Sanchos Esel
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Der Himmel zwischen den Hörnern

14. Juli 2009, 23:19 Uhr

Als mir noch einmal die Zeitung vom letzten Freitag in die Hände fiel, sah ich wieder das Foto: Der Enkel von Ernest Hemingway posiert fünfzig Jahre nach dem letzten Besuch seines Großvaters in Pamplona vor der steinernen Dichterbüste, um deren Hals ein rotes Halstuch liegt. Daneben steht ein Mann, der den Hemingway-Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen hat. Hübsch. Ein nostalgisches Blatt aus dem Leben des Mannes, den sie „Papa" nannten. Wer den interessanten Film The Sun Also Rises von Henry King kennt, wird sich an die wunderbar atmosphärischen Bilder des Pamplonas der fünfziger Jahre erinnern.

Heute möchte ich etwas tun, was die Ausnahme bleiben soll: eine Reportage hierhersetzen, die ich vor zwei Jahren über die encierros von San Sebastián de los Reyes geschrieben habe. Immerhin ist es nach Pamplona das berühmteste Stiertreiben Spaniens, und wir haben uns jetzt doch ziemlich intensiv darüber ausgetauscht. Worauf es mir damals ankam, war, beides zu zeigen: dass die Sache gefährlich ist, und dass die besten der dreitausend Läufer ein paar Sekunden des Glücks erleben. Die Reportage erschien am 9. September 2007 in der F.A.Z., und soweit ich weiß, hat sich an der Veranstaltung nichts Wesentliches geändert. Am kommenden 26. August 2009 geht es wieder los.

         * * *

Seit Ernest Hemingway 1924 in seinem Roman „Fiesta" das Stiertreiben von Pamplona beschrieb, haben sich die Sanfermines der nordspanischen Stadt zum touristischen Jahrestermin entwickelt. Man schätzt, dass heute ein Viertel der tollkühnen Läufer aus Nordamerika kommt und auch ein Gutteil der Alkoholisierten eher englisch als spanisch spricht - weshalb bei den zahlreichen Hornverletzungen auch englisch gestöhnt wird.

Als Nummer zwei hinter diesem Juli-Spektakel hat sich das nördlich von Madrid gelegene San Sebastián de los Reyes etabliert, auch „Klein-Pamplona" genannt. Acht Spätsommertage lang halten die encierros, die morgendlichen Stierläufe, das Dorf in Atem, ein Volksfest mit jahrhundertealter Tradition. Ein Verein mit dem schlichten Namen „El encierro" bringt sogar eine tägliche Zeitung heraus und stellt die Videos des Stiertreibens ins Internet.

Morgens, lange vor Bürobeginn, ist die Bevölkerung von San Sebastián de los Reyes auf den Beinen und sucht sich die besten Plätze an der Straße. Massive Barrikaden schützen das Publikum auf den Gehsteigen vor dem, was auf dem siebenhundert Meter langen Parcours zwischen Stiergehege und Arena geschieht. Von Sonntag bis Sonntag, jeweils um 8.15 Uhr, jagen hier zwölf Stiere und rund dreitausend Läufer hindurch. Es müssen zwölf sein - die sechs Kampfstiere, die am selben Abend in der Arena stehen, sowie sechs Ochsen, die sie auf ihrem Weg dorthin begleiten. Es sind die Kampfstiere, die Feuer in die Veranstaltung bringen, denn sie sind aggressiver als ihr Begleittrupp.

Für die Läufer leiten sich daraus eiserne Regeln ab. Wer stürzt, sollte reglos liegenbleiben und mit den Armen den Kopf schützen. Wenn alles gutgeht, springen die Stiere über den Menschen hinweg, schlimmstenfalls bekommt er einen Huf ab, aber im allgemeinen kein Horn. Bergauf sind die Stiere übrigens gefährlicher als bergab, weil sie bergauf beschleunigen. Verletzungen entstehen, wenn Läufer im seitlichen Gesichtsfeld des Stiers als Bewegungsreiz wahrnehmbar sind und dem Tier zu nahe kommen, oder wenn Läufer, die in Sekundenbruchteilen die Richtung wechseln, sich gegenseitig umrennen. Dann kann der Stier kaum anders, als in das Menschenknäuel hineinzustürmen. Die typische Geste der Teilnehmer könnte man deshalb den frenetischen Blickwechsel nennen: nach vorn sehen, um Hindernissen auszuweichen, nach hinten schauen, um den Abstand zu den mächtigen Hörnern zu kalkulieren und dicht, aber nicht selbstmörderisch nah vor dem Stier herzulaufen.

Im Gewühl allerdings, mit jagendem Puls und Stieratem im Nacken, passiert alles so schnell, dass die guten Vorsätze oft über Bord gehen. Beim ersten encierro der Festwoche wurde ein Mann so unglücklich erwischt, dass der Stier ihn zwanzig Meter über die Straße zog wie einen Wischlappen. Ein anderer erlitt eine tiefe Stichwunde im Bein, als die Stiere in die Arena stürmten. Es ist unüblich, darum großes Aufhebens zu machen. Jeder weiß, worauf er sich einlässt. Und wer es braucht, wird wieder zusammengeflickt.

Stiertreiben ist in Spanien seit dem späten fünfzehnten Jahrhundert belegt und gehört in zahlreichen Dörfern zum Brauchtum. Die Männer von „Sanse", wie die Stadt mit Spitznamen heißt, laufen mit den Stieren, seit sie Jugendliche sind. Am frühen Morgen spürt man eine gespannte Stimmung wie vor einem Sportwettbewerb. Viele sind gut trainiert, tragen vernünftige Sportschuhe und kennen sowohl die Regeln wie auch das Risiko. Konzentriert machen sie Dehnübungen und versuchen, die Nervosität im Zaum zu halten. Anders als in Pamplona sieht man kaum Alkohol. Dann wird der Böller gezündet, dreihundert Meter zurück geht das Tor auf, und die Stiere rennen los. Zwei Treiber mit Stöcken kontrollieren, dass die Tiere nicht kehrtmachen.

Der Parcours hat zwei Neunziggrad-Kurven, bei denen es schnelle Stiere nach außen an die Bande trägt, während die Läufer alles daran setzen müssen, sich innen zu halten. Da es in den Kurven leicht zu Karambolagen kommen kann, sammelt sich an diesen Punkten hinter oder auf den Barrikaden das meiste Publikum. Die Bilanz dieses Tages: ein im vollen Lauf gestürzter Stier, der sich schnell wieder aufrappelt, dazu ein halbes Dutzend Läufer am Boden, mit den üblichen Prellungen und Schürfwunden. Ein friedlicher Tag. Die sieben Unfallwagen an der Arena rühren sich nicht, und auch Jesús Gálves Domínguez, der auf Hornwunden spezialisierte Chirurg, der seit mehr als vierzig Jahren dabei ist, braucht nicht einzugreifen.

