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Eisig warm: Immer noch Zweifel am Klimawandel?
22. Januar 2009, 06:15
Uhr
Was wir sicher ahnen und was wir einigermaßen zu wissen glauben íst ja speziell in der Klimaforschung eine ausgesprochen schwierige, reizvolle Unterscheidung - und eine nie versiegende Quelle für produktive Zweifel.
Nehmen wir zwei neue Veröffentlichungen aus „Nature" und eine Umfrage aus „EOS", der interdisziplinären Zeitschrift der American Geophysical Union:
Die eine „Nature"-Publikation dürfte vielen Klimatologen als ein lange gesuchtes und entsprechendes sehnsüchtig erwartetes „missing link" in ihrer Argumentationskette vorkommen. Es geht um die Erwärmung der Antarktis und damit des größten Eis- und Süßwasserreservoirs auf unserem Planeten. Es geht also um viel. Immer wieder stand die Behauptung im Raum, gestützt allerdings auch von Messdaten, dass es insbesondere auf dem riesigen Teil der Ostantarktis keineswegs wärmer geworden sei. Auf der Antarktischen Halbinsel am äußersten Zipfel der Westantarktis, gut, da ist die massive Erwärmung im letzten halben Jahrhundert längst unübersehbar. Aber schon was das westantarktische Eisschild angeht, hatte man da so seine Zweifel - wohlgemerkt auch unter IPCC-konformen Polarforschern. Andere freilich ahnten schon, dass die bisher ausgewerteten spärlichen Wetterdaten wenig repräsentativ und die theoretischen Erklärungsmodelle empirisch eher schwach unterfüttert sind.
Eine Gruppe amerikanischer Forscher um Drew Shindell vom Nasa Goddard Institute for Space Studies und Eric Steig vom National Center for Atmospheric Research in Boulder hat diesse ahnungsvollen Kollegen nun in ihrer Erwärmungstheorie bestärkt. Das Team hat die für die letzten fünfzig Jahre verfügbaren Wetterdaten von rund hundert Stationen - und zwar dank neuer statistischer Modelle mehr als bislang verwendet - mit Satellitendaten kombiniert und rechnerisch Interpolationen über die weiten, unberührten Eiswüsten der Ost- und Westantarktis vornegommen. Eine geschickte Rekonstruktion mit neuer Software. Das Ergebnis jedenfalls war, dass es über nahezu der gesamten Antarktis eine spürbare Erwärmung gegeben haben muss: um durchschnittlich ein halbes Grad. Die Westantarktis um 0,17° (plusminus 0,06°) pro Dekade, die Antarktische Halbinsel um 0,11° (plusmius 0,04°) und die Ostantarktis um 0,10° (plusminus 0,07). Man sieht die Streuung im Osten des Kontinents ist am größten. Tatsächlich hat man dort im südlichen Herbst zwar einen Abkühlungstrend - zumal über einen Zehnjahres-Zeitraum - gefunden. Aber vor allem die stärkere Erwärmung im Wnter und Frühling überkompensieren das über die gesamte Zeit seit 1957 gesehen. Ein Erklärungsmodell wird auch gleich mitgeliefert: Regionale Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation, die die Meereisbedckung gravierend verändern und damit auch Albedo und Temperatur. Wahrscheinlich bleibt dennoch, dass auch diese Interpolation nicht das letzte Wort zum Erwärmungstrends in der Antarktis sein wird.
Erwärmungstrend seit 1957. Grafik E. Steig
Das Schmelzen der südlichen Eiskappe und damit die Ahnungen zum Meeresspiegelanstieg, ja auch die Horrorszenarien, dürften also wieder stärker Thema werden.
In der anderen „Nature"-Publikation, aus der Feder von A.T. Stine und I.Y. Fung von der University of California, wird gezeigt, dass die Verschiebung der Jahreszeiten - statistisch - aufgrund der Erderwärmung deutlich erkennbar wird: Frühlingsbeginn und Herbstende sind um durchschnittlich 1,7 Tage nach vorne verschoben. Außerdem hat sich die Amplitude zwischen kalten Winter- und warmen Sommertemperaturen verkleinert, mit anderen Worten: Es ist milder geworden. Das ist grundsätzlich nichts Neues, die Erwärmung im Winter (und hier vor allem die erhöhten Nachttemperaturen) auf der Nordhalbkugel ist längst identifiziert, und gefühlt haben wir das allenthalben (auch wenn die sibirischen Ausreißer vor ein paar Tagen da sicher die Überzeugungskraft des Arguments schmälern). Nur waren viele älteren Datenreihen einigen eben entweder immer noch zu reginal gestreut oder nicht lang genug. Bei allen statistischen Abweichungen - bekannt sind etwa Amplitudenerhöhungen durch die Häufung extrem warmer Sommer im Westen Europas - fügt sich die neue Statistik jedenfalls ein in das Bild, das man sich vom „Global Change" macht.
