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Sanchos Esel

Eine spanisch-deutsche Kulturgeschichte der Missverständnisse (2)

15. Juni 2009, 12:03 Uhr

Ich wollte unbedingt noch die Sache mit dem Kölner Dom erzählen. Also. Vor ein paar Jahren kündigte mir ein spanischer Bekannter an, er fahre zum erstenmal in seinem Leben nach Köln und freue sich sehr darauf. Besonders der Kölner Dom, der interessiere ihn. Er habe viel von ihm gehört. Auch, dass er sehr schön sei. Ich nickte dazu. Der Kölner Dom ist sehr schön. Ich kann es nicht anders sagen.

Als mein spanischer Bekannter dann von seiner Köln-Reise zurückkam, war das erste, was er mir machte, ein Vorwurf. Warum wir Kölner diese Kathedrale nicht sauber hielten?! Der ganze Dom sei schmutzig, geradezu schwarz. Das Äußere.
„Hast du mal die Kathedrale von Burgos gesehen?" fragte mein Bekannter. Er heißt Julio.
Ich sagte: „Ja, Julio. Ich kenne die Kathedrale von Burgos."
„Und?"
„Wie, und?"
„Ist dir nicht aufgefallen, wie hell sie ist?"
„Doch", sagte ich. "Die Kathedrale von Burgos ist hell."
„Siehst du", sagte Julio. „Sie ist sauber. Wenn sie schmutzig ist, diese Kathedrale, wird sie gereinigt. Das macht man so mit berühmten Bauwerken."
Julios Einschätzung kam mir absurd vor, aber dann dachte ich länger darüber nach und fragte mich, wieso eigentlich. In Spanien werden die Sachen ständig gereinigt. Gerüstebauer verdienen sich dumm und dusselig. Unentwegt Fassadenarbeiten, reformas, obras. Wäre es wirklich unmöglich, den Kölner Dom, sagen wir, so zu reinigen, dass er wieder sandsteinfarben wird? So sah er doch einmal aus, nehme ich an. Er ist doch aus Sandstein. Aber dann wurde ich unsicher. Konnte es sein, dass der Kölner Dom wirklich einmal hell gewesen war? Schon Heinrich Heine besingt ihn doch als irgendwie finsteren Gesellen. Meint er das metaphorisch? Ich müsste es nachlesen.

„Es werden die Abgase sein", sagte ich zu Julio. „Die Abgase und die Tauben. Köln ist größer als Burgos. Es gibt mehr Autos. Und der Dom ist größer als die Kathedrale."

Aber eigentlich weiß ich nicht, warum ich das sagte. Ich hätte Julio entgegnen sollen, was ich jetzt hier hinschreibe: dass das Verhältnis zwischen den Bewohnern verschiedener Länder von einem dichten Netz vorgefasster Meinungen, grundloser Annahmen, zahlreicher Ahnungslosigkeiten und blinder Flecken gekennzeichnet ist. Diese lagunas, wie sie im Spanischen so schön heißen, sind sozusagen urteilskonstitutiv. Mit anderen Worten: Gerade das, was ein Deutscher über den Flamenco nicht weiß, formt seine Meinung. Gerade die Dinge, die er über den Stierkampf nicht gelernt hat, bildet das Rückgrat seiner Überzeugung. Umgekehrt: Wenn man Spanien nicht kennt, kommt einem der Wunsch, den Kölner Dom sauber zu schrubben, einigermaßen absurd vor. In Kenntnis der Spanier allerdings müsste man ihn gut verstehen können. Ich könnte lange darüber nachdenken. Die unmittelbare Folge von Julios Klage war allerdings, dass ich jedesmal, wenn ich vor dem Kölner Dom stehe, darüber nachgrübele, wie man ihm schonend eine Ganzkörperwäsche verpassen könnte.

Neulich in Frankfurt, vor der Spanischen Handelskammer in Deutschland, habe ich dann noch ein wenig von historischen Spanienbildern gesprochen. Man kann viel lernen, wenn man zum Beispiel den Baedeker von 1899 zu Spanien und Portugal aufschlägt. Manche Vorurteile sind sehr alt, andere jung. Manche scheinen einer fast genetisch erklärbaren deutschen Persönlichkeitsstruktur zu gehorchen, andere wiederum... schwirren frei herum.

Vielleicht habe ich schon einmal erwähnt, dass ich nicht daran glaube, Vorurteile und Stereotypen abzubauen, wie es immer so menschenfreundlich heißt. Ich halte viel mehr davon, unsere Klischees zu humanisieren, sie gewissermaßen einzuarbeiten in unser Selbst- und Fremdbild. In beide. Ich verstehe die Spanier besser, wenn ich weiß, dass sie den Kölner Dom schrubben wollen. Ich ahne etwas von dem, was sie bewegt. Vielleicht habe ich ja als Kind einmal dasselbe gewollt und den Gedanken nur deshalb vergessen, weil die Erziehung einem alle Radikalität austreibt. (Vielleicht fand ich den Kölner Dom aber auch schön, weil er so dreckig war wie ich selbst. Ich weiß es nicht.) Mein Bekannter Julio jedenfalls... wenn man ihn gewähren ließe, würden morgen die Geräte anrollen, und eine zuverlässige Firma für Gebäudereinigung würde den Kölner Dom gründlich saubermachen, und zwar so, dass kein Fleck zurückbleibt.

Für heute nur noch ein zwei Zitate aus dem Baedeker Spanien und Portugal von 1899, die Sie vielleicht so amüsieren wie mich:
* * *
 „Die Kaffeehäuser, in welchen in später Nachtstunde sogenannte Flamenco-Gesänge vorgetragen oder Flamenco-Tänze aufgeführt werden, sind von Damen durchaus zu meiden, von Herren höchstens in Begleitung von Einheimischen zu besuchen."
* * *
„Bekanntlich sind alle Versuche, die Stiergefechte zu unterdrücken, erfolglos geblieben. Weder der Papst noch die Geistlichkeit, weder die Monarchie noch die Republik haben dieser Leidenschaft des spanischen Volkes beikommen können. Ohne eine allgemeine Hebung des Bildungsstandes des Volkes ist an eine Beseitigung der blutigen Schauspiele nicht zu denken."
* * *

Ja, darüber könnte man ins Grübeln kommen. Den Stierkampf nannte man "Stiergefechte". Und der Flamenco war nicht jugendfrei, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Spanien als wildes, ungezähmtes Land begegnet einem in der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts ständig. Eine dunkle, anziehende Welt! Spanien war anders, lange bevor jemand auf die Idee kam, daraus einen Slogan zu machen.

 

Kommentare

Dulcinea

15. Juni 2009, 12:48

Don Paul, Sie müssen Ihrem Freund Julio von mir unbedingt einen Gruß bestellen und sagen, daß er Köln vergessen soll. Julio sollte jetzt ganz schnell einmal nach Dresden reisen. Dresden! Dort könnte er die Frauenkirche bewundern, ganz hell und sauber und neu. Die Frauenkirche ist auch schön. Und der Sandstein dort ist noch nicht nachgedunkelt. Sagen Sie Julio, daß die dunklen Steine im Dresdner Mauerwerk keine schmutzigen Steine sind, sondern sogenannte Fundstücke, von früher. Der Sandstein dunkelt ganz natürlich nach, es ist kein Schmutz. Es hat mit den Mineralien im Stein zu tun. Ich habe da nicht so den Überblick. Man nennt es wohl Patina. Patina, wissen Sie? Das sollten Sie Julio einmal erklären.

danismile

15. Juni 2009, 12:49

Zur alten Reiseliteratur fällt mir in diesem Zusammenhang mit dem "dunklen" Spanien Sands "Ein Winter auf Mallorca" ein: Die Autorin beklagt sich in ihrem Bericht ja ausgiebig über die Unfreundlichkeit, mit der sie dort behandelt wurden. Besonders beeindruckt hat mich eine Stelle, in der sie beschreibt, wie das Huhn selbst noch nach dem Braten mit Flöhen übersät war... Kaum zu glauben, wenn man sieht, mit welcher Engelsgeduld die Spanier heute die Horden Wilder aus anderen Ländern Europas über sich ergehen lassen. Da macht sich doch eine "helle" Kathedrale sehr gut vor dem "dunklen" Hintergrund. Die Kathedrale des Lichts im verregneten, grauen, kalten Burgos - ersonnen von einem Juan aus ... Colonia!

Paul Ingendaay

15. Juni 2009, 13:03

Das ist ein interessanter Hinweis, Dulcinea. Vielen Dank. Leider habe ich Julio länger nicht mehr gesehen. Er wurde versetzt, in eine andere Bank. Wir sprachen viel über Bücher und einsame Landschaften. Ich sollte einmal diese andere Bank besuchen, um zu sehen, wie es ihm geht. Und welche Freude wäre es für ihn, von der Dresdner Frauenkirche zu hören und wie sauber sie ist! Oder der Zusammenhang mit der Patina, den sollte ich ihm auch erklären. Dass bestimmter Sandstein natürlich nachdunkelt. Das ist ein schöner Ausdruck: "natürlich nachdunkeln". Leider verhält es sich mit dem Haar des Menschen ja umgekehrt. Aber das wäre ein ganz anderes Thema.

dr.thorsten.wenzel

15. Juni 2009, 13:49

Ein herrliches Thema für den Chemiker. Den Freunden des Kölner Doms sei folgende Seite des Fraunhofer Institutes empfohlen:

www.baufachinformation.de/denkmalpflege.jsp

Ich stelle mir gerade mit Grauen eine Putzkolonne am Kölner Dom mit Dampfstrahler und Wurzelbürste vor, das würde dem erhabenen Bauwerk ähnlich einer Sandburg den Rest geben.

Paul Ingendaay

15. Juni 2009, 14:04

Ein Dank an Don Thorsten! Das sind so die Spezialkenntnisse, die uns guttun. Sollte ich Julio einmal besuchen, werde ich ihm diese Informationen weitergeben.

pardel

15. Juni 2009, 14:14

Spanisch-deutsche Missverständnisse gibt es viele, und ich stelle hier die These auf, dass die besten die sind, die man gar nicht merkt. Spanien und Deutschland sind sich nämlich sehr ähnlich, haben eine teilweise geteilte Geschichte, aus dem Hof der gemeinsamen Könige nach Karl V (de Alemania y primero de España, wie man in Spanien in der Schule zu sagen lernt) sind viele Redewendungen und Sprichwörter ausgetauscht worden (Zapatero a tus zapatos - Schuster, bleib bei deinen Leisten, Una golondrina no hace verano - eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, usw.), beide Länder haben auch eine große regionale Vielfalt gemein, die vielen spanischen Gastarbeiter haben auch zum Austausch beigetragen, wenn auch auf einer anderen Ebene, als die Hofgesellschaft vor fünfhundert Jahren. So weit, so gut.

Aber dann haben Wörter eine andere Bedeutung, und man merkt es erst, wenn aus einem "mediodía" drei Uhr Nachmittags wird, oder wenn einem "mañana sin falta" eine ganze Woche hinterhertelefoniert werden muss. Klainigkeiten, verglichen mit dem, was einem in Südamerika passieren kann.

Dann kommen die Unterschiede im alltäglichen Verhalten. Wer in Spanien die Schuhe auszieht, wenn er die Wohnung eines Bekannten betritt, bringt den Gastgeber sehr zum Grübeln. Warum macht der Deutsche das? Bleibt nur zu hoffen, dass der wohlmeinende Deutsche wenigstens keine Schweissfüße hat...

