Die breitesten Schnauzbärte der Achtziger gegen die Musikindustrie
22. Dezember 2011, 11:56
Uhr
Wenn
drogensüchtige Rocksänger und bipolare Pop-Prinzessinen keine Lust haben auf
Tournee zu gehen, haut sie ihr Management in der Regel mit der Ausrede
„Stimmbandentzündung" raus. Ich habe nun am eigenen Leib erfahren müssen, dass
man tatsächlich eine Stimmbandentzündung bekommen kann und ich bin weder
Rockstar noch Pop-Prinzessin. Erst dachte ich ja, es sei eine banale Erkältung,
aber heute morgen fand ich mich mit schmerzendem Hals beim Hals-Nasen-Ohrenarzt
wieder. Der schob mir allerhand erstaunliche Gerätschaften in den Rachen, ließ
mich komische Laute von mir geben, faltete dann die Hände und sprach: „Tja,
Stimmbandentzündung". Er sagte noch mehr: „Eigentlich sehen Stimmbänder aus wie
plattgelatschte Strohhalme, Ihre aber sehen aus wie Mettwürste". Ich war kurz
ein wenig beleidigt, entschloss mich aber, sachlich zu bleiben. Man könne sehr
wenig dagegen unternehmen, informierte der Arzt weiter, nur das Folgende:
Ebenso warme wie feuchte Halswickel, Milch mit Honig, kein Wein, kein Schnaps, stattdessen
Eierlikör. In erster Linie aber: nicht sprechen.
Vor allem das mit
dem Eierlikör habe ich mir gemerkt. Und dass man nicht sprechen soll. Ich
schreibe das alles nur, weil ich denke, dass Sie, liebe Leserin, wissen
sollten, dass dieser Text mit einem Wickel um den Hals und unter dem Einfluss
von Eierlikör, viel Eierlikör, entstanden ist.
Neun Tage vor Heiligabend: Coldplay spielen
in der ausverkauften Lanxess Arena zu Köln und ich stehe in
berichterstatterischer Absicht unter lauter Menschen mit bunt leuchtenden
Armbändern im Konfetti- und Luftballonregen. Die Band sucht erwartungsgemäß
zwei Stunden lang die Hymne wie Podolski den Abschluss. Allerdings liegt mir
Podolski etwas mehr. Auf dem Nachhauseweg krame ich den Infozettel aus der
Tasche, der allen Journalisten vom Veranstalter in die Hand gedrückt wurde.
Darauf werden die Coldplay-Stadion-Konzerte angekündigt, die für den kommenden
Sommer geplant sind. Es heißt dort: „Stadion-Tour von Coldplay im September.
(...). Die extrem harte Sanftheit der Rockmusik." Toll, denke ich bei mir, der
Abend hat sich also doch gelohnt.
Überhaupt: Wie
trist wäre mein irdisches Umherstreunen, würde mich die Musikindustrie nicht
regelmäßig - ob nun digital oder per Post - mit Infozetteln beglücken. Immer
dann, wenn ich dem Ennui anheimzufallen drohe, pflege ich ein paar dieser Mails
zu lesen, die mir von den großen Plattenfirmen zugesandt wurden. Hier findet
sich viel Erbauliches und Informationen, die gerade in diesen tosenden Tagen
Sicherheit zu geben wissen. Schon oft haben mir diese Informationsschriften
lange nachwirkende Seelenkatheter verpasst, ohne die mich wohl die totale
Tristesse überschwappt hätte.
Vor ein paar
Wochen erst las ich dies: „Mit "Called Out In The Dark"
präsentieren Snow Patrol den offiziellen ARD-Wintersportsong für die Saison 2011/2012!".
Da darf man also beruhigt ins Möbel zurücksacken: Der ARD-Wintersportsong für
die Saison 2011/2012 ist gefunden. Das war knapp! Nicht auszudenken, was aus
dem ARD-Wintersport geworden wäre, wenn nicht die Pisten-Komponisten von Snow
Patrol rechtzeitig aus den Moonboots gekommen wären. Nun aber muss keine zeitlupenlastige
Highlight-des-Tages-Bildaneinanderreihung mehr ohne ihr wohlfeiles
Pathos-Gepumpe auskommen.
Über den deutschen Sänger Maxim durfte ich
wiederum in seinem Begleitschreiben die folgenden Sätze lesen: „Maxim
Richarz alias „Maxim", 29-jähriger Songschreiber aus Köln, ist Teil einer
Generation, nach deren Definition per Schlagwort noch immer gesucht wird.
Getrieben von Zukunftsängsten im Wohlstandsland, völlig ungeklärter Rollenverteilung
und der ständigen Zerrissenheit zwischen „Großstadt Hipster" und „Hochzeit in
Weiß" wandeln daher auch die Songs auf Maxims 3. Album „Asphalt"". Ja, immer
diese blöde Zerrissenheit zwischen „Großstadt Hipster" und „Hochzeit im
Asphalt" - wer kennt sie nicht?
