Fretless-Bässe zu Flugsimulatoren oder Dilettantische Mittelalter-Musik in der Reclam-Edition
06. Juli 2011, 11:46
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Wie die Bundesregierung eben verkündet, müssen die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Ehren von 35 Jahren Punk aus Kostengründen leider mit den Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des 40. Todestags von Jim Morrison zusammengelegt werden. Rockminister Bosbach bedauere dies selbst am meisten, heißt es weiter in einem soeben veröffentlichten Papier.
Auf Antrag der FDP soll im Zusammenhang mit der Feierei auch noch eine Geburtstagskerze für Paul Young („Come Back and Stay") gezündet werden, der ebenfalls kürzlich jubilierte - und zwar zum fünfundfünfzigsten Mal. Ein paar kauzige Separatisten kündigten unterdessen an, am betreffenden Tag anstelle von Paul Young lieber dessen Achtziger-Jahre-Bass-Sound huldigen zu wollen. Solcherlei Vorhaben finden meinen Zuspruch nicht, ich dislike ausgesprochen, ist der Paul Young-Basssound doch noch vor dem John Farnham-Schlagzeugsound in meinen Ohren als ekligster Popklang der sogenannten Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu brandmarken. Pino Palladino heißt der Mann, der diesen auf einem sogenannten Fretless-Bass exekutierten Gruselsound zur kurzzeitigen Popularität brachte, was zur Folge hatte, dass für ein, zwei Jahre jede Menge ehedem achtbarer Bassisten mit Fretless-Bässen herumliefen und ansonsten brauchbare Platten mit diesem blöden Geknöse nachhaltig verunstalteten.
Gibt es das Wort Geknöse? Ich weiß es nicht, aber ich finde der im vorangegangenen Absatz zunächst Paul Young-, dann aber Pino Palladino-Basssound genannte Klang verdient kein anderes Wort als dieses.
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Freunde sind zu Besuch.
Beim Essen kommt das Gespräch auf Österreich.
„Das Österreichischste, was ich im Haus habe, ist Ludwig Hirsch" sage ich und bin schon auf dem Weg zum Plattenschrank.
Ich berichte davon, wie ich im Alter von zehn Jahren einer Musikkassette des Liedermachers anhörig wurde, die ich mir nach dem Sonntagsgottesdienst aus der Pfarrbücherei Odenthal (meiner frühesten Bildungsstätte in popmusikalischen Belangen) ausgeliehen hatte. Ich finde es bemerkenswert, wie viel Gewese in den vergangenen zehn Jahren um die vermeintlich jugendverderberische Wirkung irgendwelcher HipHop-Radauheimer gemacht wurde, während man in deutschen Pfarrbüchereien sorglos Ludwig Hirsch-Kassetten an Zehnjährige verleiht. Ich übertreibe keineswegs, wenn ich sage: Mir hat Ludwig Hirsch mit seinen moribunden Liedern zweifelsohne die Jugend, wenn nicht gleich das ganze Leben verdorben. Das Stück „Die gottverdammte Pleite", das ich meinen Gästen an diesem Abend vorspiele, ist weiß Gott nicht dazu angetan, um jungen Knaben, die, vom Gottesdienst mürbe geprügelt, einen verregneten Sonntag hinter sich bringen müssen, Mut und Hoffnung für die bevorstehende Woche mitzugeben.
Ja, Ludwig Hirsch hat mir lebenslang die Laune verdorben. Von daher: Hören Sie „Die gottverdammte Pleite" oder „Komm, großer schwarzer Vogel" nur, wenn sie halbwegs sittlich gefestigt sind.
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Wo ich schon von Österreich schreibe:
Mein neuer Lieblingsautor ist Heinrich Steinfest (den ich Freunden schon oft als Harald Steinfels empfahl, was für lustige Buchhandlungsbesuche mit anschließendem Pfeil-Verwünschen gesorgt haben dürfte).
Heinrich Steinfest, ein in Australien geborener Österreicher, schreibt Kriminalromane, die von einer so schönen Abschweifungsfreudigkeit geprägt sind, dass etwas eintritt, was ich eigentlich gar nicht so sehr schätze: Der eigentliche „Fall" wird zur Nebensache. Und auch wieder nicht, denn das Mäandern, die bösen Daseinsbetrachtungen, die Seitenwege, Idiosynkrasien und Ausschmückungen passen perfekt zur komplexen Natur der Fälle, um die es in seinen Büchern geht. Mein Lieblingsbuch von ihm ist „Mariaschwarz", das ich hier einfach mal so aus der Hüfte als den besten deutschsprachigen Kriminalroman aller Zeiten bezeichnen möchte. Um das Abfeiern eines Autors in einem mit Musik und ihrem Drumherum befassten Blog zu rechtfertigen, sei hier jedoch nun eine kurze Passage mit Musikbezug (wenngleich klassischer Ausprägung) aus Steinfests Roman „Cheng" zitiert (in dem, aber das nur am Rande, der titelgebende Ermittler nach knapp einhundert Seiten auf bizarre Art und Weise einen Arm verliert).
