Jamaican Mama bleibt daheim oder Die Rache des Reggae
22. November 2011, 16:03
Uhr
„I don't like Reggae, no no / I love it"
(10cc, „Dreadlock Holiday")
Es gibt ja Menschen, die reagieren auf Reggae ähnlich wie
ich auf hässliche Hausschuhe: mit Ekel, Abscheu und Entsetzen. Nun, das ist
närrisches Betragen. Reggae nämlich ist, wenn er kompetent exekutiert wird,
eine wunderbare, inneren Einklang erzeugende Angelegenheit (ähnlich übrigens
wie der dem Reggae in vielerlei Hinsicht diametral gegenüberstehende Country,
der ebenfalls in problematischem Leumund steht).
Wie bei keiner anderen popmusikalischen Spielart ist mit
Reggae aber auch sehr oft Schindluder getrieben worden. Die Gründe hierfür
liegen in dem Boom begründet, den Reggae Ende der Siebziger unter weißen
Musikhörern erlebte. Ein Boom, der sich neben echtem Verständnis, Neugier und
viel gutem Willen auch auf missverstandener Exotik und Kifferkitsch gründete.
Und da alle Welt Reggae hören wollte, spielte auch bald jede zweite
desorientierte Post-Punk-Band, jeder Dinosaurier-Rocker und jeder NDW-Kasper
Musik mit pseudojamaikanischem Off-Beat: Durchstöbert man einmal die
Album-Jahrgänge 1978 bis 1982 wird man auf zahlreichen Platten Fingerübungen in
Sachen Reggae finden. Bei Bob Dylan, bei Blondie, bei The Clash, bei den
Rolling Stones, bei Nina Hagen, bei den Boomtown Rats, bei den Violent Femmes,
bei Nick Lowe, Paul Simon, Kevin Ayers, Spliff, sogar bei Led Zeppelin. Serge
Gainsbourg nahm gar gleich ein ganzes Reggae-Album auf (natürlich mit den
unschlagbaren Sly & Robbie, die auch Bob Dylan, Grace Jones und zahlreiche
andere bei ihren Reggae-Adaptionen mit der Anlieferung von Riddims
unterstützten). Dann gab es natürlich Leute wie Jah Wobble, dem es
tatsächlich gelang, aus Reggae etwas völlig Eigenes abzuleiten, das mit
abgegucktem Roots-Trara oder Kiffer-Folklore nichts zu tun hatte. Manche (10cc,
Jonathan Richman, BAP) gingen es gar parodistisch an - mit unterschiedlichem
Erfolg. Und dann gab es da natürlich die frühen Reggae-Flirtereien: Paul
McCartneys Ska-Anverwandlung „Ob-La-Di-Ob-La-Da" auf dem „White Album" sei
genannt oder natürlich Claptons „I Shot The Sheriff"-Coverversion. Laid Backs
„Sunshine Reggae" gab es natürlich auch.
Am Donnerstag dieser Woche nun werde ich mit einer sachkundigen
Freundin in meiner Stammspelunke, dem Kölner King Georg, einen DJ-Abend
veranstalten. Der Arbeitstitel: „Dreadlock Holiday - (Mis)conceptions about Reggae".
Es soll um missverstandenen, komisch um die Ecke gedachten oder auch einfach
nur misslungenen Reggae gehen. Um Reggae also, der nicht von Reggae-Musikern
gespielt wird oder aber den Geist des Genres, wenn man so will, nicht ganz zu
erfassen in der Lage ist. Unser tollkühner Anspruch ist es, im Subtext unserer
Auflegerei sowohl die naive Anverwandlung zu feiern, als auch die schamlose Ausbeutung
einer ganzen Musikkultur zu geißeln. Oder so ähnlich.
Wir haben übrigens beschlossen, nichts von The Police zu
spielen. The Police finden wir nämlich beide so richtig doof, auch oder gerade
weil es sich hier um die einzige Band handeln dürfte, die auf Basis eines
Reggae-Missverständnisses eine Weltkarriere aufgebaut hat. Ebenfalls nicht zum
Einsatz kommen wird Udo Jürgens bodenloses „Jamaican Mama". Diese Missgeburt
von einem Lied beansprucht unter irrem Grinsen und Sabbern die Krone für den
dämlichsten Udo Jürgens-Song aller Zeiten. Ich kann das unmöglich spielen, denn
damit diskreditierte ich gleichzeitig das ebenfalls auf dem „Udo 80"-Album
enthaltene „Ich weiß, was ich will", was für mich so etwas wie die Apotheose
des Spätsiebziger-Chanson-Schlagers darstellt.
