Augenlieder und Lidermacher oder Hören Sie nicht auf Leute, die zuviel sehen!
16. November 2011, 08:43
Uhr
Sie werden es vielleicht bemerkt haben: „Das Pop-Tagebuch"
lag für einige Zeit brach. Seither ist viel geschehen: Amy Winehouse, Franz
Josef Degenhardt und Steve Jobs sind verstorben (im Falle des Letzteren legten
die TV-Bilder von sich durch Jobs' Wirken „inspiriert" wähnenden Menschen
irritierenderweise den Eindruck nahe, John Lennon sei abermals erschossen
worden). R.E.M. haben sich aufgelöst. Metallica leider nicht, im Gegenteil: Sie
haben Lou Reed eingemeindet. Paul McCartney hat geheiratet, Lana Del Rey trägt
Chris Isaacs alte Ideen auf und Udo Jürgens' Lebensgeschichte wurde fürs
Fernsehen aufbereitet.
Ich aber musste schweigen.
Dies lag keineswegs nur daran, dass ich auf meinem
sardischen Landgut Probleme mit der Kanalisation hatte und meine Anwesenheit
ebendort zwingend notwendig war. Nein, weitaus handfestere Gründe zwangen mich
zur Pause. Ich möchte Sie kurz mit Details langweilen...
Es war im April, als ich erstmals feststellen musste, dass ich
Probleme mit dem linken Auge bekam. Zunächst sah ich einfach nur schlecht, bald
schon erinnerte meine Optik aber an einen zu stark eingestellten Weichzeichner
in einem italienischen Softsex-Film der Siebziger Jahre. Was manchem reizvoll
erscheinen mag, nahm bald beängstigende Formen an. Ein Besuch beim Augenarzt
brachte Gewissheit: Mich hatte in vergleichsweise jungem Alter der sogenannte
Graue Star (Fachterminus: Katarakt) ereilt (Ereilt einen der Graue Star?
Befällt er einen gar?? Ich weiß es nicht...).
Die Erkrankung war die Spätfolge eines Unfalls, den ich im
Alter von fünf Jahren hatte und der Splatter-Fans sicherlich dazu bringen
dürfte, begeistert in die Hände zu klatschen. Sensible Gemüter sollten
vielleicht besser nicht weiterlesen, sonst ist der Tag versaut: Im Alter von
fünf Jahren nämlich wurde mir beim Spielen ein Dartpfeil ins Auge geworfen. Die
genauen Hintergründe dieses ebenso blutigen wie folgenschweren Unfalls zu
erläutern, würde hier zu weit führen. Ich möchte nur hinzufügen, dass sich
dieser Unfall nicht in einem Irish Pub, der Hauptabwurfstelle von Dartpfeilen,
zutrug. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Irish Pub betreten und
werde dies wohl auch für den Rest meines Lebens nicht tun.
Um es kurz zu machen: Den Sommer über erblindete ich auf dem
linken Auge nahezu gänzlich, so dass eine Operation erforderlich wurde. Im
Nachhinein bin ich für diese Extremerfahrung (das plötzliche Erblinden, nicht
die Operation, bei der war ich ja gottlob, Betäubung sei Dank, nicht dabei)
durchaus dankbar: Man lernt einiges dabei, was genau weiß ich gerade nicht,
aber es hat wohl mit Demut zu tun.
Nun, da ich dank einer Katarakt-OP wieder sehen kann, gilt
es das wiedergewonnene Augenlicht zu feiern. Mit Pauken und Trompeten - und
einer kommentierten Liste, die sich mit den epochalsten Songs zum Thema „Augen"
befasst. Nun denn ...
Die epochalsten Songs über Augen:
The Soft Boys - Queen Of Eyes (Wahrscheinlich mein
Lieblingsstück über Augen. Robyn Hitchcock, der Soft Boys-Sänger, hat in seiner
langen Karriere viele seltsame Lieder über Augen geschrieben, sein zweitbestes
Album heißt gar „Eye". Dies hier ist das beste Power-Pop-Stück der Siebziger.
Größer gar als Big Star!)
Rote Gitarren - Solche schönen Augen (Bei diesem Stück muss
ich immer an den leider verstorbenen Rocco Clein denken. Dieser tolle Mensch
und Beat-Connaisseur spielte mir das Lied Ende der Neunziger Jahre erstmals
vor. Ein Beat-Schlager mit Selbstmord-Subtext und toller zweiter Stimme,
dargeboten von einem polnischen Quartett. Kann man bei DJ-Sets direkt hinter
den Soft Boys auflegen.)
Kim Carnes - Bette Davis Eyes
Survivor - Eye Of The Tiger (Gefährliches Dreiviertelwissen:
Die Schiffschaukelbremser-Band Survivor war eine der wenigen Rockgruppen, die
sich in den Achtzigern für die amerikanische Hochrüstung engagierte.)