Die betreffende Stelle spielt kurz vor dem Armverlust. Cheng fährt Auto und legt eine Scarlatti-Kassete ein.
Horowitz gab sein Bestes, und sein Bestes war gar nicht so schlecht. Wenngleich es wenig mit Scarlatti zu tun hatte, sondern eigentlich nur mit Horowitz. Horowitz spielt Horowitz, so wie ja auch jeder andere weltbekannte Klavierturner stets immer nur sich selbst spielt und kaum Chopin oder Skrjabin oder wen auch immer. Und so geschickt ein Fingerkünstler wie Horowitz auch sein mag, Scarlatti hat die besseren Klavierstücke geschrieben, und es ist nicht gerade vornehm, dass Horowitz sein eigenes Zeug aufmotzt, indem er die Trademark Scarlatti verwendet. Wer wirklich Scarlatti hören möchte, muss sich das von einem Amateur vorspielen lassen, von irgend so einem angeblich minderbegabten Kerl, dem sein jungfräuliches Pianistenhirn noch nicht zwischen den Handflächen Abertausender begeisterter Freunde der Klavierakrobatik zu Brei geschlagen wurde.
In der Popmusik liegt der Fall natürlich ganz anders. Hier gilt es gerade als besonders schätzenswert, wenn in einer Coverversion, also einer Interpretation, deutlich die Handschrift des Covernden zum Ausdruck kommt. Was mich veranlasst, hier mal eben meine drei Lieblings-Coverversionen aufzuschreiben:
1. „Super Trouper" in der Version von Camera Obscura
2. „I Can't Get No) Satisfaction" in der Version von Cat Power und
3. „It Must Be Love in der Version von Madness.
Wie immer werden mir heute Nacht kurz vorm Einschlafen vermutlich drei noch weitaus famosere Versionen einfallen und ich werde mich grämen. Aber Cover-Listen sind ja eigentlich langweilig. Langweiliger noch als Kriegsspielzeug aus Holz. Nein, das ist ein blöder Vergleich. Besser: Cover-Listen sind langweiliger als sogenannte Album-Konzerte, auf denen Musiker besonders hochgeschätzte Alben in ihrer Gänze zur Aufführung bringen. Wem ist diese Unart wohl als Erstes in den Sinn gekommen? Vermutlich Roger Daltrey, äh, Waters. Bessere Listen müssen also her. Demnächst liste ich daher an dieser Stelle meine liebsten eingedeutschten Versionen italienischer Achtziger-Schnulzen auf. Oder die zehn langweiligsten Album-Konzerte. Seien Sie dabei!
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Nachtrag:
Als Pionier des Fretless-Bass muss wohl der im Januar verstorbene ehemalige Japan-Bassist Mick Karn betrachtet werden, der mit dem hier ausgiebig gescholtenen Instrument noch die anmutigsten Ergebnisse zu zeitigen wusste.
Werden heute eigentlich noch Fretless-Bässe eingesetzt? Ich glaube nicht. Vielmehr dürfte es wohl so sein, dass sich leidenschaftliche Fans des Fretless-Sounds in grauen Mehrzweckhallen mittelgroßer Städte treffen, um dort Fretless Bass Fan Conventions abzuhalten. Diese Conventions dürften ungefähr so eklig sein wie die Formulierung „Fretless Bass Fan Convention" aussieht.
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Das neue Album der Ganglians ist da.
Was habe ich mich im letzten Jahr über das Debüt dieser Beach-Hippies gefreut. Wie die vier Männer aus Sacramento, Kalifornien psychedelische Spukigkeit und muntere kalifornische Langhaargesänge vermählten, das war einfach fabelhaft. „Blood On The Sand" hieß eines ihrer Stücke (das allerdings nicht auf jenem Album enthalten war), und man könnte finden, dass die Ganglians exakt so klingen wie das musikalische Gegenstück zu in einer Blutlache im Strandsand.