Um etwas von der Euphorie des Stiertreibens zu verstehen, muss man auf redegewandte Läufer treffen, die drei Minuten danach schon wieder bei Puste sind. Dem fünfunddreißigjährigen José Miguel, weiße Hose, rotes Hemd, sieht man das Erlebnis dieses Morgens sofort an. Es war ein „sauberer und schneller" Lauf, was bedeutet: Die Herde blieb zusammen und lief ohne Verzögerungen. Mit leuchtenden Augen erzählt José Miguel von den zwölf, dreizehn Sekunden, die er vor einem Stier hergerannt ist, so schnell er konnte, was bei dem athletischen Mann schon etwas heißt. Er hat wochenlang dafür trainiert. Am Ende ist der Stier immer etwas schneller, und die Läufer müssen sich im richtigen Augenblick seitlich wegfallen lassen, um den nächsten Stier zu erwarten. Da das einige hundert andere auch wollen, sind Selbsteinschätzung und Rücksichtnahme die obersten Tugenden.

Wer sich fragt, was das Ganze soll, hört die simpelste aller Erklärungen: „Weil ich Stiere mag." Das schließt im Fall des encierro nicht unbedingt die abendliche Corrida ein, sondern bedeutet nur Verehrung für den iberischen Kampfstier. „Es sind diese wenigen Sekunden, in denen du das Tier ganz dicht hinter dir spürst", erzählt der Läufer aus der Mittelmeerprovinz Castellón. „Es ist unvergleichlich." So sehr, dass José Miguel schon seit zehn Jahren durchs Land fährt, um in ganz Spanien an den traditionellen Stiertreiben teilzunehmen, wo er dann andere trifft, die denselben Stiertourismus betreiben. Die erste Pflicht nach den aufregenden Minuten des Morgens ist der Griff zum Telefon, um der Ehefrau zu erzählen, dass nichts Schlimmes passiert ist. „Aber es sind insgesamt acht Läufe. Und achtmal fragt sich meine Frau, ob ich da wieder heil herauskomme."

Um 9.30 Uhr trifft sich der Verein „El encierro" im Café zur Gesprächsrunde. Letztes Jahr hat er ein Buch herausgegeben, um die Geschichte dieses Festes, das zu Ehren einer Christusfigur stattfindet, zu dokumentieren. Seit 1529, das ist urkundlich belegt, besitzt der Ort die königliche Genehmigung, Stiertreiben zu veranstalten. Manuel Durán, der Vereinsvorsitzende, hat als Dokumentarist am „Cossío" mitgearbeitet, dem dreißigbändigen Standardwerk der Tauromachie, er muss es also wissen. Stiere sind der Sozialkitt, mit dem hier alles geregelt wird, das Zusammenkommen, Reden und Feiern, die Freundschaften, das Vereinsleben. Pedro Mari Rivera, der den Startböller gezündet hat, greift zur Gitarre und singt eine Copla über den schönen Morgen des encierro. Danach analysieren Fachleute das Video jener knapp zwei Minuten Drama, die wir eine Stunde zuvor erlebt haben.

Auf dem Podium sitzen zwei Läufer, beide mit frischen Handverletzungen. David Polos läuft seit zwanzig Jahren in San Sebastián de los Reyes und seit neun Jahren in Pamplona. „Ich will nur dreißig Sekunden", erzählt er uns später, „dann war es ein guter Lauf. Und zwar vorn, zwischen den Hörnern." Natürlich ist es ein Kitzel, doch nicht ganz der, den man sich denken würde. Denn der eine Meter vor den Hörnern ist beim Stier der blinde Fleck, dort sieht er nichts, so dass Läufer, die sich in diesem Bereich halten können, theoretisch sicher sind. Dorthinzufinden ist die Kunst. Und wieder wegzukommen. David übrigens ist gegen den Stierkampf, er will nur laufen, nicht töten. Was es ihm denn gebe, diese Nähe zum Stier? Er schüttelt den Kopf. „Es ist mit Worten nicht zu beschreiben."

Kommentare

Gatamad

15. Juli 2009, 01:29

Gute Nacht, guten Morgen, wie auch immer......

mein Gott, klingt das mit den "encierros" aber ernst und, hauptsächlich, männlich. Ich durfte nie rennen, als ich Lust darauf hatte, weil ich eben eine Frau bin. Nun, meine Familie mütterlicherseits stammte aus La Rioja und Navarra. Also "Fiestas" in Alfaro (La Rioja) waren der absolute Höhepunkt in meiner Kindheit und Jugend. Ich wollte nur erzählen, dass die Stiere nicht immer so rennen, wie sie sollten; 1973, meine Tante war im achten Monat schwanger und hat den encierro, wie immer, von einem sicheren Punkt aus beobachtet, nämlich dem "Hospital". Doch einer der Stiere sprang einfach über die Balken und rannte in das "Portal". Alle Zuschauer brachten sich in Sicherheit, indem sie auf die Gitter kletterten, doch meine Tante war zu dick. Sie blieb einfach reglos liegen, mit den Armen vor ihrem dicken Bauch als Schutz für meinen noch nicht geborenen Cousin. Der Stier stubste an ihr, wendete sie mit den Hörnern und liess sie dann liegen. Der Hausarzt meinte, "Rosario, nunca vas a dejar de darme disgustos...". Meine Tante ist ebenfalls die erste Person in Alfaro, die Penicillin bekam. Sie war kurz nach Ende des Bürgerkriegs sehr krank mit einer Mittelohrentzündung. Der eben genannnte Hausarzt hatte einen Bruder in Zarazoga, der Apotheker war und das rettende Penicillin mit dem Lokführer nach Alfaro schickte. Leider habe ich nie erfahren können, was es gekostest hat, noch ob es "estraperlo" war. Auf jeden Fall hat meine Tante Geschichte gemacht, auch wenn es nur im Familienkreis ist. Übrigens, obwohl der Hausarzt meinte, meinte Tante würde ihr fünftes Kind in den nächsten 48 Stunden nach dem Zwischenfall mit dem Stier gebären, hat mein Cousin die vorgesehenen neun Monate ausgehalten.

Übrigens eine Frage: dürfen Frauen heute vor den Stieren rennen? Ich habe zwar keine Lust mehr, mir reicht das Schwimmbad, doch sehe ich keine Frauen, wenn ich mir, todmüde, in aller Frühe die encierros anschaue.

Gatamad

15. Juli 2009, 01:37

Entschuldigung, ich habe in meinem letzten Beitrag einfach vergessen zu erzählen, dass meine Tante genau wusste, wie sie sich zu verhalten hatte, um den Stier nicht zu reizen: eben reglos bleiben. Ihr Grossvater, mein Urgrossvater, war "mayoral", er trieb die Stiere von Spanien nach Frankreich und umgekehrt. Sie können mich fragen, ob ich Stiere mag, oder Kinder, Katzen oder Menschen allgemein. Keine Ahnung, wahrscheinlich nicht. Es kommt eben auf das Individuum an. Ich kenne die verschiedenen "divisas" nicht. Ich weiss nur, wann ein Stier schön ist und stolz. Ich weiss aber auch, dass der Stolz gebrochen, bei jedem der vorhin genannten Lebewesen gebrochen werden kann durch Misshandlung, Folter usw. Wie gesagt, Stiere sind nicht nur Männsersache, so viel Testosteron hat mich ein bisschen gereizt. Vielleicht ist es aber nur fehlender Schlaf. Soy madrileña.

