Evolution in Rom (II)
04. März 2009, 01:09
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Als der Herr in Nadenstreifen samt rotem Einstecktüchlein ans Mikrophon trat, muß Douglas Futuyma schon nichts Gutes geahnt haben. Futuyma, Biologe von der State University of New York in Stony Brook hatte soeben 45 Minuten lang darüber referiert, warum man aus Sicht der vergleichenden Biologie Darwins Idee einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen mit Fug und Recht als ein Fakt bezeichnen kann, wobei er später noch mal erläuterte, was er mit „Fakt" meint: „Etwas, für das es derart viele Hinweise gibt, so daß wir so handeln können, als wäre es eine Gewißheit." Und tatsächlich hatte Futuyma keine Mühe, seine Redezeit mit solchen Hinweisen anzufüllen. Das 2004 entdeckte Fossil von Tiktaalik rosea, einer Übergangsform zwischen Fischen und Amphibien, war nur eine von vielen.
Nun also der Herr mit dem Einstecktüchlein. Nach Futuymas Vortrag am Dienstagvormittag auf der Darwin-Tagung der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, war zu Fragen an den Referenten aufgerufen worden. Mr. Nadelstreifen aber trat mit einem mehrseitige Maunuskript ans Mikro, das er nun unerschrocken vorzulesen begann. Die Tagungsleitung reagierte ungehalten, forderte ihn mehrfach auf, endlich seine Frage zu stellen und entzog ihm schließlich das Wort, woraufhin der Gemaßregelte den Referenten schrill aufforderte, ihm doch irgendeinen Beweis dafür zu nennen, daß je eine Art aus einer anderen entstanden sei. Es gebe nämlich keinen. Statt Futuymas Vortrag anzuhören und sich über Tiktaalik rosea informieren zu lassen, hatte der Herr wohl seinen Auftritt einstudiert - oder in dem dicken Band geschmökert, den der mitgebracht hatte. Jeder Journalist in Deutschland, wenn nicht Europas, kennt ihn: den „Atlas of Creation" der islamischen Kreationisten Harun Yahya" war vor einiger Zeit unaufgefordert an alle Medienmitarbeiter verschickt worden, deren Dienstadressen öffentlich zugänglich sind. Allein in Deutschland müssen es viele Tausend Exeplare gewesen sein.
Nun, Kreationisten wollte man hier ja ausdrücklich nicht haben. William Kardinal Lavada, der Präfekt der Glaubenskongregation, hatte am Morgen in seinem Grußwort schon zum Ausdruck gebracht wie sehr er diese Leute leid sei, die insbesondere in seiner, Lavadas, Heimat, den Vereinigten Staaten, ihr Unwesen trieben und damit den Glauben lächerlich machen - mindestens so leid wie der Brite Richard Dawkins, der ja bekanntlich meint, Evolution würde den Atheismus beweisen. Doch Dawkins-Anhänger outen sich hier in den nächsten Tagen vielleicht auch noch (spannend wäre es ja) und die Kreationisten ist man vielleicht auch noch nicht ganz los (Yahya-Bücher lagen auch an mindestens einer anderen Stelle im Saal).
Vielleicht aber hören sie ja auch mal zu, zum Beispiel Jeffrey Feder von der University of Notre Dame, der im letzten Vortrag des Tages einen Trick anwandte, um die nach dem Vortrag der amerikanischen Biologin Lynn Margulis etwas erschöpfte Zuhörerschaft in der Magna Aula zu halten. Feder hatte seinen Vortrag „The Mystery of Speciation" (das Rätsel der Artenenstehung) betitelt - nur um gleich zu verkünden: „das Rätsel ist heute praktisch gelöst". Es folgte eine packende Schilderung der verschiedenen Weisen, wie neue Arten entstehen. Die Geschichten, die es da zu erzählen gibt, sind am Ende viel bunter und interessanter als ein schnödes Rätsel - sie erinnern an die Columbo-Krimis, bei dem man schon lange weiß, der der Mörder ist, aber mit Lust verfolgt, wie der Inspector ihm auf die Schliche kommt.
Für intellektuellen Thrill etwas anderer Art hatte schon am Morgen Simon Conway Morris aus Cambridge gesorgt. Dessen These, die Evolution würde auf einem anderen Planeten mit erdähnlichen Bedingungen auch ganz ähnliche Körperformen hervorbringen, wurde an diesem ersten Tag von allem Vorgetragenen wohl am intensivsten diskutiert. Daß auch bei einer streng darwinistischen Argumentation hier die Grenzen, welche die Umwelt dem Raum der evolutionären Anpassungen setzt, so eng sein könnten, daß so etwas wie der Mensch eben kein Zufall ist, daran haben auch viele Forscher noch zu kauen, war doch Stephen Jay Gould, dessen Werk die aktuelle Generation der Evolutionsbiologen nachhaltig beeinflußt hat, doch so ganz anderer Ansicht gewesen.
Dabei gehört Gould-bashing heute unter Evolutionsforschern zum Guten Ton. „Ich wundere manchmal, wie heftig Gould seit seinem Tod 2002 kritisiert wird", sagt der Wissenschaftsphilosoph Jean Gayon von der Universität Paris 1 in seinem brillanten Vortrag über die Frage, ob es nach Darwin eine Kontinuität des Darwinismus gegeben habe. Sie gab es, so Gayon, aber nur in Gestalt eines Satzes heuristischer Postulate, welche „die möglichen theoretischen Entscheidungen der Evolutionsbiologen und Paläontologen eingeschränkt und kanalisiert" hätten. Bei der Frage aber, was Darwinismus denn nun sei, habe man seither immer geschwankt - und Gayons Paradebeispiel dafür ist Gould: In einer Veröffentlichung von 1980 habe Gould den Darwinismus für „tot" erklärt, in dem in seinem Todesjahr erschienenen über tausendseitigen opus magnum „The Structure of Evolutionary Theory" dagegen, schreibt er, der Darwinismus sei weder „ausgeweitet" (extended) noch „ersetzt", sondern sei „ausgebaut" (expanded) worden. Man kann das als Wortglauberei abtun, kann es aber auch als Zeichen dafür werten, wie dynamisch ein Forschungszweig ist, der vor lauter neuen Daten und Erkenntnissen noch zu keiner konsistenten Selbstbeschreibung gefunden hat. (Fortsetzung folgt)
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