Die Klimaaussichten (1): Professor Lord Stern gibt wieder Gas
28. August 2009, 18:46
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Freitag, 28. August. Hundert Tage bis Kopenhagen. In den nächsten Monaten wird es hinter und neben den Kulissen der Klimapolitik hoch hergehen, das haben die bisherigen Vorbereitungstreffen für die Weltklimakonferenz in Dänemark schon gezeigt. Manche meinen, es wird Geschichte geschrieben. Was wir an interessanten historischen Momenten bis dahin - und vielleicht darüber hinaus - aufschnappen können, soll hier protokolliert werden. An unserem Klimabarometer darf selbstverständlich jeder mitdrehen, Kommentare sind geradezu erwünscht.
Wir beginnen in Berlin.
Die Hauptstadt brütet. Und das liegt ganz sicher nicht am Bundestagswahlkampf. Einige vor dem Brandenburger Tor warten unter der gleißenden Sonne auf den angekündigten historschen Umzug, jetzt aber ist zuerst Anti-Atomdemo mit Attac und anderen, die mit Sattelschlepper und Castorattrappe auf „Entsorgungssuche" sind. Auf dem Pariser Platz brüllt einer was von Klimarettung und den Lügen der Mächtigen ins Mikro, schräg über der Strasse im Haus der Commerzbank, Pariser Platz 1, versuchen die drei Klimaheiligen rettbar erscheinen zu lassen, was zu retten ist: Hans Joachim - „John" - Schellnhuber, Ottmar Edenhofer und natürlich Lord Nicholas Stern. Dieser gibt den Anlass. Professor Stern berichtet mal wieder. Diesmal hat er zwar keinen schwergewichtigen Klimareport unterm Arm wie Ende 2006, als er, der ehemalige Weltbank-Chefökonom, die Welt mit dem weltwirtschaftlichen Wahnsinn wachrüttelte, den ein klimapolitisches Nichtstun mit sich brächte. Aber der dreiundsechzigjährige Lord-Professor von der London School of Economics kommt keineswegs leer nach Berlin. Nachdem er ein paar Tage Konferenzluft in Barcelona geschnuppert hat und sich von der Sonne über Barcelona („in hundert Jahren könnte es dort wie in der Sahara aussehen") hat bräunen lassen, präsentiert er in Berlin sein Buch „Der Global Deal".
Signierstunde in Berlin. Lord Nicholas Stern (r.). Foto jom
Der Verlag C.H. Beck aus München hat seinen Starautor ins Zentrum der Macht einfliegen lassen und dessen Freunde vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung dazu gebeten. Schellnhuber und Edenhofer besitzen Klimasinsitivität genung, sich so eine Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Schon der Sache wegen. Der englische Originaltitel des Stern-Buchs - „Blueprint for a Safer Planet" - gefällt Schellnhuber bedeutend besser. Wenigstens ist der frei von schlechtem Deutsch. Schellnhuber würde gerne etwas mehr Schärfe reinbringen, nachdem der Lord - zuerst solo auf dem Podium - seinen im Buch sehr detailreich skizzierten Optimismus ausbreiten durfte. Edenhofer stellt sich auf die Seite der ökonomischen Utopien, Schellnhuber jedoch, der Physiker und politische Realist, stichelt immer wieder in die Runde. Bloß keine Märchenstunde, Klimapolitik ist nichts für technologische und ökonomische Fiktionen. Der Markt wird's regeln? Darauf können wir nicht warten, sagt Schellnhuber, der Kanzlerinberater. Die Elektrifizierung wurde auch nicht in kleinen Klitschen oder Garagen ersonnen und in die Welt getragen, sondern war Sache der Staaten. Was es braucht ist Führung und Entschlossenheit. Handeln, aber bitte jetzt.
Überzeugt der Charismatiker die Klimadiplomatie?
Schellnhuber ist ungeduldig, der Lord die Ruhe selbst. Stern beherscht das Spiel der Augenbrauen perfekt. Keine überflüssige Gestik und Mimik, keine Schärfe in der Stimme, nur ein paar wohlgesetzte Runzeln auf der Stirn und nie aufhören, dem Publikum einen vertrauenseligen Blick zu schenken. Fast fühlt man sich von ihm umarmt. Jedenfalls ziemlich nah. Der britische Lord ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man sich seit der Finanzkrise unter Ökonomie vorstellt. Wenn der Charismatiker von den zweihundert Milliarden Dollar spricht, die wir Reichen für die Entwicklungsländer in den nächsten zehn Jahren in die Hand nehmen müssen, damit China, Indien und Brasilien doch noch ins Klimarettungsboot hüpfen, dann klingt das bei ihm nicht nach Verschwendung oder Zockerei. Nicht mal, als er für die Franzosen für ihre massive atomare Energieaufrüstung lobt („ich bin kein Anwalt der Atomtechnik, aber ein Befürworter der Wahlfreiheit") und dafür mit unangenehmen Fragen (Risikotechnologie?) zur Rede gestellt wird, wirkt er unseriös oder verlegen. Nein, der höfliche Herr mit der zierlichen Gestalt gibt seine Klugheit und Geradlinigkeit keinen Moment preis.
Könnte er also auch diesmal wieder der Mann sein, der die diplomatischen Fesseln löst, in der sich die internationalen Klimaverhandlungen zur Zeit wieder befinden? Schellnhuber ist er vielleicht insgesamt etwas zu sachlich und politisch zu zahm, zu viel Mediator und zu wenig Gladiator. Zutrauen aber würde er ihm die Rolle des Aufrüttlers sicher trotzdem. Schon seines taktischen Geschicks wegen. Das Buch kommt sicher zur rechten Zeit. Und auf den 280 Seiten in seinem Buch ist Lord Stern zumindest konkret genug, an politischer Kreativität mangelt es Stern zuletzt. Den Segen seines ökononomischen Mitstreiters Edenhofer, der im Weltklimarat inzwischen eine erste Geige spielt, hätte er sowieso. Dennoch wären die Herausforderungen für ihn gewaltig. Stern sagt, er erwarte „nervöse hundert Tage" bis zum Kopenhagener Weltklimakongress ("die wichtigste Staatenkonferenz seit Ende des Zweiten Weltkriegs"). Hektik und womöglich Unbeherrschtheiten am grünen Tisch? Das wäre gewiss Gift für sein Temperament.
Die weiteren Aussichten: Nebel über Kopenhagen.
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