Evolution in Streifen: Der Zebra-Look törnt ab
10. Februar 2012, 19:32
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Über die Anziehungskraft von Streifenmustern bei unseren Mitgeschöpfen und bei Modeschöpfern ist an dieser Stelle schon einmal so vielschichtig nachgedacht worden, dass sich ein neuer Erklärungsversuch so kurz danach eigentlich verbietet. Diesmal ist ein zeitnahes Update allerdings geboten. So sind halt Grundlagenwissenschaften wie die Evolutionsforschung, denen es von Amts wegen erlaubt ist, ein Privileg in Anspruch zu nehmen, das wir einem Handwerker oder Ingenieur glatt um die Ohren hauen würden - Motto: „Ich kenne zwar die Lösung nicht, aber ich bewundere das Problem."

Das Problem der Streifenbildung ist nun ein uraltes. Und deshalb ein besonders raffiniertes. Dass Streifen als Tarnfärbung dienen könnten, etwa den besonders bedrohten Frischlingen unserer Wildschweine im dichten Unterholz, ist die am meisten genannte Idee. Unsichtbar werdend und die Körperform auflösend, so lautet die Überlebensformel. In eine ähnliche Kategorie, nämlich der Räubervermeidung, fällt der zweite Erklärungsansatz: Kontrastreiche Streifen lassen anders als massige unifarbene Körper die Konturen vor dem Hintergrund verschwimmen und täuschen den Jäger.
Jetzt rückt ein drittes Konzept in den Vordergrund, das zwar auch auf die optische Wirkung der Streifenschau abzielt, aber weniger auf den Räuber gerichtet ist, der einem nach dem schieren Leben trachtet, sondern auf winzige lästige Insekten: Streifen sollen nervtötende Stechbiester ausbremsen. Zumindest für Zebras soll das gelten.
Getestet hat das eine schwedisch-ungarische Zoologengruppe um Gabor Horvath in der Nähe von Budapest: Auf einer Pferdefarm, die von beißfreudigen Bremsen jeden Sommer buchstäblich heimgesucht wird. Systematisch wurde also die Wirkung von Streifenmustern auf die ungarischen Blutsauger getestet (Journal of Experimental Biology, Bd. 215, S. 736) Die Biologen haben sich dazu tierschutzfreundlicher Weise nicht der Pferde auf der Farm oder gar importierter Zebras bedient, sondern haben einige mit Duftöl und Klebstoff präparierte „Pferdemodelle", quasi „umgebaute" Karussellpferde, mit diversen Schattierungs- und Streifenmustern benutzt.

Das Ergebnis zahlreicher Bremsfallenmanövern ist eindeutig: Eintönig dunkle, also schwarze oder braune, Wirtskörper ziehen die Blutsauger buchstäblich an. Vollständig weiße Pferdemodelle tönen sie da schon etwas eher ab. Aber ganz und gar abgeneigt haben sich die Bremsen von Streifenzeichnungen gezeigt. Und zwar umso mehr, je schmaler die abwechselnd schwarzweißen Streifen ausfallen. Die Wissenschaftler haben dafür eine halbwegs plausible, allerdings eben auch spekulative, Erklärung parat: Die nach Blut dürstenden Bremsenweibchen, die ihre Eier im Wasser ablegen, werden nachgewiesenermaßen von horizontal polarisiertem Licht angezogen, das von den dunklen Wasseroberflächen reflektiert wird - dasselbe linear polarisierte Licht geht von den einheitlich dunklen Körpern schwarzer und brauner Pferde aus.
Wie nun allerdings die Entscheidung zur Eiablage verhaltensbiologisch direkt verknüpft sein soll mit der weit davor initiierten Lust auf Blutmahlzeiten, lassen die Forscher offen. Entscheidend und besonders bemerkenswert ist sowieso eigentlich der Befund, den man hinsichtlich der Streifendynamik ausgemacht hat: Am meisten abstoßend nämlich - „mit minimaler Attraktivität", in der Sprache der Zoologen - erwiesen sich ausgerechnet jene Streifenmuster, wie man sie in Form, Farbe und Abständen bei den Zebras in Afrika findet.
Ist das nicht wirklich spannend? Afrikanische Streifenmuster beeindrucken ungarische Bremsen. Tierschutzpolitisch korrekt wäre es also zumindest in bremsenverseuchten Regionen, wenn die Züchter ihre Neutralität gegenüber den streifenbewehrten afrikanischen Wildformen endlich aufgeben. Und was die Mode angeht, kann man Naturfreunde und Trachtenschneider nur ermuntern, die Streifenmode des Herbstes in den Sommer rüberzuretten.
Fotos dpa
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