Nat „King" Cole u.a. - Smoke Gets In Your Eyes
Ideal - Blaue Augen
Steve Wynn - Close Your Eyes
Abba - Angel Eyes
(Eines meiner liebsten Abba-Stücke, es geht um Eifersucht. Prächtig
überzuckerter Autoscooter-Pop, der eine ganze Teenager-Pubertät der Siebziger
Jahre zu enthalten scheint. Hübsch gecovert von The Czars)
Bruce Springsteen - Sad Eyes (Nicht zu verwechseln mit dem
gleichnamigen Auge, äh, Stück von Robert John)
Art Garfunkel - Bright Eyes (Das vielleicht schlimmste Lied
über Augen.)
Gerade überkommen mich Zweifel: Was sollen meine Leser mit
einer Liste über Augenlieder anfangen? Sollen sie all diese Songs auf eine CD
brennen? Ja, das wäre eine Möglichkeit. Was aber sollten sie mit einer solchen
CD dann anfangen? Nun, sie könnten sie Freunden schenken, die gerade an einer
Augenerkrankung leiden. Das wäre zwar aufmerksam, könnte aber auch als
geschmacklos empfunden werden.
„Ich liege rum, ach was: ich vegetiere hier vor mich hin mit
Augen, die sich nicht entscheiden können, ob sie nun tränen, erblinden oder
anschwellen sollen, die im Grunde alles gleichzeitig tun - und was machst Du???
Bringst mir eine blöde CD mit Augenliedern mit!!!"
Nein, solches will man nicht von seinen darniederliegenden
Freunden aus dem zerwühlten Krankenbett hinterher gerufen bekommen. Ich
wechsele also das Thema.
Und leite zu einer Sensation über. Ich möchte meine Leser
nun an die Hand nehmen und zum Besteigen einer Zeitmaschine einladen. Da ich
mir aufgrund schmaler Budgetierung leider keine allzu aufwändigen Zeitreisen
leisten kann, reisen wir aber nicht etwa zurück in die „Swinging Sixties" oder
in das Post-Punk-New York. Nein, wir reisen zurück in jene Zeit, in der ich aus
den oben genannten Gründen nichts zu schreiben vermochte. Dies hat für mich den
schönen Kollateral-Effekt, Liegengebliebenes verwursten zu können. Und los ...
15.07.2011
Eine Lesung führt mich aufs Melt-Festival. Hier angekommen
stelle ich fest: Auf dem Melt-Festival sehen alle Menschen aus, als befänden
sie sich auf dem Melt-Festival. Man trägt MGMT-Sonnenbrillen, lilafarbene
Leggins, lappige Shirts und hat eine Jutetasche über der Schulter baumeln. Im
Grunde sehen hier alle aus, als gelte es, ein Aerobic-Video zu drehen. Nur das
mit den Jutetaschen ergibt wenig Sinn. Doch die jungen Menschen trachten
keinesfalls danach, Aerobic-Videos zu drehen, vielmehr ist es ihr Begehr,
möglichst viele chemische Drogen zu konsumieren. Das ist wahrscheinlich auch
sinnvoll, denn der Großteil der Musik spielt irgendwo am intelligenten Ende von
Doof. Meine Sorge, vor lauter pillenbefeuerten Menschen mit faustgroßen
Pupillen lesen zu müssen, die unentwegt meine Manuskriptblätter streicheln
wollen, bestätigt sich jedoch nicht.
Trotzdem reise ich nach der Lesung rasch ab und verpasse so
auch den Auftritt der wiedervereinigten Pulp, was womöglich gut so ist.
30.08.2011
Die Fitness-Studio-Band Red Hot Chili Peppers spielt in
Köln.
Anthony Kiedis, der Sänger, hat sich für den Abend einen
lustigen Schnauzbart angeklebt, entweder, um nicht erkannt zu werden, oder um
sich mit Köln gemein zu machen, das bleibt unklar.
Zum Club-Auftritt im E-Werk reist neben beinharten Fans,
schlaumeierischen Journalisten und Plattenfirmenleuten auch jede Menge
Para-Prominenz an. Campino, Frauke Ludowig, Helmut Zerlett und Jana Pallaske
stehen in der Gegend herum und halten das, was da auf der Bühne passiert,
womöglich für Rockmusik.
Mich hingegen irritieren Bands wie die Red Hot Chili
Peppers, die ihren Hedonismus mit zunehmendem Alter durch Fitness und
angestrengte Agilität ersetzen. Die ehemalige Smack- und heutige Soja-Band war
und ist ganz Körper - wenn man nicht viel mehr erwartet, wird man gut bedient.
Nur Anthony Kiedis ist heute etwas mehr: Anthony Kiedis ist heute ganz
Schnurrbart.
Vielleicht bin ich aber auch nur eifersüchtig, hatte ich mir
doch im Urlaub auch einen Schnurrbart stehen lassen. In erster Linie, um der so
öden wie allseits beliebten Achttagebärtigkeit meiner Mitmänner eine gewisse
Strenge entgegenzusetzen. Aber mein Schnurrbart, das muss ich heute anerkennen,
sieht nicht halb so wuchtig aus wie der des notorisch oberkörperfreien Sängers.
