Schmelzrekorde am Nordpol: Offiziell ist mal gar nichts!
16. September 2011, 17:02
Uhr
Die Kulanzfrist von einer knappen Woche hat der amerikanische National Snow and Ice Data Center (NSIDC) immerhin verstreichen lassen, dann ist man doch mit Karacho reingegrätscht: Am 9. September habe die Ausdehnung des Meereises in der Arktis das Minimum in diesem Jahr erreicht, verkündete die Behörde am 15. September. Damit ist nicht nur der Minusrekord einkassiert worden, den Bremer Umweltphysiker für den 8. September gemeldet hatten, sondern das ganze historische Ereignis gleich mit. Von wegen Rekordschmelze: Das Ausmaß der Meereisschmelze verfehlt den amerikanischen Berechnungen zufolge sogar deutlich den seit Beginn der Satellitenmessungen geltenden absoluten Minusrekord von 4,17 Millionen Quadratkilometer Eisfläche. Am 9. September 2011 sollen es genau 4,33 Millionen Quadratkilometer gewesen sein - „lediglich" der zweitniedrigste Wert in den Annalen - jedenfalls in jenen des NSIDC. Dass die diesjährige Eisschmelze damit immer noch in das Raster der weitgehend vom beschleunigten Klimawandel verursachten Umweltveränderungen in der Arktis fällt, bleibt davon unbenommen.

Die Ausdehnung des Meereises in der Arktis am 9. September 2011. Die orangene Linie zeigt den mittleren Verlauf der sommerlichen Eisgrenze, wie er sich aus der Eisflächenverteilung der Jahre 1979 bis 2000 ermitteln lässt. Grafik NSIDC
An dieser Stelle (FAZ.net vom 11. September) war schon über die Abweichungen verschiedener internationaler Polarforschungsgruppen und die möglichen Gründe für die unterschiedlichen Ergebnisse berichtet worden. Tatsächlich durfte man sich vor einigen Tagen durchaus wundern: Die Wahrscheinlichkeit, dass die extrem schnelle Alarmierung durch die Gruppe an der Universität Bremen - „Neues historisches Meereis-Minimum in der Arktis 2011" - angefochten und als historisches Fixum jedenfalls von vielen Seiten in Frage gestellt wird, war schon sehr hoch.
Einen großen Vorwurf kann man den Bremern dennoch kaum machen. Im Gegenteil: Angesichts der üblichen Verläufe der Eisschmelze in den Vorjahren konnte man keineswegs sicher sein, dass sich die Meereisfläche nicht doch noch weiter verringert - und sei es, dass der von Satelliten aufgezeichnete Schwund durch dynamische, von Starkwinden angetriebene Veränderungen in der Packeisverteilung verursacht wird. Nein, das Bremer Modell hat inder Tat fast eine Punktlandung geschafft.
Ein Tag Abweichung ist nicht dramatisch - wenn denn nicht auch noch dazu käme, dass die anderen internationalen Gruppen und vor allem das amerikanische Forschungszentrum die eigentliche Rekordmeldung quasi dementiert haben. Kein Institut ist so einflussreich wie das NSIDC, das sich traditionell als Wortführer der Polarwissenschaften fühlt. Und weil die mathematische Interpretation der amerikanischen Daten so wenig wie die des Bremer Instituts als Schlamperei abgetan werden kann, weil man schlicht nicht jeweils bessere, sondern konkurrierende Verfahren zur Auswertung der Roh-Satellitendaten anwendet, genau deshalb wird man es nun auch wohl nicht auf einen Streit ankommen lassen.
Dabei ist es noch nicht einmal sicher, ob die amerikanische Forschungsbehörde am Ende tatsächlich Recht behält. Normalerweise ist die Schmelzsaison noch nicht ganz vorbei. Und so heißt es in der Pressemitteilung des NSIDC denn auch, „dass die Eis-Ausdehnung noch mal zurückgehen könnte, wenn es ungewöhnlichen Windrichtungsänderungen oder einer späten Erwärmung kommen würde". Konkrete Anhaltspunkte gibt es in den Daten dafür aber offenbar nicht.

Als moralischer Sieger kann sich die Bremer Umweltphysik-Gruppe also durchaus fühlen. Sie hat den Tiefpunkt (in der „Bremer Kurve") zwar blitzschnell - schneller und zeitlich exakter als die Konkurrenz - erkannt sowie den weiteren Verlauf glänzend gedeutet hat. Dennoch: Der offizielle Gewinner bleibt wohl, wie gehabt, Amerika. Erst Recht, wenn es von weitweit bedeutenden Medien wie die BBC und CNN um die Welt getragen wird.
Die Kurven unterschiedlicher internationaler Polarforschungsinstitute:

Die "Bremer Kurve"

Die "amerikanische Kurve"

Die "japanische Kurve"
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