Die Glückssträhne der Stammzellforscher
16. Mai 2010, 02:00
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Ian Wilmut hat schon hundert Mal abgeschworen, vielleicht öfter: "Nein, ich will nicht mehr klonen." Und nein, er habe mit den abgetauchten Möchtegern-Menschenklonern immer noch nichts am Hut. Nein, nein und nochmals nein. Sonst nichts. Wilmut, der Schafklonpionier aus Schottland, der uns das blökende Reprogrammierwunder „Dolly" geschenkt und sich selber ein Denkmal gesetzt hat, lehnt es mittlerweile kategorisch ab, nähere Gründe für seine Abkehr vom Klonen anzugeben. Genauso kurz angebunden ist er, wenn es um embryonale Stammzellen geht: „Die werden irrelevant."
Die Sache ist für ihn völlig klar. Keine großen Worte, keine tiefgründige Analyse. Demonstratives Schweigen. Stattdessen ein dezenter Hinweis: Wer die Gründe für das wissen will, wovon er fest überzeugt sei, der müsse sich einfach hier auf dem Stammzellsympsoium umsehen und genau hinhören. Hier, das ist die nagelneue Lehrwerkstatt des EMBL. „Advanced Training Center" nennt man den schicken helixförmigen Glaszylinder auf dem Heidelberger Boxberg. Ein bionischer Palast für den europäischen Molekularbiologennachwuchs. Seit März ist er in Betrieb.
ATC Trainingszentrum des EMBL
Und es war tatsächlich so, wie Wilmut andeutete, bevor er den Vorsitz des letzten Symposiumtages übernahm: Wer auch bloß diesen letzten Teil des Treffens miterlebt hat, ahnt, warum der Klonpionier den Blick ungern zurück schweifen oder von der Hauptsache abschweifen will. Tatsache ist: Das Klonen taugt als Aufreger schon lange nicht mehr, die Stammzellforschung ist biopolitisch tot. Für die Wilmuts dieser Welt könnte es also gar nicht besser laufen. Und es läuft offensichtlich wirklich gut für die Reprogrammierkünstler. Jede der Präsentationen, die das Starensemble der Stammzellforschung - Wernig/Stanford, Brüstle/Bonn, Götz/München, Studer/New York und Arenas/Stockholm - allein an diesem Vormittag aufzubieten hatte, wäre es wert, hier vorgestellt zu werden. Einer der Vorträge soll an dieser Stelle erstmal genügen.
Es ist der Marius Wernig, Stanford University School of Medicine. Man hält den Atem an, wenn er über die Fortschritte seiner Gruppe spricht.
Stammzellforscher Marius Wernig (Foto Stanford University)
Induzierte Stammzellen („iPS"), vor vier Jahren noch praktisch unbekannt, stehen jetzt unangefochten an der Spitze der Beliebtheitsskala in den Laboren. Und Ian Wilmut ist vielleicht ihr größter Bewunderer. Erinnert sich noch jemand an den Streit um adulte versus embryonale Stammzellen? Die einen konnten angeblich nichts, die anderen wollte man nicht. Jetzt hat man also die Ipse, die früher vielleicht alternde Hautzellen waren und plötzlich als Helden dem molekularen Jungbrunnen entsteigen. Dem Japaner Shinya Yamanaka, dem das Kunststück dieser Umwandlung als erster gelungen war, brauchte dafür einen Cocktail aus vier genetischen Faktoren. Andere haben es inzwischen mit weniger und ganz ohne Genmanipulation und Viren als Transportmittel geschafft. Aber alle haben sie noch Probleme mit der Effizienz. Völlig klar ist: Wer irgendwann in die Klinik gehen will mit dem verjüngten Zellmaterial, um krankes Gewebe zu ersetzen, der braucht nicht nur qualitativ gutes, funktionierendes Ersatzgewebe, sondern ganz einfach auch genügend Zellmaterial.
Induzierte Stammzellen, kurz iPS (Foto Yamanaka)
Hier kommt jetzt Wernig und sein Team ins Spiel. Sie haben aus Hautfibroblasten von Mäuseschwänzen reprogrammierte Nervenzellen erzeugt. Auf direktem Weg. Neo-Neurone, die innerhalb weniger Tage elektrische Signale erzeugten, weiterleiteten und fleißig Netzwerke mit Synapsen bildeten. Gelungen war das zwar mit fünf statt vier eingeschleusten Genfaktoren (Ascl1, Brn2, Myrt1, Olig2, Zic1), aber auch mit einer beeindruckenden Ausbeute: Zwei bis zehn Prozent der Zellen in der Kultur wurden reprogrammiert. Yamanaka hatte ein Bruchteil davon erreicht. Das war den Stanfordern aber nicht genug: Sie suchten weiter und fanden die beiden Proteine BAM und BAZ, die gemeinsam die direkte Herstellung von induzierten Nervenzellen (iN) aus Schwanzfibroblasten auf bis zu zwanzig Prozent hoch schraubten.
Shinya Yamanaka (Foto Robert-Koch-Stiftung)
Das sind nun ganz neue Größenordnungen. Zum ersten Mal könnten die induzierten Stammzellen damit mengenmäßig wirklich interessant werden für klinische Versuche - sofern sich die Erfolge auch mit menschlichen Zellen wiederholen lassen.
Klinik? Langsam, langsam, ist bei aller Entschlossenheit dann aber doch immer wieder zu vernehmen. Wernig dazu: „Es gibt noch viele offene Fragen", und so schloss er seine Powerpointfolien mit einer Fragezeichenarie: Wie viele der künstlichen Nervenzellen würden im Gehirn überleben, wie viele integrieren sich korrekt ins Hirngewebe, wie lange blieben sie aktiv, wie vollständig ist die Reprogrammierung, welche Subtypen an Nervenzellen bekommt man, und was passiert, wenn sich in die potentiellen Transplantate undefinierte Fibroblasten mischen? Alles ungeklärt. Hinzuzufügen wäre: Wo endet die Therapie, wann beginnt die Optimierung des Gehirns?
Gründe genug also, in technischer wie bioethischer Hinsicht, auf die Euphoriebremse zu treten.
Leicht fällt das allerdings keinem, das war in Heidelberg leicht zu erkennen. Denn dafür passiert derzeit einfach zu viel in der Stammzellforschung. Man könnte fast von einer Glückssträhne sprechen. Eine Glückssträhne, die ironischerweise mit dem Ende jener biopolitischen Debatte zusammenfällt, die von einigen gerne zum Kulturkampf hochstilisiert worden war. Kein Wunder also, dass Wilmut kurz angebunden ist. Schlafende Hunde soll man nicht wecken.
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