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Planckton

Was ist so speziell an Pandemie-Viren?

08. Mai 2009, 00:34 Uhr

 

Ein spannendes, vor allem erfreulich aktuelles Paper ist im Open access in BMC Microbiology erschienen, in dem Tom Slezak und seine kalifornische Truppe am Lawrence Livermore Lab dem Gefahrenpotential des neuen Influenza A/H1N1-Virus auf den Grund gegangen sind. Sie haben in der Aminosäurenzusammensetzung einiger Influenzaviren aus historischen Pandemien (1918, 1957,  1968, 1976) nach Markern gesucht, die möglichst vielen Erregern gemeinsam sind und die Virulenz sowie die Infektiosität für Menschen bestimmen. Schließlich haben sie dann in den vergangenen beiden Wochen einige Isolate der aktuellen H1N1-Variante nach ebendiesen Markern durchforstet.

Ergebnis: Gefunden wurden 18 Aminosäure-Marker, die für eine ausgesprochene Virulenz und damit auch Mortalität sorgen. Außerdem noch 16 Marker, an denen sich festmachen lässt, wie leicht sie sich von Mensch zu Mensch übertragen lassen. Insgesamt also 34 Marker, die zumindest bei den historischen Pandemieerregern für deren verheerende Eigenschaften  sorgten. Was allerdings nicht bedeutet, dass diese Spezialitäten im Genom auch in jedem Fall für die Auslösung einer Pandemie notwendig sind. Möglich, dass bei neuen Reassortanten oder Varianten andere Merkmale zum entscheidenden „Durchbruch" führen. Vorschnelle Schlüsse aus dem Vergleich mit den aktuellen H1N1-Erregern sind also nicht angebracht.

Trotzdem ist natürlich der Abgleich interessant - vor allem was die Virulenz angeht, denn die ausgeprochene Infektiosität des neuen Schweinegrippe-Virus ist ja nun schon hinreichend belegt.  Was also die Mortalitätsmarker angeht, wurden bei ausgesprochenen Schweineviren bemerkenswerte Eigenschaften gefunden:

 

  • "Swine strains fell in the middle, carrying both high mortality rate and host specificity markers but with no single strain containing all 34 markers."

 

Für die hohe Mortalität von Pandemie-Erregern sind besonders die Vogelgrippe-Anteile im Genom relevant (was bei dem Vogelgrippevirus H5N1 sicher zutrifft)

Hochvirulente Schweineviren-Stämme hatten in der Vergangenheit entweder viele Marker der einen Sorte und damit das Potential zu hoher Infektiosität oder sie waren mit den Markern für hohe Virulenz bestückt, aber dafür weniger einfach auf Menschen zu übertragen. In der gegenwärtigen H1N1-Infektionswelle wird genau dies beobachtet: entweder, oder. Bedeutet das, dass der neue Erreger eher harmlos ist?

 Könnte man die Ergebnisse aus dem Vergleich mit historischen Pandemiestämmen einfach extrapolieren, hiesse das: Ja und Nein. Wenig zu befürchten hat, wer sich momentan mit dem Schweinevirus infiziert (mit einem allerdings durchaus nicht zu vernachlässigenden Todesrisiko, das formal derzeit bei 0,2 Prozent liegt - Todesfälle/bestätigte Infektionen).

Allerdings weisen die Autoren wie fast alle Virologen derzeit darauf hin, dass schon „eine oder zwei Mutationen" in den Dreifachassortanten aus Schweine-Vogel-Menscheninfluenzaviren genügen könnten, damit der Erreger die entscheidenden und bis dato hochbrisanten - historisch jedenfalls hinreichenden - Mortalitätsmarker für einen gefährlichen Pandemievirus erwirbt. Wohl fühlt sich der Erreger ja schon unter uns Menschen. Fehlt nur noch, dass der Virulenzschalter umgelegt wird. Keine Entwarnung demnach.

Es bleibt dabei: Das Virus verhält sich recht zahm, nicht viel anders wie eine gewöhnliche Influenza zu Saisonbeginn. Vielleicht ist das aber nur seine Maske. Jetzt gilt es umso mehr, die absehbare Veränderung der neuen Erreger genau zu beobachten.

 

 

Veröffentlicht 08. Mai 2009, 00:34 von Joachim Müller-Jung
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