Evolution in Rom (IV)
06. März 2009, 01:54
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Hat uns Pierre Teilhard de Chardin heute noch etwas zu sagen? Der 1955 verstorbene Franzose war zweifellos eine beeindruckende Gestalt. Als einer der Begründer der modernen Paläoanthropologie einerseits und tiefreligiöser Jesuitenpater andererseits scheint er mehr als sonst jemand geeignet zur Symbolfigur dafür, daß wissenschaftliche Neugier und christlicher Glaube nur verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit sind. Wem sein bekanntestes Buch, „Le „Phenomen Humaine" als naturwissenschaftlich interessierten Teenager begegnet, dürfte sich der Faszination kaum entziehen können, gerade weil Teilhard hier den Versuch unternimmt, über die bloße Naturerklärung hinauszudenken. Kirchenkritiker können zudem auf den Ärger verweisen, den der Pater mit dem Vatikan hatte. Andere mögen die geradezu heiligenmäßige Geduld, mit der er seinen Oberen gehorsam war, ohne sich dabei intellektuell zu verbiegen, am meisten bewundern.
Aber was blieb von seiner philosophischen Synthese der Darwinschen Evolutionstheorie mit der christlichen Überzeugung eines Heilsplans in der Welt? Was vom „Omega-Punkt", auf den sich der Kosmos unaufhaltsam durch immer weiter fortschreitende Steigerung von Komplexität - von Atomen zu Zellen, zu Tieren, zum Mensch und darüber hinaus - entgegenstrebt? Wie steht die Kirche, wie die Jesuiten heute dazu? Das hätte David Sloan Wilson, Evolutionsbiologe von der State University of New York, gerne gewußt. Kein Wunder, denn der Evolution auf Ebenen jenseits individueller Organismen, insbesondere der lange verworfenen und auch heute noch nicht ganz unumstrittene „group selection", galt Wilson gestriger Vortrag auf dem Darwin-Kongress an der päpstlichen Universität in Rom. „Man kann kulturelle Evolution als eine neue Art von Evolution ansehen", sagte Wilson am Ende seines Vortrags, an dem er unter anderem darüber spekulierte, inwieweit die globale Kultur mit ihren Transportnetzen für Geld und Güter und schließlich dem Internet nicht dabei sei, ein Nervensystem auszubilden wie ein einziger riesiger Organismus, in dem mancher vielleicht den nächsten Schritt dessen sehen dürfte, was Pater Teilhard de Chardin die „Noosphäre" nannte.
Die im Saale zahlreich anwesende Geistlichkeit äußerte sich nicht. Stattdessen widmete der Zoologe Ludovico Galleni von der Universtität Pisa Teilhard seinen ganzen Vortrag, der allerdings über weite Strecken historisch ausfiel. Dabei zeigte Galleni sich aber in der Tat als begeisterter Teilhardist und empfahl schließlich Teilhards teleologisches Konzept einer Materie mit innewohnendem Streben auf ein Ziel hin als Forschungsprogramm. Dagegen gab es prompt heftigen Protest, und zwar von Gennaro Auletta, Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Gregoriana und einer der Organisatoren der Konferenz. "Das ist gefährlich" entfuhr es Auletta. "Man kann nicht einen ontologischen Rahmen als Programm definieren und dann sagen, das, was dabei gefunden wurde, beweise die Richtigkeiten des ontologischen Rahmens. So kann man jede Ideologie begründen". Das sei, so Auletta, wie bei Richard Dawkins, wenn der behaupte irgendwelche rein mechanisch verständlichen Evolutionsprozesse würden seine atheistische Weltanschauung beweisen. „Das führt uns nirgendwohin".
Auch der britische Archäologe Colin Renfrew fühlte sich angesichts von Gallenis Begeisterung und Wilsons Interesse für Teilhard ausgesprochen unwohl. Renfrew hatte zuvor über die erstaunliche Tatsache vorgetragen, daß der moderne Mensch ausweislich seiner Anatomie schon vor 200000 Jahren mit der heutigen genetischen Ausstattung versehen war, sich aber erst vor etwa 10 000 Jahren mit der Seßhaftwerdung zum Kulturwesen mauserte. Dabei überging Renfrew allerdings ein paar Details großzügig, etwa das Erscheinen der Kunst vor spätestens 40 000 Jahren, aber das sind für ihn lokale Phänomene. „Wären vor der Seßhaftwerdung Besucher aus dem All auf der Erde gelandet, wäre ihnen der Mensch unter anderen gesellig lebenden Tieren schwerlich aufgefallen", vermutet Renfrew. Sein Schluß daraus: „Kulturelle Evolution ist Evolution - aber keine im Sinne Darwins". Begriffe wie „Meme", mit denen versucht wurde, die Kulturgeschichte des Menschen analog zur biologischen Evolution zu beschreiben, hält Renfrew für „nicht sehr hilfreich" - was man als britisch-höfliche Umschreibung von „komplett gescheitert" verstehen darf.
Warum nun war Renfrew über das neue Interesse an Teilhard de Chardin so wenig glücklich? Auch bei ihm ist es die Teleologie, die er an Teilhard nicht mag. „In der Wissenschaft ist es immer sehr gefährlich, wenn man schon weiß, auf was alles hinausläuft.", sagte Renfrew. Soweit wollte natürlich auch Wilson nicht gehen, so sehr ihn wenigstens die Idee einer globalen Noosphäre fanziniert, von welchen die menschlichen Individuen nur Glieder sind, die gleichwohl als ganze biologisch und damit wissenschaftlich beschreibbar ist. Ideen in dieser Richtung erfreuen sich auch wegen ihrer Verheißungen im Hinblick auf die ökologische Zukunft des Planeten Erde unter Forschern der 68er Generation (Wilson ist Jahrgang 1949) gewisse Beliebtheit - etwa in Form der „Gaia-Hypothese" des Briten James Lovelock. Gerade weil diese sich als wissenschaftlich verstehenden Ideen so freundlich, so in einem moralischen Sinne gut klingen, ist Renfrew (Jahrgang 1937) so skeptisch: „Ich bin mir nicht sicher, ob Wissenschaft von Wertesystemen getrieben werden sollte". Wilson dagegen möchte nicht, „daß dann andere Leute (als die Wissenschaftler) die Werte machen".
Die kleine Debatte wirft in gewissem Sinne auch ein Licht auf die Frage, warum keiner der Jesuiten im Saal für ihren berühmten Ordensbruder Teilhard de Jardin in die Bresche sprang. Das Problematische an Teilhards Philosophie aus kirchlicher Sicht war und ist ganz gewiß nicht sein Eintreten für eine evolutionäre Sicht auf die Entstehung des Menschen. Das Problem ist die Extrapolation dieser evolutionären Entwicklung über den Menschen hinaus - und die Wertung derselben als etwas Positives. Das führt gefährlich nahe an jene Idee heran, der Mensch könnte oder sollte „verbessert" oder „überwunden" werden. Eine solche Überwindung im Vorhinein positiv zu bewerten, gar zu propagieren, ist theologisch unmöglich. Es ist darüber hinaus - angesichts des Ausgangs von Versuchen in der Vergangenheit, den "neuen Menschen" zu erschaffen - historisch problematisch und es ist auch philosophisch fragwürdig: Denn es mag ja sein, daß die Evolution am Menschen noch was verbessern könnte. Aber was es an ihm zu verbessern gäbe, das zeigt einzig der heutige, noch unverbesserte Mensch. Ist der aber einmal verbessert und überwunden, ist er etwas anderes, von dem sich folglich dann nicht mehr sagen läßt, ob die Verbesserung wirklich eine war.
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