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 02:47

Es tut mir leid, Gatamad, wenn das wie eine exklusive Männerkiste klang. Es sind eben Stiere und Männer. Vor zwei Jahren wurde Ihre Frage auch in Pamplona gestellt, zum Teil recht laut: Warum laufen so wenige Frauen? Sie dürften nämlich. Seit mehreren Jahren. Sie tun es allerdings kaum. Vermutlich aus denselben Gründen, die Ihnen vorhin so ein unbehagliches Gefühl verschafft haben. Hier etwa können Sie über eine Initiative lesen, Frauen und... Kühe rennen zu lassen:

eleconomista.com.mx/.../171186

Hier ist die Rede davon, warum Baskinnen nicht mitlaufen (Juli 2009):

www.undiadefuria.org/.../7393

Und auf einem Blog wurde vor zwei Jahren heiß diskutiert, ob die Idee mit Frauen und Kühen die Gleichheit fördere - oder nicht eher verhindere:

blog.eitb24.com/.../icrees-que-un-encierro-solo-para-mujeres

Da ich selbst nicht vorhabe, beim encierro zu rennen, bin ich wohl kein Experte in solchen Sachen.

Die Geschichte Ihrer Tante ist übrigens sehr schön. Um die Bedeutung des Penicillins für den Stierkampf erkennen, braucht man nur vor die Arena Las Ventas zu gehen und sich linkerhand die Büste von Sir Alexander Fleming anzusehen: Die Stierkämpfer haben ihm ein Monument gestiftet, um ihm für die Entdeckung des Penicillins zu danken.

Albero-Amarillo

15. Juli 2009, 10:04

Also ich habe vor drei Tagen früh morgens reichlich Frauen in Pamplona rennen sehen - im Fernsehen. Da scheint es keine Beschränkung zu geben.

Schöne Reportage, Don Paul. Wie üblich. Ich werde grosse Teile des Augusts in der Madrider Sierra verbringen - Stierläufe gibt es dort ja dann bei allen Dorffesten. Aber ich weiss noch nicht ob ich mir das antue, als Zuschauer meine ich. Die Grenze zwischen aufregendem Ereignis und völlig überdrehter Kirmesatmosphäre ist da doch fliessend.

Den Film habe ich mir tatsächlich vor einer Woche wieder angesehen. In der Tat, die Atmosphäre der 50er Jahre, nicht nur Pamplonas, gefällt mir sehr. Der Film gefällt mir überhaupt immer besser, auch wenn Ava Gardner eine grandiose Fehlbesetzung ist.

abfeldmann

15. Juli 2009, 12:29

schoene reportage, paul ingendaay, sachlich und lebendig mit einem hauch stieratem und viel frischer sommerluft... - facettenreiches, nimmerversiegendes, vielinspirierendes thema, wie es scheint.

gatamand, ebenfalls sehr schoene geschichte, stimme paul ingendaay zu. und ein eigener - ganz beruehrbarer und beruehrender - erzaehl- und schreibstil. macht spass.

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 14:39

Ein schöner Zufall, Albero-Amarillo, dass Sie den Film gerade wieder gesehen haben. Das mit der grandiosen Fehlbesetzung könnte stimmen. Dennoch hat die grandiose Fehlbestzung für Henry King auch Grandioses geleistet. Erinnern Sie sich an "Schnee auf dem Kilimandscharo"? Ava Gardner und Gregory Peck beim Jazzhören? Man muss es sehen, um es zu glauben.

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 14:41

abfeldmann, unser Kommentatorin heißt Gatamad, die Katze aus Madrid. Das nebenbei.

Spanierin

15. Juli 2009, 15:37

Darf ich mich vorstellen? Ich bin halb Spanierin, halb italienerin, bin in Madrid geboren und aufgewachsen. Mit 23  erlebte ich Rom während eines Erasmus-Jahres.

Mir gefiel Italien nicht besonders und ich zog nach Spanien zurück.

"Aber was haben sie gesehen, diese nordischen jungen Männer und Frauen, die dieser Stadt ewige Liebe schwören? Was haben sie gesehen, was mir entgeht?"

Danach zog ich mit  meinem deutschen Freund (nein, den habe ich nicht in Rom kennengelernt) nach Deutschland und bewohnte eine kleine Stadt Hessens, 10 Jahre lang.

Nach dieser Zeit verstand ich endlich - glaube ich zumindest -, was den Deutschen, denen nichts zu fehlen scheint, dennoch fehlt

Was sie vergeblich suchen in südlichen Ländern wie Italien oder Spanien.

Wenn etwas so Komplexes sich in wenigen Wörtern definieren liesse, würde ich es salopp "die verlorene Gefühlswelt" nennen.

Die Fähigkeit, nicht etwas zu beobachten und sachlich und lebendig darüber zu reden, sondern es tatsächlich zu erleben!

Sanfermines, Stierkämpfe, das sind alles Bäder der Gefühle. Darüber lässt sich nicht schreiben, höchstens mit Poesie, wie Lorca .

Alles andere verwirrt nur.

Stierkampf, Flamenco, wildfremde Menschen, die einen "Freund" nennen und es wirklich sind... wenigstens für den Augenblick, wenn das Wort in der Luft flattert und uns schmeichelt und uns gefällt, so sehr, wie es denen gefällt und schmeichelt, die es ausgesprochen haben.

Freundschaft für die Dauer der Sanfermines, vielleicht für eine ganze Nacht, die zusammen verbracht wurde.

Meine Damen und Herren, die Fiestas wollen gefeiert, die Frau geküsst, das Unrecht beschimpft werden, das Leben will gelebt, nicht diskutiert werden!

Und erst dann kann einer für sich entscheiden, ob man etwas für sich selber will oder nicht. Darüber reden kann man, muss man aber nicht.

Ich habe die Sanfermines als Fiesta erlebt, nicht als encierro. Ich bin Frau und Mutter, mir ist das Leben zu teuer.  Ich verstehe aber den jungen Mann, der sich selber vor dem Stier beweisen will.

Ich hoffe, dass keiner meine beiden Söhne es je ausprobieren wird.

Ich hoffe, ihre deutsche vernünftige Seite wird dort den Vorrang nehmen.

Ich hoffe und bedauere es zugleich.

¨

Übrigens, wir leben jetzt weder in Deutschland noch in Spanien. Ich mag auch eines der beiden Spanien, die in der Wirklichkeit existieren, das von Don Francisco Camps und seinen korrupt-blauen Anzügen, nicht besonders. Aber ich vermisse Menschen, die mich nach ein paar intensiven Stunden "Freund" genannt haben, und Menschen, die wissen, wie man "al pan pan y a la m***, m***" nenen soll.

abfeldmann

15. Juli 2009, 17:49

"...das Leben will gelebt, nicht diskutiert werden!"

das muss ich nicht verstehen, oder?