Aber die einzigen Mißverständnisse, die sich nicht ausrotten lassen, fürchte ich, sind die, die auf den für jemanden, der in Deutschland aufgewachsen ist, unnachvollziehbaren Unterschied zwischen "ser" und "estar" zurückzuführen sind. Das geht den Engländern und den Finnen natürlich genauso, aber der Unterschied zwischen "ser bueno" und "estar bueno", oder zwischen "estar enfermo" und "ser enfermizo", "la comida está pesada" und "el invitado está pesado" (oder gar "es un pesado") lassen den Spanier, der meistens selber in Sachen Fremdsprachen etwas schwächelt, schmunzeln.

Dafür belehren die Spanier den Gast nicht süffissant mit einem der widerlichsten Sprüche der deutschen Sprache: "Deutsche Sprache schwere Sprache!", sondern loben gerne seine Sprachversuche, und seien sie noch so rudimentär. Ist ja auch was.

Ansonsten habe ich bei Ihrem Artikel eigentlich keine Missverständnisse entdeckt, was natürlich auf ein Missverständniss meinerseits zurückzuführen sein kann. Ich entdecke nur unterschiedliche kulturelle Einschätzungen, die klar und verständlich artikuliert worden sind und vielleicht nicht geteilt, aber doch verstanden wurden. Vielleicht ist unsere jeweilige Auffassng dessen, was ein Missverständniss ist, ein ebensolches. Aber darüber brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lassen. Die kommen tatsächlich, wie Sie selbst gesagt haben, von alleine.

Dulcinea

15. Juni 2009, 15:33

Ihre Worte bringen mich ins Grübeln, Pardel. Mißverständnisse, die man nicht merkt... woher weiß man aber dann, daß es Mißverständnisse sind? Das verstehe ich nicht. Irgendwann muß man doch darauf kommen, sonst hat man keinen Erkenntnisgewinn, oder? Wenn ein Spanier, zum Beispiel Julio, vor dem schönen Kölner Dom steht und als allererstes denkt: Der müßte einmal geputzt werden, dann finde ich schon, daß ein kulturelles Mißverständnis vorliegt. Der muß nämlich nicht geputzt werden, ganz im Gegenteil! Die Steine möchten ihre Ruhe, wie uns Don Thorsten eindringlich nahelegt. Also gehört dieses Mißverständnis aufgeklärt.

sanjandro

15. Juni 2009, 19:25

Herr Dr. Wenzel, wissen Sie zufällig, aus welchen Materialien die Kathedrale von Burgos ist? Sollte der kulturelle Unterschied soweit gehen, dass die Spanier die Ästhetik über den Erhalt der Bausubstanz stellen?

pardel

15. Juni 2009, 22:26

Liebe Dulcinea:

Gerade die Tatsache, dass man die meisten Missverständnisse nicht merkt, macht sie so interessant. Es gibt sogar Menschen, die die Auffassung vertreten, ein Großteil unserer Kommunikation sei entweder redundant (in diesem Falle hat sie eher sozialen Charakter und bestätigt Gemeinsamkeiten, enthält aber keine neue Information) oder münde letztendlich in Missverständnissen. Diese Missverständnisse müssen von den Beteiligten aber nicht als solche bemerkt werden: wenn die Information, die subjektiv ankommt, konsistent mit der jeweils vorgefassten Meinung ist, sind beide zufrieden, und meinen sich verstanden zu haben. Haben sie aber mitunter gar nicht, und das kommt sogar sehr oft selbst unter Menschen derselben Kultur vor, egal welcher. Ich erlaube mir dazu das Buch vom Bremer Professor Gerhard Roth "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" zu empfehlen.

Natürlich gibt es auch Kommunikation, die funktioniert, ich möchte meine Meinung nicht als überzogene Polemik aufgefasst sehen.

Nebenbei fällt mir auf, das hier nur von Missverständnissen geschrieben wird, die Deutschen passieren. Die andere Seite würde mich auch interessieren.

dr.thorsten.wenzel

16. Juni 2009, 01:47

Sanjandro, hier ist das Ergebnis meiner Recherche zur Kathedrale in Burgos: Sie ist aus weißem, marmorartigem Kalkstein. Das erklärt sowohl die strahlend helle Fassade, als auch die beachtliche Widerstandsfähigkeit gegen rabiate Reinigungsmassnahmen, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester in Köln.

Und noch eine letzte Anmerkung: "Begründet durch den Bischof Mauricio, arbeiteten sowohl spanische, als auch flämische und deutsche Architekten, wie Hans von Köln, an diesem herausragenden Monument". Wenn das keine nette Verbindung zwischen beiden Gotteshäusern ist!

Paul Ingendaay

16. Juni 2009, 02:40

Ob Julio diese geheime Verbindung zwischen Köln und Burgos kannte? Er ist ein belesener Mensch. Jetzt wissen wir also: Kalkstein ist das eine, Sandstein etwas anderes. Danke, Don Thorsten, für die Bereicherung meiner Kenntnisse.

ulrich.hofmann

16. Juni 2009, 13:28

Just dieses Wochenende hatte ich ein Erlebnis, das gut zu dem von Ihnen beschriebenen Reinigungswahn der Spanier passt. Ich wohne nun schon seit 4 Jahren im geliebten Madrid, und wenn dann deutsche Besucher kommen, fallen diesen dann gleich Dinge auf, an die man sich längst gewöhnt hat.

Nach einem ausgedehnten Streifzug durch das Madrider Nachtleben machten meine Besucherin und ich uns auf den Weg nach Hause. Angesichts des feuchten Gehwegs und Pfützen rund um die Bäume sagte sie: Oh, es hat ja geregnet. Ich entgegnete gleich, dass das wahrscheinlich nur die Strassenreinigung war. Anfangs war ich immer sehr verwundert in welcher Menge und Häufigkeit hier das doch angeblich so kostbare Gut einfach nur in der Gegend herumgespritzt wird. Aber wer einmal in einer Madrider Augustnacht die mehreren Grade Temperaturunterschied und die bessere Luft in einem frisch abgespritzten Strassenstück geniessen durfte, hakt da auch nicht weiter nach. Meine Besucherin war natürlich skeptisch, aber nachdem wir ein paarhundert Meter weiter den Reinigungswagen passierten und danach der Bürgersteig tatsächlich staubtrocken war, gab es keine Fragen mehr.

Paul Ingendaay

16. Juni 2009, 13:39

Ja, Don Ulrich, es ist schön, was die Straßenreinigung in Madrid da macht. Der Temperaturunterschied allein würde ausreichen, um mir alle ökologischen Bedenken zu nehmen. Und nachts, manchmal, gegen vier Uhr... da habe ich die Leute coplas singen hören. Vielleicht idealisiere ich das, aber Reinigungsmännern, die coplas singen, geht es möglicherweise besser als solchen, die... keine singen! Oder die Reinigungsfrauen bei Tage, die mit sorgfältigem Make-up und MP3-Player den Besen schwingen: Die Stadt Madrid sollte das unter Kulturausgabe verbuchen.

Molinero

16. Juni 2009, 16:16

Seit 5 Jahren wird mit "agua reciclada" in Madrid gereinigt, und nicht wie früher mit Trinkwasser; allerdings was auch kurios ist, sollte es ausnahmsweise wie heute in Madrid regnen so hält man den Dienstplan rigoros  ein und reinigt auch dann. Verglichen vor 20 Jahren ist Madrid wirklich eine "saubere" Stadt geworden....

abfeldmann

16. Juni 2009, 17:19

bin allerdings gespannt, wie lange die sauberste stadt der welt (nach zuerich - und hoechste hauptstadt europas - deutlich vor zuerich) sich ihren wasch- und putztrieb bei wegfall der ertraege aus neubaubesteuerung noch leisten kann.

Albero-Amarillo

16. Juni 2009, 21:40

Hallo Don Paul, ich bin ehrlich überrascht, dass keiner Ihrer Kommentatoren auf die Anregungen bezüglich Stiergefecht und Flamenco eingegangen ist. Hat das vielleicht niemand aufgegriffen weil es zu abgegriffen ist? Zu viel Klischee dabei? Das kann schon sein, erlauben Sie mir dennoch eine Anekdote zum Kulturschock des Flamenco beizutragen. Ich habe doch viele Gäste hier unten, und unweigerlich wird mir oft der Wunsch nach einer „authentischen“ Flamencodarbietung angetragen.

Ich bin da oft etwas zögerlich, will aber gleichzeitig dem ehrlichen Willen zum Kulturverstehen nicht im Wege stehen. Als Resultat enden wir oft später in einer ziemlich lauten und schmierigen Bar, die reichlich Flamenco bietet. Über die Authentizität möchte ich mich nicht äussern – dazu kenne ich andere Orte, zu denen ich aber lieber mit hiesigen Freunden gehe. Einmal jedoch vor ungefähr 5 Jahren hatten wir alle ein sehr authentisches Erlebnis – nur wussten wir das damals nicht. Anstatt der eleganten Tanzdarbietungen, die ich meinen Gästen angekündigt hatte, erhob sich in der Bar ein unglaublich dicker, schwitzender junger Mann, gepresst wie eine pralle Wurst in ein Frauenkleid. Und tanzte schwitzend und schweigend – von Gesang keine Spur. Es war der damals vollkommen unbekannte „Falete“. Der Auftritt war vollkommen bizarr. Ich weiss nicht, mit welchem kulturellen Eindruck meine Gäste nach Hause gefahren sind – ich habe jedenfalls nie wieder von ihnen gehört.

pastora-marcela

16. Juni 2009, 22:29

Pardel, ich kann Ihnen von dem unter Spaniern normalen ersten Eindruck von den Deutschen erzählen, den auch ich anfangs hatte: trocken, distanziert, geizig. Ich betrachte diesen Eindruck auch als Missverständnis und sehe es heute anders, das heißt, ich habe es für mich aufgeklärt. Denn ich glaube heute, dass hinter der bekannten Großzügigkeit, Warmherzigkeit und dem angenehmen Entgegenkommen der Spanier auch etwas Anderes steckt: ein sehr starkes Bedürfnis, bei den anderen möglichst einen guten Eindruck zu hinterlassen, eine gute Figur zu machen, „a quedar bien“ (ich kann diesen Ausdruck nicht übersetzen, allein die Formulierung betont schon, dass was da wichtig ist, ist das Urteil der anderen über einen). Ich würde sagen, das ist bei den Deutschen nicht so ausgeprägt. Nicht dass es ihnen egal ist, was die anderen von ihnen halten. Nur machen sie sich nicht so viele Gedanken darüber. Deswegen bezahlt jeder in der Kneipe nur, was er verzehrt hat; deswegen heißt ja wirklich „ja“ und nein wirklich „nein“. Und deswegen zeigen sie sich, wie sie sind, was uns manchmal zu „kurz“ vorkommt: keine Notwendigkeit, sich rechtfertigen zu müssen, kein Satz, der mit „Es que…“ anfängt.  Übrigens, meiner Erfahrung nach ist in vielen Fällen der zweite Eindruck ganz anders.

Paul Ingendaay

17. Juni 2009, 00:54

Ds ist eine schöne Geschichte, Albero-Amarillo. Sehr lebensecht. Mit den beiden Zitaten aus dem alten Baedeker wollte ich aber nicht provozieren oder eine Debatte über Stiergefechte in Gang bringen. Andererseits will ich sie auch nicht verhindern. Eher hatte ich Lust zu zeigen: Seht einmal, wie man das damals wahrnahm!

Als ich nach Spanien zog, nahm ich mir vor, in den ersten Jahren keine Zeile über Flamenco und Stiere zu schreiben. Ich fand, diese Phänomene, die einerseits eine sehr spezifische spanische (bzw. andalusische) Kultur und andererseits ein verbreitetes Spanienklischee bezeichnen, sollten in meinem Kopf und in meiner Seele noch etwas ruhen. Nach einigen Jahren hatte ich dann wirklich Lust, etwas darüber zu schreiben. Zum Beispiel, was sie mir sagten, was ich ihnen entnahm, was sie für mich so besonders machte. Mehr wollte ich nicht. Und ich glaube immer noch, daß es große, unerschöpfliche Themen sind. Es gibt wunderbare Bücher darüber, auch von Fremden. Vielleicht kommen wir einmal darauf zurück. Ja, ganz sicher.

JorgeValencia

17. Juni 2009, 08:41

In Amazon gibt es eine sehr interessante Liste mit Büchern über die Erfahrung, mit Spanien in Kontakt zu treten.

www.amazon.de/.../ref=cm_lmt_srch_f_2_rsrsrs0

Paul Ingendaay

18. Juni 2009, 12:42

Danke für die freundliche Empfehlung, Don Jorge. Das erste dieser Bücher habe ich hier. Das zweite auch.

Stefanus

18. Juni 2009, 14:23

http://diezahl42.de

Erst mal Danke an JorgeValencia, hab schon was bestellt!

Mir fiel erst heute Morgen ein kultureller Unterschied ein, der ständig zu Missverständnissen führt. Es ist die Fähigkeit, "etwas völlig auszublenden" auf spanischer Seite, bzw. das Gegenteil auf deutscher Seite. Beides hat durchaus sowohl Vor- als auch Nachteile.

Wenn einem irgendwas missfällt, unordentlich ist, wenn sich jemand falsch benimmt, können viele Spanier das völlig ignorieren. Quasi ausblenden, so wie früher die Fußböden in den Kneipen, als man in Spanien einfach alles fallen ließ. Man sieht nicht hin, und folglich existiert es nicht. Funktioniert für viele auch mit Lärm, was in Spanien sehr wichtig ist.

Viele Alemanen neigen dagegen zu einer Art Empörungs-Grundhaltung, die sich oft genug in Maßregelungen völlig Fremder Bahn bricht: "Das ist aber verboten!" kriege ich nachgerufen, als ich in Deutschland bei Rot über eine Fußgängerampel gehe. Oder ein tadelnder Blick, die Steigerung ist Kopfschütteln oder man sagt in der Muttersprache einen Satz in die Luft wie: "Manche glauben ja, sie dürften..."

Ich persönlich fühle mich hier in España unter anderem auch sehr wohl, weil ich ich auf diese Weise weniger gegängelt fühle. Aber Vorsicht! In Gesprächen mit meinen dörflichen Nachbarn merke ich immer wieder, bemerkt wird schon alles, jedes Detail, es wird nur nicht zur Sprache gebracht.

Dass der eine Nachbar seine Blumenpötte auf die Plaza stellt, weil er als Einwanderer meint, genau das sei mediterranes Ambiente, dann wird nichts gesagt, bemerkt wird es sehr wohl.

Ich merke, das Thema ist vertrackter, als ich dachte, könnte man wahrscheinlich eine Studie darüber schreiben, also mache ich hier erst mal Schluss, bevor's langweilig wird.  ;-)

