Songwriter mit Stühlen am Hals oder Ein Wochenende zwischen Weekend und Tatort
09. Dezember 2011, 12:29
Uhr
Wer nichts wird, wird Singer-Songwriter.
So sprach meine
Oma schon vor vielen Jahren. Und wenn ich mich so durch den musikalischen
Ausstoß all der Bartklampfer und Zärtelheinis höre, die seit einigen Jahren
durch die ehedem von rechtschaffenen Rockbands bespielten Clubs troubadieren und
deren Lieder die Zimmer junger Damen bewispern, dann scheint es, als habe
dieser Satz nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Mehr noch: Als habe der
Satz noch nie so sehr gestimmt wie heute. Es gibt aber auch rühmliche
Ausnahmen. Ezra Furman zum Beispiel. Der spielte mit seiner Band The Harpoons neulich hier ums Eck, und die Trübnis darüber, dass ich verhindert war, hätte größer nicht sein können.
Als Ezra Furmans jüngstes Album im April erschien, nahmen
nur wenige Medien Notiz davon. Dabei zählt die Platte zum Besten, was 2011
erschienen ist und sollte von allen Menschen, die ihre
Singer/Songwriter-Platten etwas zupackender und rumpelnder schätzen, ins Herz
geschlossen werden. Furman & The Harpoons klingen hier manchmal wie Gordon
Gano (nicht Gordon Gekko!), wenn er mit den Pixies ein New Yorker
Folkrock-Album aufgenommen hätte („I Killed Myself But I Didn't Die" klingt
tatsächlich NUR wie die Pixies). Andernorts tönt es, als habe Jonathan Richman
sich die Nebenhöhlen durchpusten lassen und hernach ein lupenreines
Indie-Rock-Album alter Prägung gemacht.
Noch ein Liedermacher.
A.A. Bondy gebietet nicht nur über einen Namen, mit dem man
eigentlich italienischer Pornofilm-Komponist oder staatenloser Frisurenkünstler werden
müsste, er verfügt zudem über die seltene Gabe, harmonisch sehr simple Songs
mit maximalem Effekt aber ohne jeden Kitsch zu schreiben. Sein Solo-Debüt „When
The Devil's Loose" war vor zwei Jahren eine meiner Lieblingsplatten, das neue
Album „Believers" ist um keinen Deut schwächer. Rob Schnapf, sein Produzent,
hat das Verhallte und Verwaschene, das den Vorgänger so schön hingeworfen
klingen ließ, gottlob beibehalten, aber Bondy wagt auch Neues: „The Heart Is
Willing" etwa erweckt den Eindruck, der Mann habe das Backing des Songs von
Suicide einspielen lassen.
Als A.A. Bondy vor ein paar Jahren mit den Felice Brothers
in der hiesigen Kulturkirche spielte, saß er später noch lange am Merchandise-Stand.
Sein Trachten war es, jedem, der eine seiner Platten kaufte, ein individuelles
Motiv darauf zu krakeln. Und so krakelte er munter vor sich hin: Er malte
Kathedralen, seltsame Tiere und Häuser. Ich nehme jedenfalls an, dass solches
zu malen sein Begehr war, wirklich zu erkennen war nicht viel. Was man
tatsächlich auf den Platten sah, war einfach nur ausladendes Edding-Gekritzel. Draußen
vor der Kulturkirche bot sich dann ein unbezahlbares Bild: Unzählige Menschen
mit A.A Bondy-Alben, ratlos das Cover musternd und sich fragend, ob die Platte
nicht vorher besser aussah. Wo ich gerade bei Liedermachern bin ...
Vor ein paar Wochen besuchte ich mal wieder ein Bob
Dylan-Konzert.
Die Bedingungen waren einigermaßen trist: Die Halle war
bestuhlt und das Vorprogramm wurde von Mark Knopfler bestritten. Den meisten
der um mich herumsitzenden Zuhörer aber gefiel Knopflers Vortrag
augenscheinlich gut: Nach jedem Stück sprang man auf und applaudierte.
Allerdings diente das Aufspringen scheinbar nur dem Zweck, sich danach gleich
wieder hinsetzen zu können. Der Applaus, der das Aufspringen und
Wiederhinsetzen voneinander trennte, war von jener Art, die man meistens dann erleben darf, wenn irgendwo Preise fürs Lebenswerk verliehen werden. Ein
Blacky Fuchsberger-Applaus. Knopfler aber bekam überhaupt keinen
Lebenswerkpreis verliehen, er tat lediglich das, was er immer tut: Er spielte
rechtschaffen Gitarre und erging sich in handwerklich ordentlicher Ödnis.
