Zeitungsbericht empfohlen wird,
wirklich die 20-30 Jahre warten, in denen nicht nur wie bisher die Vorstufen
dieses Krebses verhütet werden, sondern auch der endgültige Nachweis der
Wirksamkeit dieser Impfung beim Gebärmutterhalskrebs erbracht wird? In diesem
Zeitraum werden über nur 20 Jahre milde kalkuliert dann insgesamt etwa 120.000
ihrer Töchter an Gebärmutterhalskrebs erkranken und nach gegenwärtigem Stand
annähernd 34.000 daran versterben, auch unter Beibehaltung der gegenwärtigen
Früherkennungspraxis. Sollen sich - wenn man die Zahlen von Frau Mühlhauser in
die Zukunft projizieren will - in einem Zeitraum von 20 Jahren weitere
2.800.000 Frauen konisieren und etwa 50.000 wegen rezidivierender Vorstufen die
Gebärmutter entfernen lassen, mit den von Frau Mühlhauser beschriebenen
Komplikationsraten solcher Eingriffe? Könnte die Stiko das verantworten, indem
sie mit der Impfempfehlung entsprechend lange gewartet hätte?
Auf
den 13 Experten des Gesundheitswesens lastet eine hohe Verantwortung. Die
Öffentlichkeit darf darauf bestehen, dass sich diese Experten zumindest über
die Grundlagen ihrer Aussagen korrekt informieren müssen und sich dieser
Verantwortung dann auch stellen. Wer möchte sich schon später vorwerfen lassen,
für den Ausbruch einer katastrophalen, aber verhütbaren Krebserkrankung und für
Hunderttausende von Frauen, denen aufgrund hochgradiger Krebsvorstufen
operative Eingriffe empfohlen werden, die erkennbar notwendigen und verfügbaren
Maßnahmen negativ beeinflusst zu haben? Zumindest laut dem vorgegebenen Bericht
wissen diese Experten „noch nicht, ob die Impfung Nutzen stiftet" und
haben „Anlass zu großer Sorge". Ich bedaure diese Einschätzung nicht
teilen zu können und weiß mich hier im Konsens mit der großen Mehrzahl meiner
Fachkollegen. Schon in der Vergangenheit habe ich Herrn Professor Rosenbrock
eine öffentliche Diskussion über diese Problematik angeboten, die dieser aber
leider abgelehnt hat.
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