Eins aber muss man den Red Hot Chili Peppers heute Abend
zugute halten: Im Bühnenhintergrund sind keine sogenannten „Visuals" zu sehen.
Denn:
01.09.2011
Bands, wenn Ihr in Zukunft etwas Geld sparen wollt - lasst einfach
Eure „Visuals" zu hause.
Ich glaube, diese Welt wäre ein schönerer Ort, wenn weniger
Musiker vor Leinwänden herumstünden, auf denen öde Grafiken, alberne Filmchen
oder enervierende Schriftzüge zu sehen sind. Mir sagte nach einem Konzert der
Band Caribou gar mal eine Bekannte: „Also, die Musik war ja ganz gut, aber die Visuals
haben mir überhaupt nicht gefallen." Als Pink Floyd damals in den frühen
Siebzigern auf Golgatha oder dem Ätna oder dem Kahlen Asten oder wo auch immer
es war gespielt haben, flimmerten da im Hintergrund auch schon „Visuals" herum?
Nahm damals das augenwischerische Unheil seinen Lauf? Wer hat damit angefangen?
Ich will Namen!
Ich glaube, die einzigen „Visuals", die mir je gefallen
haben, sah ich auf Konzerten der Flaming Lips (u.a. gab es dort Aufnahmen von
Augenoperationen zu sehen!). Wobei zugegeben sei, dass auch die famosen
österreichischen Cool-Katzen von Ja, Panik auf ihrer diesjährigen Tour
kompetent mit im Hintergrund ablaufenden Filmchen herumzuhantieren wussten.
Trotzdem: Das sind Ausnahmen. Ich glaube, ich erkundige mich ab sofort vor Konzertbesuchen
beim Veranstalter, ob am Abend „Visuals" eingesetzt werden und werde mein
Erscheinen beim Konzert von dem Bescheid abhängig machen, der mir erteilt wird.
Einseitiges Erblinden kann auch von Vorteil sein.
29.10.2011
Hey, Tim Bendzko, Clueso, Johannes Strate, Philipp Poisel
und wie Ihr ebenso vermurmelten wie uniformen Dreitagebartbübchen mit Euren
Lagerfeuer-Schlagern alle heißt: Könnt Ihr Euch nicht vom Goethe-Institut ganz
lange irgendwohin schicken lassen, um der Welt etwas über die Schrecken der
deutschen Sprache beizubringen?? Beispielsweise könntet Ihr interessierten
Nicht-Deutschsprachlern die Wichtigkeit der Vokabel „Irgendwie" für die
deutsche Sprache beibringen. Ihr könnt aber auch gerne einen lebenslangen Interrail-Urlaub
draus machen.
01.11.2011
Wenn Noel Gallaghers Musik auch nur halb so unterhaltsam
wäre wie die Interviews, die er gibt, würde ich mir glatt öfter mal eine Platte
von ihm anhören. Leider gibt es auch auf seinem völlig uninteressanten Soloalbum
nur wieder Wildlederschuh-Rock in bewährtem Schlurf-Tempo.
11.11.2011
Kool Savas' neues Album heißt „Aura".
Wie ist es denn bitte um den deutschen Proll-HipHop
bestellt, wenn jetzt schon Kool Savas-Platten so heißen wie Fachgeschäfte für
esoterische Steine?
13.11.2011
Jetzt aber rasch noch etwas Positives, sonst meinen wieder
alle, ich sei ein verbitterter Zyklop:
John Hiatt und Nick Lowe (die ja vor etlichen Monden in der
kurzlebigen Supergroup Little Village zusammenspielten) haben die beiden schönsten
Liederalben des Jahres gemacht. Die beiden Knitterlook-Gentlemen waren ja immer
schon gut, aber „Dirty Jeans and Mudslide Hymns" (Hiatt) und „The Old Magic"
(Lowe) bringen nochmal ordentlich Tempo in den Schaukelstuhl. Sollten sich alle
Freunde weiser Alterherrenmusik rasch zulegen.
Die junge Band Other Lives wiederum hat das „Deserter's
Songs" der Jutebeutel-Generation aufgenommen: Eine unwirklich tönende
Märchenplatte, die klingt, als halle eine mit einigen Prog-Schmankerln
versetzte Americana-Best-Of-Mix-CD aus den Tiefen des Gran Canyon empor. Auch
toll: Das Geknarze der Tuareg-Band Tinariwen (aktuelles Album: „Tassili"). Der
sägende Acid-Rock der Wooden Shjips (aktuelles Album: „West"). Der
Neo-Tropicalismo von Lucas Santtana (aktuelles Album: „Sem Nostalgia") und das
neue, noch nicht erschienene Album von Laura Gibson („La Grande").
Beim nächsten Mal gibt es wieder eine reguläre Playlist.
Bis dahin: Freuen Sie sich an Ihrem Augenlicht, lassen Sie
sich nicht von Staren, gleich welcher Farbe, befallen oder ereilen - und hüten
Sie sich vor Menschen mit zuviel Visuals im Hintergrund!