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WHO entdeckt Parallelen zur Pandemie 1957
11. Mai 2009, 21:43
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Was immer man in den vergangenen Tagen über die Schweinegrippe und deren Erreger Influenza A/H1N1 lesen oder hören konnte, Erleichterung und Entwarnung verdrängten zunehmend die Sorge um die neue Pandemie. Bei der WHO war und ist das anders. Und dafür hat die Weltgesundheitsorganisation schon einige Kritik einstecken müssen. Die Hochstufung des Pandemie-Warnlevels auf die zweithöchste Stufe 5 hat ihr den Vorwurf unverantwortlicher Panikmache eingebracht. Nun hat die WHO an zwei Fronten reagiert.
In ihrem Bericht zur „Einschätzung der Stärke einer Influenza-Pandemie", der zusätzlich zum täglichen Update der H1N1-Situation online auf der WHO Influenza-Seite veröffentlicht worden ist, wird das Virus und der gegenwärtige Verlauf der weltweiten Infektionswelle (mittlerweile fast fünftausend Nachweise in vierzig Ländern) näher charakterisiert. Einer der entscheidenden Sätze: Die Ansteckungsgefahr durch H1N1 sei etwa doppelt so hoch wie bei einer gewöhnlichen saisonalen Grippe. Auch in anderen Details sieht man in dem neuen H1N1-Virus etwas Außergewöhnliches: Bei Menschen mit Vorerkrankungen, vor allem chornischen Leiden, könne die Infektion mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit zum Tod führen. Bei allen Todesfälle bisher (>50) seien solche Vorbelastungen festgestellt worden. Trotz des sonst milden Verlaufs, insbesondere außerhalb Mexikos, sind die Experten der WHO deswegen alarmiert.
In einem „Science"-Paper gibt die "WHO Rapid Pandemic Assessment Collaboration" unter der Leitung des britischen Chef-Virologen Neil Ferguson vom Imperial College in London weitere Details preis.

Grundlage ist die erste detailierte Analyse der Situation, wie sie sich bis zum 30. April abgezeichnet hat. Entscheidende Aussage: Die Hochstufung auf Pandemie-Alarmlevel 5 sei wegen der Eigenschaften des Erregers und dessen Ausbreitung in den ersten Wochen „gerechtfertigt". Die Anfangsphase der Epidemie in Mexiko sei am ehesten mit dem Verlauf der „Asiatischen Grippe" von 1957 vergleichbar, die damals von einer Vogelgrippe-Variante der Influenza A/H2N2 ausgelöst worden war. Die Pandemie seinerzeit soll nach dem Ausbruch in China schätzungsweise ein bis zwei Millionen Grippeopfer gefordert haben - ein Mehrfaches der Todesfälle einer normalen Grippewelle also.
Die Todesrate der H1N1-Epidemie liege am wahrscheinlichsten bei vier Todesopfern unter tausend Infizierten.
Die WHO-Gruppe korrigierte nach ihren Recherchen und den Hochrechnungen die offiziell bislang veröffentlichten Zahlen: Mindestens 6000 Menschen, möglicherweise aber auch 32.000 und am wahrscheinlichsten um die 23.000 Personen hätten sich bis Ende April mit dem Erreger angesteckt. Der mutmaßliche Ausbruch in dem Dorf La Gloria in der Region Veracruz um den 15. Februar wurde bestätigt. Mit einer Übertragungsrate von 1,2 bis 1,6 pro Infiziertem breite sich die Schweinegrippe „deutlich schneller" aus als eine gewöhnliche Grippe. Die Ansteckungsrate liege aber auch noch am unteren Ende der Pandemien im vorigen Jahrhundert.
Die Anfangsphase der H1N1-Epidemie in Mexiko
Ein Vergeich mit der „Spanischen Grippe" von 1918 (20-50 Millionen Opfer) jedenfalls scheint nach dieser Analyse derzeit fehl am Platz. Sowohl was Lethalität, Virulenz und Übertragungsrate angeht, hat die neue H1N1-Variante diese Gefährlichkeit noch nicht erreicht. Die Betonung liegt aber bei den WHO-Experten offenbar auf noch. Denn bei allen Unbekannten aus der Mexiko-Analyse, insbesondere was die Inkubationszeit, Infektionsphasen, Resistenzen und den regional offensichtlich variierenden klinischen Verlauf angeht, rechnen die Virologen offenbar fest damit, dass sich das Virus weiter verändert und umso besser an den Menschen anpasst und somit an Gefährlichkeit zunimmt, je länger es in der Population zirkuliert. Vor allem die nun beginnende Grippesaison auf der Südhalbkugel bereitet Sorgen: Dort ist das Virus quasi gerade erst angekommen.
Der Alarmierungsgrad der WHO hat also nicht etwa ab-, sondern eher zugenommen. Etwas Hoffnung ziehen die Wissenschaftler allenfalls aus der Beobachtung, dass ältere Personen in Mexiko zwar auch angesteckt werden, die Infektion aber deutlich abgeschwächt verläuft. Kinder erkrankten anfangs gut doppelt so häufig wie Erwachsene. Das könne darauf hin deuten, dass es in Regionen, in denen wie in Mexiko ein genetisch verwandter Erreger seit längerem in der Bevölkerung zirkuliert, eine natürliche Kreuzimmunität verbreitet ist. Welche Regionen das allerdings sind, und wie diese Immunität auf molekularer Ebene zustande kommt, bleibt offen.
Mit klinischem und epidemiologischem Argumentationsmaterial für eine ultimative Hochstufung des Pandemiealarms auf Stufe 6, die seit ein paar Tagen diskutiert wird, hat sich die WHO nun eingedeckt. Sollte sich das neue Virus weiter wie bisher über den Globus ausbreiten, wird man wohl nicht mehr allzu lange darauf warten müssen.
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