Zum Konzert der Band in Köln kam es im vergangenen Sommer leider nicht, da sich der Gitarrist den Finger oder irgendetwas anderes zum Gitarrespielen zwingend Notwendiges gebrochen hatte. Bei aller Sympathie für die Band: Ich kann nur müde lächeln, wenn ich höre, was Menschen für ein Getue um ein einziges gebrochenes Gliedmaß machen, schließlich habe ich mir einmal beide Arme gleichzeitig gebrochen. Ich spreche daher aus Erfahrung, wenn ich sage: Im demütigen Ertragen der Einschränkungen, die einem das Dahinvegetieren mit zwei angewinkelten Gipsarmen auferlegt, liegt wahre Größe. Auch glaube ich, dass einen eine solche Situation in höhere Bewusstseinssphären katapultiert, die für dahergelaufene Ein-Gips-Träger schlicht nicht zu erreichen sind. Ich darf das einfach ganz ohne jede Arroganz hier so behaupten, denn zwei Gipsarme gleichzeitig sind ein Privileg, in dessen Genuss nur wenige Menschen gekommen sein dürften. Man möge es also unterlassen, mir Selbstherrlichkeit vorzuwerfen. Außerdem möge man sich mit einem gebrochenen Finger nicht so anstellen und, sofern man Gitarrist in einer Rockband ist, eben rasch das Mundgitarrenspiel erlernen. Ein gebrochener Finger - dass ich nicht lache: Was hätte ich damals um einen gebrochenen Finger gegeben!
Zurück zum Album. Es ist gut, aber nicht mehr ganz so faszinierend wie das Debüt. Das liegt freilich ein wenig am gängigen Kenn-ich-schon-Effekt. Ein bisschen liegt es auch daran, dass die Ganglians den Freak-Anteil etwas zurück- und den Strandjungs-Appeal dafür emporgeschraubt haben. Man könnte auch sagen: Ganglians klingen jetzt wie The Drums mit langen Haaren. Was ja gar nicht so unvorzüglich wäre.
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Im Radio sagt jemand, der in dieser Sache kundig zu sein scheint, es gebe jede Menge guter mittelalterlicher Musik, aber auch etliche dilettantische Beispiele. Das klingt interessant. Ich würde sofort Siebenachtel meiner Promo-CDs dafür hergeben, in den Genuss dilettantischer Mittelaltermusik zu kommen. Vielleicht verspreche ich mir ja zuviel davon, aber dilettantische Mittelaltermusik, das könnte zur Abwechslung mal wieder etwas sein, in das ich mich lustvoll versenken könnte. Falls also jemand zu hause CDs oder Schallplatten mit dilettantischer Mittelaltermusik herumfliegen hat und beim ständigen Dagegenstoßen mit dem Staubsauger oder dem in Ermangelung guter Hausschuhe allenfalls besockten Fuß immer wieder aufs Ungebührlichste flucht: „Diese gottverdammten, mein Dasein stets aufs Neue zu einem irdischen Jammertal bereitenden Dilettanten-Mittelalter-CDs!", dem sei anempfohlen, sie mir zu schicken. Im Gegenzug bekommt der freundliche Spender von mir ein Exemplar der Mike Krüger-Reclam-Edition. Oder meinen neuen Fitness-Ratgeber „Morgengymnastik am Lebensabend". Oder irgendetwas Österreichisches mit Fretless-Bass.
PLAYLIST
François de Roubaix - Les Aventuriers (Soundtrack zu dem gleichnamigen Delon/Ventura-Film. Der Argentinier de Roubaix hängt irgendwo zwischen Morricone'scher Unruhe und Barry'schem Sentiment. Sehr schöner Soundtrack zu einem nicht minder guten Film, demnächst mehr dazu)
Locas In Love - Lemming (Seit letztem Freitag im Handel. Tolles Popalbum mit schön daseinsfremdelnden Texten)
Little Dragon - Ritual Union (Konsens-Pop-Album. Ich hüpfe gerne mit)
New York Dolls - „Streetcake" (Der Auftaktsong zum letzten Album der wiederauferstandenen Knautschgesichter)
Alexander - „Truth" (Der beste Song vom vorzüglichen Solo-Album des Vortänzers von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros)
Andreas Dorau - „Größenwahn" (Das kann nur Dorau: Ein Phil Spector-Elektroschlager, textlich angesiedelt im Szenekneipen-Milieu)
Abba - The Visitors (Popmusik aus Schweden, wird man noch viel von hören)
Cashier No.9 - „Goldstar" (Fabelhafter Donner-Pop, wie ich ihn alle paar Wochen ganz gerne höre. Produziert von David Holmes)
Paul McCartney - „Coming Up" (Der Auftaktsong von „McCartney II". Toller Superstar-Homestudio-Quatsch)
Konstantin Wecker - "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist"