Wie es aussieht, wenn acht Zigeunerinnen Lorca spielen
30. November 2009, 20:04
Uhr
Es war brechend voll. Freie Platzwahl. Die vergangene Woche hindurch spielten in Sevilla acht Zigeunerinnen García Lorca. Was ich dazu sagen möchte, stand auch in der Zeitung. Aber für die Bilder war kein Platz. Hier kommen ein paar. Einige gute. Und dann, wie gewohnt, meine unübertroffen schlechten Telefonfotos aus dem Barbereich.
Bernarda Albas Haus lässt sich auf viele Arten verstehen - als bitterböse Dorfgeschichte, Karikatur des spanischen Matriarchats, Lehrstück über unterdrückte Sexualität oder Studie zur Hysterie später Mädchen. Federico García Lorca hat sein letztes Theaterstück, das er Drama, nicht Tragödie nannte, mit Bedacht in reinen Schwarzweißtönen gehalten. Weiß wie die Wände, hinter denen die diktatorische Mama ihre fünf Töchter wegsperrt, oder das Bettlaken, aus dem das Blut der erwiesenen Jungfrau herausleuchten soll. Schwarz wie die Trauerkleidung, die Bernarda Alba ihren nach Männern dürstenden Mädchen acht Jahre lang aufzwingen will.

Das Theater Atalaya TNT im Norden Sevillas hat die Sache jetzt einmal anders aufgezäumt. Aus einem Workshop im vergangenen Jahr ging die Idee hervor, Lorcas Stück von acht Zigeunerinnen aus dem Elendsviertel El Vacie spielen zu lassen, angeblich die älteste Hüttensiedlung Europas. Einerseits verkörpern die Frauen die lebendige gitano-Tradition, auf die der Dichter und Dramatiker sich besonders in Frühwerken wie den Zigeunerromanzen bezog, und warum sollte man den Stoff nicht einmal dem Volk zurückwerfen, aus dem er so erkennbar gekommen ist? Andererseits brachten die acht Ausgewählten eine ernsthafte Einschränkung mit: Sechs von ihnen können weder lesen noch schreiben. Bis letztes Jahr hatten sie auch noch kein Theater von innen gesehen. „Ich wusste nicht, was das ist", sagt Rocío Montero Maya, die mit hartem Blick und dem Stock in der Hand die Bernarda Alba spielt. Natürlich wusste auch niemand von ihnen, wer Lorca war.

Drei Monate lang kamen die Darstellerinnen jeden Tag zur Probe und lernten den Text. Der Fußweg ist nicht weit; ein paarhundert Meter trennen das Theater von der Hüttensiedlung, die anständige Sevillaner niemals betreten würden. Um sich an die Sätze erinnern zu können, warfen die Frauen sich Bälle zu und sprachen dabei ihren Part. Es ist nicht der vollständige Lorca; doch dafür läuft die kurzweilige Szenenfolge der Regisseurin Pepa Gamboa nie Gefahr, der klaustrophobischen Enge der Bernarda-Alba-Tyrannei zum Opfer zu fallen. Immer wieder gibt es Szenenapplaus.
Die Bühne ist leer bis auf eine sechsstufige graue Metalltribüne und den Hühnerstall, in den die Großmutter gesperrt wird, wenn sie wieder mal im Weg steht. Bernardas Töchter könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind sehr mächtig, und ihre Oberarme haben den Umfang junger Bäume. Die Schönste von ihnen sagt etwas, und man sieht, dass ihr zwei Zähne fehlen. Nein, sie werden in diesen sechzig Minuten nicht zu Profis, doch sie spielen die bockigen, mauligen oder verträumten Töchter, wie es die Situation erfordert, und manche der Platitüden, in denen sich ihre Gefangenschaft ausdrückt, sprechen sie im Chor. Stark sind sie im Leichten, Derben und Burlesken, eine Seite, die auch zu Lorca gehört. Dann singen sie die Zigeunerschöpfung Flamenco, und es passt, denn Sängerinnen und Gesungenes fallen in eins. Die einzige Nichtzigeunerin, Marga Reyes als Dienerin Poncia, ist zugleich die einzige professionelle Schauspielerin. Wie ein guter Geist schwebt sie über dem Bühnenwirken der anderen und zeigt, dass Lorca auch dem Schimpfen Poesie abzugewinnen wusste.

Durch Frische und Unmittelbarkeit gelingt es den Zigeunerinnen, an Wurzeln von Lorcas Kunst zu rühren, die hinter der sinnsuchenden Abstraktion erfahrener Ensembles leicht verborgen bleiben. Das persönlichste Tondokument, das von ihm erhalten ist, führt ihn 1931 als ausgelassenen Musiker vor, der die Sängerin La Argentinita (mit Kastagnetten) auf dem Klavier begleitet. Der Dichter sah in der Kultur der gitanos eine Quelle der Poesie, aber auch den stärksten Ausdruck für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Diesen fundamentalen Tatbestand machen die Akteurinnen spürbar, und das Publikum im ausverkauften Saal begreift, dass es dabei um mehr geht als Theaterpädagogik. Es ist Rollenspiel als Rettung und Chance auf einen Neubeginn. Die Zigeunerinnen sagen es selbst. „Früher haben uns die Leute nicht einmal angesehen. Jetzt grüßen sie uns und laden uns sogar zum Kaffee ein, denn wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben uns verändert."

Viele Kinder scharen sich um die Frauen, als sie sich nach der Aufführung im Foyer an die lärmende Bar stellen, wo es Flaschenbier und Hühnchenstreifen gibt. Auch die jüngste Schauspielerin ist mit zwanzig schon zweifache Mutter. Das Publikum besteht aus Kulturbeflissenen, Abgerissenen und gepiercten Punkmädchen mit rasierten Köpfen. Glückwünsche und schmatzende Wangenküsse fliegen umher. Wenn die Seligkeit nach dem Schlussapplaus sich nicht verflüchtigt und noch keiner gehen will, muss es etwas zu bedeuten haben.
Im Dezember geht Bernarda Albas Haus in Spanien auf Tournee, und auch andere Städte werden begreifen, wieviel Theater ausrichten kann. Ich stelle mir vor, wie fremd sich die Schauspielerinnen unterwegs fühlen werden, wenn irgendwelche Kulturmenschen auf sie einreden. Sie sind nicht daran gewöhnt, beobachtet, gemustert und kommentiert zu werden. Zumindest nicht so. Oben sehen Sie einen fröhlichen Moment nach der Aufführung. Das Bild unten macht den Eindruck, als wäre den Frauen der ganze Rummel zuviel. Eine von ihnen erzählte mir aber, sie wollten unbedingt wieder Theater spielen. Jetzt, wo sie wüssten, wie es geht!

Fotos: Luis Castilla (1), Javier Pineda (2, 3), Sanchos Esel (4, 5)
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