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Planckton

Der falsche Stammzell-Skandal

19. Februar 2009, 18:42 Uhr

Muss man den Unterschied zwischen fötalen und embryonalen Stammzellen kennen?

Nicht alle müssen das, zugegeben. Aber ganz sicher ist die Unterscheidung angebracht, wenn man als ein modernes Leitmedium den Hang verspürt, die seit Jahren laufende ethische Diskussion nicht nur zu begleiten, sondern gerne auch hin und wieder das biopolitische Feuer anzufachen. Unkorrektheiten können sonst leicht als politisches Manöver entlarvt werden.  Oder zumindest als dubioses Mittel, daraus journalistisches Kapital, sprich - Skandalisierungspotential - zu schlagen. Wenn dann noch das Schicksal eines schwer kranken Jungen instrumentalisiert wird (denn anders als ein Schmieröl für ihre Moralkampagne wird der Fall von den einschlägigen Stammzellpäpsten in Berlin wohl kaum missbraucht werden), dann kann einem schon mal die Galle hochkommen.  „Spiegel Online"  muss sich also nicht wundern, wenn  hier Ross und Reiter (Heike Le Ker) genannt werden.

 In dem Stück, das sich  heute einige Zeit auf der Bühne der SPON-Homepage gehalten hat, wird behauptet, ein israelisches Paar habe seinem an dem unheilbaren degenerativen Nervenleiden Ataxia telangiectasia erkrankten Sohn drei Mal in Moskau embryonale Stammzellen ins Hirn injizieren lassen, was schließlich später zu Hirntumoren geführt habe.  Zum ersten Mal hat der Junge die Zellen als Neunjähriger im Mai 2001, die letzten im Juli 2004 erhalten.

  Skandalbühne

 

Tumore durch Stammzelltransplantate, das ist in der Tat der therapeutische Gau. Nach  der Transplantation von adulten (!) Stammzellen im Knochenmark hat man schon Leukämiefälle gefunden - aber embryonale Stammzellen als Tumorauslöser beim Menschen?

Das wäre tatsächlich absolut neu - und skandalträchtig allemal, denn das ist in der Tat genau das, was man den embryonalen Stammzellen als therapeutische Achillesferse unterstellt. Und biopolitisch bei jeder Gelegenheit gegen die  embryonale Stammzellforschung auffährt. Und weil die Geschichte nun so schön passt, lässt man auch noch Klinikdirektor Axel Zander  aus Hamburg-Eppendorf  zu Wort kommen, der sich über den verwerflichen Therapieversuch echauffieren darf.

 

  • "Diese Nebenwirkung konnte man im Prinzip erwarten", sagt Axel Zander, Direktor der Klinik für Stammzelltransplantation am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. "Für die therapeutische Anwendung von embryonalen Stammzellen am Patienten ist es noch viel zu früh." (Zitat Spiegel Online)

Offenbar hat Zander das Paper in „Plos Medicine" vor der Kommentierung nicht gelesen. Nicht einmal angelesen. Dann hätte er nämlich sehr schnell festgestellt, dass man in Moskau nicht etwa embryonale Stammzellen (die wurden erst 1998 bekannt und  2001 waren nicht einmal ein Dutzend kultivierter Zelllinien weltweit bekannt, schon gar aus Russland)  transplantiert hat, sondern ganz offensichtlich einen undefinierbaren Cocktail von „Frischzellen", die aus dem Gehirn mindestens zweier abgetriebener Föten stammten. Über den Zustand dieser Zelltransplantate, über Zahl und Herkunft, über ihren Differenzierungsgrad vor der Transplantation  lässt sich praktisch nichts sagen. Es ist nicht der erste solcher Fälle. Aus China liegen viele solcher Einzelfälle von undefinierbaren (oder unter angeblich strenger Geheimhaltung der Ärzte) und deshalb vor allem undokumentierten Transplantationen mit - in den Kliniken leicht zugänglichen -  fötalen Stammzellen vor.

 

Noch einmal: FÖTALE Stammzellen. Embryonale Stammzellen sind aus der inneren Zellmasse des Keimbläschens (aus der zwei Wochen alten, ca. hundert Embryonalzellen umfassenden Blastocyste). Fötale Stammzellen sind zellbiologisch nicht etwa gleichartig, so wenig wie Nabelschnur-Stammzellen, adulte Stammzellen oder Vorläuferzellen mit schon einem gewissen Differenzierungsgrad gleichwertig sind. Fötale Stammzellen sind schon längst in Therapieversuchen (Parkinson) erprobt, embryonale Stammzellen dagegen sind - jedenfalls die in seriösen Labors kultivierten Zellen - noch klinisch völlig unbedarft.

Das alles heißt natürlich nicht, dass die Tumorprobleme nicht auch bei embryonalen Stammzell-Transplantaten auftreten könnten. Theoretisch ist das unbestritten sogar. Aber es wird ja nun nicht das ziel ernstzunehmender Forscher sein, sofern sie an die therapeutische Zukunft der embryonalen SZ glauben (wegen der inzwischen vermehrten Alternativen wie induzierte pluripotente Stammzellen, kurz „Ipse"),  eine Spritze voll wilder undefinierter Zellcocktails zu verabreichen in der Hoffnung: Irgendwas wird schon passieren.

Die irregulären Stammzellversuche wie die in Moskau sind zynisch und unmenschlich. Sie sind vielleicht aus der Sicht der verzweifelten Eltern verständlich, ein Strohhalm - die Hoffnung auf ein Wunder. Doch in einem Dokumentationszustand wie im vorliegenden Fall sind sie jedenfalls wissenschaftlich kaum  ernst zu nehmen - und deshalb auch biopolitisch nicht verwertbar. Das wäre der richtige Vorspann für einen Bericht gewesen, der diesen Fall als Menetekel für die embryonale Stammzellforschung ausweist.

So aber ist es ein trauriges Versagen. 

P.S. Ein Nachtrag, der leider notwendig geworden und fast noch trauriger ist, weil er entweder die die hoch infektiöse Abschreiberitis in unserem Gewerbe zeigt oder die verbreitete Inkompetenz. Es ist nämlich nicht nur Spiegel Online in die Embryonalfalle getappt, sondern Printkollegen und sage und schreibe sogar das Leib- und Magenblatt der Ärztem, das  Ärzteblatt (dort war man allerdings - ganz im Sinne des Bundesärztekammerpräsidenten - politisch schon immer kontra embryonale Stammzellen eingestellt). 

Update (24.2.): Mittlerweile hat mich ein Kollege aufmerksam gemacht, dass das Ärzteblatt den Lapsus offensichtlich korrigiert hat. Schade, dass man kein ehrliches Erratum veröffentlicht, wie das im Printbereich üblich wäre, sondern den Fehler klammheimlich ausgebügelt hat.    

 

 

Veröffentlicht 19. Februar 2009, 18:42 von Joachim Müller-Jung
Kommentare

tobitas

19. Februar 2009, 20:15

http://www.scienceblogs.de/weitergen

Vielen Dank für die Aufklärung, nicht der erste Ausrutscher von Heike Le Ker.

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