Verweile doch: Bilder des kollektiven Glücks
29. Juni 2010, 23:30
Uhr
Seit es in allen größeren und kleineren Städten lärmende, johlende, grölende, Grimassen schneidende Fangruppen in organisierten Versammlungen gibt; seit kein Fernsehsender mehr ohne Liveberichterstattung von diesen ewig gleichen und ziemlich albern herumhopsenden Menschen auszukommen glaubt; seit das Feiern der Fans vom sekundären Begleitphänomen zum Event selbst aufgerückt ist, das sich nachrichtentauglichen Ereignischarakter anmaßt; seit man diesen weitgehend inhaltsleeren und restlos gedankenfreien Fernsehbildern wirklich nicht mehr entgeht, denke ich darüber nach, warum mir bewegte Aufnahmen der Fans durchweg peinlich sind, Fotos von Fans dagegen nicht. Es ist wohl die Künstlichkeit, das Gefrorene, der angehaltene Augenblick, der zu Deutung einlädt. Alles zusammen jedenfalls macht den Fußballjubel plötzlich zu etwas Schönem. Nichts anderes will ich heute sagen.

Leider habe ich mich nicht genug mit der Theorie der Fotografie beschäftigt, um meine Sätze gut begründen zu können. Aber wenn Sie das obenstehende Bild anschauen, sehen Sie viele Menschen, deren Freude sich ähnelt, und einen einzigen, der ganz anders in die Welt guckt. Sofort möchte man sich fragen: Was hat der eine gesehen, was den anderen verborgen blieb? Woran mag er gedacht haben? Gefällt ihm die spanische Mannschaft nicht? Hat er nur um seiner Freundin willen Kriegsfarben angelegt? Ist er ein unheilbarer Skeptiker? Erwartet ihn ein Nobelpreis für Astrophysik? Das alles sind Fragen, die ich mir stelle.
Was mich ebenfalls beeindruckt und zum Innehalten zwingt, sind die Momente der Angst. Fotos von Fans werden fast immer frontal aufgenommen, so dass uns die zweifelnden, bangenden Menschen in die Augen zu sehen scheinen. Doch das Geschehen, das sie so aufwühlt, befindet sich meistens hinter dem Fotografen. Wir erleben den Fan in einem ziemlich schwachen, ja intimen Augenblick. Wann kommt es schon einmal vor - von Tragödien wie Brückeneinstürzen oder spektakulären Naturkatastrophen abgesehen -, dass eine ganze Menschengruppe so aus der Wäsche schaut? Das ist ein Verdienst des Genres, das ich Fanfotografie nennen möchte.

Man kann sich das Ganze auch aus der Nähe ansehen, dann werden die Menschen noch interessanter. Kleine Soziologien blättern sich auf, nähere Lebensumstände, Paargeschichten, Gesten, die zugleich privat und öffentlich sind. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie ein Mädchen in schwierigen Situationen seinen Freund tröstet? Oder umgekehrt? Das ist sehr interessant.

Besondere Freude beim Hinschauen bereiten natürlich las chicas. Damit sage ich nichts Neues. Ich habe auch keine tiefergelegte Theorie dazu anzubieten. Las chicas sehen eben auch im Jubel gut aus. Mehr kann ich nicht sagen.

Wenn alles vorbei ist, bietet sich ein Bild wie nach einer Straßenschlacht. Nur, dass es keine Opfer zu beklagen gibt - außer der gegnerischen Mannschaft - und die Menschen überaus friedlich nach Hause gehen. Übrigens habe ich eine Erklärung für soziologische Phänomene wie public viewing, angemalte Gesichter bei Mädchen, die von Fußball nichts verstehen, und enthemmtere Manifestationen der Anhängerschaft. Es gibt, zumindest in Europa, immer kleinere Heere, die auf europäischem Boden agieren, folglich auch keine Truppenaufmärsche, Paraden, Flugschauen und generell immer weniger Bereitschaft in der Bevölkerung, dem Militär in nennenswerten Gruppen zuzujubeln. Man wird das als zivilisatorischen Fortschritt werten dürfen. Auch Kriege finden in unseren Breiten seit längerem kaum noch statt. Das Maximum der Auseinandersetzung ist das stellvertretende Kräftemessen auf dem Rasen, genannt Fußball, und das Um-die-Wette-Jubeln der Fußballbegeisterten. Gesellschaftsanalytiker werden zugeben müssen, dass sich auf den Fanfotos eine ungewöhnlich hohe Zahl glücklicher Menschen entdecken lässt.
[ Fotos: Alexander Roßbach ]
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