Paul Ingendaay

18. Juni 2009, 14:39

Die Erfahrung mache ich auch, Stefanus. Das Bemerken werden wir nicht verhindern können, oder? Unsere Mitmenschen sehen eben, was sie sehen. Aber darauf zu reagieren und es ändern oder gar abstellen zu wollen, ist etwas ganz anderes. Ja, darin sind wir Deutschen groß. Die Dinge verbessern zu wollen. Zivilisatorisch einzugreifen, natürlich mit den allerbesten Absichten. Der Übergang zwischen vernünftiger Reform (auch des Mitmenschen, es soll ja gelegentlich nötig sein) und überflüssiger, nervtötender Gängelei ist fließend. Es geht mir also ähnlich wie Stefanus. Im täglichen Leben ziehe ich es vor, nicht ständig darauf hingewiesen zu werden, wo meine Defizite liegen. Wenn ich sie abstellen wollte, würde ich es wohl tun. Offenbar will ich sie aber nicht abstellen. Inzwischen habe ich schon so viele Jahre mit ihnen verbracht, dass wir uns ziemlich gut kennen, meine Defizite und ich. Es würde mir schwerfallen, mich von ihnen zu trennen!

abfeldmann

18. Juni 2009, 17:22

ein missverstaendnis, wenn man so will, faellt mir doch noch ein. es gibt eine bezeichnung im spanischen, die fuer die einen die ausgeburt von spiessigkeit schlechthin, den mangel an jeglicher subtilitaet und reflexionsfaehigkeit verkoerpert - fuer die anderen allerdings das genaue gegenteil darstellt und eben gerade personen von stand, geschmack und kultur bezeichnet.

es handelt sich hierbei natuerlich um das schoene wort 'pijo'. jenachdem wo man gesellschaftlich angesiedelt ist, laesst es sich entweder als "spiesser" (-"die anderen") oder als "jemand aus gutem hause" (-"einer wie wir") uebersetzen.

bei einer meiner ersten einladungen in die bessere madrider gesellschaft glaubte ich, mich gefahrlos ueber die spiessigkeit der neuen spanischen mittelklasse auslassen zu koennen. das schmaehwort, das ich hierzu voller herablassung, ohne unterlass und in aller farbgewalt benutzte war ... 'pijo'.

nun, wenn man so im redeschwall ist und sich ob der eigenen pointen vor lachen fast in die hosen macht, merkt man erst spaet, dass sich alle, dem fremden urspruenglich zugeneigten zuhoerer, laengst konsterniert abgewendet haben. ... unverzagt versuchte ich die gleichen vortrefflichen bemerkungen dann in einer anderen ecke der party und dann wieder in einer anderen ecke an den mann zu bringen.

es wurde - man braucht es nicht erst zu erwaehnen - ein sehr einsamer abend.

abfeldmann

18. Juni 2009, 18:27

ich darf das vielleicht noch erwaehnen - es hat nichts mit dem oberthema hier zu tun, aber mit einer eben erwaehnten spiessigkeit auf der einen und extremem indivdualismus auf der anderen seite.

in der nzz schrieb einmal jemand, spanien sei das land mit den wohl duckmaeusernsten kleinbuergern der welt (das traurige erbe francos) und gleichzeitig aber auch mit den durchgeknalltesten individualisten. - erstere machen mir persoenlich wenig spass, letztere ganz erheblichen. ... gerade juengst waren wir ausessen und zu unserer gesellschaft gehoerte eine dame, die von ihrem chauffeur zu diesem treffen gebracht wurde. - nichts aussergewohnliches an sich, nur dass dieser chauffeur, der nun in einer kneipe nahe dem restaurant wartete, schon seit geraumer zeit gar keinen fuehrerschein mehr besitzt. - man habe sich, so sagte sie uns, von diesem mann, dessen vater schon fuer ihren vater gefahren sei, nicht trennen wollen. und so laesst sie sich jetzt gewissermassen notgedrungen in einem miettaxi von einem mietfahrer chauffieren - in begleitung des familienchauffeurs selbstverstaendlich.  

abfeldmann

18. Juni 2009, 19:36

und noch kurz zu stefanus und paul ingendaay. - im urteil und in der beurteilung lebt und findet sich der bildungsbuerger. - nichts ist deutscher. - weniges ist unangenehmer. - ich weiss, ich bin vollkommen darin gefangen. aber wenigsten... ich weiss es.

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