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Klimawandel in London (2)
28. Mai 2009, 06:50
Uhr
Das Abfassen und Signieren eines politischen Manifestes zum Klimawandel kann zu einer ungemein gehobenen und wichtigen, nicht zu sagen royal-abgehobenen Angelegenheit werden, wenn sie in den Gemäuern des britischen Adels stattzufinden hat. Unter den Augen von ein paar Eingeweihten haben zwanzig Nobelpreisträger, bunt gemischt aus Naturwissenschaften und Wirtschaft zusammen mit Friedensnobelpreiträgern, an diesem Nachmittag ihr „St. James Palace Memorandum" unterzeichnet. His Royal Highness, der Prinz of Wales, „Karl der Grüne", wirkte selbstverständlich mit. Er war Schirmherr der Veranstaltung im ältesten Londoner Palast. Einem Treffen, das Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vor zwei Jahren als ganz und gar bodenständige Veranstaltung ins Leben rief. Mit der Kanzlerin im Rücken initiierte er die Zusammenkunft von Nobelpreisträgern seinerzeit in Schloss Sanssouci.
Nun also hatte das Nobelpreisträgertreffen zur globalen Nachhaltgkeit in Britannien seine Zelte aufgeschlagen, und es waren diesmal sogar ein halbes Dutzend Laureaten mehr als bei der Premiere, „die vielleicht größte Konzentration von Intelligenz weltweit - zumindest für eine Weile", wie Schellnhuber zum Abschluß des Londoner Symposiums flachste. Die Geheimniskrämerei, die mit den protokollarischen Bedürfnissen des Königshauses zu tun haben dürfte, war angesichts dieser intellektuellen Supermacht nur ein Nebenaspekt. Wenn auch ein kein unauffälliger und unpassender. Denn angeblich war das Thema „wie kommuziert die Wissenschaft die Klimakrise möglichst öffentlichkeitswirksam", sogar Gegenstand des Symposiums. Leider, wie gesagt, war der größte Teil der Öffentlichkeit, zumal der ausländischen, von diesen elaborierten publizistischen Reflexionen der insgesamt sechzig Teilnehmer ausgeschlossen.
Immerhin gab es Zutritt, wenn auch unter strengen Regularien organisiert, zu einer kleinen Pressekonferenz, in der das Abschlußdokument von einem guten halben Dutzend Protagonisten des Meetings kommuniziert wurde. Wie vor zwei Jahren nach Potsdam, soll auch dieses Memorandum „in viele Kanäle sickern", wie Schellnhuber den allgemeinen Wunsch formulierte, die Klimadiplomatie, die in diesen Wochen und Monaten vor der Kopenhagener Klimakonferenz heiß läuft, möge doch die Botschaft der Nobelpreisträger aus London rasch verinnerlichen und in die Tat umsetzen. Was das hieße, läßt sich an einer Zahl festmachen. In den nächsten vierzig Jahren müßten die Erdenbürger ihre Kohlendioxidemission pro Kopf und Jahr auf zwei Tonnen begrenzen. Amerikaner kommen derzeit auf das zehnfache, Europäer auf das fünffache und Chinesen immerhin auf mehr als das Doppelte. Der Anstieg der Emissionen müsse innerhalb der nächsten Jahre gestoppt, der Gipfel spätestens 2015 erreicht werden. Eine Treibhausgas-Emissionsreduktion der Industriestaaten von 25 bis 40 Prozent (gegenüber 1990) sei absolut notwendig.
„Wir haben keine fünf Jahre mehr zu verlieren", so Schellnhuber. Und so auch der Vorsitzende des Weltklimarates IPCC, Friedennobelpreisträger Rachenda Pachauri: „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die Lösungen liegen auf dem Tisch."
Nun ja, die Lösungen. Die in London präsentierten Zahlen sind so dramatisch weit entfernt von der Wirklichkeit und ebenso von den derzeit politisch verhandelten Inhalten der Kopenhagen-Konferenz, dass die klimapolitische Halbwertszeit des offensiven Memorandum-Inhaltes extrem kurz ausfallen könnte. Auf die Notwendigkeit einer „Großen Transformation" der Weltwirtschaft und -infrastruktur im Sinne des Klimaschutzes und auf den gewünschten radikalen Regenwaldschutz, wie er ebenfalls in dem zweiseitigen Abschlußtext festgehalten ist, bewegt sich die Klimadiplomatie derzeit bestensfalls mit Gänseschritten zu. Aber Überzeugungen wollen eben formuliert sein. An den Nobelpresträgern jedenfalls wird es nicht gelegen haben, wenn Kopenhagen scheitert. Sie haben sich klar ausgedrückt und unterschrieben. Wenn auch meistens hinter verschlossenen britischen Türen und mit einer Ausnahme: Ehrengast Steven Chu, US-Energieminister und Physik-Nobelpreisträger von 1997 sowie sitzfester Koautor des Londononer Manifestes, der zum Star des dreitägigen Zusammentreffens avancierte, verzichtete auf seine Signatur. Er wollte - und mußte sicher auch aus verhandlungstaktischen Gründen - Obamas Klimaunterhändler sämtliche Türen offen lassen.
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