In Trümmern: Kerzen für Kopenhagen
20. Dezember 2009, 21:39
Uhr
Sie arbeiten immer noch im PR-Modus: Merkel, Wen, Obama & Co. Ist es nicht bemerkenswert, wie so machtvolle und selbstbewußte Menschen, die bis zu ihrer Ankunft im Bella Center von Kopenhagen sämtliche Ökobäume der Welt hatten ausreißen wollen (selbstverständlich um dieselben zu retten) und sogar in ihren Ansprachen vor der historisch größten Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs noch die Wissenschaft als Kronzeugen ihrer Bodenhaftung anführten, wie solche Führer nach einer Mütze voll Schlaf plötzlich auf totale Selbstverleugnung umstellen können?
„Klima-Halluzinationen" - das Wort stammt von Hans Joachim Schellnhuber, der die deutsche Delegation und die Kanzlerin in Kopenhagen begleitete. Er hatte den Begriff bei einem erhellenden Gespräch im Café vor der Garderobe des Bella-Centers benutzt - nicht gegen die Bundeskanzlerin, sondern mit Blick auf die da schon großteils abgeschlossenen Debatten dieses angeblich so historischen Klimagipfels. Es wurde, so der Chef des Potsdam-Instituts für Klimaforlgenforschung, „an der Realität vorbei verhandelt".
Fotos Joachim Müller-Jung
Dabei ist ja nun auch geblieben. Offene, ehrliche Frustration gönnten sich allerdings außer einigen Journalisten vor allem zwei Teilnehmergruppen: Die auf wallende Emotionen geeichten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die ein Viertel der Konferenz draußen bleiben und ihr intellektuelles Hab und Gut mutterseelenallein am Kongressstand zurück lassen mußten. Und die Dänen. Connie Hedegard, die ehemalige Fernsehlady und tapfere Kongresspräsidenten der ersten zehn Tage, wurde vom Wortführer der einflußreichen G77-Gruppe, dem sudanesischen Delegationsleiter Lumumba Stanislaus-Kaw Di-Aping (ausgerechnet Sudan!) derart für ihren Textentwurf in die Mangel genommen, dass sie schließlich unausgeschlafen, zerzaust und mit einem Halleluja auf den Lippen an ihren Chef, den dänischen Premier, übergab.
Nebenbei, zur Simmungslage im Bella-Zentrum: Die Ablehnung der afrikanischen Länder und Chinas gegen jeden Kompromißvorschlag begründete der renitente Sudanese („Selbstmord-Abkommen") mit einem üblen Vergleich: Der von der Konferenzleitung vorgeschlagene Einigungsentwurf werde Millionen Menschenleben kosten. Die Weigerung der Industriestaaten, den Dritte-Welt-Ländern bedingungslos Gelder für Anpassungsmaßnahmen an den Klimwandel zur Verfügung zu stellen, setzte er mit dem Holocaust gleich.

Die Dänen hatten also weiß Gott nichts zu lachen. Schnell abhaken, war deshalb das Motto. Einen Tag später, am vierten Advent, ist in der Innenstadt „Hopenhagens" auch schon Gras drüber gewachsen.

Es war natürlich Schnee. Von dem aber reichlich. Und so stellte der Kopenhagener, so er denn nicht an den Aufräumarbeiten unmittelbar beteiligt war, schnell vom Frustrations- auf den Vorfeiertagsmodus um. Die Frederiksborggade platzte mit Weihnachtseinkäufern aus allen Nähten. Auf dem Rathausvorplatz, wo während der zweiwöchigen Weltrettungskonferenz „Hopenhagen Live" stattgefunden hatte (mit Konzerten auf der Bühne und aufgestapelten „Abenteuercontainern" einer dekarbonisierten Welt) fuhren Sonntagabend die Sattelschlepper vor, und auf dem größten und schönsten Kopenhagener Platz, dem Kongens Nytorv vor dem Eingang zum pittoresken Hafen, hetzten die meisten Leute im Schneegestöber wohl schon halbwegs genervt vom Megaöko-Event an zwei wirklich sagenhaften Freiluftausstellungen vorbei: der Fotogalerie „100 Places to Remember before they disappear" und den farbenfrohen „Cool Globes". Hundert grandiose Großformat-Schnappschüsse von der Biosphäre und 28 ökostilisierte 950-Kilogramm-Globen - ein Spektakel. Überhaupt.
Wenn man sieht, was alles die Dänen in den zwei Jahren Vorbereitungszeit für ihr Erdmeeting mit Rahmenprogramm auf die Beine gestellt haben, tut es einem doppelt weh, dass sie sich jetzt für das Ergebnis des Gipfels fast schon schämen müssen. Kopf hoch und Kerzen an: God Jul!
Zum Schluß noch meine letzten fotografischen Eindrücke aus Kopenhagen:





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