-

noch eine frage zum themenbreich 'missverstaendnisse': wie - mit welchem wort - stellt man einem 'guten' pijo den ganzen negativen konnotationsbereich zur verfuegung, ohne dass er sich angegriffen fuehlt? - will sagen: ich suche einen spanischen ausdruck fuer "schnoesel, spiesser, neureicher lackaffe", der eben nicht "pijo" ist, sondern und eine glasklare abgrenzung zu "jemand aus guter familie" beinhaltet?

pardel

15. Juli 2009, 20:33

Nein, abfeldmann, man muss nicht alles verstehen, wenn man nach Gottes Geboten lebt, reicht es, es "a pie juntillas" zu glauben. Man sollte dann allerdings bereit sein, die Missverständnisse, die dabei entstehen, zu geniessen, und fünfe gerade sein zu lassen.

Das Wort, was Sie suchen, ist in Mexiko "fresa". In Spanien sollten Sie vielleicht kreativ werden: Versuchen Sie, das Wort "marujo" zu prägen. Bei jungen Frauen: Marujita. Bei jungen Herren: Señorito. Bei älteren Herren: Carca. Polemisch: Merengue (sorry, Herr Ingendaay, ich weiß, es gibt viele Wege zum madridismo, und einige sind sogar legitim, aber ich konnte es mir nicht verkneifen). Aggressiv, mit offenem Visier: Gilipollas. Wie Sie es allerdings anzustellen gedenken, jemanden als "schnoesel, spiesser, neureicher lackaffe" zu bezeichnen, OHNE dass er sich angegriffen fühlt, wo Sie doch eindeutig einen Angriff im Sinn haben, das muss ich wiederum nicht verstehen. Oder?

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 20:42

Das war sehr lehrreich, pardel. Vielen Dank. Was unseren Verein betrifft, können Sie mir nicht wehtun. Da wir uns durch die fettesten Investitionen der jüngeren Fußballgeschichte in die vulgärste, angeberischste Sportgemeinschaft der Welt verwandelt haben, wird es eine Weile dauern, bis hier wieder jemand wieder über Fußball reden kann, ohne dass Eurozeichen in seinen Augen blinken. Ich werde ausharren, pardel. Und irgendwann auch wieder davon berichten.

pardel

15. Juli 2009, 20:46

Ganz einfach aus der spanischen Wikipedia copiert: sinónimos de fresa. Ich meine, man spürt schon, dass diese Wörter boshaft gemeint sind. Für Spanien wird nur "pijos" angegeben.

   * Argentina y Uruguay: " chetos " o " conchetos ".

   * Brasil: " mauricinhos ", " maumaus ", " playboys ", " pleubas " ( estos cuatro últimos términos refiriéndose a los hombres en particular ), " patricinhas " o " patties " ( este dos últimos términos refiriéndose a las mujeres en particular ).

   * Bolivia: "jaylas" o "jaylongos".

   * Colombia: " gomelos ", " pupis " o " hijos de papi ".

   * Costa Rica: " pipis ", " chiquitos lindos ", " fresas ", " bebés de papi ", " juega de vivo " o " vivazos ".

   * Chile: " cuicos " o " pelolais ".

   * Ecuador: " aniñados " o " pelucones ".

   * España: " pijos ".

   * Estados Unidos: " preppies ", " snobs ", " WASPs " o " valley girls " ( este último término refiriéndose obviamente a las mujeres en particular ).

   * Guatemala: " caqueros ".

   * Panamá: " yeyesitos " o " fartas ".

   * Perú: " pitucos ".

   * Puerto Rico: " waos " (basado en el palabra inglesa " wow " que es utilizada cuando se muestra asombro positivo), " riquillos " o " riquitillos ". Más recientemente por influencia mexicana también se les denominan " fresas " pero en calidad de diminutivo: " fresitas ".

   * República Dominicana: " jevitos ".

   * Venezuela: " sifrinos " o " pavitos ".

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 20:53

pardel, haben Sie bedacht, dass abfeldmann jetzt gar nicht wissen wird, wo er mit seinen gezielten Beleidigungen anfangen soll?

pardel

15. Juli 2009, 21:02

Es ist mir bewusst, dass, wenn man Schimpfwörter zitiert, man leicht in Verdacht gerät, die gemeint zu haben. Bitte glauben Sie mir, dass war nicht meine Absicht. Ich hoffe, Ihre Leser wissen zwischen Zitat und eigener Meinung zu unterscheiden.

Und zu Ihrem Verein: La vida da muchas vueltas. Auch Florentino Pérez wird nicht immer presidente bleiben, und Real wird irgendwann wieder zu einem normalen Ausnahmeklub werden. Meinen boshaften Seitenhieb habe ich schon bedauert, als ich "hinzufügen" angeklickt habe.

Mir fällt noch ein: Pijos kann man in Spanien noch abwandeln: Pijuelo, pijotero, pijito. Es bleibt aber nuanciert dasselbe.

Spanierin

15. Juli 2009, 21:10

"das muss ich nicht verstehen, oder?"

Nein, abfeldmann, müssen Sie nicht, seien Sie beruhigt.  

-

Zu ihrer Frage. Sie werden staunen, aber für die meisten Pijos ist das Wort "Pijo" nicht beleidigend. Ich kannte in der Schule ein Mädchen, das damals das "Pijosein" anstrebte. Sie kleidete sich steta mit Markensachen, die den echten "pijo" kennzeichnen.

Pijos waren damals eine weitere urbane Gruppe, wie die "heavies" oder die "hippies". Ich weiss nicht, ob es immer so ist, aber ich könnte es mir gut vorstellen.

Paul Ingendaay

15. Juli 2009, 21:10

pardel, vorläufig glaube ich Ihnen... alles. Und so empfindlich sind wir auf diesem Blog auch nicht. Es sei denn, gleich fühlte sich jemand bemüßigt, Sie scharf zurechtzuweisen.  

abfeldmann

16. Juli 2009, 09:57

danke sehr, pardel, paul ingendaay hat recht, sie haben mir tatsaechlich zu viel pulver auf die pfanne geschuettet. - das will mal durchgeharkt werden. - spaeter.

-

spanierin, danke. sie haben mir sehr geholfen. - dass 'pijo' auch ganz positiv benutzt wird, wusste ich schon. und genau diese bedeutungspolaritaet machte mir etwas zu schaffen. - jetzt nicht mehr, denn - dank unserer spanierin - weiss ich jetzt, dass es ein begriff mit wurzeln in szenen- und jugendkultur ist.  - es ist also per se erstmal garnicht wertend, sondern bezieht sich auf ein gewisses auesseres erscheinungsbild und auf buendel gewisser konsumpraeferenzen, in abgrenzung zu anderen szenen, wie oekos, hippies, punks etc. ... na so was. es war mir nicht ganz klar, dass diese szenenbezeichnung so lebendig ist in spanien. jetzt allerdings umso mehr.

und jetzt kann ich auch - ganz der sachlage entsprechend - bekennen: ja, auch ich bin pijo. - moeglicherweise eher im kreativ expressiveren erscheinungbereich dieser gruppe angesiedelt - mit uebergang zur boheme - bobo - wie man das in den staaten nennt - bohemian bourgeois - aber hier, hier bin auch ich pijo.

herzlichen dank, spanierin, das war sehr aufschlussreich.

abfeldmann

16. Juli 2009, 10:18

stimmt, pardel, auch der google translator gibt mir fuer 'pijo' ganz schlicht 'preppy'. - haette ich auch frueher mal nachschaun koennen. - ich glaube, die inbrunst an angewidertsein, mit der das wort 'pijo' hier zumeist benutzt wird - zusammen mit einer faktisch die grenzen des ertraerglichen ueberschreitenden haeufung an massen-pijos im corte ingles chic - hat mich zur missinterpretation verleitet. - was so widerlich ist, muss auch als widerlichkeit benannt werden. - ist aber auf der kernbedeutungsebene garnicht der fall. nur auf der ebene der gefuehle, die vom sprechenden reingelegt werden.

so ist spanien: sogenannte 'leidenschaft' anstelle von fein sachlichem differenzierungsvermoegen. - ihr macht mich noch verrueckt.

Chus

16. Juli 2009, 11:20

Hallo allerseits!

Mein Deutsch wird leider nicht auf Eurem Niveau sein (verdammt, nun muss ich bestimmt alle siezen...). Also, noch mal von vorne...

Meine Damen und Herren, liebe Runde (ein wenig Nähe braucht ja jeder), ich folge und geniesse regelrecht diesen Blog seit längerem, traue mich aber erst jetzt dazwischenzufunken, vielleicht weil auch "Spanierin" das bereits gemacht hat ?!

Bin in allem mit ihr einverstanden. Es gibt wohl Sachen, die vielleicht doch nicht zwangsläufig zu diskutieren sind. Aber was heisst "zwangsläufig"? Immerhin hat das Wort 11 verschiedene Bedeutungen (?), siehe

synonyme.woxikon.de/.../zwangsl%C3%A4ufig.php

Ich nehme mir die allerletzte: "unvermeidbar", denn dieses über alles reden zu müssen, alles in Frage zu stellen, ist eben für Deutsche UNVERMEIDBAR. Und deswegen liebe ich dieses Land und seine Kultur.

Das "pijo"-Thema hat mich auch sehr angesprochen. Ja, das stimmt, ein "pijo, pijo", vamos, un pijo de verdad, hat kein Problem, als "Pijo" angesprochen zu werden. Allerdings kommt es darauf an, von wem das Wort ausgesprochen wird. Sagt das einer seiner "Reihe" (einer, der selbst ein Pijo ist, aber ein "Intellektueller" bzw. ein "enfant terrible" ist oder gern wäre), wird es sogar als lustig empfunden. Kommt es aber von den "Paletos" (Dorftrottel) oder gar Armen, natürlich nicht.

Es gibt aber noch die „Pseudo-pijos", also die, die gerne "Pijos, Pijos" wären, aber eher bloss "neureich" sind oder nicht einmal das.

Und ja, man beachte bitte sowohl das Diatopische (verschiedene Regionen) als auch das Diachronische. Wenn Sie also in Buenos Aires sind, vermeiden Sie bitte lieber das Wort. Denn wenn ein Mädchen aus Madrid so etwas sagt wie "Lo que odio de las discos de esta zona es que, de repente, cambie la música y se llene de pijas", wird sie eher komisch angeschaut werden. Denn „Pija“ ist in Argentinien ja dasselbe wie „Polla“ im heutigen Spanien ist. Und hier kommt das Diachronische auf den Tisch… Als Beispiel etwas, was ich als Schülerin einer Nonnenschule (nur Mädchen, wohl klar) in Santiago de Compostela von einer Nonne (!!) hören musste: "Pues ahora ya sois unas pollitas y comenzarán los mozos a haceros la corte". Vale.

Dulcinea

16. Juli 2009, 12:02

Guten Tag, Chus! Ein schöner Kommentar, der Ihre. Er gefällt mir. Mir ist allerdings aufgefallen, daß manche, die ich zum Beispiel für "pijos" halten würde (sogar für "pijos, pijos"), im Grunde auch ein bißchen "paletos" sind. Das hängt ja alles zusammen! Und solche Zusammenhänge sind immer recht komplex! Und kompliziert! Warum eigentlich, abfeldmann, wollen Sie eine Person überhaupt so bezeichnen? Und ihr damit, ich zitiere Sie einmal, "den ganzen negativen konnotationsbereich zur verfuegung [stellen], ohne dass er sich angegriffen fuehlt". Wollen Sie sich damit ins Fäustchen lachen? Oder dem Menschen sein trauriges Pijo-Schicksal vor Augen halten? Sie selbst sind ja nun auch einer, stellt sich heraus. Vermutlich sind wir alle etwas pijo, etwas paleto und etwas bobo. Die einen mehr, die anderen weniger.

Chus

16. Juli 2009, 13:27

Dulcinea, Danke! Ja, es ist, in der Tat, alles relativ. Aber klar, "defíneme paleto"  und dann haben wir den unendlichen Salat...

abfeldmann

16. Juli 2009, 13:32

dulcinea, hier hat sich ein missverstaendnis fortgesetzt. verzeihen sie, wenn das zu missstimmung fueherte. - ich suchte - bei umgehung des wortes 'pijo' - nach einem ausdruck, um mich mit pijos der kultivierten sorte ueber ein massenphaenomen, das man auch und besonders in spanien antrifft, unterhalten zu koennen. - ueber leute eben, deren erlebnisparadigma mit dem aufstieg von der bmw 3er klasse, zur 5er und dann eines fernen tages zum schoenen 6er hinreichend beschrieben ist. ueber leute also, die ihre 40.000-euro-uhren - oder das, was sie dafuer ausgeben - am handgelenk baumeln haben, wie man in anderen breiten ziegen- und hammelherden mit sich rumschleppt. - ich dachte, der wunderbar passende und unzweideutige ausdruck dafuer waere 'pijo'. - gut. unzweideutig ist er nicht. - und den anderen ausdruck hab ich vielleicht noch nicht ganz gefunden. macht aber auch nichts. habe viel gelernt.

herzlichen dank auch an chus. sehr schoene ausfuehrungen.

Dulcinea

16. Juli 2009, 14:07

Ich habe darüber nachgedacht, Chus und alle. Und ich habe gedacht: "pijo" und "paleto" sind möglicherweise vereint in dem Bestreben, etwas zur Schau zu stellen. Deswegen gibt es in Spanien so viele davon. Die einen stellen Geld zur Schau und Macht. Die anderen mangelhafte Manieren. Könnte man so sagen? abfeldmann, wenn Sie also mit pijos der einen Sorte über pijos der anderen Sorte sprechen wollen, könnten Sie die denn nicht einfach... paletos nennen? Und bei manchen (ich will über den Prozentsatz nicht spekulieren) vereint sich das Zurschaustellen von Geld, Macht und mangelhafter Bildung (einige Politiker, die hier auf dem Blog Erwähnung fanden, gehören dazu). Sehen Sie, wenn ich etwas hätte, einen Reichtum zum Beispiel, ich würde doch still sein! Wozu ihn nach außen tragen? Ich würde schweigen und genießen. Aber das sind wieder Mentalitätsunterschiede.

abfeldmann

16. Juli 2009, 17:22

dulcinea, herzlichen dank. - ja und nein. fuer meinen geschmack ist "paleto" doch nen bischen zu sehr 'nach unten gerichtet'. ich suchte tataechlich etwas, wie das deutsche wort "spiesser", das man jedem anziehen kann, ohne sich ihm gegenueber zu erhoehen - man setzt sich halt nur von ihm ab. - die distanzierung erfolgt in der horizontalen sozusagen, nicht in der vertikalen.  - na ja, macht nichts. in spanien lebt sie halt noch stark, die vertikalstruktur. - womit wir wieder bei meinem anderen lieblingsthema waeren: die klassengesellschaft der hoefischen welt im spanien des 21. jahrhunderts.

aber lassen wir das. reden wir lieber wieder ueber stierkampf.

rencurb

16. Juli 2009, 17:44

Das Thema "pijos" und "paletos" scheint interessanter zu sein als der Stierkampf. Ich denke, pijos sind ganz bewusst so und paletos können nicht anders handeln, deswegen sind pijos oft auch paletos, wie Dulcinea sagt, mit ihren mangelhaften Manieren. Thorstein Veblen hat mit seiner Theorie der feinen Leute sehr gut das Pijo-Verhalten - den ostentativen Geltungskonsum - beschrieben, schon 1899. Er beschreibt die Rituale der Reichen in der amerikanischen Gesellschaft und erklärt auch sehr gut, warum die Oberschicht gern die Unterschicht imitiert, aber so gut wie nie die Mittelschicht: Die Bedeutung der Arbeit, wirklich Reiche müssen ja nicht arbeiten und Arme können oft nicht. Und Arbeit, das ist ja auch wieder ein spanisches Thema: wer gut leben kann, ohne zu arbeiten, genießt Ansehen.

Dulcinea

16. Juli 2009, 19:15

Nein, bestimmt nicht, rencurb. Das Thema Stierkampf ist sehr interessant, nur wurde es ja schon sehr poetisch besungen im letzten Blogeintrag. Danke für den Hinweis auf Thorstein Veblen! Das ist... auch wieder interessant.

abfeldmann

16. Juli 2009, 19:17

"wer gut leben kann, ohne zu arbeiten, genießt Ansehen." - deshalb kommentiere ich hier auch so ausgiebig und gerne, rencurb, um den schein zu wahren.

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dann doch nochmal zurueck zum pijo. eben bot man mir das wort 'pijotero' an. trifft es vielleicht aber immer noch nicht. denn der 'pijotero' ist doch wohl eher der 'kleinkraemer'. - mir geht es aber um die dumpfe pijoness im grossen stil und mit ganz grosser geste.

im englischen kennt man ja wenigstens den 'philistine'. die entsprechende wikipedia seite - en.wikipedia.org/.../Philistinism - sagt uns z.b.: "Philistines are also said to be materialistic, to favor conventional social values unthinkingly, and to favour forms of art that have a cheap and easy appeal (e.g. kitsch)." - there we go.

weiterhin wird dort j.w. goethe zitiert, der sich wohl oft und genuesslich mit dem philister, dem dumpfen feind, dem menschen ohne geistige beduerfnisse in seinen schriften auseinandersetzte.

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so. und hier nochmal meine frage: kann es sein, dass es gerade in dem land, in dem die spiessigkeit froehliche urstaende feiert, es keinen eindeutigen begriff fuer spiesser gibt? - kann doch eigentlich nicht sein? - oder ist es vielleicht gerade deshalb so?! ...

kam goethe nur bis luedenscheid? oder muss ich meinen ortega einfach nochmal aufmerksamer lesen? ... fragen ueber fragen ... - und wieder sehen wir betroffen den vorhang zu und alle fragen offen.

Chus

16. Juli 2009, 19:31

@Dulcinea,

Was Sie gesagt haben: ""pijo" und "paleto" sind möglicherweise vereint in dem Bestreben, etwas zur Schau zu stellen", kann ich nur unterschreiben.

@rencurb,

Allerdings was Sie geschrieben haben - "pijos sind ganz bewusst so und paletos können nicht anders handeln" -, finde ich nicht treffend. Es handelt sich ja nicht unbedingt um "clase social", eher um die Lebensart, die halt mal teurer (pijos), mal weniger teuer sein mag, aber nicht unbedingt. Oder wie war das? Nicht zwangsläufig. Man gehe nach Marbella, um reiche Paletos (die aber NIE Pijos genannt werden würden!) zu betrachten...

Vielleicht ist das Thema Pijería und Paletismo doch komplizierter, als ich selber es angenommen habe. Also Pijo ist doch eher positiv. Ein Pijo hat nie schlechte Manieren, er pflegt die regelrecht! Die "Mamás pijas" (die bewundere ich oft) sind immer so ruhig! Klar! Die haben ja alles fertig zuhause, wenn sie zurückkommen (meine Erklärung). Aber gute Manieren (äusserlich) zu haben, heisst leider nicht gleich "buena persona" usw. zu sein. Das alles ist ja wieder mehr Dressing für den Salat.

Und ja, ich rede überhaupt nicht gerne über Toros. Verstehe einfach nichts davon und interessiert mich auch nicht.

sanjandro

16. Juli 2009, 20:00

Ich habe bei meiner spanischen Schwiegerfamiie das Wort "Schickimicki" (in spanisch etwa "siquismiquis") etabliert. Das erlaubt uns, über die pijos der Welt zu reden, ohne den pijos der Familie auf die Füsse zu treten.

Liebe Spanierin, ich bin selbst in Hessen geboren und kann daher Ihre Gedanken zur "verlorenen Gefühlswelt" nachvollziehen. Und doch habe ich - die Wörter "Stierkampf" und "flamenco" einmal ausblendend - bei Ihrer weiteren Beschreibung an meine heutige Heimat denken müssen: Köln. "Freunde für eine Nacht", etc. das alles gibt es auch in Deutschland - und nicht nur zur Narrenzeit!

Liebe Dulcinea, Sie schreiben, Sie würden Ihren Reichtum, wenn Sie einen hätten, still geniessen. Und doch stellen Sie (und auch die übrigen Kommentatoren) hier im Forum mit jedem Beitrag Ihren Reichtum an Bildung, Beobachtungsgabe, Reflexion, Belesenheit zur Schau. Warum? Mir fällt dazu Maslows Pyramide ein. Während die Schausteller des Geldes und der Macht das Erklimmen der 4. Stufe feiern (soziale Anerkennung, Einfluss, etc.), geht es hier vielleicht um die 5. Stufe (Selbstverwirklichung). Bitte nicht wertend verstehen, ich finde jede Stufe der Weiterentwicklung höchst anerkennenswert. Und doch: Wenn ein betrunkener Amerikaner an den encierros teilnimmt, um sich vor seinen Freunden zu brüsten - und ihn dabei ein Stierhorn treffen würde, ginge es einem wahrscheinlich nicht so nahe, wie der Fall des jungen Daniel, dessen Teilnahme - glaubt man der Presse - wohl vom Streben nach Selbstverwirklichung motiviert war.

Dulcinea

16. Juli 2009, 21:52

sanjandro, ich glaube, das mit der Selbstverwirklichung, das... stimmt! Ja, doch. Das klingt einleuchtend, auch wenn ich leicht erröte. Sehen Sie, es gibt mich ja nur in diesem Blog. Sonst nicht. Daher stimmt das mit der Selbstverwirklichung gewissermaßen doppelt! Sie sind auch ein sehr kluger Mensch.

pastora-marcela

16. Juli 2009, 22:55

Ah! Wenn man zu spät dazu kommt, den Blog zu lesen, sammeln sich die Themen… Ein paar Kommentare. Die Beschreibung der „himmlischen“ Qualität, die die Beziehung zwischen Mann und Stier erreichen kann, hat mich hier sehr beeindruckt, auch wenn ich mit den „toros“ nicht viel anfangen kann. Trotzdem hat mich der Satz „Die Freiheit, sich selber Schaden zuzufügen“ beschäftigt. Ich empfinde ihn wiederum als eine extreme Idealisierung des Themas. Diese Art Freiheit gibt es in den meisten Ländern, auf die verschiedensten Weisen; ich denke, die Tatsache, dass „corridas“ oder „encierros“ in Spanien erlaubt sind, hat weniger mit Freiheit als mit Tradition zu tun. In Südfrankreich gibt’s auch andere Varianten der „corridas“, die zwar für den Stier nicht blutig enden, bei denen aber die Teilnehmer ihr Leben genauso aufs Spiel setzen. Ich habe nicht das Gefühl, dass der deutsche Staat mich vor mir selbst schützt, allerdings haben Tiere hier mehr Rechte als in Spanien. Vielleicht ist das der Grund, warum man sich einen „encierro“ in der Frankfurter Zeil schwer vorstellen kann. Apropos Tiere: mir ist aufgefallen, dass die Spanier immer mehr Hunde haben (was leider auch auf den Gehwegen zu sehen ist!). Das war früher nicht so, wahrscheinlich, weil so viele Leute damals in „pisos“ (nicht „adosados“) wohnten und wenig Platz für ein Tier hatten. Die Hunde, die ich heute sehe, sind nicht irgendwelche „chuchos“, sondern richtige Rassehunde, und das bei einem Volk, das nicht gerade für seine Liebe zu Tieren bekannt ist. Ich frage mich, ob die Spanier plötzlich diese Liebe entdeckt haben, ob vielleicht Rassehunde, wie vieles andere in Spanien, vor allem ein Statussymbol (für den „pijerío“, die „paletos“, und so weiter) sind, oder ob alles ein bisschen von allem ist.

Paul Ingendaay

16. Juli 2009, 23:04

Was ich bei Ihnen nicht ganz verstanden habe, sanjandro, ist, ob die Kommentator(inn)en auf diesem Blog "mit jedem Beitrag Ihren Reichtum an Bildung, Beobachtungsgabe, Reflexion, Belesenheit zur SCHAU" -- oder nicht eher UNTER BEWEIS stellen. Das Zweite wäre nämlich unvermeidlich, sobald sie ins Nachdenken und Schreiben kommen.

Gatamad

17. Juli 2009, 00:33

Abfeldmann ich identifiziere mich mit ihrer Not. Ich kenne diese rastlose Suche nach einem gelungenen Wort, das ein ganzes Konzept beinhaltet, und das uns zur Ruhe kommen lässt. Doch manchmal sind Worte nicht genug. Vor Jahren, als ich nur radikaler und ungeduldiger war, hatten wir "so einen" in unserem Freundeskreis. Nach langem Grübeln entschieden wir uns für eine "acción directa". Dieser Mensch gab sich u. a. als absoluter, bester, erfahrendster usw. usw. Weinkenner der Welt aus. Scheute keine Mühe, keine Reise und keine finanzielle Investition um dies auch immer wieder zur Schau zu stellen. Nach mehreren Wochen anstrengender Tüftelei und vielen vielen Flaschen Wein riskierten wir es eine Weinprobe zu organisieren. Eine richtige "cata ciega" mit verschiedenen Schwiereigkeitsgraden. Die Probe begann mit der Unterscheidung zwischen Weisswein, Rosé und Rotwein. Das mag zwar einfach klingen, doch mit verbundenen Augen und boshaftig ausgewählten Weinen ist es ein erster ernst zu nehmender Schritt. Dann mussten "Crianza", "Reserva" und "Gran Reserva" unterschieden, "denominaciones de orígen" erkannt werden und schliesslich die verschiedenen Trauben bezw. Mischungen genannt werden. Die Testperson sass jeweils allein und wurde von einem Tisch zum anderen geführt mit den anderen Gästen als Zeugen. Nun, es war bestimmt nicht sein erfolgreichster Abend! Wein kann durch Schokolade, Whisky, Foie.. ersetzt werden. Vielleicht überlegen sie mal wo die Stärken/Schwächen ihres Bekannten liegen. Bitte immer nur Extreme wählen. Das ist besonders wichtig. Ich hoffe sie finden eine Anregung die ihnen weiterhilft. Reencurb leider stimmt es mit dem Ansehen das Spanier geniessen die nicht arbeiten: die Verachtung des "vil metal" auch wenn der arme Hidalgo Brotkrumen auf seine capa streut um zur Schau zu stellen (Herr Ingendaay, passt der Ausdruck hier?) dass er gegessen hat, selbst der Philosoph emphiehlt "que inventen ellos", selbst bei miesen Arbeiten bleibt der zweifelhalte Stolz des Arbeiters "en el sueldo me engañarán, en el trabajo no", auch Frauen waren bis vor Kurzem sehr stolz darauf einen gefunden zu haben "que me quita de trabajar". Und wenn es finanziell doch nicht geklappt hat, hat man so getan als hätte man es nicht notwendig. Übrigens Chus, auch in Peru muss man vorsichtig sein. Vermeiden sie den Appetit auch "pinchos" da so der von ihnen genannte Körperteil bezeichnet wird. Sanjandro ich habe viel gelacht über die siquimiquis ihrer Schwiegerfamilie. In unserer Familie sind wir auch sehr fleissig mit dem Wörterschmieden und akzeptieren die Zusammenarbeit verschiedener Generationen. So haben wir "fifí" und "refifí" geschaffen, ein Wort das natürlich nur für schlanke und dünne Frauen mit extremer Konsumfixierung genutzt werden darf. Für Personen, hauptsächlich Männer mit robustem Körperbau war unser Ausgangswort "ostentón" (von ostentar). Da es aber immer Superlative gibt, haber wir weiterhin "ostentontón" und "ostenretontón" zur Verfügung. Leider klingen diese Wörter ziemlich männlich, da sind wir uns alle einig. Leider gefällen uns "transotentosa" und ähnliche Konsruktionen jetzt eher auf Frauen gerichtet nicht. Kann uns jemand weiterhelfen?

