Der Februar Vol. II – Ein Monat gibt nicht auf!
23. Februar 2012, 22:08
Uhr
Beim
letzten Mal sind mir in meiner Monatsschau etliche bemerkenswerte bis tolle Alben durchgerutscht, deren Besprechungen ich in
der heutigen Ausgabe des Pop-Tagebuchs rasch nachreichen will. Wohlan
...
Chuck Prophet - Temple
Beautiful (YepRoc, 24.02.)
Herrlich konservatives
Album voll schludrigem Songwriter-Rock'n'Roll vom ehemaligen Green-On-Red-Mann.
Prophet ist wie immer auf der breiten, staubigen Straße unterwegs, die auch von
Paul Westerberg, Peter Wolf und Tom Petty bevorzugt befahren wird (mit Dylan
und den Stones im Autoradio, wenn man so will). Stimmlich hängt er dabei irgendwo
zwischen einem virilen Mark Knopfler und einer schlimmen
Nebenhöhlenvereiterung. Dies hier ist eine der beste Platten, die er je
gemacht hat: Die Songs sind simpel und gut, enthalten mehr Hooks als jede olle
Jukebox und stecken voller Schlüsselreize, auf die Menschen, die dem übel beleumundeten
Ding namens Rockmusik noch irgendetwas abgewinnen können, mit sofortigem
Sabbern reagieren müssen. „Temple Beautiful" ist ein Album voller Lieder über
San Francisco und seine Freak-Gestalten. „Google-free-facts" nennt Prophet
Geschichten wie „The Left Hand & The Right Hand", in dem die Gebrüder
Mitchell, ihres Zeichens kalifornische Porno-Pioniere, besungen werden. Kommt
hoffentlich bald auf Tour.
The Original Sound of Cumbia
(Indigo, bereits erschienen)
Diesen
bereits im Januar erschienenen Sampler habe ich kürzlich abends beim Kochen in
der Küche gehört. Das Essen konnte ich nachher wegschmeißen, aber was habe ich
getanzt! Cumbia ist in aufgeschlossenen Extremtänzer-Zirkeln ja schon seit einigen Jahren überaus beliebt. Falls jemand dennoch nichts mit
dem Begriff anzufangen weiß: Cumbia ist so etwas wie die weniger hüftfertige
Variante von Salsa, bei der sich afrikanisches Getrommel und südamerikanische
Melodieführung mischen. Typisch für Cumbia ist aber vor allem das diatonische Akkordeonspiel:
El Sintetizador del Pecho‘ (Der Synthesizer der Brust) wurde das Instrument auf
dem Land genannt. Für diese phantastische 2-CD-Zusammenstellung hat Kompilator
Will „Quantic" Holland über fünf Jahre recherchiert und über fünfzig alte
Shellacs und Vinylplatten aus den Jahren 1948 bis 79 zusammengetragen. Man hört hier somit quasi der Ursuppe des Genres beim unkontrollierten Brodeln zu, ein Vergnügen, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ich habe
lange keine so pralle, bunte Musik mehr gehört. Man fragt sich schon, warum man
so viel Zeit damit verbringt, miesepetrigen Menschen mit Gitarren zuzuhören.
Sampler der Saison!
Die Türen -
ABCDEFG HIJKLMN OPQESTU VWXYZ (Staatsakt, bereits erschienen)
Irgendwo
zwischen Die Sterne und Gebrüder Blattschuss bewegt sich das Werk der Hamburger
Beinahe-Allstar-Band Die Türen um Sänger und Staatsakt-Labelinhaber Maurice Summen. Die Türen spielen geschmackvolle, federnde Hipster-Musik mit
hyperreferenziellen Texten voller Haltungshumor. Einige Zeilen möchte man am
liebsten sofort auf irgendwelche Szene-Toiletten kritzeln. Manchmal hätte es der
Witze und Referenzen aber ruhig etwas weniger sein können, denn so gagreich Die
Türen manches Auskenner-Problem auch festnageln, so sehr verstellen die
Texte oft den Blick auf die Musik. Trotzdem: Eine gute Band - haltungsstark,
wohlinformiert, feinnervig und dagegen. Für alle, denen Deichkind zu sehr nach
Kiff und Konsole klingen. Und Sänger Maurice Summen ist, wie man im Clip zu
„Leben oder Streben" bewundern darf, ein begnadeter Tänzer.