Plattenfirmen schicken aber nicht nur Musik
und die dazugehörigen Begleitschreiben. Früher, als die musikverarbeitende
Industrie noch irre viel Geld hatte, wurden Journalisten und sogenannte
Medienpartner (Morgen schreibe ich den Song „Ich bin nicht Euer
Medienpartner!") mit allerhand ulkiger Promo-Ware beliefert: T-Shirts, Tassen,
Figürchen, Pappaufsteller usw. Nun ist zwar nicht mehr ganz soviel Geld da, in
die ein oder andere farbige Aufklapp-Broschüre wird aber hin und wieder schon
noch investiert. Die Künstler, denen man derlei Broschüren verpasst, sind in
der Regel von jener Art, wie sie Jürgen von der Lippe früher gerne im TV
anmoderierte. In letzter Zeit scheint sich nun der seltsame Trend
durchzusetzen, in werbender Absicht Lebensmittel zu verschicken. So erreichte
mich beispielsweise vor einiger Zeit das neue Album der - so scheint es mir - in
Textilangelegenheiten stets etwas unterversorgten Sängerin Aura Dione. Dem
Album beigefügt war ein sogenannter Liebesapfel (!). Da ich keine Lebensmittel
wegwerfe, dem Verzehr von Liebesäpfeln aber äußerst unaufgeschlossen
gegenüberstehe, kam das klebrige Obst in den Kühlschrank, wo es schon bald
fröhlich vor sich hinzuschimmeln begann. Aura Dione stehe ich seither nicht
eben positiver gegenüber.
Kurz darauf erreichte mich ein recht schweres
Paket, das eine Holzkiste zum Inhalt hatte. In der Holzkiste befand sich neben
dem neuen Album der durch und durch ärgerlichen Blödelband Boss Hoss irgendein
hochprozentiger Alkohol, sowie etwas, das wohl im Kontext von
Barbecue-Veranstaltungen verzehrt wird. Das Problem (als ob eine Boss Hoss-CD
nicht schon Problem genug wäre): Die Kiste und ihr Inhalt hatten Schaden
genommen, so dass sich ein sämig-brauner, nach Tex Mex-Soße riechender Brei
über die Boss Hoss-CD gelegt hatte.
Zunächst wollte ich nach diesem Präsent von
weiterer Lebensmittel-Promotion Abstand nehmen. Gerade aber denke ich: Wenn
Plattenfirmen in Zukunft zu ihren zu bewerbenden Produkten etwas Käse (Benjamin
Biolay), Rotwein (Charles Aznavour) oder Blutwurst (Klaus Lage) beifügten,
würde das zumindest in diesem Haushalt nicht auf Ablehnung stoßen. Es sei hier
übrigens kurz eingeflochten, dass die meisten Plattenfirmen ihre Künstler ohne
derlei Mumpitz zu bewerben wissen, auch verschicken nicht alle seltsame
Infozettel.
Apropos Klaus Lage („Faust auf Faust"): Kennen
Sie den 88er Schimanski-Tatort „Moltke"? Falls dem nicht so ist, sollten sie
das rasch nachholen. Die zur Weihnachtszeit spielende Folge enthält nicht nur
die breitesten Schnauzbärte der gesamten Achtziger Jahre, sie ist auch sonst
grandios: Schimanski versucht eines soeben aus dem Zuchthaus entlassenen Polen
(Moltke eben) habhaft zu werden, der nach seiner Entlassung diejenigen zur
Strecke zu bringen gedenkt, die einst dafür sorgten, dass er in den Knast ging
und sich selbst in der Zwischenzeit ein bürgerliches Leben aufgebaut haben. Es
gibt viel zu sehen: Schimanski kämpft mit Raubtieren, säuft flaschenweise
Vodka, foltert einen gefesselten Bösewicht mit selbstgemixten Cocktails und
liefert sich die schönsten Scharmützel mit seinem Kollegen Thanner. Manchmal
erinnert der spannende Film gar an das, was Jahre später in den filmischen
Umsetzungen der Brenner-Krimis vonstatten ging - nur das hier nicht Österreich,
sondern der graue, triste Ruhrpott Austragungsort der Handlung ist.
Der Grund, warum „Moltke" Erwähnung im
„Pop-Tagebuch" findet, ist jedoch ein anderer: Wer den Achtzigern, die ja sonst
gerne als großes Aerobic-Video gezeigt werden, mal so richtig in die hässliche deutsche
Visage gucken möchte, hat hier dazu ausgiebig Gelegenheit. Ganz massiven Anteil
daran hat ein Mann, der unter dem Namen Dieter Bohlen einer breiten
Öffentlichkeit hinreichend bekannt sein sollte. Bohlen liefert nicht nur den
Soundtrack (der aus einer unfassbar sämigen Neonpfützen-Ballade besteht, die er
bestimmt auch mal versucht hat, Chris Norman anzudrehen), er spielt sogar kurz
mit - als eifersüchtiger Golf GTI-Fahrer mit Pilotenbrille und flatternder
Matte, dessen Ehemalige nun mit Thanner aktiv ist. Er sagt auch einen
preisverdächtigen Satz: „Schwein du, wir wollten heiraten!", prollt er den
konsternierten Thanner an und schlägt ihm dann in die Magengrube. Ziemlich
grandios. Ein perfekter Feiertagsfilm mit viel deutschem Achtziger-Augenpop. Essential viewing!
Für heute muss ich nun leider schließen, denn ich werde beim großen Weihnachtssingen des Musikkritikerchores erwartet. Mitsingen kann ich
in diesem Jahr leider nicht, weniger der Stimmbänder wegen, als vielmehr aufgrund der Unmengen
von Eierlikör, derentwegen ich mich ganz seltsam fühle. Morgen aber, so Gott
will, werde ich schon den nächsten Eintrag einstellen. Dann gibt es hier meine
Lieblingsalben des Jahres 2011.