Irgendwann war Knopfler dann fertig und nach einer
Umbaupause betrat Dylan die Bühne. Ich stand sofort auf, bebend in Erwartung
dessen, was wohl passieren mochte. Doch gerade mal einen Song ließ man mich
stehen: „Hinsetzen!", brüllte nach dem ersten Lied jemand hinter mir mit einer
Stimme, in der sich alle Leidenschaftslosigkeit dieser Welt ballte. Ich weiß
nicht mehr, was ich sagte, aber ich sagte irgendetwas, was ich sonst nicht so
oft zu Leuten sage. Auch ermutigte ich in einem Anfall von Jugendlichkeit die
Umsitzenden dazu, ebenfalls aufzustehen. Doch der Chor schwoll an:
„Hin-setz-en!".
Weder in der Schule, noch während meiner gesamten
nichtexistenten Militärlaufbahn ist mir je der Befehl erteilt worden, mich
gefälligst hinzusetzen. Dass es ausgerechnet auf einem Bob Dylan-Konzert
passierte, finde ich dann doch amüsant.
Hört man im Sitzen eigentlich besser als im Stehen?
Zwar werde ich mich den Ergebnissen einer gründlichen
wissenschaftlichen Erforschung dieser Frage nicht hinderlich in den Weg stellen,
möchte einstweilen aber meinen, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil: Die Bestuhlung
von Konzerten mit stark rhythmusorientierter Musik ist „ungut", um den
Lieblings-Euphemismus meiner Mutter zu verwenden. Denn ist man zum Herumlümmeln
im Möbel verdonnert, beginnt man, selbst als dem jeweiligen Bühnentreiben
eigentlich zugetaner Mensch, über kurz
oder lang damit, in der Halle umherzuschauen: „Tolle Decke", denkt man
etwa oder hängt der Frage nach, wo der Verkäufer mit dem teuren Bier und den
Brezeln eigentlich hingegangen ist. Seit dem Knopfler-/Dylan-Konzert hege ich
daher grausame Bestuhlungsphantasien. Überall dort, wo Schlimmes, Ekliges,
Schönheitsfeindliches angerichtet wird, sollen Stühle stehen. Viele, viele
Stühle. Und sie sollen die Menschen, die in diese hineingeklemmt sind, träge
und müde machen. Überall dort etwa, wo Phillip Poisel oder Tim Bendzko ihre
Stimmen erheben, sollen diese Stühle stehen. Oder bei Bands mit Namen wie
Katzenjammer oder Frühstücksflimmern (die es beide gibt und die beide so
klingen, wie sie heißen). Ich wünsche diesen Künstlern Stühle in die Halle. Ach
was: Ich wünsche Ihnen die Stühle an den Hals. Unendlich viele Stühle.
Wobei man mit solchen Verwünschungen ja aufpassen muss. Ich
hatte vor vielen Jahren mal eine Freundin, die, sobald sich jemand eklig
benahm, der Person den Tod wünschte. Nachdem man ihr immer wieder gesagt hatte,
dass das aber nicht eben von sittlicher Reife zeuge, besann sie sich. Fortan
beschied sie sich damit, doofen Zeitgenossen zu wünschen, sie mögen hinfallen.
Was ich sagen will: Ich habe tatsächlich diese Bestuhlungsphantasien. Wenn nun
aber morgen irgendwo Tim Bendzko mit einem Stuhl um den Hals in einer Talkshow
sitzt, möchte ich mit der Sache ausdrücklich nichts zu tun haben!
Keine Stühle also bitte. Gut, anders sieht die Sache
freilich aus, wenn man sich etwa in Frankfurts Alter Oper befindet. Oder in den
knirschenden Bänken der Kölner Kulturkirche. Oder von mir aus in einem Chilly
Gonzales-Konzert in der Kölner Philharmonie. Oder in einem ehemaligen Kinosaal,
der ... Aber damit wäre ich auch schon beim nächsten Thema.
Was macht man als musikalisch unersättlicher Kölner, der zu
gerne mal in seiner Heimatstadt ein tolles dreitägiges Indoor-Festival besuchen
würde? Nun, man veranstaltet einfach selbst eins. Es ist ganz einfach: Man
investiere eine Menge Geld, Liebe, Energie und Gesundheit, buche sich kleine
und mittelgroße Lieblingskünstler aus aller Welt zusammen und suche eine schöne
Austragungsstätte aus.
Genau so machten es Jörg Waschat und Jan Lankisch, zwei
hiesige Szene-Haudegen und Indie-Entrepreneurs. „WEEK-END"-Festival nannten sie
das Spektakel, das am vergangenen Wochenende im ehemaligen Kölner Ufa-Palast über
die Bühne ging und jeder Kölner, dessen Herz auch nur ein bisschen für die
Freuden der Popmusik empfänglich ist, war da. Ich habe lange nicht mehr so
viele glückliche Gesichter gesehen.