Dr.Dog - Be The Void
(Indigo, bereits erschienen)
Die
Käuze aus Philadelphia mit einem neuen, gewohnt überbordenden, wenngleich
deutlich Rock-lastigeren Album. Nachdem beim letzten Mal kundige
Produzentenhände den Sound ein wenig glätteten, nimmt die Band hier wieder
selbst das Heft in die Hand und nutzt das Studio als Instrument. Das Ergebnis
ist ein leicht verwaschener Siebziger-Sound. Oft spielt das leicht umbesetzte Quintett so
überschäumend auf, dass man meint, die Flaming Lips wären in Jam-Laune auf The
Band gekracht. Zudem verfügen Dr. Dog über zwei Eigenschaften, die nicht jede dahergelaufene
Indie-Band für sich beanspruchen kann: Soul und Humor. Wenn diese Schrate in
Ihre Stadt kommen, tun Sie sich etwas Gutes und gehen Sie hin!
Lambchop - Mr. M (Cityslang,
bereits erschienen)
Die
Männer aus Nashville, kriegen mich immer wieder. Auf „Mr. M" gedenkt Kurt
Wagner, seines Zeichens Inhaber einer der lakonischsten Gesangsstimmen in der
zeitgenössischen Populärmusik, gut drei Jahre nach dem letzten Lambchop-Album
seines Freundes Vic Chesnutt, der sich am ersten Weihnachtstag des Jahres 2009
das Leben nahm. Wagner, der auch im Info ausführlich über seine (nicht nur)
künstlerischen Zweifel nach Chesnutts Tod schreibt, formuliert es freilich
anders: „This is a record of, and about, love and the healing, binding force
that it represents". In der typisch detailfreudigen Beziehungsstudie „2B2" hört
man dieses Thema besonders gut heraus. Wagners Band spielt dazu getupfte
und konzentrierte Musik, die immer ein wenig klingt, als hätte es geschneit.
Einige der Stücke sind wie letzte verschleppte Bewegungen kurz vorm
Stillstehen: Die Pianos perlen, die Akustikgitarren schnarren, Percussion
rasselt warm und das bloße Öffnen eines Hi-Hats wird hier manches Mal zum
Ereignis. Ich finde ja, dass das Wort „atemberaubend" allzu inflationär benutzt
wird, gerade im Zusammenhang mit Kunst. Treppensteigen ist atemberaubend, Kunst
hingegen selten. Hier aber kann man von mir aus „atemberaubend" sagen.
Sharon Van Etten - Tramp
(Cargo, bereits erschienen)
Man
muss es sich als Singer/Songwriterin leisten können, ein Album titels „Tramp"
herauszubringen. Van Etten kann es! Als mir ein Freund im letzten Jahr zwei
Songs von Sharon Van Etten schickte, da war ich vollkommen hin und weg von
diesen sparsam, aber nie karg klingenden Liedern, denen es gelang, Nüchternheit
und Melancholie zu verbinden. Das vorliegende Album hat die aus New Jersey
stammende Van Etten mit dem The National-Multiinstrumentalisten Aaron Dessner
in dessen Garage in Brooklyn aufgenommen. Hätte Van Etten nicht diese Stimme,
ihre Lieder könnten vor lauter Ernst leicht etwas Grimmiges bekommen. Eine
Platte, die Zeit braucht.