Heute nun habe ich mich in vorbereitender Absicht durch
meinen Plattenschrank gehört, um geeignete Musik für den betreffenden Abend
herauszusuchen. Die oben genannten Vertreter waren rasch gefunden. Weitaus
interessanter aber war es, all die Platten quer zu hören, auf denen ich
Reggae-Experimente vermutete: „Howlin' Wind" von Graham Parker fiel mir in die
Hände: „Da wird ja wohl ein Reggae-Stück drauf sein". War es auch. Auf Johnny
Rivers' „L.A. Reggae" wiederum war von Off-Beats weit und breit nichts zu
hören. Andere Alben, auf denen ich Reggae vermutete, die aber keinen
enthielten: Robert Palmers „Clues", Phil Collins' „Face Value" und David Bowies
„Let's Dance" (Hat Bowie je einen Reggae-Song gemacht? Sollte er es nicht getan
haben, wäre dies ein weiteres Indiz für die weitverbreitete Ansicht, Bowie habe
nichts nachgemacht, sondern stets ausschließlich Pionierarbeit geleistet).
Einige der herausgesuchten Stücke sind echte Perlen: So etwa
„Wake Up" von Trio, das sich auf dem unterschätzten zweiten Album der Band
findet. Der von Yoko Ono geschriebene Song kann nicht nur mit Klaus Voorman am
Bass punkten, er wird am Ende gekrönt von einem erhabenen Gesangspart des
Männerquartetts Weilerswist. Unfassbar und dringend empfohlen (Bei Youtube gibt
es auch ein Video).
Auch bemerkenswert: Paul McCartneys „Darkroom" vom tollen
Album „McCartney II": Der Song hört sich an, als hätte Devendra Banhart
gemeinsame Sache mit den Residents gemacht. Ebenfalls unverwüstlich: Die
Genre-Adaptionen von David Lindley, Costellos „Watching The Detectives" und Led
Zeppelins „D'yer Mak'er", auf dem John Bonham, einer der besten weißen
Schlagzeuger aller Zeiten, soviel Stil und Taktgefühl (No pun intended!)
besitzt, eben keinen Reggae-Rhythmus zu spielen, sondern herrlich gerade
durchzubollern.
Wer mir weitere Reggae-Missverständnisse zusenden mag, sei
hierzu herzlich eingeladen. Wer wiederum zählt, wie oft im oben stehenden Text
das Wort „Reggae" vorkommt, der gewinnt einen Abend mit der Band Laid Back. Und
wer herausfindet, welchen kleinen inhaltlichen Fehler ich im Text drin gelassen
habe, darf sogar zwei mal die Band Laid Back treffen.
***
Was aber ist mit jenen Menschen, die da rufen: „Ich möchte
gerne über etwas lesen, das wenig bis gar nichts mit Eric Pfeils doofem
Reggae-Abend zu tun hat!"? Nun, auch diesen Menschen will ich Erbauliches an die Hand
geben. Und zwar mit den folgenden Zeilen.
Das Suchen nach Reggae-Absurditäten im Plattenschrank sorgt
nämlich für den schönen Kollateralschaden, dass man lang vergessenen Platten
wieder begegnet und diese einer Neubewertung unterzieht: Schon erstaunlich, was
man da zu hören bekommt. Vier dieser (alten und nicht allzu bekannten) Alben
möchte ich dem geneigten Leser im Folgenden dringend ans Herz legen.
Fabrizio de André - „Rimini" (1978)
De André ist der Stolz Genuas. Als ich im vergangenen Sommer
in der ligurischen Hauptstadt weilte, war das Konterfei des 1999 verstorbenen Cantautore
an jeder zweiten Straßenecke als Graffito oder Plakat zu sehen. De André war
der Sänger der Sprachlosen, sein Akustikgitarren-dominierter Stil mindestens so
sehr vom amerikanischen Folkrock geprägt wie von Luigi Tenco oder Gino Paoli,
den großen italienischen Liedermachern der Sechziger. Sein Album „Rimini" nun ist
schwer beatmet von Bob Dylans „Desire": Die Gitarren klimpern, die Geige
schwelgt, man meint Grillenzirpen zu hören, die Zigeuner sind in der Stadt. Die
Coverversion von Dylans „Romance In Durango" gefiel dem Komponisten des Songs
gar so gut, dass er sich zu einem seltenen Lob hinreißen ließ. Ein wunderbar
sommermüdes Album. Ohne Reggae.