Keineswegs einfügen lassen sich die Ergebnisse allerdings offenbar in das Bild, das man sich inzwischen so allgemein von Klimamodellen macht. Denn beim Vergleich der Beobachtungsdaten mit den Ergebnissen und Prognosen kaum eines der zwölf (auch vom Weltklimarat IPCC genutzten) Computermodelle hat offenbar die Phasenverschiebung reproduzieren können. Ein „bestürzendes" Resultat, kommentierte das David Thomson, Mathematiker und Statistiker an der Queen's University in Kingston, Ontario. Man muss allerdings dazu sagen, dass Thomson auch zugibt, mit den gekoppelten numerischen Klimamodellen bisher keinerlei Erfahrungen zu haben.
Und damit wären wir schon bei der „EOS"-Umfrage. (leider nur PM hier, ohne Abstract) Denn die will eben genau dieses zeigen: Je mehr die Leute sich mit Klima, Klimodellen und Erderwärmung beschäftigen, desto mehr sind sie auch vom anthropogenen Klimawandel überzeugt. Es ist ja nicht die erste Umfrage zu diesem Komplex, Hans von Storch vom GKSS in Geesthacht hat schon einige ausführliche (und kontrovers diskutierte) Befragungen vorgelegt; seine letzte Großerhebung ist im Okotber 2008 erst abgeschlossen worden. Aber die EOS-Umfrage von Peter Doran und Maggie Kendall Zimmermann aus Chikago hat offensichtlich deutlich mehr Rücklauf, was ganz einfach daran liegt, dass sie sich auf neun knappe Fragen beschränkt. Der Frageboden, verschickt Ende vergangenen Jahres an gut zehntausend Fachleuten, die mehr oder weniger mit der Klimaforschung beschäftigten und in der Adressdatei des American Geophysical Institutes gelistet sind. Neunzig Prozent sind demnach Amerikaner, wneiger als vier Prozent Europäer. Aus den 3146 Antworten hat man herauslesen können, was man längst ahnte (s.u. Grafik): 97 Prozent derer, die sich schon länger aktiv und intensiv mit der Klimaforschung beschäftigen, glauben dran, dass der Mensch in das Klimageschehen eingreift und die globale Erwärmung mit verursacht. Je weniger sich allerdings die Wissenschaftler mit dem eigentlichen Problem des Klimawandels beschäftigen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung: Unter den Rohstoffgeologen und Meteorologen glauben „nur" 47 beziehungsweise 64 Prozent an den menschlichen Einfluss. Die öffentliche Meinung in Amerika, erhoben vor einem dreiviertel Jahr von Gallup, liegt irgendwo dazwischen: bei gut 58 Prozent.

Was wieder zeigt:
Die „Klima-Skeptiker"-Debatten sind zwar nahezu nichtexistent in den innersten Fachzirkeln, wie das die Medienkritiker unter den Klimatologen korrekt behaupten. Aber die Überzeugungskraft ihrer wissenschaftlichen Argumente hat den viel größeren Kreis - und keineswegs nur das Laienpublikum - außerhalb dieses Kerns entweder nicht erreicht oder nicht überzeugt. Geahnt haben wir das schon. Und unsere journalistsichen Schlüsse daraus gezogen. Nur sind halt nicht alle richtig glücklich damit. Sollte aber das Ziel einer Berichterstattung - übrigens ebenso wie das Ziel solcher Umfragen auch - etwa sein, dass der Wissenschaftsbetrieb als zweifelsfreier, gleichgeschalteter Diskussionsraum dargestellt wird? Das wäre glatte Zensur und Unterschlagung von Informationen. Noch unglücklicher wäre das Bild einer quasi ferngesteuerten Konsensmaschine. Das wäre dann doch höchst verdächtig. Und der Wahrheitsfindung höchst abträglich.
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Postscriptum:
Auf dem Realclimate Blog haben einige an der Antarktis-Studie beteiligte Autoren Klarstellungen vorgenommen und interessante Links zu weiteren Papers eingestellt, die sich jeweils auf das Projekt und andere Antarktis-Veröffentlichungen beziehen. Könnte manchen interessieren, der über die ja letzten Endes doch eingeschränkte Aussagekraft mehr wissen will.
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