Krankheitsbedingt war mir leider nur ein kurzer Aufenthalt
auf dem Festival vergönnt, so dass eine gründlichere Berichterstattung leider
nicht möglich ist. Was ich sah, war jedoch dazu angetan, für sturzbachartige
Glückshormonausschüttungen zu sorgen: Am Freitag spielte der unvergleichliche
Jochen Distelmeyer. Distelmeyer auf der Bühne, das ist ein Kopfmensch, der sich
als Körpermensch geriert. Ein Protestant, der auf Katholik macht. Ein Popper,
der sich als Hippie verkleidet. Man mag das - um eine modische Wendung zu
benutzen - „unauthentisch" finden, aber genau hierin liegt der Reiz. Dass
Distelmeyer gleichzeitig auch noch eine für weite Teile seiner
Zuhörergeneration beispiellos identitätsstiftende Figur ist, macht den Fall
noch interessanter. „Wohin mit dem Hass?" fragt er gleich zu Beginn, guckt
arrogant in den Saal und meint damit natürlich auch all diejenigen, die mit
seinem Gehabe nichts anfangen können. Ich kann mich gar nicht daran satt sehen,
wie dieser Vincent Cassel des Deutschrock bald den Poseur gibt, bald mit seinen
Howard Carpendale-Ansagen aufs Schönste des Zuschauers Fremdscham-Reflex
trainiert („Stark!"/„Also, ich find's geil."/"Toll, hier in dieser Stadt zu
sein, fühlt sich gut an, irgendwie vertraut").
Am zweiten Tag durfte ich immerhin R. Stevie Moore erleben
(wie schon Distelmeyer am Vortag übrigens im Sitzen, handelte es sich bei dem
Veranstaltungsort doch um ein ehemaliges Kino). Ich habe diesen Mann irgendwann
um 1990 im Zuge meiner Begeisterung für die glorreichen The Chrysanthemums
entdeckt, deren vergleichsweise rares Gesamtwerk zu besitzen kein Fehler ist.
The Chrysanthemums (hervorgegangen aus The Deep Freeze Mice) war eine Band, wie
sie heute nicht mehr möglich scheint: Auf Alben wie „Is That A Fish On Your Shoulder
Or Are You Just Pleased To See Me" oder „Little Flecks Of Foam Around Barking"
spielten sie mit den technischen Mitteln der ausgehenden Achtziger Jahre einen
harmonisch vertrackten, verweisprallen und durch und durch cleveren
DIY-Psychedelic-Pop mit Monty Python-Humor, gegen den etwa Bevis Frond-Platten
wie überproduzierter Mumpitz klingen
R. Stevie Moore nun, ein weißbärtiger Herr mit freigeistigem
Habitus, für den man das Wort „Kauz", wenn es dieses nicht längst schon gäbe,
eigens hätte erfinden müssen, beeindruckte bei seinem Auftritt mit einer Art
Indie-Zappa-Variante sowie durch das Tragen von Hosen, die der Dude aus „Big
Lebowski" vermutlich als „zu hippie-haft" abgelehnt hätte.
Danach musste ich leider wieder heim, ich wäre gerne noch
länger geblieben. Ich hoffe einfach mal, dass es ein nächstes Mal geben wird
und rufe den Veranstaltern an dieser Stelle zu: Danke Jungs - Eure Stadt ist
stolz auf Euch!
Als ich nach hause kam, sang gerade Meat Loaf bei „Wetten,
dass..?". So wird es nie wieder sein. Tags drauf begleitete immerhin Ulrich
Tukur im „Tatort" die Kessler Zwillinge am Klavier bei einer Tanzeinlage. Eine
der beiden Schwestern war in den Siebziger Jahren mit dem italienischen
Schauspieler Enrico Maria Salerno verheiratet. Salerno sah ich eben erst in dem
löblicherweise vom Label Alive veröffentlichten Italo-Polizeifilm „Das
Syndikat", in dem es um einen faschistoiden Hinrichtungstrupp geht, der im Rom
der frühen Siebziger Ganoven exekutiert, die der Justiz von der Schippe
gesprungen waren. Co-Star von Salerno war der damals gerade zwanzigjährige
Schlagergott Jürgen Drews (!), der fünf Jahre vorher zum besten Banjospieler (!!)
Schleswig Holsteins (!!!) gekürt wurde. Die Geschichten und Anekdoten, die
Drews, Mario Adorf und der unfassbare Peter Berling (Letzterer mit Zigarillo in
einer Hängematte liegend) in der als Bonus beigefügten Doku erzählen, gehen auf
keine Kuhhaut. So berichtet Drews etwa, wie er seine damalige Freundin aus
Roman Polanskis römischer Villa befreien musste. Berling spielte dann viele
Jahre nach seiner wilden Zeit im schönen Italien Helge Schneiders Sohn
Peterchen in dessen Film „Praxis Dr. Hasenbein". So, und Sie wollen mir also
erzählen, ich könnte meine rar bemessene Zeit doch auch mit dem Hören von Snow
Patrol-Platten verbringen? Tz ...