Paul Ingendaay

17. Juli 2009, 00:53

Gatamad, es passt alles. Hinter Ihren Schilderungen tut sich ein Universum auf.

Chus

17. Juli 2009, 09:44

Puuuhhh!

Wie gerne würde ich so schön Deutsch schreiben können!

Schon allein meiner Selbstverwirklichung wegen...

pardel

17. Juli 2009, 10:44

Ach abfeldmann, jetzt glaube ich Sie endlich verstanden zu haben: Sie wollen auf Spanisch "Spießer" sagen, und Sie finden nichts besseres als pijo. Es geht Ihnen gar nicht um den pijo, sondern um den Spießer. Ich fürchte, die Übersetzung werde ich schuldig bleiben müssen. Seit Jahren suche ich die Entsprechung, ich fürchte, die gibt es einfach nicht. Wörterbücher sind eine große Enttäuschung: Slaby-Grossmann verweist auf bürgerlich, PONS übersetzt es gleich mit burgués, andere mir bekannte Standardwerke sind auch nicht besser.

Gatamad: Meine berliner Miezen möchten Sie ganz herzlich grüßen. Sie würden bei Gelegenheit ihr können unter Beweis stellen wollen, wenn Sie eine Blindverkostung Whiskas vs. Kitekat veranstalten möchten.

Chus

17. Juli 2009, 11:25

@ abfeldmann und pardel.

Das entsprechende Bild für "Spiesser" gibt es, entweder gar nichts oder wenn, auf jeden Fall weniger oft in Spanien (über Lateinamerika kann ich leider eher wenig sagen) als in Deutschland. Das man also kein Wort dafür hat, braucht keine weitere Erklärung. Je nach dem, um was für ein Spießer sich handelt, kann als "rancio", "conservador", "hortera", "aburrido", "meapilas", "gilipollas" oder gar "paleto" genannt werden. Also Alles, was eher unter "verklemmt" verstanden wird

synonyme.woxikon.de/.../verklemmt.php

denn die dort eingegebene Synonyme für Spießer:  Bürgerlicher,

Krämerseele, Banause, Besserwisser, Pedant, Biedermann, Philister aber v.a. Spießbürger, Geistesmensch, Akademiker, Intelligenzler, Bildungsphilister, Kopfarbeiter, Gelehrter, haben mir Angst gemacht.

sanjandro, in diesem Sinne ;-)

abfeldmann

17. Juli 2009, 12:23

HA, pardel! herzlichen dank! - hypothese bestaetigt und der beweis liegt tot auf dem kuechenboden.... - so lieben wir das.- schmeissen se schon mal die druckmaschinen an, paul ingendaay, und reservieren se die erste seite! -  "SPANIEN ERKANNT. - Deutscher knackt kulturellen Code des Landes und darf zurueck in sein geliebtes China." sagenhaft.

abfeldmann

17. Juli 2009, 15:47

danke auch an chus und alle anderen fuer die unterstuetzung! wir treffen uns dann mitte naechster woche zum feiern im faz-buero madrid.

Paul Ingendaay

17. Juli 2009, 16:00

Das wollte ich noch sagen, abfeldmann. Wir werden uns eine Weile nicht sprechen, weil ich Urlaub mache. Dazu kommt heute abend noch ein kleiner Eintrag. Sagen wir, meine offizielle Abmeldung.

*

Chus, danke für die Blumen. Aber mit solchen Genitiven ("meiner Selbstverwirklichung wegen") holen Sie jedesmal hundert Punkte.

abfeldmann

17. Juli 2009, 16:58

trifft sich gut, paul ingendaay. dann darf ich ihnen noch sagen, es hat mir viel spass gemacht mit dem schreibengetriebenen denken in ihrem spanischen salon. herzlichen dank fuer den feinen rahmen. haben sie eine gute zeit!

Chus

17. Juli 2009, 17:47

Oh!

Was heisst nun "offizielle Abmeldung"? Gebt es dan den Blog nicht mehr weiter? Für das kommende Semester habe ich meinen Examenskandidaten bereits angekündigt, daß wir im Übersetzungskurs eine Auswahl Ihrer Beiträge ins Spanischen übertragen werden. Sollte ich denn nun schon alle Texte vorsichtshalber herunterladen? ¡Qué estrés, por Dios!

Und noch etwas: Würden Sie nicht jemanden kennen, der z.B. in "El País" das Blog-Pendant, gründen und führen möchte? Ich würde sooooooooooooo gerne über Deutschland und die Deutschen aus der verspiegelten Perspektive reden! Für einen Passenden Titel könnten wir hier in der Runde sorgen...

Vamos, que felices vacaciones.

Paul Ingendaay

17. Juli 2009, 17:53

Chus, bitte keine Tränen! Das können Sie abfeldmann und mir nicht antun. Auch den anderen harten Jungs nicht. Was soll Albero-Amarillo denn von Ihnen denken? Also. Ich hätte wohl sagen sollen: "vorübergehende Abmeldung". Ich mache Urlaub. Ein paar Wochen. Nichts weiter. Sommerferien. Aber ich komme wieder. Und ich sage heute abend etwas mehr dazu. Wie könnte ich Ihre Examenskandidaten im Stich lassen? Bis heute abend also!

pardel

17. Juli 2009, 18:58

Ein Rocker macht Urlaub! Verkleidet er sich vielleicht dabei als pijo? Unerhört!

Viel Spaß beim geniessen dieses Widerspruchs. Auf ein baldiges wiederschreiben, und alles Gute auch an all die anderen Teilnehmer dieser Runde!

Paul Ingendaay

17. Juli 2009, 19:05

Verkleide ich mich als pijo, weil ich ein Rocker bin? Oder als Rocker, weil ich ein pijo bin? Das frage ich mich immer wieder. Wir kommen darauf zurück.

Chus

17. Juli 2009, 19:32

Also, wenn sogar Campino halbwegs ein Spießer geworden ist, dürfen Sie auf jeden Fall mindestens als Pijo herumlaufen. Meinen Segen dazu haben Sie.

Paul Ingendaay

17. Juli 2009, 19:57

Das ist sehr freundlich, Chus. Wir müssen allerdings aufpassen. Wenn wir hier zu lieb miteinander werden, haben wir nach der Sommerpause nichts mehr, worüber wir debattieren können. Es sei denn... jeder von Ihnen erlebt ganz wilde, kontroverse Sachen. Ich werde gleich mal den Anfang machen. Ich erzähle Ihnen allen eine Sommergeschichte.

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