Deichkind - Befehl von ganz
unten (Universal, bereits erschienen)
Die
Rückkehr der Ballermänner. Die drei Pyramidenköpfe lassen die
Abrissbirne wieder Kreisen und schenken der Welt eine weitere Platte, die an
tristen Tagen wunderbar das Hirn durchputzt. Sicher, eine grundsätzliche Offenheit für Trash-Techno, Proll-Hop und Euro-Dance-Bedenklichkeiten sollte man schon mitbringen, um hier Freude zu haben. Ich finde ja, Deichkind hört man immer dann am besten, wenn man sich von einem guten Freund zusammen mit einer Stehlampe in Klarsichtfolie einwickeln, danach gut zukleben und dann mit laut eingeschalteter Anlage daheim herumstehen lässt: besser als Yoga, vertrauen Sie mir. Schade, dass das in Deutschland im
Zusammenhang mit lustigen Menschen immer wieder so deutlich Kulturmagazin-artig
gesagt werden muss, aber bei Deichkind geht es natürlich um mehr, als nur
darum, die schlimme, graue Realität und Substanz-befeuerten Irrsinn
aufeinanderkrachen zu lassen. Deichkind nämlich verfügen über etwas, woran es
den meisten hiesigen Großraum-Blödelbarden und T-Shirt-Witzeerzählern gänzlich
gebricht: Attitüde. Deichkind zünden ihren Psychedelic-Nonsense, Dada-Pop und
Hirni-Hop stets von einem klar umrissenen Standpunkt aus. Damit stehen sie deutlich in der
Tradition anderer Hamburger Irrer wie etwa Studio Braun oder den seligen Fischmob. Eine
Jugend, die mit Deichkind aufwächst, kann nicht verloren sein!
Chimes Of Freedom - The
Songs Of Bob Dylan (Fontana, bereits erschienen)
Bob-Dylan-Coverversionen:
Gibt's schon zu viele. Kann es nie genug von geben. Nerven wie Drahtseile.
Reichen ohnehin nie an das Original heran. Gehen in Ordnung, solange sie nicht
von John Baez oder Wolfgang Niedecken kommen. Man kennt die Standpunkte. Hier
gibt es nun also gleich vier CDs voll mit Fassungen von Liedern des famosen
Oheims. Ihrem Rezensenten gefallen auf dieser 4-CD-Kopplung zu Ehren von
fünfzig Jahren Amnesty International besonders: Pete Townshends rührend
zerschossene „Corrina, Corrina"-Bearbeitung und Sting (!) mit „Girl From The
North Country". Auch gut: Patti Smith, Mariachi El Bronx, Jackson Browne, Band
of Skulls und Thea Gilmore. Lustig auch, dass so viele der Interpreten Dylans
Gesangsstil imitieren oder variieren (am schönsten zu hören bei Raphael Saadiqs
„Leopard-Skin Pill-Box-Head" und Mick Hucknalls (!) „One Of Us Must Know"). Der
Tiefpunkt ist auf Disc 3 erreicht, wo hintereinander Bad Religion und My
Chemical Romance „It's All Over Now, Baby Blue" und „Desolation Row" ermorden.
Und wenn ich auch nur noch eine stumpfe „Knockin' On Heaven's Door"-Fassung
höre, die nach Superrockstar-Konzertfinale klingt, werde ich dem betreffenden
Künstler nachreisen, um ihm oder ihr die Luft aus der Gitarre zu lassen.
Aber
wissen Sie, liebe Uninteressierte, was ich mir in Punkto Dylan-Coverarbeiten wirklich wünsche? Eine
komplette Neufassung des „Empire Burlesque"-Albums, egal nun, ob von einem oder
mehreren Künstlern. Das wäre überhaupt mal eine Maßnahme: Schwierige,
misslungene, fehlproduzierte oder anderweitig diskutable Platten von vorne bis
hinten durchcovern, nicht immer nur die ganzen langweiligen Meisterwerke! Mit diesem womöglich inspirierenden Gedanken möchte ich Sie nun alleine lassen. Vielleicht finden Sie ja Zeit und Lust, daß "Berlin"-Album von Barclay James Harvest zu covern.