Die sonderbare Geschichte vom eitlen Einbrecher
10. November 2009, 19:41
Uhr
Gestern morgen hörte ich im Radio eine Geschichte, deren Ende ich zu gern erfahren hätte. Ein dreiundzwanzigjähriger Mann, der wegen Einbruchs gesucht wurde, war nicht zufrieden mit dem Foto, das die Zeitungen von ihm druckten. Er fand, er sei darauf nicht gut getroffen. Also schickte er der Zeitung ein besseres, aktuelles mit der Bitte, künftig nur noch dieses zu verwenden. Die Moderatorin bei Radio Nacional lachte, als sie davon erzählte. Ich musste auch lachen. Aber dann wurde ich sofort wieder ernst. Meine Gedanken gingen in zwei verschiedene Richtungen. In der einen Richtung sah ich Szenen von Fahndern, Polizeiwagen und Gesichtskontrollen, in der anderen sah ich den Einbrecher allein, mit sorgenumwölkter Stirn und so von Eitelkeit zerfressen, dass er sich lieber der Polizei ausliefert, als einen Tag länger das schlechte Foto hinzunehmen, das von ihm im Umlauf ist. Hoffentlich sagt mir jemand, wie die Geschichte weitergeht.
Vorhin habe ich draußen im Pardo wieder einen dieser Madrider Abendhimmel gesehen, die es im Herbst fast täglich gibt. Selbst wenn fette tiefgraue Wolken über der Stadt hängen wie heute, erwischt die untergehende Sonne fast immer die Bauchseite dieser Wolken und färbt alles rotorange. Einen wirklich bedeckten Himmel bekommen wir fast nie zu sehen. Normalerweise spielt sich über unseren Köpfen zur Abendstunde ein kleines Drama ab, das so schön ist, dass man Eintritt dafür nehmen könnte. Ich sage das nicht, um irgendjemandes Neid zu wecken. Ich stand selbst noch vor einigen Tagen in Frankfurt und habe am Römer ein Würstchen gegessen. Es war drei Uhr nachmittags, und im Café brannten schon dicke weiße Kerzen, alle außer mir trugen warme Winterkleidung, manchmal Wollmützen, und jeden Augenblick erwartete ich, dass sich ein paar Leute im Café in den Arm nehmen, sich aneinanderkuscheln und gegenseitig wärmen. Ich dachte an deutsche Weihnachtsmärkte, die mir ein wenig fehlen, und die vielen Tassen Glühwein, die ich nicht getrunken habe. Genug davon. Wir werden sicherlich noch über Weihnachten sprechen. Weihnachten hatten wir hier im Blog noch nie.
Neulich hatte ich das Vergnügen, einen Vortrag vor einer gemischten deutsch-spanischen Gesellschaft zu halten. Was immer gut ankommt, um die kulturrelle Differenz zu illustrieren, ist mein Orangensaft-Beispiel. „In Deutschland", sage ich, „könnnen Sie im Café einen Orangensaft bestellen, und Sie bekommen ein Glas Orangensaft. Ein Glas. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist eine reelle Sache. Sie bestellen etwas und bekommen es. Können Sie mir soweit folgen?"
Im allgemeinen wird an dieser Stelle genickt.
„In Spanien dagegen", sage ich und mache eine weitere Pause, um die Spannung zu steigern, „in Spanien bekommen Sie, wenn Sie einen Orangensaft bestellen, nicht eine Sache, sondern fünf. Fünf! Stellen Sie sich das einmal vor. Und auch wenn ich keine dieser zusätzlichen Sachen benötige, liebe ich sie alle. In einer spanischen Bar kommt der Orangensaft meistens in einem langstieligen Glas (1), welches auf einem Papierlätzchen steht (2), das seinerseits auf einem Unterteller ruht (3). Auf dem Unterteller liegen ferner ein Tütchen Zucker (4) und ein Löffel (5). Wie gesagt", wiederhole ich, „keine dieser Sachen benötige ich, denn ich trinke meinen Orangensaft ohne Zucker, und auch das Papierlätzchen müsste nicht unbedingt sein, womit ich sagen will: Dafür sollte kein Baum sterben. Aber..."
Hier mache ich wieder eine kleine Pause.
„Aber all diese nutzlosen Gegenstände, von 1 bis 5, definieren für mich die kulturelle Leistung der Spanier. Die Eleganz, den Stil, die Formen. Das wollte ich unbedingt einmal sagen."
Trinken Sie viel Orangensaft. Es könnte ein langer Herbst werden.
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