The Jazz Butcher - „A Scandal In Bohemia" (1984)
Mehr noch als The Smiths, Prefab Sprout oder The Go-Betweens
prägte diese Band Mitte der Achtziger meine musikalischen Vorlieben. „A Scandal
In Bohemia" ist eine bald schrammelnde, bald angejazzte Wunderplatte, die mir
auf dem Gipfel meiner pubertären Wirrnis zeigte, dass es neben blödem
Frisurenrock mit verhallten Schlagzeugen und Synthie-Gülle noch etwas Anderes
gab. Dreist und naseweis singt sich Sänger Pat Fish (Man denke
sich einen gutgelaunten britischen Lou Reed) zum gehobenen Schrammel-Pop seiner
Mitstreiter durch zehn überschäumende Songs über Pin Up-Girls, exzessiven
Alkoholkonsum, Girlfriends und Macho-Deppen. Die Platte klingt auch heute noch tausendmal frischer als
der ganze konfektionierte Gitarrenquatsch, der unter dem Banner „Indie"
veröffentlicht wird. Essentiell. Auch ohne Reggae.
King Missile (Dog Fly Religion) - „They" (1988)
Als vor ein paar Jahren das Getue um Neo- bzw. Anti-Folk
seinen Höhepunkt erreichte, war ich ein wenig betrübt, wie wenig auf die
Verdienste von Mark Kramers Label Shimmy Disc verwiesen wurde. Kramer, ein
genialischer Songschreiber, Produzent, Musiker und Indie-Entrepreneur,
veröffentlichte auf Shimmy Disc neben den wärmstens empfohlenen Werken seiner
Post-Psychedelic-Band Bongwater schöne Platten von Rebby Sharp, B.A.L.L. oder
Dogbowl. Auch Daniel Johnston, Ween und Galaxie 500 brachten Platten auf Shimmy
Disc heraus. Kramers Trademark als Produzent war ein verhallter und
verwaschener Gesamtklang, der Phil Spector mit Psychedelia und Zappa verband
und in dem das Avantgardistische einträchtig neben dem Eingängigen existierte. King
Missile, die Band von John S. Hall und Dogbowl, gehört zum Interessantesten,
was das Label zu bieten hatte: Auf „They" verbinden sich John S. Halls
Beatnik-Lyrik, Kiffer-Humor und Dada-Lyrik mit Dogbowls Sinn für anrührenden
Folkpop. Kein Reggae.
Paul Roland - „A Cabinet Of Curiosities" (1987)
Irgendein Spaßvogel hat ihn mal als „the male answer to Kate
Bush" bezeichnet. Das ist Unsinn. Man stelle sich vielmehr vor, Syd Barrett
hätte einen Fimmel für das viktorianische England gehabt, dann bekommt man
ungefähr eine Ahnung von dem, was Paul Roland treibt. Hier gibt es Lieder über
Dämonen in Käfigen, tragisch verlaufende Fesselballonfahrten und Pyromanen im
Schulheim. Rolands Stimme hat etwas Wächsernes, die Platte hört sich an, als
habe er sich beim Singen unentwegt eine alte Gaslampe vors Gesicht gehalten.
Dazu gibt es strenge kammermusikalische Streicherarrangements. Abgefahrenes
Kunstgewerbe für Vollspinner. Leider ist Roland später ein wenig in die Gothic-Ecke
abgedriftet. Wieder kein Reggae.
Zum Schluss sei dringend noch darauf hingewiesen, dass der
sympathische Operetten-Sänger Meat Loaf in der letzten „Wetten, dass..?"-Sendung
mit Thomas Gottschalk (und ohne Thomas Gottschalk) zu Gast sein wird. „Hell In
A Handbasket" hat er lustigerweise sein neues Album getauft (also Meat Loaf,
nicht Thomas Gottschalk). Chuck D ist als Gast mit dabei und „California
Dreaming" wird auch gecovert. Wer all das noch nicht lustig findet, den kann wahrscheinlich
auch Meat Loafs eben veröffentlichter Promo-O-Ton zu seinem neuen Werk nicht
erheitern: „Es ist mein bisher persönlichstes Album, ich will darauf zeigen,
wie die Welt meiner Ansicht nach den Bach runter geht", weiß der Mann dort zu
verkünden. Ich finde es gut, dass Meat Loaf uns allen zeigen will, wie die Welt
den Bach runtergeht, auch wenn einem anderen Künstler zufolge ja die Lachse zum
Laichen und Sterben den Fluss hinauf ... aber das ist eine andere Geschichte.
Kaufen Sie alle mehrfach das Meat Loaf-Album und lassen Sie sich wachrütteln.
Oder hören Sie sich zumindest die oben besprochenen Platten an und haben Sie
Freude daran. Oder tanzen Sie mit einer Dreadlock-Perücke zu nachgemachtem
Reggae. Free your mind and your ass will
follow.